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Christentum in der Türkei
Das Christentum verbreitete sich vor fast 2000 Jahren im Gebiet der heutigen Türkei. In den letzten 900 Jahren hat sich das zuvor fast ausschließlich von …
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Überblick und Bedeutung
Das Christentum verbreitete sich vor fast 2000 Jahren im Gebiet der heutigen Türkei. Dieses Gebiet war im frühen Christentum besonders wichtig: Der Apostel Paulus stammte nach dem Neuen Testament aus Tarsus und wirkte dort; Gemeinden in Kleinasien spielen in der Apostelgeschichte, den katholischen Briefen und der Offenbarung des Johannes eine zentrale Rolle. Das westliche Kleinasien war eine wichtige Keimzelle des nichtjüdischen Christentums, also des Christentums unter missionierten „Heiden“. Auch viele bedeutende Kirchenväter lebten dort, und alle sieben in Ost und West anerkannten Ökumenischen Konzilien fanden auf heute türkischem Boden statt.
Heute sind Christen in der Türkei eine sehr kleine religiöse Minderheit. Der Artikel nennt ihren Anteil mit nur 0,2 % der Bevölkerung. Insgesamt leben noch etwa 100.000 Christen in der Türkei; andere Quellen nennen etwa 170.000. Rund 85 % von ihnen leben in der Region um Istanbul, wo viele zur armenischen Gemeinde gehören. Dieser starke Rückgang hängt laut Artikel mit historischen Belastungen zusammen, besonders mit dem Völkermord an den Armeniern und Assyrern, die auch Aramäer oder Chaldäer genannt werden, sowie mit der Vertreibung der Griechen.
Historische Entwicklung
In der Zeit des Urchristentums gehörte das Gebiet der heutigen Türkei zum Römischen Reich. Mit der Konstantinischen Wende wurde das zuvor verfolgte Christentum erlaubt. Unter Kaiser Theodosius I. wurde es am Ende des 4. Jahrhunderts Staatsreligion. Bald gehörte praktisch die gesamte Bevölkerung dem Christentum an.
Nach der Schlacht bei Manzikert im Jahr 1071 gründeten türkische Seldschuken in Teilen Kleinasiens Staaten, in denen der Islam Staatsreligion war. Langfristig setzte sich das Osmanische Reich durch. Es eroberte die übrigen seldschukischen Staaten und das byzantinische beziehungsweise oströmische Reich. Ab 1461 beherrschte das Osmanische Reich alle Gebiete der heutigen Türkei. In dieser Zeit wurden Christen allmählich zur Minderheit. Ihre rechtliche Stellung wurde im Millet-System geregelt, einem osmanischen System, das religiöse Gemeinschaften als eigene Gruppen organisierte.
Ende des 19. Jahrhunderts lebten im anatolischen Teil des Osmanischen Reiches noch mehr als zwei Millionen Christen; sie machten etwa ein Viertel der Bevölkerung auf dem Gebiet der heutigen Türkei aus. Im 19. Jahrhundert kamen hunderttausende muslimische Flüchtlinge, sogenannte Muhacir, aus den Balkanländern nach Anatolien. Allein 850.000 muslimische Flüchtlinge wurden in von armenischen Christen bewohnten Gegenden angesiedelt. Dadurch sank der christliche Bevölkerungsanteil bereits vor den großen Verfolgungen.
Verfolgung und Vertreibung
Vom 19. bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden die meisten Christen aus dem Gebiet der heutigen Türkei vertrieben oder getötet. Der Artikel beschreibt mehrere Schritte dieser Entwicklung. 1843 wurden durch den kurdischen Stammesführer Bedirxan Beg bei Massakern mindestens 10.000 Armenier und Bergnestorianer in Aşita im Sandschak Hakkâri ermordet; Frauen und Kinder wurden teilweise in die Sklaverei verkauft.
In den Jahren 1894 bis 1896 wurden bei antiarmenischen Pogromen 80.000 bis 300.000 armenische Christen ermordet. Das Massaker richtete sich zunächst vor allem gegen Armenier, entwickelte sich aber laut Artikel zu allgemein antichristlichen Pogromen; nach einer zeitgenössischen Quelle wurden etwa 25.000 Assyrer ermordet. 1909 wurden bei Pogromen in Adana und Kilikien 30.000 armenische Christen ermordet. Bis 1910 starben weitere 20.000 Menschen durch Epidemien und Hunger unter den schlecht versorgten Überlebenden.
Während des Zweiten Balkankrieges 1913 wurden orthodoxe und katholische Bulgaren aus Ostthrakien und aus anatolischen Gebieten vertrieben. Die Schätzungen der Vertriebenenorganisationen und der bulgarisch-orthodoxen Kirche reichen von 60.000 bis 400.000 Flüchtlingen. Von 1915 bis 1917 wurden nach unterschiedlichen Schätzungen 300.000 bis 1.500.000 armenische Christen im Osmanischen Reich ermordet. Hunderttausende wurden nach Mesopotamien und Arabien deportiert, viele starben während der Deportationen. Auch Assyrer/Aramäer waren ab 1915 von einem Völkermord betroffen, und ein ähnliches Schicksal traf die Pontosgriechen.
1922 bis 1923 wurden etwa 1.250.000 griechisch-orthodoxe Christen nach der griechischen Niederlage im griechisch-türkischen Krieg und im Rahmen des Bevölkerungsaustauschs zwischen Griechenland und der Türkei nach Griechenland vertrieben. Ausgenommen waren nur griechisch-orthodoxe Gemeinden in Istanbul sowie auf Bozcaada und Gökçeada. Gleichzeitig wurden 500.000 muslimische Türken aus Griechenland in den neuen türkischen Nationalstaat vertrieben. Nach dem Pogrom von Istanbul 1955 verließen erneut Tausende griechisch-orthodoxe Einwohner die Stadt. Von 110.000 Griechen im Jahr 1923 waren zehn Jahre nach dem Pogrom nur noch 48.000 geblieben.
Gegenwärtige Lage und Recht
Menschenrechtsorganisationen wie die Gesellschaft für bedrohte Völker beurteilen die Situation der Christen in der Türkei negativ. Zwar gilt nach Artikel 24 der türkischen Verfassung Religionsfreiheit, doch nennt der Artikel zahlreiche Beeinträchtigungen. Dazu gehören das staatliche Verbot, Pfarrer und Religionslehrer auszubilden, sowie Hindernisse beim Bau christlicher Kirchen. Religiös motivierte Gewalttaten, Attentate auf türkische und ausländische Christen und Anschläge auf christliche Gebäude kommen weiterhin vor.
Syrisch-orthodoxe Christen kritisierten die Darstellung ihrer Gemeinschaft in staatlichen Schulbüchern. Christen würden dort als Landesverräter beschrieben, die aus wirtschaftlichen Gründen ausgewandert und im Westen zu einem Werkzeug politischer und religiöser Interessen geworden seien. 2015 veröffentlichte die türkische Bibelgesellschaft im Auftrag von fünf christlichen Konfessionen ein 96-seitiges Heft mit dem Titel „Das Christentum und seine Grundsätze“, das türkischen Schulen als Grundlage dienen und missverständliche Darstellungen erklären sollte.
Im Vertrag von Lausanne von 1923 wurden nur zwei christliche Konfessionen ausdrücklich anerkannt: die griechisch-orthodoxe Kirche und die Armenisch-Apostolische Kirche. Assyrer sind in der Türkei nicht als Minderheit anerkannt. Der Artikel nennt außerdem ungeklärte Probleme: die Ausbildung christlicher Geistlicher ist nicht möglich, das Seminar von Heybeliada und das Heilig-Kreuz-Seminar sind geschlossen, und Kirchen ohne Schutz durch den Lausanner Vertrag haben keinen klaren Rechtsstatus. Viele existieren rechtlich nur als Vereine von Einzelpersonen. Dadurch sind Erwerb, Bau und religiöse Nutzung von Immobilien erschwert. Seit der Regierung Erdoğan erhielten Kirchen allerdings vermehrt Eigentum zurück.
Die Kosten für kirchliche Gebäude, Personal und Arbeit tragen die christlichen Gemeinschaften überwiegend selbst. Eine Unterstützung durch das Präsidium für Religionsangelegenheiten erfolgt nicht wie bei Moscheen; der Staat übernimmt jedoch Stromrechnungen der Kirchen und beteiligt sich an Renovierungen. Religionsunterricht ist an Grund- und Mittelschulen grundsätzlich Pflicht und am sunnitischen Islam orientiert; christliche und jüdische Schüler können auf Wunsch befreit werden. 2008 stellte das türkische Präsidium für Religionsangelegenheiten in einer Fetva fest, dass der Übertritt vom Islam zu einer anderen Religion erlaubt sei, sofern er nicht zu Auflehnung gegen Islam und rechtmäßige Ordnung führe.
Kirchen, Klöster und Streitfälle
Viele christliche Gebäude, Friedhöfe und wichtige Stätten befinden sich laut Artikel in einem entwidmeten, umgewidmeten oder zerstörten Zustand. Die Pauluskirche in Tarsus, dem Geburtsort des Apostels Paulus, ist eine christliche Pilgerstätte. Die griechisch-orthodoxe Kirche wurde 1943 vom türkischen Staat beschlagnahmt, als Militärlager genutzt und ist heute ein Museum. Christen konnten dort Gottesdienste feiern, mussten ihre Reliquien nach den Messen aber wieder einpacken. Im Paulusjahr 2008/2009 erlaubte das türkische Kultusministerium die Nutzung der Kirche für Gebete.
Die Lage früherer Kirchen und Klöster ist oft unklar. Einige Gruppen fordern, Kirchen, die zu Museen erklärt wurden, in Moscheen umzuwandeln. Die ehemalige Hagia Sophia in Nikäa wurde wieder eine aktive Moschee; dort hatte das Zweite Konzil von Nikäa stattgefunden. Die Hagia Sophia in Istanbul war im Mittelalter die weltweit größte Kirche, in osmanischer Zeit Moschee und von der Republikgründung bis 2020 Museum. 2020 wurde sie wieder dauerhaft zur Moschee gemacht.
Ein wichtiges Beispiel ist das Kloster Mor Gabriel im Tur Abdin, eines der ältesten christlichen Klöster der Welt. Es wurde 397 gegründet, gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe und ist Schutzburg und Wallfahrtsort der syrischen Minderheit. Seit 2008 stand es im Mittelpunkt juristischer Auseinandersetzungen, nachdem drei kurdische Dörfer wegen „rechtswidriger Ansiedelung“ geklagt hatten. Dem Kloster wurde auch illegaler Aramäischunterricht vorgeworfen. Am 10. Mai 2019 wurde ein Antrag beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte auf Rückgabe einer 27 Hektar großen Fläche um das Kloster abgelehnt.
Gemeinschaften und internationale Kritik
In der Türkei gibt es verschiedene christliche Gemeinschaften. Zu den Kirchen des byzantinischen Ritus gehören das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel mit Sitz in Istanbul, die Rum-Orthodoxe Kirche in Hatay, das zahlenmäßig unbedeutende Türkisch-Orthodoxe Patriarchat und bulgarisch-orthodoxe Gemeinden. Die Armenischen Kirchen umfassen die Armenische Apostolische Kirche mit 35 Kirchen in Istanbul und Umgebung sowie weiteren Kirchen, die Armenisch-Katholische Kirche und die Armenisch-Evangelische Kirche. Zu den Kirchen mit syrischem Ritus gehören die Syrisch-Orthodoxe Kirche, die Assyrische Kirche des Ostens, die Syrisch-katholische Kirche und die Chaldäisch-Katholische Kirche.
Die Römisch-katholische Kirche in der Türkei umfasst acht Diözesen verschiedener Riten, darunter lateinische, armenische, chaldäische, westsyrische und byzantinische Strukturen. Außerdem haben sich kleine evangelische Kirchengemeinschaften gebildet, darunter die Allianz türkischer Baptistengemeinden.
Internationale Kritik bezieht sich vor allem auf Diskriminierung, mangelnde Religionsfreiheit und ungelöste Eigentums- und Ausbildungsfragen. Die Europäische Union fordert in den Beitrittsverhandlungen mit der Türkei die Beseitigung von Diskriminierungen christlicher Minderheiten. Der damalige deutsche Bundespräsident Christian Wulff erklärte 2010 im türkischen Parlament: „Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei.“ Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte kritisierte, dass sich die Lage religiöser Minderheiten seit dem EU-Beschluss über Beitrittsverhandlungen eher verschlechtert habe. Der Ökumenische Patriarch Bartholomäus I. sagte 2006, die Lage der Christen in der Türkei wende sich „vom Schlechten zum Schlechteren“.