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Mythos

Im religiösen Mythos wird das Dasein der Menschen mit der Welt der Götter, Geister und übernatürlichen Kräften verknüpft. Mythen erheben einen Anspruch auf …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Merkmale
  2. 2. Historische Deutungen
  3. 3. Wissenschaftliche Ansätze
  4. 4. Funktionen und Beispiele
  5. 5. Überlieferung und Verbreitung
  6. 6. Moderne Mythen und Kritik

Grundidee und Merkmale

Ein Mythos ist ursprünglich eine Erzählung, die natürliche oder soziale Phänomene erklären oder veranschaulichen soll. Im religiösen Mythos wird das Dasein der Menschen mit Göttern, Geistern und übernatürlichen Kräften verbunden. Mythen beanspruchen Geltung für die von ihnen behauptete Wahrheit; seit der griechischen Aufklärung wurde dieser Wahrheitsanspruch kritisiert. Dem Mythos wurde dabei oft der Logos gegenübergestellt, also eine vernunftgeleitete Begründung durch Argumente.

Mythos kann heute auch allgemein eine Person, Sache oder ein Ereignis mit hoher symbolischer Bedeutung bezeichnen oder umgangssprachlich eine falsche Vorstellung. Die Gesamtheit der Mythen eines Volkes, einer Kultur oder Religion heißt Mythologie.

Von Sage, Legende, Fabel oder Märchen unterscheidet sich der Mythos dadurch, dass er Identität, Lebenssinn, religiöse Orientierung und umfassende Welterklärungen vermitteln kann. Viele Mythen deuten Natur, Gemeinschaft und Weltgeschehen durch Ursprungsgeschichten, in denen göttliche oder numinose Mächte handeln. Ihr Zeitverständnis ist oft nicht auf einmalige Entwicklung, sondern auf Einheit, Ursprung und zyklische Wiederholung gerichtet.

Inhaltlich unterscheidet man unter anderem kosmogonische oder kosmologische Mythen über Entstehung und Gestalt der Welt, anthropogene Mythen über die Entstehung des Menschen, Ursprungs- und Begründungsmythen für Riten und Institutionen, Gründungsmythen für Orte oder Städte, historische Mythen über die Frühzeit eines Volkes sowie eschatologische Mythen über das Ende der Welt. Diese Einteilungen sind bei komplexen Mythensystemen oft unscharf. Häufig gibt es Gegenmythen, die Untergang, Konflikt oder den Kampf gegensätzlicher Kräfte darstellen.

Historische Deutungen

Schon in der Antike war der Begriff Mythos umstritten. Hesiod und Homer sammelten und gestalteten Mythen literarisch; Xenophanes kritisierte Göttergeschichten, in denen Götter lügen, stehlen oder betrügen. Andere Autoren deuteten Mythen allegorisch, etwa als Naturbilder, oder rationalistisch: Euhemeros erklärte Götter als vergöttlichte Könige und Wohltäter. Platon konnte im Mythos Wahres und Falsches sehen; Aristoteles verstand Mythos unter anderem als Nachahmung von Handlung und verengte den Begriff auf Götter- und Heldenmythen.

Im Mittelalter galt der antike Mythos im Christentum meist als heidnische Konkurrenz, blieb aber als Bildungsgut erhalten. Die griechisch-römische Götterwelt wurde häufig durch Dämonisierung, historische Umdeutung oder moralische Allegorie entschärft. In Renaissance und Barock wurde die klassische Mythologie wieder stärker aufgenommen, meist nicht mehr als lebendige Religion, sondern als Kunst-, Bildungs- und Sinnbildmaterial.

Die Aufklärung sah Mythen oft als kindliche Vorstufe rationalen Denkens und fragte nach ihrer gesellschaftlichen Funktion. Die Romantik wertete den Mythos dagegen wieder auf: Mythen galten vielen Romantikern als verhüllte Weisheiten aus einer bildlich denkenden Urzeit. Im 19. Jahrhundert wurden nationale Mythen gesammelt oder rekonstruiert, etwa im Zusammenhang mit dem finnischen Kalevala. Gleichzeitig deuteten Denker wie Karl Marx, Friedrich Max Müller und Friedrich Nietzsche Mythen unterschiedlich: als künstlerische Naturverarbeitung, als vorwissenschaftliche Naturerklärung oder als verlorene Kraft zur Sinngebung der Moderne.

Im 20. Jahrhundert verbanden sich ethnologische, psychologische und philosophische Ansätze. Sigmund Freud sah Mythen als Projektionen menschlicher Probleme und Erfahrungen; C. G. Jung deutete sie als Ausdruck eines kollektiven Unbewussten und seiner Archetypen. Andere Theorien betonten Mythos als Mittel sozialer Bindung, als Denkform, als Symbolsystem oder als Erzählweise zur Bewältigung existenzieller Unsicherheit.

Wissenschaftliche Ansätze

Die Forschung des 20. Jahrhunderts versuchte, den Mythos nicht nur als Irrtum gegenüber der Wissenschaft zu verstehen. Viele Ansätze sehen ihn als eigene Form der Weltdeutung, als symbolische Ordnung oder als soziale Praxis.

In der Philosophie beschrieb Ernst Cassirer den Mythos als eigene symbolische Form neben Sprache, Kunst und Wissenschaft. Hans Blumenberg verstand den Mythos als Mittel, bedrohliche und unverständliche Wirklichkeit durch Namen, Geschichten und Zusammenhänge vertrauter zu machen. Der Mythos belege nicht wie Wissenschaft, sondern erzähle und entlaste dadurch.

Im Strukturalismus prägte Claude Lévi-Strauss die Auffassung, Mythen seien keine primitiven Geschichten, sondern geordnete Systeme von Gegensätzen, etwa Natur und Kultur. Ein Mythos bestehe aus seinen Varianten; Bedeutung entsteht nicht aus einzelnen Elementen, sondern aus ihren Beziehungen. Roland Barthes untersuchte moderne Alltagsmythen als Zeichensysteme, in denen geschichtliche und gesellschaftliche Bedeutungen wie natürliche Tatsachen erscheinen.

In der Psychologie wurden Mythen als Sinnbilder seelischer Vorgänge gedeutet. Freud unterschied manifeste und latente Bedeutungsebenen, etwa beim Ödipusmythos. Jung sprach von Archetypen, also kollektiv geteilten Grundmustern des Vorstellens und Handelns. Joseph Campbell untersuchte die Heldenreise als wiederkehrendes Muster des Aufbruchs, der Bewährung und der Rückkehr.

In Sozial- und Kulturanthropologie wurde besonders das Verhältnis von Mythos und Ritual diskutiert. Einige Forscher sahen Rituale als Anwendungen oder Darstellungen von Mythen, andere erklärten Mythen als spätere Begründungen älterer Rituale. Bronisław Malinowski betonte die soziale Funktion: Mythen legitimieren Regeln, Bräuche und Institutionen, indem sie ihren Ursprung in eine ferne Vergangenheit verlegen.

Funktionen und Beispiele

Mythen liefern ordnende Beschreibungen der Welt. Schöpfungsmythen erzählen von Entstehung und Aufbau des Kosmos, oft mit Urchaos, Urmeer, Urei, Urtier oder Gegensatzpaaren wie Wärme und Kälte. Anthropogonien berichten von der Entstehung des Menschen, etwa in der Genesis durch Adam aus Erde und Eva aus seiner Rippe oder in der Maya-Überlieferung durch Menschen aus Mais. Theogonien erzählen von Entstehung und Schicksal der Götter, etwa Hesiods Theogonie.

Gründungsmythen erklären den Ursprung von Städten, Heiligtümern, Völkern oder Herrschaftslinien. Ursprungs- und genealogische Mythen können Dynastien oder Völker durch fiktive Abstammung erhöhen; Charter-Mythen legitimieren Abstammung und Besitzansprüche. Soziogonien erklären gesellschaftliche Schichten oder Klassen, etwa im Purushasukta des Rigveda, wo Kasten aus dem Urriesen Purusha entstehen.

Geschichtsmythen stiften nationale oder kollektive Identität, etwa der Tellmythos oder die Geschichte von Pocahontas. Heldenmythen handeln von Menschen mit übermenschlicher Kraft oder Halbgöttern wie Herakles, Odysseus oder Indra; moderne Heldenmythen können auch politisch zur Motivation genutzt werden. Ätiologische Mythen erklären besondere Erscheinungen, etwa der Narziss-Mythos den Ursprung der Narzisse und bildhaft die Wirkung übersteigerter Selbstliebe. Soteriologische Mythen handeln vom Retter oder Erlöser, Kulturheroenmythen von Gestalten wie Prometheus, Maui oder Huangdi, die wichtige Kulturtechniken bringen oder erfinden. Eschatologische Mythen erzählen von den letzten Dingen, also vom Ende der Zeit oder vom Geschehen nach dem Tod.

Überlieferung und Verbreitung

Mythen wurden in schriftlosen Kulturen oft mündlich weitergegeben, etwa durch Priester, Sänger oder Älteste. Die Verschriftlichung und Sammlung in Genealogien oder Handbüchern wurde teilweise als Zeichen dafür gedeutet, dass ihre ursprüngliche Wirkungskraft nachließ. Trotzdem prägen schriftlich fixierte Mythensammlungen viele Kulturen: Neben der griechisch-römischen Tradition nennt der Artikel unter anderem das Gilgamesch-Epos, das Atraḫasis-Epos, die Edda, vedische Mythen, das Popol Vuh der Maya und die Urgeschichte im Ersten Buch Mose 1–11.

Auch große Teile der Bibel können als Mythensammlung verstanden werden, was David Friedrich Strauß 1836 noch provokativ formulierte. Die Genesis enthält mythische Erzählungen wie die Erschaffung der Welt in sieben Tagen und den Garten Eden. Zugleich unterscheidet sie sich durch ihre monotheistische Perspektive von vielen polytheistischen Schöpfungsmythen, etwa weil keine innergöttlichen Kämpfe eines Pantheons erzählt werden.

Die vergleichende Mythenforschung untersucht Entstehung, Wanderung und Ähnlichkeiten von Mythen. Einige Modelle erklären Ähnlichkeiten durch Verbreitung von Motiven über Kulturräume hinweg, andere durch gemeinsame menschliche Erfahrungen oder Denkstrukturen. Michael Witzel unterscheidet metaphorisch ein jüngeres „laurasisches“ Mythensystem mit einer zusammenhängenden Linie von Kosmogonie bis Weltende und ältere „gondwanische“ Mythen ohne vergleichbare Vorstellung von Weltenursprung und Weltende. Solche Modelle sind Teil wissenschaftlicher Debatten und nicht unumstritten.

Mythen verändern sich im Lauf der Geschichte. Spätere soziale, religiöse oder politische Schichten können ältere Stoffe überlagern. Der Artikel nennt etwa die Irokesenmythen, die sich mit Ackerbau, Pelzjagd, europäischer Kolonisierung und Mission veränderten. Schriftliche Fixierung macht solche Anpassungen schwieriger, verhindert sie aber nicht vollständig.

Moderne Mythen und Kritik

Mythen verschwanden nicht einfach durch Wissenschaft und rationale Weltsicht. Moderne Mythen können politische Systeme, nationale Identitäten, gesellschaftliche Entwicklungen, Produkte, Stars oder Popkulturfiguren betreffen. Beispiele sind der US-amerikanische Mythos vom Melting Pot, politische Mobilisierungsmythen wie Langemarck, das Aufstiegsszenario vom Tellerwäscher zum Millionär, Stars wie Marilyn Monroe oder Kunstfiguren wie James Bond. Eng verwandt sind moderne Sagen, Hoaxes und Verschwörungstheorien.

In der Soziologie und Politikwissenschaft werden Mythen als kollektive Vorstellungen untersucht, die soziale Ordnung, Autorität und Identität stützen können. Émile Durkheim betonte die Funktion des Heiligen für gesellschaftliche Ordnung; Robert Bellah sprach von Zivilreligion. Georges Sorel sah Mythen als mobilisierende Leitbilder. Benedict Anderson beschrieb große Gemeinschaften als imaginierte Gemeinschaften, die starke gemeinsame Vorstellungen benötigen.

Mythen können aber auch missbraucht werden. Nationalromantische Bewegungen konstruierten im 19. Jahrhundert neue nationale Mythen. Im Nationalsozialismus gipfelte die Vorliebe für germanische Mythologie und Rassemythen in Alfred Rosenbergs Der Mythus des 20. Jahrhunderts und in der Blut-und-Boden-Ideologie. Kritiker wie Eric Voegelin, Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Roland Barthes untersuchten politische Mythen, das Umschlagen von Aufklärung in neue Mythologie und die Verwechslung von Natur und Geschichte. Barthes sah eine wichtige Funktion moderner Mythen darin, geschichtlich Gemachtes als natürlich erscheinen zu lassen.

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