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Prof. Dr. Martin Laube: Der Ursprung der Religion

Universität Göttingen1:27:43 55.747 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

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  1. Meine Damen und Herren, ich freue mich, dass wir wieder da sind und dass wir unsere Ringvorlesung fortsetzen können. Heute mit einem
  2. geisteswissenschaftlichen Vortrag äh von dem Kollegen Martin Laube aus der Theologischen Fakultät. Es ist mir eine Freude, Herrn Laube kurz vorzustellen.
  3. Nach dem Studium der Theologie und der Philosophie wurde Martin Laube 1995 mit einer Studie zur analytischen Religionsphilosophie des 20.
  4. Jahrhunderts. Ein Thema, das in der Theologie bis datu nicht viel Beachtung gefunden hat, an der Theologischen Fakultät der Ludwigs Maximilians
  5. Universität in München promoviert. 2005 habilitierte sich Laube in Münster mit einer Studie zum Verhältnis von Theologie und neuzeitlicher
  6. Christentumstheorie bei trotz Renddorf, dem bedeutendsten theologischen Ethiker des deutschen Protestantismus im 20. Jahrhundert.
  7. Zwischen zwischen 2008 und 2011 hatte Laube dann einen Lehrstuhl für systematische Theologie an der Universität Bonninne. Seit 2011 ist er
  8. entgötting. Mit seiner Professur ist außer den klassischen Gegenständen der systematischen Theologie insbesondere die Tradition des reformierten
  9. Protestantismus verbunden, in die sich Laube umfassend eingearbeitet hat und die er in einer ausstrahlenden Weise in die fachwissenschaftlichen Diskussionen
  10. einzubringen versteht. Laubes besonderes Anliegen besteht darin, in engem Austausch mit anderen Disziplinen, insbesondere der
  11. Religionsphilosophie, der Religionssoziologie, der Literatur und der Geschichtswissenschaft
  12. traditionelle Themen der Theologie in einer den Bedingungen der wissenschaftlich technischen moderne gemäßen Weise zu reformulieren.
  13. Seit zwei Jahren gehört Laube der Göttinger Akademie der Wissenschaften an. Seit einiger Zeit arbeitet er an einer Dogmatik in der Perspektive der
  14. Freiheitsthematik, die gewiss ein sehr markanter Beitrag zur gegenwärtigen systematischen Theologie sein wird. Martin, ich freue mich, dass du zugesagt
  15. hast. Äh du hast das Wort. Ja, lieber Thomas, habe vielen Dank äh für deine nette Vorstellung und Einführung. Vor allen Dingen möchte ich
  16. mich aber auch äh für die Ehre bedanken, an dieser Ringvorlesung mitwirken zu dürfen. Sehr geehrte Damen und Herren, ähm oder wie es früher hieß, liebe
  17. Zuschauer draußen an den Bildschirmen, äh sein Sie herzlich willkommen zu meinem Vortrag über den Ursprung der Religion. Und äh nun stehe auch ich vor
  18. der Aufgabe, es hoffentlich hinzubekommen, meinen Bildschirm freizugeben und damit die Sache zu starten.
  19. Wie sich die Religion, zumal die christliche Religion den Ursprung der Welt denkt, ist gemeinhin bekannt als Schöpfungsakt eines weltüberlegenden
  20. Gottes. Aber wie hat man sich umgekehrt in der so geschaffenen Welt den Ursprung der Religion zu denken? Jedenfalls dann, wenn man es nicht bei der biblischen
  21. Auskunft belassen will, dass eben jener Gott seit den Zeiten des Paradieses mit den Menschen kultischen Verkehr und Umgang pflegt.
  22. Für die Bibel scheint die Sachlage klar: Die Religion ist den Menschen von Anbeginn der Schöpfung eingeschrieben. Sie hat ihren Ursprung bei Gott.
  23. Umgekehrt erweist sich so der Mensch als ein von Natur aus religiöses Wesen. Die Theologie hingegen weiß nur zu gut, dass ihr Gegenstand, die komplexe
  24. Wirklichkeit des Christentums, immer schon verwoben und eingespannt ist in den übergreifenden Zusammenhang der menschlichen Kultur und Gesellschaft.
  25. Anders gesagt, der christliche Glaube fällt nicht einfach vom Himmel, sondern entsteht und besteht im Horizont der menschlichen Geschichte als eine
  26. Religion neben anderen Religionen in einer gesellschaftlichen Umwelt, welche zudem mehr und mehr die Signatur eines säkularen Zeitalters aufweist.
  27. Eben darin liegt das elementare Interesse der Theologie beschloss beschlossen, über die eigenen Fachgrenzen hinauszugehen und sich mit
  28. Kultur und sozialwissenschaftlichen Forschungsperspektiven auf die Religion zu beschäftigen. Insbesondere die Frage nach dem Ursprung
  29. der Religion hat hier stets eine besondere Faszinationskraft ausgeübt. Freilich zeigt sich rasch, dass diese Frage nur auf den ersten Blick klar und
  30. eindeutig erscheint. Bei näherem Hinsehen droht ein ganzes Geflecht von Fallstricken, indem man in denen man sich ausweglos verfangen kann. Das
  31. beginnt schon beim Begriff des Ursprungs. Er kann zum einen den zeitlichen Anfang von etwas bezeichnen, zum anderen den sachlichen Grund von
  32. etwas. Im Lateinischen bildet sich diese Ambivalenz in der Differenz von Initium und Prinzipium ab. Der Anfang ist prospektiv der Initialpunkt, von dem
  33. etwas Neues seinen Ausgang nimmt. Entsprechend betont die Figur des Anfangs zumeist den Bruch gegenüber dem Vorausgehenden, die Entstehung von etwas
  34. Neuem, das sich von einem früheren absetzt. Dem gegenüber verweist das andere Bedeutungsmoment retrospektiv auf den Grund und die
  35. Herkunft von etwas gewordenem. Hier sind die Konnotation der Ursache und des Prinzips im Spiel. Auf den Ursprung zurückzugehen bedeutet sich eines
  36. Fundaments, eines Wesenkerns zu vergewissern. Es geht da nicht um die Genese, sondern viel mehr um die Geltung von etwas. Beide Begriffe, Anfang ebenso
  37. wie Grund, sind dabei nicht ohne gedankliche Probleme. Doch das mag hier auf sich beruhen. Entscheidend ist vielmehr, dass damit auch die Frage nach
  38. dem Ursprung der Religion in einem zweifachen Sinne verstanden werden kann. als Frage nach dem Anfang oder der Entstehung der Religion einerseits oder
  39. als Frage nach ihrem Grund und ihrer Wurzel andererseits. Im Fall geht es um eine Frage der Religionsgeschichte, im anderen Fall um
  40. eine Frage der Religionstheorie. Theologie und Philosophie haben die Ursprungsfrage nun zum meist im letzteren Sinne aufgenommen und
  41. bearbeitet als Frage nach dem konstitutiven Grund der Religion. In den neuzeitlichen Entwürfen wird die Religion dabei als eine allgemeine
  42. Anlage des Menschseins bestimmt und in der Struktur des Bewusstseins verankert. Näherhin lassen sich hier volutative, emotive und kognitive Ansätze
  43. unterscheiden. So verortet Immanuel Kant die Religion primär auf der Ebene des Wollens. Sie zielt ihm zufolge auf die Erkenntnis aller unserer Pflichten als
  44. göttlicher Gebote. Friedrich Schleiermacher hingegen verweist auf die Dimension des Gefühls. Anfänglich bestimmt er die Religion als Sinn und
  45. Geschmack fürs Unendliche. In der späteren Glaubenslehre heißt es dann Zitat: "Die Frömmigkeit ist rein für sich betrachtet. Weder ein Wissen noch
  46. ein Tun, sondern eine Bestimmtheit des Gefühls und zwar in dem Sinne, dass wir uns unserer selbst als schlechthinig abhängig bewusst sind.
  47. Friedrich Wilhelm Hegel schließlich verknüpft die Religion mit dem Denken. Sie ist für ihn die Erhebung des endlichen Bewusstseins zum Gedanken
  48. Gottes. In ihrer vollendeten Form erweist sie sich letztlich als Selbstbewusstsein des absoluten Geistes. Gemeinsam ist allen drei Ansätzen, dass
  49. sie die Religion als ein allgemeines Wesensmerkmal des Menschen bestimmen. In kritischer Wendung gegen die aufgeklärte Religionskritik bringen sie zur Geltung,
  50. dass die Religion kein überständiges Relikt vor moderner Zeiten darstellt, sondern gerade umgekehrt der der menschlichen Humanität überhaupt erst zu
  51. ihrer vollgültigen Entfaltung verhilft. Hier entbrennen dann auch die harten Kämpfe der Folgezeit. Während Ludwig Feuerbach, Karl Marx und Sigmut Freud je
  52. auf ihre eigene Weise nachzuweisen versuchen, dass die Religion der Verwirklichung menschlichen Selbstseins entgegenstehe, kehrt die Theologie den
  53. Spieß um. Nicht etwa der religiöse Mensch bleibe hinter seinen Möglichkeiten zurück, sondern viel mehr der religionslose Mensch, da er die ihm
  54. eigene Anlage zur Religion verkümmern lassen. Eine gewisse Analogie zu dieser Auseinandersetzung findet sich in der gegenwärtigen Debatte um neuro-on
  55. kognitionswissenschaftliche Ansätze. Bestritten wird hier um die Frage, ob die nun hirnphysiologisch verortete Religion eine vorteilhafte evolutionäre
  56. Adaptation darstellt oder umgekehrt als ein fehlgeleitetes evolutionäres Nebenprodukt begriffen werden muss. Das problematische kalkülfreilich,
  57. dem Eigensinn des Religiösen dadurch auszuweichen, dass er schlicht auf neuronale Prozesse reduziert wird, lässt solche Ansätze wenig überzeugend
  58. scheinen. Doch auch die klassischen Versuche, den Menschen als Homoreligios zu bestimmen, geraten zunehmend in die Defensive.
  59. Gegen Sie spricht die schlichte Tatsache, dass immer mehr Menschen ihr Leben ohne einen erkennbaren religiösen Bezug führen. Sie kommen gänzlich ohne
  60. Religion aus und brauchen sie offenkundig nicht, um Haltorientierung und Sinn in ihrem Leben zu finden. die verbreitete Strategie quasi religiöse
  61. Substitute ausfindig zu machen, um so an einem anthropologischen Religionsbegriff festhalten und scheinbar nicht religiösen Menschen auf den zweiten
  62. Blink und gegen ihr Selbstverständnis dann doch religiöse Bedürfnisse und Motive unterschieben zu können, ist theoretisch unhaltbar und kommunikativ
  63. desaströs. Recht verbietet es sich das Faktum religionsfreier Lebensführung, ob nun ausgesprochen oder nicht, als ein
  64. anthropologisches Defizit zu behandeln. Schließlich und vor allem aber setzt sich zunehmend die Einsicht durch, dass die Religion ein von Grund auf soziales
  65. Phänomen darstellt. Sie wurzelt eben nicht in privatnerlichen Erfahrungen, die erst in einem zweiten Schritt sprachlich artikuliert und in
  66. gemeinschaftliche Kultus und Praxisformen umgesetzt äh würden. Viel verhält es sich geradewegs umgekehrt. Der Mensch ist nicht von Natur aus
  67. religiös. Was als religiöse Erfahrung gilt, ist nicht a priori gegeben, sondern wird erst durch Sozialisation und Praxis gelernt. Zugespitzt gesagt,
  68. nicht die religiöse Erfahrung führt zur Ausbildung einer entsprechenden Kultpraxis. Stattdessen eröffnet erst eine gegebene
  69. Kultpraxis die Möglichkeit entsprechende religiöse Erfahrungen machen zu können. Die individuelle Främigkeit ist nicht der Ursprung, sondern viel mehr das
  70. Produkt einer sozialen Religions und Kultgemeinschaft. Vor diesem Hintergrund verschiebt sich die Frage nach dem anthropologischen
  71. Konstitutionsgrund der Religion zu der anderen Frage, wann und wie es zur Entstehung solcher sozialen Religions und Kultgemeinschaften gekommen ist.
  72. Anders gesagt, die Frage nach dem Grund der Religion leitet über zur Frage nach ihrem Anfang. Sie soll nun im folgenden im Vordergrund stehen.
  73. Erste Ansätze zu einer historischen Betrachtung der Religion reichen bis in die vorchristliche Antike zurück. In der Neuzeit entwickelt sich dann
  74. beginnend mit David Hum eine weitgefächerte Debatte, um insbesondere dem geschichtlichen Ursprung der Religion auf die Spur zu kommen. Dieser
  75. wird abwechselnd naturmythologisch auf die personifizierende Deutung von Naturphänomenen, animistisch auf einen allgemeinen Seelen und Geisterglauben
  76. oder präanimistisch auf die Vorstellung einer unpersönlich wirkenden Macht zurückgeführt. Intellektualistische Deutungen der
  77. Religion als einer Form primitiver Welterklärung und Wissenschaft wechseln sich ab mit emotionalistischen Ansätzen, welche die Wurzeln der Religion in
  78. Gefühlen wie Angst, Ehrfurcht oder Schuld erblicken. Daneben treten funktionalistische Theorien, welche die Religion an die Aufgabe knüpfen,
  79. kognitive Sinnstiftungsleistungen zu erbringen, Kontingenerfahrungen abzumildern oder den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sichern.
  80. Intensiv gestritten wird über das Verhältnis der Religion zur Magie, aber auch über die Frage, ob die Ursprünge der Religion in der mythischen
  81. Überlieferung oder in der kultischen Praxis zu suchen sein. War am Anfang der Mythos oder gilt umgekehrt die Feststellung Robert Merits, primitive
  82. Religionen werden mehr getanzt als gedacht. Handelt es sich vielleicht um zwei Dimensionen des Religiösen, die zwar zu
  83. unterscheiden sind, aber nicht voneinander getrennt werden können? Angesichts dieser komplexen Vielfalt zeigt sich, dass die
  84. religionsgeschichtliche Fragestellung ohne einen beständigen Seitenblick auf das Gebiet der Religionstheorie nicht angemessen bearbeitet werden kann. Die
  85. Frage nach dem Ursprung der Religion setzt notwendig einen vorgängigen Begriff dessen voraus, nach dessen Ursprung dann gesucht werden soll.
  86. Diese Feststellung mag auf den ersten Blick nahezu banal erscheinen, hat aber doch weitreichende Folgen. Denn Debatte um den Religionsbegriff gehört zu den
  87. unabschließbaren Dauerbaustellen der Religions-Multurwissenschaften. Obgleich es ein durchaus verlässliches Gespür dafür gibt, religiöse Phänomene
  88. als solche erkennen zu können, ist es bisher nicht gelungen und wird es wohl auch niemals gelingen, einen allgemein gültigen und anerkannten
  89. Religionsbegriff zu formulieren. Das hängt keineswegs nur damit zusammen, dass der Religionsbegriff ein Produkt der neuzeitlichen Christentumsgeschichte
  90. darstellt und mit hin eine christlich europäische Prägung aufweist, die es überall überaus problematisch erscheinen lässt ihn auf außereuropäische,
  91. außerchristliche oder gar vorzeitliche Phänomene und Kulturen zu übertragen. Denn auch innerhalb des europäischen Kontextes selbst ist der
  92. Religionsbegriff notorisch umstritten, je nachdem, ob der Akzent auf bestimmte religiöse Vorstellungen, spirituelle Erfahrungen, kultische Praktiken oder
  93. gesellschaftliche Institutionen gelegt wird. substanzialistische Ansätze, welche die Religion an bestimmte inhaltliche
  94. Gegebenheiten knüpfen, etwa den Glauben an ein höheres Wesen, erweisen sich regelmäßig als zu eng, um der Vielfalt religiöser Phänomene angemessen Rechnung
  95. zu tragen. Funktionalistische Bestimmungen hingegen, welche die Religion durch die Angabe einer ihr spezifischen Aufgabe zu fassen
  96. versuchen, greifen umgekehrt zu weit. Im Fall wird zu viel ausgeschlossen, im anderen zu viel eingeschlossen. Offenbar entzieht sich das Phänomen der
  97. Religion einem allgemein definierbaren Zugriff. Das mag zum einen daran liegen, dass der Vielfalt des Religiösen eine eigentümliche Meerdimensionalität
  98. eignet, die begrifflich nicht befriedigend aufgelöst oder eingefangen werden kann. Zum anderen wirkt sich der Umstand aus,
  99. dass es eine vollständig neutrale Beobachtungsdistanz zum Phänomen des Religiösen eben nicht gibt. Jedem Bestimmungsversuch liegt immer schon
  100. eine perspektivisch geprägte Voreinstellung zugrunde. Handel es sich dabei um einen bestimmten kulturellen Deutungskontext,
  101. einen positionell formatierten Theorierahmen oder auch eine wie immer geartete persönliche Haltung. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage
  102. nach dem geschichtlichen Ursprung der Religion eine besondere Pounte, denn sie lässt sich nun als der Versuch verstehen, aus den genannten
  103. Schwierigkeiten einen Ausweg zu finden, in dem auf die ersten Anfänge der Religion zurückgegangen wird. Im Hintergrund steht die Vorstellung, im
  104. Spiegel ihrer frühen Erscheinungsformen das Wesen der Religion klarer bestimmen zu können. So erklärt Emil Dürgheim unumwunden. Er studiere die archaische
  105. Religion nicht Zitat, nur um das Vergnügen zu haben, ihre Wunderlichkeiten und ihre Seltsamkeiten zu berichten. Wenn wir sie als Objekt
  106. unserer Untersuchung gewählt haben, so geschah das, weil sie uns geeigneter erschien als jede andere, die religiöse Natur des Menschen verständlich zu
  107. machen. Es heißt, uns einen wesentlichen und dauernden Aspekt der Menschheit zu offenbaren. Der Rückgang auf das frühe Anfangsstadium der Religion eröffnet die
  108. Möglichkeit noch unverstellt von späteren Zusätzen, Weiterungen und Wicklungen ihrem allgemeinen Begriff auf die Spur zu kommen. Zitat: "Das
  109. zusätzliche, das Zweitrangige, die Luxusentwicklungen haben noch nicht haben noch nicht die Hauptsache verdeckt. Alles ist auf das
  110. Unumgängliche beschränkt, auf das, ohne dass es keine Religion gäbe. Aber das Unumgängliche ist auch das Wesentliche, das heißt das, was wir vor allem wissen
  111. wollen. So betrachtet verfolgt die Suche nach dem Ursprung der Religion also primär gerade keine religionsgeschichtliche
  112. Zielsetzung. Viel geht es darum, im Spiegel des Rückgangs zu den Anfängen die Frage nach dem bleibenden Wesen der Religion zu beantworten. Im Hintergrund
  113. steht dabei ein dezidiert gegenwartsdiagnostisches Motiv. Es wird nach dem Ursprung der Religion gefragt, um daraus Folgerungen
  114. abzuleiten für die Stellung der Religion in der Gegenwart. Handelt es sich bei ihr um ein überständiges Relikt der Vergangenheit?
  115. Bildet sie ein notwendiges Fundament sozialer Gemeinschaft? oder wirkt sie gar Potentiale, die es heute neu zu entdecken gilt? Kurz gefasst, im Gewand
  116. der Frage nach dem geschichtlichen Ursprung der Religion wird de facto die Frage nach ihrer gegenwärtigen Bedeutung verhandelt.
  117. Wichtig ist nun, dass der Blick in die Geschichte keineswegs eine unpartei neutrale Antwort auf jene Gegenwartsfrage zu finden erlaubt. Denn
  118. natürlich kommt auch die Strategie, den Religionsbegriff durch einen Rückgang auf ihren Ursprung zu klären, nicht der Tatsache äh nicht an der Tatsache
  119. vorbei, dass umgekehrt jede Suche nach einem solchen Ursprung bereits einen entsprechenden Religionsbegriff voraussetzt.
  120. Es bleibt dabei, dass es keinen unmittelbaren oder neutralen Zugriff auf das Phänomen der Religion gibt, sondern immer schon perspektivisch geprägte
  121. Einstellungen, Haltungen und Vorile im Spiel sind. Das entwertet die religionsgeschichtliche Suche nicht,
  122. lässt aber erkennen, dass hier immer schon aus einer bestimmten positionellen Haltung herausgearbeitet wird und stets ein impliziter Kommentar zur religiösen
  123. Gegenwartslage mitschwingt. Wenn etwa der schottische Religionsethnolog zu Beginn des 20. Jahrhunderts die
  124. Religion als einen aus Angst und Furcht geborenen defizitären Versuch der Welterklärung bestimmt, steht im Hintergrund die evolutionäre Auffassung,
  125. dass die moderne Wissenschaft das kulturelle Stadium der Religion erfolgreich hinter sich gelassen haben. Max Webers berühmtes Narrativ von der
  126. fortschreitenden Entzauberung der Welt wiederum ist getragen von der skeptischen Einschätzung, dass im rationalistischen Stahlgehäuse der
  127. Moderne die Religion ihrer einstigen Gestaltungskräfte und Wirkpotenziale verlustig gegangen sei. umgekehrt schließlich verankert Hans Joas den
  128. Ursprung der Religion in einer kollektiv kultisch vermittelten Erfahrung der Selbsttranszendenz und verbindet damit die Absicht, die Religion als eine auch
  129. in der säkulären moderne fidale und attraktive Option der Weltdeutung und Lebensführung zur Geltung zu bringen. Dieses hintergründige
  130. Gegenwartsinteresse erklärt die anhaltende Faszination der Frage nach dem Ursprung der Religion und macht vielleicht verständlich, warum dabei
  131. zugleich die Grenzen des wissenschaftlich nachprüfbaren nicht selten deutlich überschritten werden. So hält etwa Emil Dürheim die Suche nach
  132. einem absoluten ersten Anfang der Religion überhaupt für unsinnig. Es könne nur darum gehen, ihren Ursprüngen näher zu kommen. Dennoch verstrickt auch
  133. eher sich in überaus fragwürdige Hypothesen und Voraussetzungen. Ich bitte um Entschuldigung. Jetzt ist genau das eingetreten, was ich gedacht hatte,
  134. vermieden zu haben, nämlich, dass mir meine Präsentation ein Streich spielt. Äh so.
  135. Durheims Grundthese lautet, dass die Wurzel der Religion im Ritual zu suchen sei. Im kultischen Vollzug stelle sich die kollektive Erfahrung einer
  136. begeisternd motivierenden Kraft ein, welche den Einzelnen über sich heraushebe und ihn dazu bringe, den Kult als Ort und Quelle einer höheren
  137. Wirklichkeit des Heiligen zu betrachten. Er selbst spricht hier von aufschäumend rauschafter Effeszensz. Möglicherweise hat ihm dabei seine
  138. französische Vertrautheit mit den mit dem Champagner die Feder geführt. Rechtsehen versichere sich im Symbol des Heiligen, also die kultische
  139. Gemeinschaft ihres eigenen Zusammenhalts. Eben diese solidaritätsstiftende Funktion der Religion begründet
  140. schließlich auch ihre aktuelle Gegenwartsbedeutung. Zitat: "In der Religion gibt es also etwas ewiges, das Schicksal hat, alle
  141. Einzelsymbole zu überleben, mit denen sich das religiöse Denken nach und nach bekleidet hat. Es gibt keine Gesellschaft, die nicht das Bedürfnis
  142. fühlte, die Kollektivgefühle und Kollektivideen in regelmäßigen Abständen zum Leben zu erwecken und zu festigen. Problematisch ist nun, dass Durkheim zur
  143. Begründung dieser These auf den vermeintlichen Totemismus der australischen Urbevölkerung verweist, ihn zur elementarsten Form noch
  144. auffindbaren religiösen Lebens erklärt und daraus eine evolutionäre Gesamtdeutung entwickelt. Zum einen hat sich schon zu Zeiten Dirkheims selbst
  145. die Totemismusfigur als empirisch unhaltbar erwiesen. Zweitens geht Durkheim, indem er umstandslos aus seiner Rekonstruktion der religiösen
  146. Anfänge auf eine Deutung der religiösen Gegenwartslage schließt, von einer prinzipiellen Kontinuität der Religionsentwicklung aus, die bei
  147. näherem Hinsehen als überaus fragwürdig gelten muss. Nicht nur die Annahme, es gebe den einen Anfang der Religion lässt sich wohl kaum
  148. halten. Das gleiche gilt für die Vorstellung. Aus diesem einen Anfang habe sie im Laufe eines kontinuierlichen Entwicklungsprozesses die heutige
  149. Vielfalt der Religionen entwickelt. Schließlich und vor allem aber meint Dürheim drittens die ethnologische Beschäftigung mit den australischen
  150. Aboriginies gleichsam als historischen Fahrstuhl zurück zu den Anfängen der Menschheit nutzen zu können. Hier macht sich ein kolonialistisches Erbe
  151. bemerkbar, wie es in der zeitgenössischen Rede von den sogenannten primitiven oder archaischen Kulturen durchgängig zu beobachten ist.
  152. Es verbindet sich mit der Unterstellung, schriftlose Kulturen seien zugleich geschichtslose Kulturen, sodass ihre Religion den menschheitlichen Anfängen
  153. des religiösen besonders nah stehe. Doch diese Unterstellung ist durch nichts gedeckt. Aus dem Umstand, dass hier keine der europäischen
  154. Religionsgeschichte vergleichbare Entwicklung stattgefunden hat, lässt sich allein auf die kulturelle Selbständigkeit des indigenen
  155. Entwicklungspfades schließen. Diese weitere problematische Vorannahmen finden nicht nur bei Dürkheim, sondern auch bei anderen zeit zeitgenössischen
  156. Autoren Anwendung. Spätestens in der Mitte des 20. Jahrhunderts gerät die Suche nach dem geschichtlichen Ursprung der Religion
  157. dazu daher zunehmend in Misskredit. Exemplarisch unterzieht der britische Sozialanthropologe Edward Evans Bridget die verschiedenen Ansätze einer ebenso
  158. bissigen wie vernichtenden Kritik. Man könne mit ihnen Zitat wenig oder gar nichts anfangen. Im Nachhinein sei Zitat gar oft schwer zu verstehen, wie sie
  159. überhaupt je publiziert werden konnten. Dabei liege der Kardinalfehler in der Fragestellung selbst. Laronisch bemerkt Evens Bridget. Ich glaube, die meisten
  160. Anthropologen würden heute darin übereinstimmen, dass es sinnlos ist, nach dem Ursprung der Religion zu fragen. Mit dem Versuch hinter die
  161. historisch eruen Frühformen zurückgehen zu wollen, werde der Bereich des wissenschaftlich nachprüfbaren verlassen und das Gebiet bloßer Mutmaßung und
  162. Spekulation betreten. Diese Kritik hatte weitreichende Folgen. Von vereinzelten Ausnahmen abgesehen kam die Debatte um den Ursprung der Religion in der
  163. Folgezeit weitgehend zum Erliegen. Seit hier ist das religionsgeschichtliche Wissen enorm angewachsen. Doch zugleich hat sich allgemein die Erkenntnis
  164. durchgesetzt, wie sehr jeder Versuch hinter die schriftlichen Zeugnisse der antiken Hochrionen Ägyptens und Mesopotamiens zurückgreifen zu wollen,
  165. hochgerad hypothetisch und spekulativ bleibt. Am Beispiel der neueren archäologischen Funde sei das exemplarisch gezeigt.
  166. Vor etwa 6 bis 7 Millionen Jahren verlässt eine Population von Menschenaffen den afrikanischen Regenwald und beginnt aufrecht zu
  167. laufen. Es entsteht der Australophekus. Vor etwa 2 Millionen Jahren erfolgt der Übergang zum Homo Erektus, dem ersten Menschen.
  168. Offenkundig ist er bereits in der Lage, zumindest grobe Steinwerkzeuge herzustellen. Auch die Entdeckung des Feuers geht auf ihn zurück. Die ältesten
  169. Feuerstellen sind etwa 1,7 Millionen Jahre alt. Vor etwa 600.000 Jahren taucht dann der Homo Helbergens auf, der sich von Afrika aus bis nach Europa
  170. ausbreitet und dort zum Homo Neandalensis weiterentwickelt. Er verfügt schon über fortgeschrittene Steinwerkzeuge. Zudem geht er mit Lanzen
  171. und Holzsperen auf die Jagd. Davon äh wurde uns ja in der Ringvorlesung bereits berichtet. Neuere Forschungsergebnisse deuten darauf hin,
  172. dass auch die physiologischen Grundlagen für die Sprache bereits vorhanden sind, wenn gleich die Geschichte der Sprachwerdung selbst noch immer im
  173. Dunkeln liegt. Es wird vermutet, dass sie vor etwa 300.000 Jahren beginnt. Wahrscheinlich wird man hier mit einem langen Übergangsstadium zu rechnen
  174. haben. In den Zeitraum zwischen 200.000 und 100.000 Vor Christus fällt dann schließlich das Auftreten des Homo Sapiens, der sich in einer weiteren
  175. Welle von Afrika aus nach Europa, Asien, Amerika und Australien ausbreitet und in der Folge aller anderen Menschenarten verdrängt.
  176. Von der Religion war bisher noch nicht die Rede. Veranschaulicht man sich die Stammesgeschichte des Menschen beginnend mit dem Auftreten des Homo Erektus in
  177. der Form eines Kalenders mit 365 Tagen. Dann beginnt die belegbare Geschichte der Religion wohl erst in der vorletzten Woche des Jahres. So stammen die
  178. ältesten Spuren menschlicher Bestattungen aus dem Zeitraum zwischen 60.000 und 40.000 vor Christus. Freilich ist durchaus umstritten, ob sie als
  179. solche bereits religiös motiviert sind. Der Neanderla etwa hat seine Toten bestattet, wie der Gräberfrund in La Ferassie in Südfrankreich eindrucksvoll
  180. belegt. Jedoch gibt es keinerlei Hinweise auf damit verknüpfte Rituale und Kulthandlungen. Gleiches gilt für einen wie immer gearteten
  181. Jenseitsglauben. Als gesichert kann freilich gelten, dass der Neandertaler zumindest einige Verstorbene, darunter auffällig viele
  182. Kinder, nicht einfach entsorgt hat, sondern auf pietätvolle und mit hin trauernde Weise mit ihnen umgegangen ist.
  183. Rätsel gibt der Umstand auf, dass gelegentlich offenbar die Schädel abgetrennt und vermutlich sichtbar gesondert deponiert wurden. Dies mag
  184. einen religiösen Hintergrund haben. Denkbar wäre aber auch, dass die Schädel territoriale Ansprüche markieren. Denn was kann, wenn es darum geht, den
  185. Anspruch auf ein Stück Land oder auf ein Jagdrevier zu rechtfertigen, überzeugender sein als der Verweis auf ein legitimes Erbe und zwar durch einen
  186. Hinweis auf die Vorfahren, die das Land bereits vor Generationen in Besitz genommen hat. Wehin bekannt sind zudem jene
  187. vorgeschichtlichen Frauenstatuetten, die zumeist ein wenig Missverständnis äh missverständlich als Venusfigurinen bezeichnet werden. Sie gelten häufig als
  188. Darstellungen einer frühen Erdgöttin oder Muttergottheit. Das älteste bisher gefundene Exemplar stand aus dem Zeitraum zwischen 38 000 und 33 000 vor
  189. Christus. Dabei handelt es sich um die erst 2008 entdeckte nur 6 cm hohe Venus vom Hohlefels auf der schwäbischen Alb. Etwa 30.000 Jahre alt ist die Venus vom
  190. Galgenberg bei Stratzingen Niederösterreich. Nur wenig jünger die berühmte Venus von Willendorf, die bereits 1908 in der Wachau gefunden
  191. worden war und heute im Naturhistorischen Museum in Wien zu besichtigen ist. Mittlerweile gibt es mehr als 500 solcher prähistorischer
  192. Figurine. Charakteristisch für sie sind stark ausgeprägte weibliche Merkmale, eine weitgehende Vernachlässigung des Gesichts sowie die Hervorhebung des
  193. Bauches und der Schenkel, wodurch viele von ihnen hochschwanger oder stark übergewichtig wirken. Es legt sich daher ein Bezug zur Fruchtbarkeit, vielleicht
  194. auch zu Schwangerschaft und Geburt nach. Gelegentlich wird vermutet, dass die abwährend ihre mächtigen Brüste entblösenden Figurinen apotropäische
  195. Funktion hatten. Klare Indizien und Hinweise fehlen freilich. Die Vermutung, es habe sich um Darstellungen einer Göttin gehandelt, bleibt reine
  196. Spekulation. Nicht wesentlich anders fällt der Befund bei den berühmten Höhlenmalereien aus. Im Jahre 1868 wurde Nordspanien die
  197. berühmte Höhle von Altamira entdeckt, die wohl von 33000 bis etwa 11000 vor Christus genutzt wurde. Ihre beeindruckenden Deckengemälde, insgesamt
  198. über 900 an der Zahl, stammen aus dem Zeitraum von etwa 16 000 bis 13 000 vor Christus. Zu sehen sind überwiegend größere Tiere wie Mammuts, Bären, Rinder
  199. und Pferde mit Ockerfarben in vielfältigen Abstufungen gemalt, teilweise graviert, sodass sie überraschend plastisch und realistisch
  200. wirken. Daneben finden sich abstrakte geometrische Figuren, die umrissse menschlicher Hände mit weit gespreizten Fingern sowie schließlich auch weniger
  201. detailliert ausgeführte menschliche Gestalten. Eine Nachbildung der Höhle lässt sich im Deutschen Museum in München besichtigen.
  202. Vergleichbare Malereien gibt es auch in anderen Höhlen, so etwa in der Schau Höhle, in der Küsackhöhle und in der Höhle von Lasco. Alle in Frankreich.
  203. Auffällig ist, dass weitere Spuren menschlicher Anwesenheit in den Höhlen weitgehend fehlen und die Bilder offenbar bevorzugt an schwer
  204. zugänglichen und weit abgelegenen Bereichen der Höhle angefertigt worden sind. Das hat schon früh zu für der Vermutung geführt, die Bilder hätten
  205. nicht dekorativen, sondern rituellen Zwecken gedient. Dabei wurden sie zunächst als Ausdruck einer allsteinzeitlichen Jagdmagie gedeutet.
  206. So findet sich in der Trof Frch Höhle in Südfrankreich die seltene Darstellung eines Mischwesens aus Mensch und Tier, bei dem es sich möglicherweise um einen
  207. tanzenden Schamanen handeln könnte. In diese Richtung weist dann auch die aus Elfenbein geschnitzte Figur des Löwenmenschen, die etwa 35 000 bis
  208. 40.000 Jahre alt in der Hohlensteinhöhle im schwäbischen Lohnetal gefunden wurde. Mittlerweile jedoch wird zumeist vermutet, dass die Höhlenbilder zu
  209. komplexen Initiationsräten gehörten, in deren Verlauf ein Herwachsender in die versteckten Höhlennischen hinabsteigen musste, um die in die Gemeinschaft der
  210. Jäger aufgenommen zu werden. Da schriftliche Zeugnisse fehlen, bleibt es freilich auch hier bei bloßen Spekulationen, die zudem ersichtlich
  211. davon abhängen, welches Verständnis vorzeitlicher Religion jeweils in Anschlag gebracht wird. Die bisher benannten Funde fallen allen samt in die
  212. Epochen des Jungpaleolitikums und Mesolitikums, also in den Zeitraum von etwa 40.000 bis 10.000 vor Christus. Um 10.000 vor Christus beginnt,
  213. wennngleich in Vorderasien, sehr viel früher als in Europa, der Übergang zum Neolitikum. Mit ihm vollzieht sich die wohl
  214. folgenreichste Umwälzung in der Geschichte der Menschheit, deren Folgen und Ende noch nicht abzusehen sind. Sie wird gemeinhin als neolitische
  215. Revolution bezeichnet. Nachdem die Menschen 2 Millionen Jahre lang als Jäger und Sammler gelebt hatten, gehen sie nun zu Ackerbau und Vielzucht über.
  216. Anders gesagt, an die Stelle der Aignenden tritt nun die produzierende Ernährungssicherung. Möglicherweise geben klimatische Veränderungen dazu den
  217. Anstoß. Vielleicht spielen aber auch andere Gründe eine Rolle. Davon wird noch die Rede sein. Die Folgen jedenfalls sind tiefgreifend. Mit dem
  218. Übergang zur bäuerlichen Lebensweise werden die Menschen sesshaft. Es entstehen dauerhafte Siedlungen und Dörfer. Mit zunehmender Arbeitsteilung
  219. und wachsender Bevölkerungsdichte dann auch erste Städte. Politische Herrschaft und Verwaltungsstrukturen bilden sich aus. Die Schrift wird erfunden. Zur
  220. Verteidigung werden bewaffnete Verbände aufgestellt. Innerhalb weniger Jahrtausende entstehen schließlich in Ägypten und Vorderasien die ersten
  221. Hochkulturen und Großreiche. Unzweifelhaft bezeugen die archäologischen Funde nun auch eine vielfältige mythisch religiöse
  222. Vorstellungswelt und Kultpraxis. Wenn gleich es das Fehlen schriftlicher Überlieferungen für immer unmöglich macht, die jeweiligen Rituale und ihren
  223. religiösen Sinngehalt schlüssig zu rekonstruieren. Zu den ältesten Bauwerken der Menschheitsgeschichte zählt der
  224. sogenannte Turm von Jericho. Er stammt aus dem 9. Jahrtausend vor Christus, hat einen Durchmesser von 8 m und ist etwa ebenso hoch. In seinem Inneren befindet
  225. sich die älteste bekannteste Treppe mit 22 Steinstufen. Zunächst galt der Turm geradezu selbstverständlich, dem biblischen Vorbild folgend, als Überrest
  226. einer vorgeschichtlichen Stadtmauer oder Befestigungsanlage. Neuere Überlegungen tendieren jedoch dazu, ihm eine wie immer geartete
  227. kultisch religiöse Bedeutung zuzuschreiben. Darauf verweisen die zahlreichen Skelettfunde insbesondere die eigentümlich übermodellierten
  228. Schädel. Offenbar war es braucht, die Köpfe vom übrigen Körper abzutrennen und gesondert niederzulegen. Einige von ihnen wurden dabei entfleischt, mit
  229. einem Überzug aus Leben oder Gips nachmodelliert und schließlich bemalt. Die Abtrennung der Schädel fand sich bereits bei den Neandertalern. Ihre
  230. kunstvolle Bearbeitung wiederum wird durch vergleichbare Funde in Jordanien bestätigt. Thomas Macho schlägt vor, die Bearbeitung der Schädel als Versuch zu
  231. verstehen, das Leben eines Verstorbenen über seinen Tod hinaus zu bewahren, indem die Spuren der Verwesung beseitigt und dem Toten gleichsam ein bleibendes
  232. zweites Antlitz verlieren wird. Plausibler noch scheint die Vermutung, dass die Anlage in Jericho einen kultischen Bestattungsplatz darstellt
  233. und die Schädel in diesem Zusammenhang als Kultgegenstände oder gar Reliquien benutzt worden sind. Darauf deutet nicht zuletzt der Umstand hin, dass die
  234. Schädeldecken häufig ein künstliches Loch aufweisen. Vielleicht um sie so an einer Schnur aufhängen zu können. Etwa 1000 Jahre jünger als der Turm von
  235. Jericho ist die steinzeitliche Siedlung Chatal Höjük im anatholischen Hochland, auf die der britische Archäologe James Mellard im Jahr 1958 erstmals stieß.
  236. Dort lebten bis zu 8000 Menschen. Wie bei den indianischen Pueblos standen die Häuser dicht an dicht, waren also nicht durch Straßen voneinander getrennt. Sie
  237. hatten keine Türen und nur kleine Fenster. Der Zugang erfolgte über die Flachdächer. Die Innenräume zieren häufig Wandreliefs, farbige Malereien
  238. und übermodellierte Stierschädel. Das deutet darauf hin, dass in den Häusern mythische Kulthandlungen vollzogen wurden.
  239. Gesonderte Kulthäuser hingegen scheint es nicht gegeben zu haben. Genauere Interpretationen sind allerdings schwierig. So findet sich in mehreren
  240. Häusern das Hochrelief einer offenbar menschlichen Person mit erhoblen Armen und gespreizten Beinen. Der Nabel ist durch einen konzentrischen Kreis
  241. betrogt. Mellat deutet dieses Motiv als gebärende Göttin, obwohl die Gesichter nicht erhalten sind und es keinerlei Hinweise auf das Geschlecht gibt. Die
  242. Häuser dienten in Chatal Höjük zugleich als Grabstädten. Die Toten wurden unter dem Boden des Wohnbereiches bestattet. Dabei finden sich auch häufig
  243. Grabbeigaben. Freilich stellt diese Bestattungsform für die jüngere Steinzeit nichts Besonderes da. Die Verstorbenen bleiben
  244. so im Lebensumfeld der Hinterbliebenen. Ob und in welcher Form damit ein Ahnen oder Totenkult verbunden war, lässt sich nur spekulieren.
  245. Von überragender Bedeutung ist schließlich, die im Jahre 1994 von dem deutschen Archäologen Klaus Schmidt entdeckte und seither in mehreren
  246. Etappen ausgegrabene Anlage Görbeckli Tepppe in Südostanatolien. Ihre früheste Schicht geht bis in das zehnte Jahrtausend vor Christus zurück.
  247. Damit ist sie nochmals tausend Jahre älter als der Turm von Jericho. Das allein wäre schon spektakulär genug. Im Zuge der archäologischen Freilegung mehr
  248. sich jedoch rasch die Hinweise darauf, dass es sich keineswegs, wie zunächst vermutet, um eine vorzeitliche Siedlungsstätte handelt, sondern um ein
  249. monumentales gleich aus mehreren Kultstätdten bestehendes zentrales Großheiligtum. Insgesamt rund 200 teförmige Steinquader
  250. von etwa 4 m Höhe und gut 10 Tonnen Gewicht verziert vorwiegend mit Tierreljefs bilden in ovaler Anordnung die einzelnen Kultstätdten. 2 7 m hohe
  251. Quader stehen jeweils zusätzlich in der Mitte. Die Anthropomorphe Grundfeiler der Teppfeiler Grundform der Teppfeiler gilt
  252. als gesichert, sodass sie gleichsam nach innen auf die beiden mittleren Pfeiler blicken, die in der Regel reicher verziert sind und mit hin im Zentrum des
  253. rituellen Geschehens gestanden haben dürften. Etwa 20 solcher Steinkreise gibt es. Sechs davon sind bisher ausgegraben.
  254. Eingefasst werden sie jeweils von Rundmauern aus geschichteten kleineren Feldsteinen. Im Boden finden sie Steinschalen, die wohl Opferzwecken
  255. gedient haben können. Die Reliefs an den Quadern stellen verschiedene Tiere dar, Gazellen, Füchse und Wildschweine, aber auch Schlangen, Kröten und Spinnen.
  256. Daneben finden sich vereinzelt Symbole. Menschendarstellungen fehlen. Die Bild und Symbolsprache scheint insgesamt hoch entwickelt zu sein. Freilich gelangt die
  257. Interpretation auch hier nicht über Vermutungen hinaus. Klaus Schmidt ist davon überzeugt, dass Göbecklieppe ein Moment des Totenkdes darstellt. Seine
  258. Belege allerdings bleiben dürftig, zumal bisher weder Gräber noch Schädelbestattungen gefunden worden sind. Möglicherweise ändert sich das
  259. noch, wenn die Steinbänke und Fußböden geöffnet werden. Angesichts der vielen realistisch ausgearbeiteten Tierdarstellungen wäre allerdings
  260. ebenfalls denkbar, dass im Vordergrund die Jagd und die gemeinschaftliche Verbundenheit mit der Tierwelt stand. Aber natürlich könnte man auch
  261. überlegen, ob und in welcher Weise die Tierdarstellungen auf mythische Wesen verweisen oder als Gefahren abwehrende Wächtersymbole dienen sollten.
  262. Die Funde in Göbecklit Tepppe führen eindrucksvoll vor Augen, dass die Bedeutung des Religiösen im Neolitikum überwältigend gewesen sein muss. Sie
  263. könnten von einer kultisch religiös geprägten Welt, die alles bis dahin Bekannte sprengt. Denn der Bau einer solchen Anlage lässt sich nur als
  264. organisierte Gemeinschaftsleistung einer technisch bereits hochgradig entwickelten und zudem arbeitsteilig differenzierten Kultur verstehen.
  265. Scheint kaum denkbar, dass Göbeckli Teppel nur von einer einzelnen Stammesgemeinschaft oder Wildbeutergruppe errichtet worden ist.
  266. Für den Transport nur eines der monumentalen Steinpfeiler sind wohl bereits etwa 500 Menschen nötig gewesen. Das deutet darauf hin, dass ich hier
  267. mehrere Gruppen Clans oder Verbände zusammengetan haben. Da zu dem in und um Göbekliteppe bisher jedenfalls keine Überreste von Häusern oder Gasiedlungen
  268. gefunden worden sind, scheinen sich nomadische, jedenfalls noch nicht dauerhaft sesshaft lebende und weithin selbständige Wildbeuter ein gemeinsames
  269. Kultzentrum geschaffen zu haben. Offenbar kam einem solchen Zentrum als Versammlungsort und Knotenpunkt für den wechselseitigen Austausch eine
  270. elementare Bedeutung zu. Es wird hier ein organisiertes soziales, kultisches und in Ansätzen gewiss auch politisches Netzwerk sichtbar, dessen Entstehung und
  271. Wirkung in erster Linie rituell begründet war. Klaus Schmidt vermutet gar, dass es sich bei der Anlage in Göbecklitepel um das zentrale Heiligtum
  272. einer steinzeitlichen Amphitonie gehandelt haben könnte. Mittlerweile mehren sich die Stimmen, welche den Fund in Göbentlieppe sogar
  273. noch sehr viel bedeutsamer einschätzen, denn er nötige dazu, das bisherige Bild der neolitischen Revolution grundsätzlich zu überdenken. So legten
  274. die riesigen Ausmaße der Anlage nahe, dass bei den kultischen Zusammenkünften ausschweifende Feste gefeiert wurden. Dafür freilich sei eine entsprechende
  275. Versorgung notwendig gewesen. Und eben dieser Umstand habe den menschheitsgeschichtlich epochalen Übergang zur produzierenden
  276. Nahrungsgewinnung maßgeblich vorangetrieben. Immer größere Feste der Wildbeuter zwangen zu einer nachhaltigen Forcierung
  277. der Nahrungsbeschaffung, an deren Ende dann die organisierte Nahrungsmittelproduktion stand. Die neolitische Revolution hätte dann
  278. nicht im kleinen Hausgarten begonnen. Viel mehr Läge ihre Wurzel in einer bereits im großen Stil organisierten gemeinschaftlichen Kultpraxis.
  279. Erst war der Tempel, dann die Stadt. So lautet die entsprechende Kurzformel Klaus Schmitz. Damit wäre die Religion als kulturelles Epiphänomen gerade nicht
  280. zureichend begriffen. Viel mehr erwiese sie sich als bestimmende Triebfeder der frühmenschheitlichen Entwicklungsgeschichte.
  281. Zugespitzt gesagt, die berühmte Max Weberthese von den gesellschaftlichen Wirkkräften der Religion hätte so ihr prähistorisches Pendant gefunden.
  282. Der Überblick über die neueren archäologischen Funde führt im Blick auf die Frage nach dem Ursprung der Religion zu einem doppelten Ergebnis.
  283. Auf der einen Seite finden sich spätestens im Jungpaleolitikum zahlreiche Spuren eines reichen kultischrösen Lebens. Die menschliche
  284. Religionsgeschichte beginnt nicht erst mit dem Aufkommen der ersten geschichtlichen Großreiche und es wäre auch nicht angemessen die monumentalen
  285. Anlagen bei In Göbeck Liteppe als Zeugnis einer bloß primitiven Religionskultur zu bezeichnen. Auf der anderen Seite freilich bleibt jede
  286. weitergehende Deutung und Ausdeutung der archäologischen Funde unaufhebbar, hypothetisch und spekulativ. Natürlich ist es möglich, zwischen
  287. überzeugenderen und weniger überzeugenden Interpretationsversuchen zu unterscheiden. Gleichwohl können Sie alle die Grenze des nur ungefähren nicht
  288. überschreiten. Wir befinden uns eben noch in der vorschriftlichen Phase der menschlichen Kulturgeschichte. Es gibt daher keine schriftlichen Quellen,
  289. Zeugnisse oder Berichte, welche über den Verlauf und Sinn der Rituale, über mythische Traditionen oder gar religiöse Erfahrungen näheren Aufschluss geben
  290. könnte. Umso erstaunlicher erscheint nun, dass einigen Jahren sich eine neue Debatte entwickelt, um dem Ursprung der Religion
  291. auf den Grund zu gehen. Sie greift sogar noch weit hinter das Neolitikum zurück und verortet die Anfänge der Religion im Zusammenhang der Sprachentstehung vor
  292. etwa 300.000 Jahren, wenn gleich dabei mit allmählichen Lernvorgängen gerechnet wird, die sich über einen Zeitraum von mehreren hunderttausend Jahren
  293. erstrecken. Die Debatte hat ihren disziplinären Ort in der Soziologie und Sozialphilosophie. Zugleich beruft sie sich auf die
  294. Ergebnisse der evolutionären Anthropologie und Kognitionspsychologie. Sie sollen es erlauben, auf wissenschaftlich abgesicherte Weise das
  295. Feld der geschichtlichen Spekulation zu betreten. Im folgenden sei es gestattet, mich auf zwei maßgebliche Ansätze zu beschränken.
  296. Vor etwas mehr als einem Jahr erschien unter dem melancholisch anmutenden Titel auch eine Geschichte der Philosophie, das lang erwartete große Alterswerk von
  297. Jürgen Habermas. Auf mehr als 1700 Zeichen Seiten zeichnet er hier die wechselvolle geschichtliche Konstellation von Glauben und Wissen
  298. nach dem Ziel der säkularen modernen Stammbuch zu schreiben, sich nicht vorschnell gegenüber dem noch immer lebendigen Erbe der religiösen
  299. Überlieferung zu verschließen. Gegenüber seinem früheren Vernunftpathos, welcher eine fortschreitende Aufhebung des Heiligen in den Konsens verheißen
  300. hatte, bedeutet das eine bemerkenswerte Selbstkorrektur. Habermaß ist nachhaltig irritiert über die widerständige Fortexistenz der
  301. Religion in der Moderne. Sie nötigt ihn zu dem Eingeständnis die Religion jedenfalls vorerst noch als Zitat eine andere gleich wohl zeitgenössische
  302. Gestalt des Geistes anerkennen zu müssen. Gleich wohl will er die Gründe [räuspern] dafür offenlegen. Den Ausgangspunkt bildet die schlichte
  303. Beobachtung, dass die Religion ihr spezifisch ihr spezifisches Alleinstellungsmerkmal im Kultus habe. Es greife zu kurz, die Religion
  304. lediglich als eine Form mythisch symbolischer Weltdeutung zu bestimmen. Zitat: Religion spiegelt sich nicht primär in einem Weltbild, sondern
  305. verkörpert sich in jener Praxis, mit der die Gemeinde der Gläubigen die Inhalte ihres Glaubens performativ bezeugt. Im Vollzug des Kultus hätten sich die
  306. Gläubigen den Zugang zu einer archarischen Erfahrung bewahrt, welcher den religiös unmusikalischen Zeitgenossen der Moderne verschlossen
  307. sei. Hier liege der Grund dafür, dass sich die Religionen bisher erfolgreich dem Zugriff des säkularen Denkens gegenüber hätten behaupten können. Mit
  308. hin gelte es den spezifischen Eigensinn der kultischen Praxis genauer aufzuschlüsseln. Aus diesem Grund wendet sich Habermaß der Frage nach dem
  309. geschichtlichen Ursprung der Religion zu, denn er ist davon überzeugt, dass die religiöse Kultpraxis die Verarbeitung zutiefst ambivalenten
  310. Gattungserfahrung widerspiegelt. Sie habe ihre evolutionäre Wurzel in den Erschütterungen, die einst mit dem Übergang zur sprachlichen Kommunikation
  311. verbunden gewesen sein und wiederhole sich in abgeschwächter Form immer dann, wenn das gesellschaftliche Kollektiv durch unerwartet unbeherrschbare
  312. Umstände in Krisen stürzt oder der einzelne an Bruchstellen des Lebenszyklus aus dem Gleichgewichtgerät. Dabei geht Habermas weit ins
  313. Paleolitikum zurück. Als Folge einer zunehmenden Komplexität des frühmenschlichen Gruppenlebens habe vor etwa 300.000 Jahren allmählich die
  314. Entwicklung zur Sprache eingesetzt. Für die Menschen habe sich daraus eine doppelte Herausforderung ergeben. Sie mussten zum einen die kognitiven Folgen
  315. der neuen sprachlichen Weltoffenheit verarbeiten. Zum anderen in sozialer Hinsicht lernen, mit den tiefgreifenden Ambivalenzen
  316. kommunikativergesellschaftung zurechtzukommen. Denn der kooperative Modus sprachlicher Kommunikation führe zum
  317. Auseinandertreten von Ego und Alter und damit breche das Grundproblem des Verhältnisses des Einzelnen zu seiner sozialen Umwelt auf. Dem einzelnen müsse
  318. das gesellschaftliche Kollektiv als rettende Gemeinschaft und drückende Übermacht zugleich begegnet sein. Daraus ergebe die dauerhaft konfliktreiche
  319. Spannung zwischen den imperativen individueller Selbsterhaltung und gesellschaftlicher Kommunikation und Kooperation, also zwischen Solidarität
  320. und Eigeninteresse. Während nun die kognitive Aufgabe durch die Ausbildung mythisch narrativer Weltbilder gelöst werde, antwortet der
  321. religiöse Ritus mit seiner sozialintegrativen Kraft auf die soziale Herausforderung. Er biete die Möglichkeit, die
  322. vielfältigen Spannungen zwischen Individuum und Gesellschaft aufzufangen und in Krisenf Fällen die gefährdete Balance zu erneuern.
  323. Freilich lasse sich eine solche Erneuerung gerade nicht diktieren. Sie könne viel mehr nur vorübergehend im Vollzug des kultischen Prozesses selbst
  324. gelingen. Allen Beteiligten sei bewusst, dass niemand den glücklichen Ausgang dieses Prozesses in der Hand habe. Eben daraus erkläre schließlich die
  325. gemeinsame Unterstellung und eine höhere Macht. Im Gedanken des Heiligen verdichte sich mit Hinzitat die kollektive Erfahrung des Aufatmens, wenn
  326. sich Verknotungen im kommunikativ geworenen Band der Intersubjektivität lösen. Ein überwältigendes, nicht intendierbares Geschehen, das sich jeder
  327. Verfügung der noch so konzentrierten Macht des Einzelnen entzieht. Auf den ersten Blick mag es nun so scheinen, als habe Habermaß sein
  328. früheres Modell einer fortschreitenden Versprachlichung des Sakralen tiefgreifend revoziert. Davon, dass die Religion durch die
  329. Sprache aufgehoben werde, ist nicht mehr die Rede. Stattdessen kommt ihr nun die Aufgabe zu, die Folgen des Übergangs zur Sprache zu bewältigen.
  330. Bei näherem Hinsehen zeigt sich freilich, dass Habermaß seiner anfänglichen Perspektive auf die Religion durchaus treu bleibt. Wohl wird
  331. die Religion evolutionär nun gleichsam in der Menschwerdung des Menschen selbst verankert, aber doch nicht, um daraus ihre bleibende Relevanz abzuleiten,
  332. sondern vielmehren urtümlich archarischen Charakter herauszustellen. Zugespitzt gesagt, die Funktion des Mythos ist ohnehin längst in Vernunft
  333. und Wissenschaft übergegangen. Der fortdauende Kultus hingegen stellt ein evolutionäres Fossil da, ein aus dem vorgeschichtlichen Anfangsstadium des
  334. Menschen in die moderne, fremd, abständig und opak hineinreichendes Relikt. Ein Zweilien habe zwar sich die säkulare
  335. Vernunft mit der Persistenz des religiösen Kultes zu arrangieren. Ja, mehr noch, sie habe sich lernbereit zu zeigen gegenüber den in der Religion
  336. bewahrten Potenzialen zu einer versöhnenden Regenerierung gesellschaftlicher Solidarität. Im Hintergrund steht Habermaßwachsende
  337. Skepsis. ob die säkulare Vernunft aus sich selbst heraus noch die Kraft aufbringe. Zitat: "I profanen Gemütern ein Bewusstsein für die weltweit
  338. verletzte Solidarität, ein Bewusstsein von dem, was fehlt, von dem, was zum Himmel schreit, zu wecken und wach zu halten." Dennoch lässt er keinen Zweifel
  339. an der Aufgabe, unermüdlich daran zu arbeiten, die in den rituellen Praktiken verkapselten Bedeutungsgehalte in eine vernünftig säkulare Begrifflichkeit zu
  340. übersetzen und so dem diskursiven Spiel öffentlicher Gründe zuzuführen. Das heißt also, auch wenn Habermaß der Religion eine zentrale, noch immer
  341. unabgegoldene Rolle im evolutionären Entwicklungsprozess der Menschwertung zuillt, steht seine Beschäftigung mit der Frage nach dem geschichtlichen
  342. Ursprung der Religion doch nach wie vor in der Fluchtlinie ihrer zukünftig zu erwartenden Aufhebung. Von einer gänzlich entgegengesetzten
  343. Interessenlage aus wendet sich schließlich der heamerikanische Soziologe Robert Bella der Frage nach dem Ursprung der Religion zu. Im Jahre
  344. 2011 bereits erschien sein monumentales Spätwerk Religion in Human Evolution, das unter dem Titel der Ursprung der Religion seit einigen Wochen auch in
  345. deutscher Übersetzung vorliegt. Es handelt sich um den ersten Band einer soziologisch inspirierten Weltgeschichte der Religion, die vom Paleolitikum bis
  346. in die Gegenwart reichen sollte. Der plötzliche Tod Bellas im Sommer 2013 hat die Realisierung dieses Vorhabens verhindert. Der erste Band führt nun von
  347. den Anfängen bis in die Achsenzeit. Allerdings ist mit dem Begriff der Achsenzeit zugleich ein zentraler Schlüsselbegriff Bellas benannt. Dieser
  348. Begriff geht ursprünglich zurück auf Karl Jaspas und bezeichnet jene Zeitspanne zwischen etwa 800 und 200 vor Christus, in welcher sich in den frühen
  349. eurasischen Hochkulturen unabhängig voneinander ein vergleichbarer kognitiver Entwicklungssprung vollzogen habe. Dieser wird gemeinhin als
  350. Entdeckung der Transzendenz bezeichnet. Aus ihm seien die bis heute nachwirkenden religiösen und metaphysischen Weltbilder
  351. hervorgegangen. Das Achsenzeitthe wird derzeit breit diskutiert und ist zugleich hoch umstritten. Nicht nur wegen seiner
  352. massiven geschichtsphilosophischen Voraussetzungen, sondern auch deshalb, weil es nicht recht gelingt, schlüssig anzugeben, worin genau eigentlich jene
  353. achsenzeitliche Wände bestanden haben soll. Das mag hier auf sich beruhen. Bella jedenfalls übernimmt das Konzept und modifiziert es zugleich auf eine
  354. Weise, die sein spezifisch eigenes Interesse erkennen lässt. Zunächst verteidigt er das Grundmotiv der Achsenzeitfigur.
  355. Es gelte, die gängige Blickverengung auf das christliche Abendland zu überwinden und konsequent die evolutionäre Gleichrangigkeit aller Kulturen und
  356. Weltreligionen zur Geltung zu bringen. Sie liege gerade im Umstand eines gemeinsamen achsenzeitlichen Durchbruchs begründet. Dabei relativiert Bella
  357. jedoch zugleich die Unterstellung. Im Zugegenes Durchbruchs werde eine niedere Stufe von einer nun beginnenden höheren Stufe abgelöst. Dem gegenüber lautet
  358. Bellas Leidformel: "Nichts geht jemals verloren." Wohl gebe es ein tiefgreifende Wohlgebe es tiefgreifende Verschiebungen und Veränderungen. Diese
  359. aber seinen vornehmlich als Komplexitätssteigerungen zu verstehen. Mit denin gelte es bei aller diskontinutierlichen Stufengliederung
  360. des geistlichen Entwicklungsganges des mit der Menschheit den Aspekt der Kontinuität im Blick zu behalten. Eine Umsetzung folgt daraus, dass die
  361. achsenzeitliche Wände für Bella letztlich nur ein allgemeines Strukturmoment deutlicher hervortreten lässt, welches der Religion bereits von
  362. Anbeginn zu eigen Bella zufolge zeichne sich nun die Achsenzeit selbst durch die Entstehung eines Denkens zweiter Ordnung aus.
  363. Darunter versteht er die Ausbildung eines kritischen Distanzbewusstseins zur gegebenen Wirklichkeit. die Fähigkeit zur alltäglichen und vorfindlichen
  364. Ordnung der Welt in Abstand zu treten, sich ihre Unmittelbarkeit zu entziehen, ja mehr noch sie im Namen einer höheren Transzendenz in ihrer Geltung und
  365. Reichweite zu relativieren. Eben diese Distanzierungsfigur legt also dann auch seiner Deutung des Ursprungs der Religion zugrunde. Den
  366. entscheidenden Schlüssel findet er dabei im Phänomen des Spiels. So habe die menschliche Praxis der kooperativen Brutpflege zu einer Lockerung des
  367. Selektionsdrucks geführt. Daraus sei der Freiraum erwachsen, spielen zu können. John Johann Hösinger hatte das Spiel zum Ursprung der menschlichen Kultur
  368. erklärt. Denn im Spiel trete der Mensch aus den Grenzen seines natürlich bedingten Alltages heraus und gewinne den Zugang zu einer anderen in gewisser
  369. Weise heilen Wirklichkeit. Der Gegensatz zum Spiel sei insofern gerade nicht der Ernst, sondern die Arbeit. In der Praxis des Spiels findet das Gefühl des
  370. Eingebettet Seins des Menschen in den Kosmos seinen ersten, höchsten und heiligsten Ausdruck. In dem Maße, in dem dieses Gefühl dann selbst rituell zur
  371. Darstellung gebracht werde, wandelte sich das Spiel zum Kultus. Bella übernimmt Häusingers Gedanken. Die Praxis des Spiels stelle die Urform
  372. kultischreligiöser Rituale dar. Noch vor der Ausbildung sprachlich mythischer Sinnwelten erfahre der Mensch im rhythmisch leibhaften Vollzug des
  373. kultischen Spiels eine Form gemeinschaftlicher Solidarität, welche zugleich eine Wirklichkeit ahnen lasse, wie sie eigentlich sein sollte.
  374. Zitat: "Mit Hilfe mimetischer Rituale überwindet die Gesellschaft all das unablässige Gezenk, die gruppen internen Streitigkeiten und Verletzungen, die Wut
  375. und Misskunst, die endemisch in jeder Gesellschaft auftreten und zeigt sich stattdessen als eine geeinte Gesellschaft."
  376. Anders als bei Habermas geht für Bella so die Urform der Religion der Sprachwertung sogar noch voraus. Sie bewältigt nicht die mit der sprachlichen
  377. Kommunikation aufbrechende Fragilität der sozialen Beziehungen. Viel vermutet Bella, dass der wirklichkeitsordnende und überschießende Grundzug des
  378. kultischen Rituals den Übergang zum mythischen Denken und schließlich zum vollen Sprachgebrauch überhaupt erst ermöglicht und vorangetrieben habe.
  379. Freilich werde damit bereits die nächste kulturelle Stufe erreicht. Sie erlaube es, die zunächst performativ heraufgeführte Freiheit und Distanz zur
  380. alltäglichen Wirklichkeit, nun auch sprachlich narrativ zu entfallen. Im Hintergrund steht offenkundig ein Religionsverständnis, welches dieses mit
  381. der Fähigkeit des Menschen verknüpft, die Bindung als die alltäglich gegebene Wirklichkeit kultisch performativ, mythisch narrativ oder schließlich auch
  382. symbolisch begrifflich zu überschreiten. Die entscheidende Parte aber liegt noch an einer anderen Stelle, denn Bella will es bei der Suche nach einem möglichen
  383. Ursprung der Religion gerade nicht belassen. Sie soll viel mehr nur den Ausgangspunkt bilden, um auf ihrer Grundlage die komplexe Vielfalt der
  384. menschlichen Religionsgeschichte in eine evolutionäre Ordnung zu bringen. Bella sucht den Nachweis zu führen, Zitat: "Dass alle Religionen historisch
  385. miteinander zusammenhängen. dass es trotz aller Brüche, Diskontinuitäten und Entwicklungssprünge möglich bleibt, die Vielfalt der Religionen als einen von
  386. ihrem Ursprung her miteinander verbundenes Ganzes aufzuweisen. Damit wird schließlich das poentierte Gegenwartsinteresse erkennbar, welches
  387. auch Bellas Entwurf von Grund auf leitet. Ihm ist daran gelegen, die drückende Konfliktsignatur des religiösen Pluralismus zu überwinden,
  388. aber nicht dadurch, dass die Religionen aus der Öffentlichkeit verbannt werden, sondern indem die in ihrem gemeinsamen Ursprung begründete innere
  389. Verwandtschaft und Verständigungsfähigkeit offengelegt wird. Mit ihrer Perspektive eines moralischen Universalismus komme
  390. den Religionen in den zahlreichen politischkulturellen Auseinandersetzungen der Gegenwart eine eminente Bedeutung zu. Damit diese
  391. Perspektive aber ihre fruchtbare Wirkung entfalten könne, müssten die Religionen ihre inneren Streitigkeiten überwinden und lernen, Zitat, gemeinsam an der
  392. Verwirklichung von Kanz Traum einer weltweiten Zivilgesellschaft mitzuarbeiten. Auf seine Weise bestätigt so auch Robert
  393. Beller nochmals, was im Gang der zurückgelegenen über Überlegungen gezeigt werden sollte. Die Frage nach dem Ursprung der Religion bezieht ihre
  394. geradezu unerschöpfliche Faszinationskraft aus dem Umstand, dass im Medium der Beschäftigung mit dem geschichtlichen Ursprung der Religion
  395. stets zugleich die Frage nach ihrer gegenwärtigen Bedeutung zu bearbeiten versucht wird. Jede Antwort auf die Frage nach dem Ursprung der Religion
  396. erfolgt aus einem perspektivisch gebundenen Zugriff heraus heraus, dem dabei letztlich, ob eingestanden oder nicht, eine positionelle Haltung zu
  397. Eigenart, Stellung und Zukunft der Religion in der Moderne zugrunde liegt. Das schmällert den Wert der religionsgeschichtlichen Ansätze und
  398. Hypothesen nicht. Ganz im Gegenteil. Es zeigt und bestätigt viel mehr die Einsicht ernst tröllisch, dass alle Beschäftigung mit der Geschichte, will
  399. sie nicht nur von antiquarischem Wert sein, letztlich darauf zielt, Gegenwart und Zukunft besser zu verstehen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
  400. Hallo, will ich hören? Hallo, ich glaube, ich muss erst mal eine Weile reden, damit ich irgendwie hörbar werde.
  401. Äh, es scheint jetzt aber so zu sein, oder? Ja, gut. Alles klar. Ja, Martin, ganz herzlichen
  402. Dank für den fulminanten Vortrag. Du hast in eindrucksvoller Weise Genesung und Geltung zusammengeführt und zusammengehalten.
  403. Ähm, ich fange einfach mal mit einer ersten Frage an. Verstehe ich dich richtig, dass du im Grunde äh die sozusagen religionstheoretische
  404. Begründung des religiösen im Sozialen dann deinerseits sozusagen historisch verifiziert hast? also letztlich sozusagen die religionstheoretische
  405. äh Prämisse äh eine äh vor allem dann am Neolitikum oder vom Neolitikum an aufwärts ähm äh verlaufende ähm ja historische Verifikation erfahren
  406. hat. Ja, also ich wollte sozusagen erstmal grundsätzlich auf die Ampivalenz dieser beiden Perspektiven aufmerksam machen,
  407. ne? Also die Frage nach der Geltung der Religion dem Religionsverständnis und die Frage nach der historischen Entstehung, dass das eben das eine nie
  408. ohne das andere zu betrachten ist. Ähm auf der inhaltlichen Ebene glaube ich hast du recht. Das was man wirklich sagen kann und sagen muss ist, dass die
  409. Wurzel der Religion im Ritual liegt im Kultus. also nicht äh äh äh in irgendwelchen dogmatischen Lehren ähm äh schon gar nicht in irgendwelchen
  410. individuellen Främigkeitserfahrung, sondern tatsächlich zunächst in einem sozialen Zusammensein. Und dabei wird man sich natürlich irgendwie diese
  411. Frage, wie soll man sagen, der Unterscheidung von Ritualen und Mythos. Was war jetzt zuerst? Das wird man wahrscheinlich sehr vorsichtig
  412. betrachten müssen, ne? Also ähm äh äh Bella sagt nun sogar noch vorsprachlich sei das möglich. Umgekehrt würden wir natürlich schon auch sagen, wie soll ein
  413. Ritual stattfinden? wenn man nicht in irgendeiner Weise dann miteinander spricht, ja, oder irgendwas rezitiert, ja, äh äh aber vielleicht in den
  414. Vorstufen kann man sogar zurückgehen. Aber der Punkt ist in der Tat ähm ich würde sagen äh an der Tatsache, dass am Ausgangspunkt der soziale Kult steht,
  415. der rituelle Kult, eine Praxis, das äh äh lässt sich, glaube ich, nicht bezweifeln. Ja, da hätte ich eine Frage und zwar
  416. gerade das, wann fängt denn das eigentlich an, ne? Wenn ich mich also erinnere, äh ich habe viel in diesen Höhlen äh gearbeitet, auch mit den
  417. Malereien und so weiter. Ich könnte mir schon vorstellen, dass das also schon lange äh vor der neolitischen Revolution passiert ist. Und äh wir sehen das ja
  418. auch. Ich meine, ich habe einiges in in den Höhlen von Pyäen gesehen, wo ich mich also schon gewundert habe, was man da alles sieht. Und das waren
  419. nicht Neanderataler, aber doch frühe Homo Sapiens, aber immerhin so um um ja vielleicht 30.000 1000 Jahre alt und das war schon derartig komplex, wie wir es
  420. eigentlich heute auch haben, wenn wir das also auf das Rituelle äh ich finde die Idee ganz gut und ich glaube, das müssen wir viel früher verorten, als wie
  421. als wie nur im Neolitikum, ne? Ja, ich meine äh wenn Sie auf die Höhlenmalerei äh noch mal anspielen, also diese Höhle von Alter Mira, diese
  422. Bilder sind ja der Art beeindruckend. Das sind doch keine Anfänger gewesen. Wir haben das doch schon lange äh ausgebildet. äh äh und diese Techniken
  423. äh sag äh ähm ähm gelernt und perfektioniert. Ja, also äh das ist doch geradezu schon der Höhepunkt einer eines Entwicklungsstadiums und er recht äh
  424. muss ich sagen, hat mich beeindruckt. Das wusste ich eben vorher gar nicht, was diese Ausgrabung von Göbertlippe bedeuten. Ja, also diese riesige
  425. Kultanlage, das das das muss ja eine enorme Vorgeschichte gehabt haben. Ja, da muss eine Arbeitsteilung vorgelegen haben. Es
  426. muss geplant geworden ähäh sein. Ja. Äh ähm da zeigt sich doch irgendwie eine auch der Höhepunkt s einer kulturellen Entwicklungsgeschichte. Ja. Ähm, ich
  427. will eben ja nur immer sagen äh äh äh Vorsicht bei allen Überlegungen. Wir befinden uns in einer Zeit, in der es keine schriftlichen Dokumente gibt. Das
  428. ist die vorschriftliche Phase menschlicher Kultur und insofern bleiben alle weiteren Überlegungen schlicht irgendwie und ähm äh Hypothesen. Und man
  429. hat an der reichen äh religionsgeschichtlichen Debatte auf der Wende zum 19. zum 20. Jahrhundert gesehen, dass das der das Einfallstor
  430. war, um das was man schon immer von der Religion gehalten gedacht hat oder sagen wollte nun in den Anfang zurückprojiziert hat. Ja, festhalten
  431. jedenfalls z.B. können wir, dass in allen diesen Phasen und Berichten und den Funden, die ich da bericht habe, von einer Gött Gottheit oder einer äh
  432. Transzendenzvorstellung oder einem höheren Wesen keine Rede ist. Ja, äh äh die Ausbildung einer Gottheit, glaube ich, geschieht erst sehr sehr sehr viel
  433. später. Ja, und insofern sind alle diese Theorien, da habe man irgendwie äh irgendwie höhere Wesen verehrt, äh mit hoher Vorsicht zu betrachten, wenn damit
  434. gemeint sein soll, äh etwas, was den als solchen immer schon als kontinuierlichen gedachten hang gedachten Zusammenhang menschlichen Lebens und Sterbens
  435. irgendwie zu bedenken. Wir haben eine Frage im Chat, Martin, ich lese die mal vor. Äh Annette fragt: "Mir fehlt bei den bisherigen sehr
  436. vielfältigen Überlegungen noch ein wenig der Aspekt der Religio, also der Rückbindung an eine höhere Macht. Dabei interessiert mich das persönliche Gebet,
  437. wenn die Gehirne der Hominiden in der Lage waren, doppelbödig zu denken, ist es dann nicht wahrscheinlich, dass sie in Notsituationen im um Hilfe gerufen
  438. oder in Danksituation gedankt haben? Greif es nicht zu kurz anzunehmen, dass Religion nicht im privaten entstünde. Irgendjemand muss doch als erster die
  439. Idee gehabt haben. Ja. Ähm [räuspern] äh denkbar ist vieles. Ja. Und möglicherweise auch das. Ich würde jetzt aus äh meiner äh meiner
  440. Kenntnis der theoretischen Entwicklung, meiner eigenen Überzeugung her sagen, religiös etwas erfahren zu können, religiöse Erfahrung zu machen, muss
  441. gelernt werden. Natürlich muss jemand damit ähäh begonnen haben, das ist völlig klar, aber möglicherweise nicht irgendwie einzelnes Supergenie, sondern
  442. eben soll diese Situation eines kultischen Zusammenseins, deren Ausdeutung und den damit zunächst unspezifischen
  443. sagen Mehrwert über die Wirklichkeit hinausgehen, dann allmählich zu solchen symbolischen äh Bildern geführt hat, wie einer höheren Macht oder so etwas. Ja,
  444. äh äh noch mal, das ist alles hochgradig spekulativ und vielleicht ähm äh befinde ich mich dann mit allen anderen dann auf einem völligen Irrweg. Das kann ja sein,
  445. wir werden es nicht belegen können. Mir scheint es nur eben sehr plausibel einfach dem Umstand nachzugeben oder deutlicher in Rechnung zu stellen. Ja,
  446. dass äh die Fähigkeit individuelle religiöse Erfahrungen machen zu können, ein soziales Phänomen ist, dass man äh äh dass man das gelernt haben muss, das
  447. zu können und das insofern die Sozialität der erste Schritt ist. Vielleicht kann man sogar noch zuspitzen und etwas deutlicher sagen, die
  448. Tatsache, dass wir so gewohnt sind, Religion als ein individuelles Phänomen zu betrachten. Ja, das ist etwas, ja, Herr Kratz wird das vielleicht in der
  449. nächsten Woche dann sagen, vielleicht etwas, was mit den altisraelitischen Propheten beginnt oder so etwas oder vielleicht sogar noch später in der
  450. Reformationszeit oder noch noch später in der äh in der Aufklärung. Das kann man ja, da lasse ich mich gerne mit mir streiten. Ich glaube nur, dass diese
  451. Herangehensweise an das Phänomen der Religion nicht dem entspricht, was wir verantwortlich rechtfertigen und ausdeuten können, wenn wir uns auf diese
  452. frühen Belege äh stützen. Der eben schon angesprochene Kratz hat eine Frage gestellt.
  453. Ursprung der Religion in Praxis und Kultus. Gibt es einen Unterschied zwischen sozialer in Klammern feierlicher Praxis der Gemeinschaft und
  454. religiöser Praxis? Wann kommen andere Mächte und Götter ins Spiel? [schnauben] Äh äh das mit dem Unterschied habe ich noch
  455. nicht ganz geschaglicher Praxis. Meint er das? Zwischen sozialer und religiöser Praxis.
  456. Ach so, sozial. Ja. ähm präzisiert. Nein, individuelle Religion ist älter auch in Ägypten und Mesopotanien, aber möglicherweise
  457. sekundär gegenüber der sozialen Praxis. Genau. Also wann das mit Ich wollte ja nur sagen, in dem Bereich, den ich jetzt bearbeitet habe, ja, der liegt ja noch
  458. mal gut 6000 Jahre äh äh vor dem äh vor dem Befunden, mit den Herr Kratzlern zu tun hat. Da wäre ich mit der Individualität äh vorsichtig. Ich ich
  459. bin kein ich würde keine These jetzt wagen, gültige These, wann denn s die Indivalisierung stattgefunden hat. Und natürlich ja ähm äh äh bedeutet ja diese
  460. Erfahrung, die man dem Kult macht, dann auch eine Erfahrung, die sozusagen persönlich äh gemacht wird. Das ist ja völlig klar. diese starke Unterscheidung
  461. sozusagen im Unterschied zu einer Teilnahme am sozialen Ritual oder äh äh sagen individuelle religiöse Erfahrung zu machen, das ist möglicherweise eine
  462. Kulturleistung, die erst sehr viel später kommt. Ähm in der Frage würde ich jetzt zweierlei äh sagen bei dem ersten Teil, den zweiten muss mir gleich noch
  463. mal sagen lassen. Äh die Unterscheidung zwischen äh sozialem Ritual und religiösem Ritual ist natürlich eine ganz schwierige Unterscheidung in dieser
  464. ganz ganz frühen Form. Ja, weil möglicherweise die äh äh damit bereits ein Entwicklungsstadium vorausgesetzt ist, was wir in dieser Form gar nicht äh
  465. äh annehmen können. Offenbar jedenfalls ist doch deutlich, dass an diesem Tempelberg da Göbelly Teppel ähm es wirklich die Gelegenheit gegeben hat, in
  466. besonderer Weise sich kultisch zu versammeln und zu feiern, also eine Ausnahme vom Alltag zu machen, sich zu einem Fest zu versammeln und das ist
  467. dann noch mal stark unterschieden. in welcher Weise es privatreligiöse Kulte und kultische Rituale gegeben hat. Ähm ist möglicherweise etwas, wo man je
  468. nach Region und je nach Jahrtausend hätte ich jetzt beiner gesagt näher gucken muss. Ja. Ähm ich hatte ja gesagt, die dann äh äh sehr viel jüngere
  469. äh Städte in Chatal Höjük hat gar keinen gemeinsamen Kultraum, sondern da ist offensichtlich der Kult in Wohnhäusern begangen worden. Ja, das war glaube ich
  470. die eine Frage. Die zweite weiß ich jetzt schon gar nicht mehr genau. Kannst du die noch mal wiederholen, Thomas?
  471. Es geht um den Unterschied zwischen, also es geht ja kratz um den Unterschied zwischen sozialem Ritus und religiösem Ritus.
  472. Ja. Ja, ich wichtige Frage, also bestanden als Erfahrung von höheren Mächten, also die soll, also äh da muss ich noch mal nachfangen.
  473. Natürlich muss man sagen, Ritus ist etwas, was nicht nur religiöse Sachverhalte beschreibt, ne? also Samstagnchmittags ins Stadion zu gehen,
  474. wenn das wieder möglich ist, ist ein Ritus, aber äh nichts Religiöses. Da würde ich jedenfalls dran festhalten. Ja. Ähm äh auch wenn man manchmal
  475. Passionserfahrung macht, die ganz besondere Eigenart haben. Ja, aber äh äh äh äh das sprich der HSV Fan. Ja, es gibt also äh
  476. er will da wahrscheinlich darauf hinaus irgendwie ähm, dass offensichtlich es mit einem besonderen Programm oder einer besonderen Symbolik verbunden sein muss,
  477. ein solche eine solche ein solchen Ritus, ein solches Ritual dann als etwas religiöses zu erleben. Da hat er natürlich da hat er natürlich recht, das
  478. würde ich schon auch unterstreichen. wäre nur vorsichtig, zu schnell äh ja mit äh religiösen Symbolen oder im Verständnis von religiösen Symbolen zu
  479. kommen, wie sie sich uns so tief kulturellich kulturgeschichtlich eingegraben haben. Ja, möglicherweise ist tatsächlich ähm äh es zunächst eine
  480. Form, wie soll man sagen, eines rituellen Geschehens, um möglicherweise irgendeinen Gegenstand oder irgendetwas, bei dem diese Gemeinschafts Erfahrung
  481. als solche sich verdichtet, dieses dann irgendwie wiederholt wird, äh mit einer entsprechenden Deutung versehen wird und dann entsteht das so allmählich im Laufe
  482. der Jahrhunderte oder mehr oder weniger sogar Jahrtausende. Ja, ich gebe zu, also äh äh man da man muss vorsichtig sein, dass man da die entsprechenden
  483. unter äh ähm äh dass man da richtig vorsichtig ist, aber wir haben eben da so enorm lange Entwicklungsphasen offensichtlich.
  484. Darf ich dazu vielleicht ganz kurz was fragen? Äh bitte gerne. Vielen Dank auch für den Vortrag von
  485. mir. Äh ist es dann nicht auch irgendwie eine Frage der Definition? Ja, das wollte ich spreche. Ich meine ähm [gelächter]
  486. ja, also genau das war ja so der Punkt, den ich äh auf den ich hinweisen wollte, s diese innere Verwobenheit oder Zirkularität. Ja. Ähm äh ich glaube
  487. eben, dass sehr sehr sehr häufig, also sagen wir es mal so, ich würde sagen, die Frage nach dem Ursprung der der Religion ist nicht beantwortbar. Das ist
  488. eine spekulative Frage, weil wir hinter alles das zurückgehen, was wir in irgendeiner Form verantwortlich belegen können. Wer das tut, tut es, weil wir
  489. diese Frage stellen, die interessiert uns. Wir tun es aber immer schon mit einem vorgefassten ähm Religionsbegriff, um das überhaupt als Religion
  490. identifizieren zu können, dessen Spuren wir dann sehen. Und wir tun es letztlich aus dem Interesse heraus, jedenfalls oder wir die jetzt ist jetzt sehr
  491. vereinnahmt, entschuldigen Sie bitte Herr Duda, die Literatur ja tut es dann, um damit ein Gegenwartsinteresse zu verfolgen. Aber man will sagen,
  492. religiöse Menschen sind eigentlich in der Steinzeit hellen geblieben. Ja. Äh Bella möchte sagen irgendwie Leute, ihr müsst alle doch irgendwie klar sein, ihr
  493. gehört alle zur gleichen Familie. Ja. äh äh äh Phraser würde sagen, das sind alles schlechte Wissenschaftler und wir haben durch die moderne Wissenschaft das
  494. endlich hinter uns gelassen. Ich weiß gar nicht, warum es diese blöden Männer noch gibt. Ja, also äh diese dieses normative Interesse, welches immer
  495. schon, wie soll man sagen, ist überhaupt ermöglicht, etwas als Religion zu identifizieren und damit immer aber auch eine eigene Perspektive schon anlegt,
  496. das ist so das was man sich an dieser Stelle klar machen muss. Interessant. Ist ja schon Schnittmengen mit der naturwissenschaftlichen
  497. Forschung. [gelächter] Danke. Ja,
  498. danke Ihnen für dass ich das noch mal äh so etwas ruppig klaren konnte. Also, wir kommen gleich noch mal auf eine
  499. Frage von Herrn Katz zurück. Jetzt habe ich zwischendrin noch eine Frage von Herrn Gunner Anger. Welches schriftliche Zeugnis gilt als die älteste religiöse
  500. Textquelle der Menschheit? Puh, das gebe ich gleich an Herrn Kratz weiter. Das weiß ich. kann ja leider nicht reden.
  501. Also es äh da gibt es also sagen mal so, ähm äh es gibt da eine Debatte, die gerade im Umbruch befunden befindlich ist. Äh lange Zeit wurde gesagt, die
  502. ältesten Schriftzeugnisse äh haben äh gehen also auf Mesopotamien zurück und so ungefähr 3in5000 vor vor Christus und die Poarte nicht religiös, sondern
  503. Listen äh mit denen irgendwie Inventarlisten oder Organisationslisten geführt wurden. Seit einigen Jahren verändert sich das Bild. Jetzt wird
  504. gesagt, die Schrift habe ihren Ursprung nicht im vorderen äh Orient äh sondern in Europa und zwar bereits 5000 vor Christus, weil da offensichtlich äh
  505. Texte, Textfragmente gefunden worden sind auf äh bestimmten äh äh Tafeln, die äh soweit sie bisher entschlüsselt worden sind, offenbar religiösen Inhalts
  506. sind. Ja, äh aber da kann ich nur auf den Streitter Fachleute verweisen. Ähm äh und mehr dazu äh präziser selber nicht sagen.
  507. Also [räuspern] äh jetzt noch mal zu der Frage von Herrn Kratz. Es geht ihm nicht um die Unterscheidung von privat und öffentlich,
  508. sondern es geht um die Unterscheidung zwischen Feiern der Gemeinschaft, also sozialen Events, ähm Feiern der Gemeinschaft ihrer selbst
  509. sozusagen und Feiern eines höheren Wesens. Ja. Ähm
  510. ja, die harte religionssoziologische These äh von Dürheim begründet heißt, das ist dasselbe, weil äh das höhere Wesen sorgen die
  511. symbolische Vergegenständlichung der Sicht der selbstfeiernden äh Gemeinde darstellt. Ja. äh äh und die ist natürlich hochgradig umstritten. Ob man
  512. da jetzt an in äh aus den, wie soll man sagen, sowieso spärlichen Funden und auf dem schwachen äh tierisch Fundament, in dem man da steht, überhaupt jetzt
  513. irgendwelche äh äh Entscheidung treffen kann, da wäre ich sehr vorsichtig. Ich würde zunächst in der Tat sagen irgendwie ähm, dass nicht das höhere
  514. Wesen den Anfang macht, sondern äh, dass das Spiel, also die Form Song der einer Form des aus dem Alltag heraustetenden äh äh Regel geregelten Zusammenseins,
  515. welches irgendwie Distanz bringt in Alltag, welches plötzlich irgendwie eine Vorstellung von Gemeinschaft entstehbar werden lässt, welches die heilsamer oder
  516. vollständiger ist als die wirkliche dass da etwas beschlossen liegt, was sich dann mit religiöser Symbolik äh anlagert, wenn das irgendwie rituell
  517. praktiziert und als solches zu Bewusstsein kommt. Noch einmal, wir reden hier um Entwicklungsprozesse, wenn das nicht völliger Blödsinn ist, die
  518. mehrere hunderttausend Jahre umfassen. Ja, das wird nicht einfach mal so schnell passiert sein, aber dass das an als ein höheres Wesen dann tatsächlich
  519. zur Darstellung gebracht wird, da bin ich mir nicht sicher, ob das überhaupt in den Bereich dessen Fällt äh von dem ich jetzt gesprochen habe. Ähm, ich
  520. hätte jetzt noch kurz eine eigene Frage. Äh, könnte es sein, dass die bellersche Spieltheorie etwas harmonistisch ist?
  521. Ja, also das agonistische Moment des Spiels, ja, dass uns nicht erst auf dem Fußballplatz vor Augen treten muss, äh
  522. scheint mir doch auch äh ja erwegenswert und dann in Hinblick auf, sag mal, religionstheoretisch alles
  523. andere als belanglos. Und noch ein anderer kurzer Aspekt, ähm den Totenkult äh hast du relativ äh äh distanziert behandelt, äh auch höhere
  524. Säugetiere trauern. Mhm. Ähm mir scheint aller allerdings doch die Frage, ob nicht sozusagen in dieser
  525. äh in dem Moment der Trauer, vielleicht neige ich selber und fühle mich dabei sofort entlarft religionstheoretisch. äh äh doch in dem Sinne äh einer einer
  526. einem solchen Zugang nah, als ich in der äh Verarbeitung und Endlichkeitserfahrung einen wesentlichen äh Stimulans von Religion
  527. sehe, ähm das hast du äh ja in gewisser Weise gemieden. Könntest du dazu noch was sagen? Ja, also erstmal zu dem ersten Punkt mit
  528. der Konfliktsignatur ist völlig richtig. Allerdings ist sie im Spiel natürlich hochgradig geregelt. Ja. Und äh äh äh da äh da da müsste man genau hinsehen
  529. irgendwie, das würde jetzt zu weit führen, das auszuarbeiten. Aber dass man bei der gesamten Figur von Bella ähm äh aufpassen muss, äh dass das sagen
  530. pologene Element, welches in der religiösen äh Tradition immer drin liegt, nicht unterbelichtet wird. Das ist in der Tat äh ähäh beachten
  531. bedenkenswert. Zu deiner anderen Frage, na, das führt zurück auf die Frage irgendwie, wie Religion zu verstehen und vor allen Dingen, wie sie heute Menschen
  532. zuzuschreiben ist. Ähm, wir haben heute den Umstand ähm äh äh, dass äh die Akzeptanz der äh religiösen Bestattung zurückgeht. Es gibt Menschen äh sehr,
  533. sehr sehr viel Menschen, und das ist ja ein rapider Umschwung, den wir da haben, die eben nicht mehr auf die äh auf das kaalangebot äh der Kirchen oder anderer
  534. religiöser Gemeinschaften an dieser Stelle zurückgreifen. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten. Man kann sagen, die sind kulturell
  535. depraviert, ja, irgendwie die haben einen Defizit, die wissen gar nicht, was sie tun. äh äh ja, irgendwie das ist eben die Verfalls Erscheinung, wie auch
  536. immer. Eigentlich ja würden sie so, da bin ich mir eben nicht richtig äh nicht sicher, ob man äh ob das nicht ein äh Überlegenheitsgestus ist, äh zu sagen,
  537. dass diese Menschen irgendwie äh äh nicht gleichsam defizitär sind, ja, wenn man das jetzt mal sehr ruppig sagt, oder ob wir nicht doch einfach genötigt sind
  538. durch dieses durch dieses schlichte Faktum, dass das so ist und sich so verbreitet. unsere eigenen Denkgewohnheiten zu verändern und
  539. anerkennen zu müssen, dass äh es Menschen gibt, die auch bei diesem Umstand offensichtlich eine Form gefunden haben, mit dem Problem des
  540. Todes umzugehen, ohne sich einer religiösen Tradition äh ähm anzunäheren oder von ihr Gebrauch zu machen. Ja, und das würde mich dazu führen, das hat mich
  541. dazu geführt, irgendwie gegenüber dieser sehr schnellen klassischen und sehr verbreiteten These bei Bestattung irgendwie sagen, den Ausgangspunkt des
  542. zumindest ein Fragezeichen zu setzen. Jetzt aus der Perspektive dessen, was ich gemacht habe, würde ich ja sagen, äh wir haben halt diese ähm wir haben die
  543. Bestattung. Also, es ist ein pietätvoller Umgang. Du hast Recht, nicht nur Menschen machen es, auch Tiere. Ähm äh wir haben auch
  544. offensichtlich diese gestalteten Schädel. Das heißt, da ist irgendwas hat da stattgefunden. Ja, ob das aber die ursprüngliche Wurzel war und ob der
  545. Neandertaler dadurch, dass er angefangen hat zu bestatten, irgendwie schon als solches religiös war und wenn überhaupt in welcher Weise man dann eigentlich von
  546. einer Religiosität sprechen kann, ja? Äh äh äh oder ob nicht hier auch noch viele Entwicklungsstalien zu berücksichten wären, da wäre ich eben vorsichtig. Aber
  547. wichtiger ist mir eigentlich oder als mein eigenes Motiv, dass ich mich selber zwingen möchte äh äh anzuerkennen und zu respektieren den Umstand der
  548. religionsfreien Lebensführung und mir zu durchdenken, was das dann für solche anthropologischen Generalsituationen heißt.
  549. Wir haben der der Chat ist noch gefüllt, deshalb äh müssen wir jetzt ein bisschen Tempo machen. Ein anonymer Zuschauer fragt: "Wenn man religiöses Erleben
  550. erlernen muss, gibt es dann auch Forschung zu zeitgenössischen Unterschieden in der Fähigkeit des religiösen Erlebens und Faktoren, die
  551. das vielleicht fördern?" M äh was heißt zeitgenössisch? Jetzt auf unsere Zeit bezogen oder
  552. heute? Ja, ich denke, die gibt's ja klar. Ich meine, die Religionsdidaktik Religionschnologie ist ja äh äh voll davon. sag, da würde sich
  553. ein ganz neues weites Feld öffnen. Ja. Äh ja, aber also du kannst die Frage mit ja
  554. beantworten. Ja. Ja. der der Umstand einfach sich zum Umstand recht zu sag äh jeder ist für sich
  555. selbst religiös, aber niemand allein. Okay. Anette fragt äh ich möchte mal etwas ketzerisch in
  556. den Raum werfen, dass die Religion sich zwar methodisch nicht in die Naturwissenschaften einzumischen hat, dass sie aber sehr wohl zuständig ist
  557. für die Bereiche menschlichen Lebens, die sich nicht zählen, messen und labortechnisch nachstellen lassen. Der Mensch ist ja auch Geist und Seele und
  558. diese Erfahrung ist trotz ihrer mangelnden Beweisbarkeit existentiell. Erfüllt Religion damit nicht unabhängig von ihren von ihrer konkreten Ausbildung
  559. eine wichtige Funktion. Kann ich nur zustimmen. Das ist gilt ü, es gilt für alle kulturellen Phänomene. Äh die haben eine Eigenlogik, die
  560. naturwissenschaftlich nicht erreichbar ist. Darum hatte ich ja, wenn das aufgefallen ist, diese neuere Debatte um kognitionsähäh wissenschaftliche Ansätze
  561. zur Deutung des Religiösen recht knapp behandelt, weil ich die ehrlich gesagt ziemlich primitiv finde. [schnauben] Hans Arnold
  562. äh frag folgendes noch vor 60 Jahren hat meine Großmutter bei Gewitter eine Kerze angezündet und gebetet. führt nicht der erste Versuch zur Erklärung von
  563. Naturgewalten wie Blitz, Donner, Erdbeben, Sonnenfinsternissen fast zwangsläufig zu übergeordneten Kräften und schließlich zu Religion und
  564. Kultus, um sich mit sein mit diesen Mächten durch Opfer etc. zu arrangieren. Ähm, das ist das ist uns plausibel. Äh ja, äh
  565. das und natürlich ist diese These äh äh äh äh äh auch wirklich massiv vertreten worden in der Debatte von zum 19. Zum 20. Jahrhundert. Ich will nur noch
  566. einmal sagen, das ist schon voll von Denkgewohnheiten, Symbolen, ähm Unterscheidungen, kulturellen Entwicklungen, die äh äh äh unserer
  567. Religionskultur und der langen Geschichte dessen entstammen. Ja, irgendwie ist ich finde es so schwer äh sie mal wirklich klar zu machen ein
  568. Götterglaube, ein höheres Wesen, was das für eine kulturelle Leistung ist, sich das überhaupt zu denken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das irgendwie am
  569. Anfang von vorne rein so da war. Aber noch einmal, das sind Spekulationen. Ich kann das nicht, ich kann es ich kann weder meine
  570. Vermutung äh äh bestätigen noch irgendwie äh jetzt äh äh äh äh äh äh eine andere äh bestätigen. Wir haben ja nichts anderes als diese Funde irgendwie
  571. äh aus denen wir uns einen Reim machen sollen. Ich würde nur warnen, also bei Ivan Pritchat, ich hatte diese These dann nicht zitiert, wie harsch er mit
  572. diesen psychologischen emotionalistischen Erklärungsmustern umgeht. Das wäre so eine, wenn ich ein Pferd wäre, so zitiert er das, ja, äh äh
  573. äh also das sind Erklärung der Form, wenn ich ein Pferd wäre, würde ich folgendes tun. Ja. Ähm äh ich will damit ich will das damit nicht abwerten. Ich
  574. will nur sagen, dass wir uns deutlich machen müssen, nicht von vorne rein unwillkürlich ein Entwicklungsstadium unserer heutigen Zeit in eine Epoche
  575. zurückzuverlegen, die offenkundig irgendwie mehrere hunderttausend Jahre äh äh alt ist. Ja, äh nur darum alsoagen die die Erkenntnis des eigenen Abstandes
  576. und vor allen Dingen auch der eigenen Kultur geprägt im religiösen Erleben nicht notwendigerweise in die Anfänge zu verlegen. [schnauben]
  577. Kranz fast noch mal nach beim äh beim Toten und Ahnenkult. Kann ich mir denken, heute noch tragen Menschen ihre Ahnen im
  578. Herzen. Ist Toten und Ahnenkult nicht doch ein zumindest altes Modell einer religiösen Erfahrung? Und äh
  579. ja, es ist er hat eine starke Tradition auf seiner Seite. Ich will das ja auch gar nicht leugnen. Ich möchte nur erstmal vorsichtig nachfragen, dass man
  580. hier nicht vorschnell etwas irgendwie darstellt. Ja. Ähm äh äh äh noch mal, es kann ja sein, dass ich an dieser Stelle so jetzt dann doch ein systematisch
  581. theologisches Herz hab irgendwie, was mir mal sag meinem eigenen historischen Befunden in die Quere läuft. Ja, ich möchte nur
  582. warnen davor, auf diese Weise doch ein Denkmuster noch zu verfolgen, irgendwie, dass es anthropologische Situationen gibt, bei denen notwendig eine
  583. Religiosität sozusagen zu erwarten ist, weil das bedeuten würde, dass wir in der heutigen komplexen säkularen Situation dann den Menschen, die sich so nicht
  584. verhalten, ähm ein Defizit zu schreiben müssten. Und ich halte das für schwierig. Äh, aber vielleicht, das gebe ich zu, kommt mir an dieser Stelle sag
  585. ein Gegenwartsgehen sozusagen störend in die Quere. Ja. Ähm äh ich würde jedenfalls trotzdem vor Vorsicht waren, irgendwie das zu schnell
  586. irgendwie in der Vergangenheit als solches für Normativ zu erklären. [schnauben] Letzte Frage äh Abgrenzungsmöglichkeit
  587. zum Tier, was das Spiel angeht. Das äh Spiel ist ja nun offenbar nicht nur etwas süß Menschenun äh wie auch der Drogenkonsum, wie ich gelernt habe. Auch
  588. Bären berauschen sich an vergorenen Äpfeln äh oder Delfine stupen ähm Kugelfische an, die irgendwelche äh ähm ja
  589. Drogenwirkung würden wir sagen, haben. Wie ist es mit dem Spiel? Ja, das ist jetzt äh äh das ist eine das müsste man auch länger debattieren, weil damit die
  590. Frage verbunden ist natürlich, wie scharf man s die Abgrenzung an dieser Stelle zwischen Mensch und Tier machen kann oder ob über es überhaupt möglich
  591. ist zu sagen, das eine gibt es nur dort und dann nicht mehr dort, sondern man ja auch mit Übergängen zu rechnen hat, nicht? Also, dass natürlich irgendwie
  592. früh Bärenkinder oder sowas auch irgendwie spielen und dabei etwas einüben ist das ist äh ja das Phänomen, was dahinter steht, leucht mir ein. Die
  593. Kultivierung des Spiels allerdings ist eine vielleicht eine Form, der man dann sagen muss, äh da entwickelt sich etwas, was den Menschen eigen ist. Aber ähm in
  594. aller Vorsicht ähm äh äh ähäh die Frage, da müsste man länger drüber nachdenken. [schnauben] Alles klar. Vielen Dank. Ich glaube, wir
  595. sind durch. Ganz herzlichen Dank für die konzentrierte Beantwortung der Fragen. Vielen Dank an die Fragenden. Ähm und äh wir sind gespannt auf die äh den Vortrag
  596. in der nächsten Woche den Herr Kratz über äh Schöpfungsmythen im alten Orienthalten wird. Vielen Dank. Schönen Abend.
  597. Schönen Abend. Tschüss. Tschüss.

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