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Religionspsychologie
Die Religionspsychologie ist ein Gebiet der Angewandten Psychologie und der Religionswissenschaft, das sich mit psychologischen Fragen zur Religion befasst.
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Definition und Bedeutung
Die Religionspsychologie ist ein Teilgebiet der Angewandten Psychologie und der Religionswissenschaft. Sie beschäftigt sich mit psychologischen Fragen zur Religion. Nach Hans-Jürgen Fraas ist ihr Gegenstand im herkömmlichen Sinn die Religiosität des Menschen.
Das Fach untersucht, unter welchen psychischen und gesellschaftlichen Bedingungen religiöses Erleben entsteht und wie es sich im Denken, Fühlen und Handeln von Einzelpersonen und Gruppen zeigt. Dabei verbindet es psychologische Methoden mit Fragestellungen der Religionswissenschaft.
Untersuchungsgegenstände
Die Religionspsychologie erforscht die Formen, Gesetzmäßigkeiten und Entwicklung des religiösen Lebens auf der Ebene des Individuums und der Gruppe. Zu ihren Gegenständen gehören religiöser Glaube und Zweifel, Gotteserlebnisse, Ekstase, Missionierung und Bekehrung sowie Reue, Schuldgefühle, Buße, Beichte und Gebet.
Sie untersucht außerdem besondere Erscheinungen und Grenzfälle des religiösen Erlebens, beispielsweise die Stigmatisation. Solche Phänomene werden aus neurologischer und psychiatrischer Sicht häufig der Religionspsychopathologie zugerechnet. Damit ist die Untersuchung religiöser Erlebnisse gemeint, die mit psychischen oder neurologischen Auffälligkeiten verbunden sind.
Ein weiterer Gegenstand sind charakterliche Eigenarten von Religionsstiftern, Trägern und Repräsentanten einer Religion sowie von Gläubigen. Zu den Kernbereichen zählen die Motivationsforschung, also die Erforschung der Beweggründe religiösen Verhaltens, und die Sozialpsychologie, die das Erleben und Verhalten von Menschen in sozialen Zusammenhängen untersucht.
In enger Verbindung mit Religionssoziologie und Religionsanthropologie betrachtet das Fach auch die gesellschaftlichen Bedingungen religiösen Lebens. Dazu gehören die Struktur und Schichtung der Bevölkerung im Hinblick auf Religion sowie die Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft, Glaubensgemeinschaft und gläubigem Individuum. Diese Zusammenhänge werden unter anderem aus kulturpsychologischer Perspektive erforscht.
Methoden und Forschungsansätze
Die empirische Religionspsychologie steht vor erheblichen methodischen Problemen. Religiöses Erleben lässt sich nur schwer experimentell untersuchen und häufig nicht exakt dokumentieren oder wiedergeben.
Ein traditioneller, besonders von theologischer Seite vertretener Ansatz gibt deshalb der Selbstbeobachtung, Dokumentation und Beschreibung eine wichtige Rolle. Dabei arbeitet die Religionspsychologie mit der Religionsphänomenologie zusammen, die religiöse Erscheinungen systematisch beschreibt; als Vertreter werden Max Scheler und Gerardus van der Leeuw genannt. Wichtige Quellen sind Berichte, gesammelte Materialien, Enqueten – also systematische Befragungen oder Erhebungen – und Erinnerungen an religiöse Erlebnisse, Erleuchtungen und Visionen.
Eine vor allem im englischsprachigen Raum verbreitete Richtung beschränkt sich bewusst auf empirisch überprüfbare Seiten des religiösen Erlebens. Sie untersucht beispielsweise religiöses Coping, also die Nutzung religiöser Überzeugungen und Praktiken zur Bewältigung von Belastungen. Als führender Forscher auf diesem Gebiet wird Kenneth Pargament mit einem Handbuch von 2013 genannt. Ein anderes Beispiel ist die Fürbittgebetsforschung, die Gebete für andere Menschen wissenschaftlich untersucht.
Dieser empirische Ansatz arbeitet hauptsächlich mit dem Paradigma der kognitiven Psychologie, das geistige Vorgänge wie Wahrnehmung, Denken und Informationsverarbeitung betrachtet. Er unterscheidet sich damit von einer vor allem psychoanalytisch ausgerichteten introspektiven Herangehensweise, die stärker auf innere Selbstbeobachtung setzt.
Entwicklung und fachliche Abgrenzung
Einen Anstoß zur Entstehung der Religionspsychologie als Zweig der Psychologie gab Friedrich Schleiermachers nach seinem Tod veröffentlichte Schrift „Psychologie“ aus dem Jahr 1862. Als erster großer Klassiker des Fachs gilt William James’ Werk „The varieties of religious experience“ von 1902.
Die Religionspsychologie ist mit der Pastoralpsychologie verwandt, aber von ihr zu unterscheiden. Die Pastoralpsychologie versucht, psychologische Erkenntnisse im Sinne christlicher Theologie anzuwenden. Weitere Verbindungen bestehen zur Tiefenpsychologie von Carl Gustav Jung, zur allgemeinen Sozialpsychologie und vereinzelt zur Parapsychologie.
Institutionalisierung und Studium
Die Gesellschaft für Religionspsychologie wurde 1914 in Nürnberg von Wilhelm Stählin und Oswald Külpe gegründet. 1927 wurde der evangelische Theologe Werner Gruehn Geschäftsführer der daraus entstandenen Internationalen Gesellschaft für Religionspsychologie. Nach Gruehns Tod im Jahr 1961 übernahm der katholische Theologe Wilhelm Keilbach diese Aufgabe.
Wegen der Emigration während der Zeit des Nationalsozialismus verlagerte sich die Gesellschaft von Europa in die USA. Religionspsychologie kann beispielsweise in Wien in einem einjährigen Lehrgang studiert werden, der mit einem EU-Diplom abschließt.