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Religionen in der Türkei
Ein Anteil der Muslime sind Aleviten, Regierung unterstützt und privilegiert einen sunnitischen Islam; heterodoxe kulturelle Praktiken wie das Alevitentum oder …
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Grundlagen und religiöse Landschaft
Die Republik Türkei versteht sich nach Artikel 2 ihrer Verfassung als „demokratischer laizistischer und sozialer Rechtsstaat“. Die Bevölkerung bekennt sich überwiegend zum Islam, vor allem zum sunnitischen Islam, daneben zum dschaferitischen Islam und zum Alevitentum. Der türkische Laizismus bedeutet aber keine vollständige Trennung von Religion und Staat nach französischem Vorbild, sondern eine staatliche Kontrolle der Religion. Eigenständige politische Einmischung von Religionsgemeinschaften ist unerwünscht. Deshalb stehen Religionen, auch der sunnitische Islam als Hauptreligion, unter staatlicher Aufsicht.
Die Türkei gehört zu den wenigen mehrheitlich muslimischen Staaten, in denen die Scharia, also das islamische Recht, nicht gilt. Aus politisch-soziologischer Sicht erscheint der sunnitische Islam in drei Varianten: als Staatsislam, als Volksislam und in neuerer Zeit als politischer Islam beziehungsweise Islamismus.
Neben Muslimen leben in der Türkei religiöse Minderheiten wie Christen verschiedener Konfessionen, Juden, Bahai, Jesiden, Karäer und andere Gruppen. Die Minderheitenpolitik ist politisch umstritten, besonders im Zusammenhang mit den Beitrittsverhandlungen der Türkei mit der Europäischen Union.
Geschichtliche Entwicklung
Das Gebiet der heutigen Türkei hat etwa 7000 Jahre Kultur- und Religionsgeschichte. Es war wegen seiner strategischen und wirtschaftlichen Bedeutung Schauplatz von Wanderungen, Eroberungen und religiösen Konflikten, aber auch ein Zentrum von Philosophie, Theologie, Kunst und Kultur.
Für das Christentum war die Region besonders wichtig: Sie war frühes Missionsgebiet der Urkirche, Wirkungsstätte des Apostels Paulus, Ort wichtiger ökumenischer Konzilien in Nicäa, Konstantinopel, Ephesos und Chalkedon sowie Zentrum der Patriarchate Konstantinopel und Antiochia. Im Byzantinischen Reich erreichte das Christentum byzantinischen Ritus auf dem Gebiet der heutigen Türkei seinen Höhepunkt. Nach der Einnahme großer Teile Anatoliens durch muslimische Seldschuken wurde das Christentum stark zurückgedrängt.
Für den Islam wurde die Region als Zentrum des Osmanischen Reiches bedeutsam. Die Sultane führten jahrhundertelang das Kalifat, also die Herrschaft über die Gläubigen in der Nachfolge Mohammeds. Außerdem entstanden dort religiöse Orden und Bewegungen, darunter solche mit Bedeutung für das Alevitentum. Für das Judentum war die Region unter anderem Zufluchtsort nach der Vertreibung der Juden aus Spanien, Verwaltungsmacht Palästinas von 1517 bis 1917 und Transitland jüdischer Flüchtlinge während des Holocausts.
Im Osmanischen Reich war der Islam Staatsreligion. Christen und Juden hatten anfangs Religionsfreiheit und konnten im Millet-System eigene Angelegenheiten regeln. Im 19. Jahrhundert wurden im Zuge der Tanzimat-Reformen Gleichstellungsideen gestärkt, doch unter Abdülhamid II. nahmen Nationalismus, Hass und Gewalt gegen Minderheiten zu. Zwischen 1894 und 1897/98 kam es zu größeren Massakern an armenisch-apostolischen Christen; Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts folgten Völkermorde an Armeniern und syrischen Christen.
Mit Mustafa Kemal Atatürk änderte sich das Verhältnis von Staat und Religion grundlegend. Laizismus wurde eingeführt, die Scharia 1925 vollständig abgeschafft, 1928 die Stellung des Islam als Staatsreligion aus der Verfassung gestrichen. Jeder Staatsbürger sollte unabhängig von seiner Religion als gleichwertig gelten. Der Vertrag von Lausanne von 1923 gab griechisch-orthodoxen und armenisch-apostolischen Christen sowie Juden bestimmte Kollektivrechte. Zugleich wurden Sufi-Orden und Bektaschi verboten. Nach Atatürks Tod wurden einige Reformen zurückgenommen; seit den 1970er Jahren gewann ein konservativer und puritanischer Islam an Einfluss.
Religiöse Zusammensetzung
Seit 1965 finden in der Türkei wegen des verfassungsrechtlichen Laizismus keine staatlichen Befragungen zur Religionszugehörigkeit mehr statt. Eine Umfrage aus dem Jahr 2022 nennt folgende Verteilung: 92 % Islam, 2 % andere Religionen und 6 % keine Religion.
Der Anteil der Aleviten wird sehr unterschiedlich geschätzt, weil sie in offiziellen Statistiken nicht gesondert gezählt, sondern meist als Muslime geführt werden. Die Schätzungen reichen von 15 % bis zu einem Drittel der türkischen Muslime, meist zwischen 15 und 25 %. Der Anteil von Alawiten und Schiiten ist ebenfalls unbekannt.
Christen machen etwa 0,2 % der Bevölkerung aus, im Artikel mit 100.000 Personen angegeben. Juden machen etwa 0,04 % aus, also etwa 25.000 Personen; dazu zählen Sepharden, Aschkenasim, Karäer und Dönme. Unter den Christen bilden etwa 65.000 Angehörige der Armenischen Apostolischen Kirche und der Armenisch-Katholischen Kirche die größte Gruppe. Hinzu kommen ungefähr 2000 griechisch-orthodoxe Christen, überwiegend in Istanbul, sowie schätzungsweise 2000 syrisch-orthodoxe, syrisch-katholische und chaldäisch-katholische Christen. Protestantische und anglikanische Gemeinden gibt es erst seit kürzerer Zeit. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten auf dem Gebiet der heutigen Türkei noch etwa 20 % Christen.
Istanbul ist Sitz des ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel, das innerhalb der orthodoxen Kirche den ersten Ehrenrang einnimmt, von der türkischen Regierung in dieser Stellung aber nicht anerkannt wird. Außerdem residiert dort der Patriarch von Konstantinopel der armenisch-apostolischen Kirche.
Nicht anerkannte Gruppen und Gesellschaft
Die Aleviten bilden nach dem sunnitischen Islam die zweitgrößte Religionsgemeinschaft des Landes. Ob und wie das Alevitentum dem Islam zugeordnet wird, ist auch unter Aleviten selbst umstritten. Aleviten lehnen das islamische Recht ab und betrachten Wallfahrt, Almosensteuer, Fasten und Ritualgebet nicht als Teil ihrer Religion. Ihr Glaubensbekenntnis enthält eine auf Ali bezogene Ergänzung. Ihre rechtliche Lage gilt als mangelhaft: Sie sind keine anerkannte religiöse Minderheit, ihre Gebetshäuser werden nicht als solche respektiert, sie erhalten keine staatliche Unterstützung, und alevitische Kinder müssen am sunnitisch geprägten Religionsunterricht teilnehmen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte bestätigte 2016, dass der türkische Staat Aleviten diskriminiere und Sunniten systematisch bevorzuge.
Jesiden sind eine synkretistische Religionsgemeinschaft, also eine Religion mit Elementen aus mehreren Traditionen, darunter Zoroastrismus, Mithraismus, Manichäismus, Judentum und Islam. Ethnisch werden sie den Kurden zugerechnet und sprechen Kurmandschi. In der Türkei leben sie noch in einigen Dutzend Dörfern in Südostanatolien. Wegen ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit befinden sie sich in einer doppelten Außenseiterposition; viele sind in den letzten Jahrzehnten nach Europa, besonders nach Deutschland, ausgewandert.
Atheisten, Agnostiker und Nichtreligiöse werden statistisch schwer erfasst, weil jeder Einwohner der Türkei automatisch als Muslim gilt, wenn er nicht ausdrücklich einer anderen Religion zugeordnet ist. Einen formalen Austritt aus der muslimischen Gemeinde gibt es nicht. Studien nennen für Atheisten Werte zwischen 1 und 3 %; mit Agnostikern und Nichtreligiösen dürfte der Anteil der Nicht-Gläubigen über 3 % liegen. Seit April 2014 existiert mit Ateizm Derneği eine atheistische Organisation in Istanbul-Kadıköy; daneben gibt es einen Verband der Deisten.
In der Gesellschaft hat seit den 1970er und 1980er Jahren der Einfluss konservativer Muslime zugenommen. Zugleich zeigen Umfragen seit den 2010er Jahren eine stärkere Säkularisierung: 2011 gaben etwa 70 % der Türken an, im Ramadan zu fasten, 2020 waren es 55 %. Der Anteil derjenigen, die eine laizistische Republik bevorzugen, stieg zwischen 2016 und 2020 von 75 auf 81 %. Der Anteil kopftuchtragender Frauen nahm in den 2000er Jahren zunächst zu, sank aber später; 2020 trugen 54 % der türkischen Frauen ein Kopftuch.
Staat, Laizismus und Minderheitenrechte
Atatürk machte den Laizismus zu einer der sechs Säulen der modernen Türkei. Artikel 24 der Verfassung von 1982 beschränkt die Glaubensfreiheit auf das Individuum; Religionsgemeinschaften können daraus keine eigenen Rechte ableiten. Der Laizismus hatte traditionell starken Rückhalt beim Militär. Seit den 1980er Jahren verloren laizistische Kräfte jedoch an Macht zugunsten islamistisch und nationalistisch orientierter Parteien.
Die privilegierte Religion ist der sunnitische Staatsislam. Verwaltet wird er vom Diyanet İşleri Başkanlığı, dem Präsidium für Religionsangelegenheiten. Es beschäftigt etwa 88.000 Angestellte, darunter Vorbeter, Prediger, Gebetsrufer und islamische Rechtsgelehrte. Es regelt deren Ausbildung, bezahlt und unterhält über 70.000 Moscheen, überwacht religiöse Literatur und gibt landesweit Predigtinhalte vor. Außerdem ist es für knapp 900 Religionsbeauftragte an DITIB-Moscheen in Deutschland zuständig. Alevitische Cem-Gebetshäuser sind den Moscheen nicht gleichgestellt.
Der politische Islam entstand als Gegenbewegung zum kemalistischen Staatsislam und ist mit Namen wie Mehmed Zahid Kotku und Necmettin Erbakan verbunden. Er brachte Parteien hervor, die den Laizismus infrage stellten und teilweise verboten wurden. In jüngerer Zeit besetzte ein Reformflügel stärker soziale und wirtschaftliche Themen. Der Artikel nennt Recep Tayyip Erdoğan und die AKP als Vertreter des politischen Islam, weist aber darauf hin, dass Erdoğan diese Einordnung zurückweist und die Bezeichnung der AKP als „islamische Partei“ strikt ablehnt.
Religiöse Minderheiten haben weiterhin rechtliche Probleme. Nach dem Vertrag von Lausanne genießen Juden sowie orthodoxe und armenische Christen Minderheitenschutz und dürfen eigene Schulen betreiben. Sie dürfen aber keinen Priesternachwuchs für christliche Türken ausbilden; christliche Seminare bleiben geschlossen. Syrisch-orthodoxe Christen im Tur Abdin fallen nicht unter die Bestimmungen des Lausanner Vertrags. Kirchen besitzen keinen Rechtsstatus, können keine Rechtsgeschäfte tätigen, dürfen Personal nicht selbst ausbilden, und Eigentum wurde immer wieder entschädigungslos enteignet. Seit Januar 2017 kann die Religionszugehörigkeit auf neu beantragten Personalausweisen nicht mehr vermerkt werden.
Konflikte und Gewalt gegen Minderheiten
Die Geschichte religiöser Minderheiten in der Türkei ist auch von Gewalt geprägt. Während des Zerfalls des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg kam es zu den Völkermorden an den Armeniern und syrischen Christen sowie zu Massakern an den Pontosgriechen. Diese Vergangenheit gilt im Artikel als nicht aufgearbeitet und belastet das Zusammenleben bis heute.
1934 gab es ein Pogrom gegen die jüdische Minderheit in Thrakien. 1955 folgte das Pogrom von Istanbul: In der Nacht vom 6. auf den 7. September wurden allein in Istanbul 72 orthodoxe Kirchen und mehr als 30 christliche Schulen in Brand gesetzt, christliche Friedhöfe geschändet, rund 3500 Wohnhäuser und mehr als 4000 Geschäfte verwüstet. Mord, Vergewaltigung und schwere Menschenrechtsverletzungen kamen hinzu; fast 100.000 Christen verließen danach das Land.
Auch in neuerer Zeit gab es Einschränkungen religiöser Freiheit. 1997 erließ der Gouverneur der Provinz Mardin Verbote gegen die Klöster Zafaran und Mor Gabriel, ausländische Gäste zu beherbergen und Religions- sowie muttersprachlichen Unterricht zu erteilen. Nach internationalen Protesten wurde zumindest das Beherbergungsverbot aufgehoben, Sprachunterricht in Aramäisch blieb aber untersagt. 2011 kündigte die Türkei an, nichtmuslimischen Stiftungen Hunderte enteignete Immobilien zurückzugeben oder sie zu entschädigen.
Islamistische und nationalistische Gewalt richtete sich wiederholt gegen Christen und Aleviten. 2006 wurde in Mersin der Kapuziner Hanri Leylek mit einem Messer angegriffen; im selben Jahr wurde in Trabzon der italienische Priester Andrea Santoro erschossen. Am 19. Januar 2007 wurde der armenische Journalist Hrant Dink in Istanbul von einem Sechzehnjährigen ermordet. Am 18. April 2007 wurden in Malatya drei Mitarbeiter des christlichen Zirve-Verlags getötet.
Aleviten wurden ebenfalls Opfer schwerer Gewalt. Beim Kahramanmaraş-Massaker vom 19. bis 26. Dezember 1978 starben mehr als 100 Menschen; am 23. Dezember wurden 111 Tote genannt. Beim Pogrom von Çorum am 4. Juli 1980 starben 18 Menschen. Beim Brandanschlag auf das Madımak-Hotel in Sivas am 2. Juli 1993 verbrannten 35 Menschen; der Schriftsteller Aziz Nesin, dem der Anschlag laut einigen Angaben hauptsächlich galt, überlebte leicht verletzt.