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Religion und Kunst

Somit habe sich die heutige Musik aus der Religion entwickelt und sei ohne Zweifel ein Produkt des Christentums. In diesem Sinne ist nun, nach der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Leitgedanke
  2. 2. Religionen und das Wesen der Kunst
  3. 3. Musik als religiöse Ausdrucksform
  4. 4. Verfall von Mensch und Natur
  5. 5. Kritik an Christentum, Kirche und Judentum
  6. 6. Regeneration und Parsifal

Gegenstand und Leitgedanke

„Religion und Kunst“ ist eine Hauptschrift Richard Wagners. Er schrieb sie 1880 während der Arbeit an seinem letzten Musikdrama „Parsifal“ in Neapel (Villa Angri). Die Schrift erschien zunächst in den „Bayreuther Blättern“ und später im zehnten Band seiner „Gesammelten Schriften und Dichtungen“. Wagner stellt darin sein Weltbild dar und untersucht das Verhältnis von Religion, Kunst, menschlichem Verfall und möglicher Regeneration.

Sein Grundgedanke lautet: Wenn Religion künstlich und äußerlich geworden ist, kann die Kunst ihren inneren Kern bewahren. Sie erfasst religiöse Mythen und Symbole ihrem sinnbildlichen Wert nach und macht die in ihnen verborgene Wahrheit durch ideale Darstellung erfahrbar. Kunst soll daher nicht bloß religiöse Inhalte abbilden, sondern deren tiefere Bedeutung wieder zugänglich machen.

Religionen und das Wesen der Kunst

Wagner erklärt, Religionen gründeten auf der Erfahrung der „Hinfälligkeit der Welt“. Erfolgreiche Religionsstifter hätten sich mythischer Allegorien bedient, um die Menschen zu erreichen. Das Christentum richte sich besonders an die „Armen am Geiste“ und wolle vor allem „arme Leut’“ trösten und ihnen Wege zum Heil zeigen.

Dem stellt Wagner den Buddhismus gegenüber. Dieser komme ohne Gott, Himmel und Hölle aus und zeige Wege zur Selbsterkenntnis. Deshalb erscheine er eher als Religion für „denkende“ Menschen. Wagner vergleicht Christentum und Buddhismus im Sinne Arthur Schopenhauers, dessen Lehren über Brahmanen, Wiedergeburt und Askese ihn beeinflussten. Wagner plante außerdem eine Oper mit dem Titel „Die Sieger“, in der der Buddhismus das Thema bilden sollte.

An der griechischen Kunst erläutert Wagner sein Kunstverständnis. Er verbindet die Entwicklung der Kunst mit dem Götterglauben der Griechen und anschließend mit dem gekreuzigten Christus, den er als „göttlichen“ Menschen bezeichnet. Besonders eindrucksvoll seien Darstellungen des leidenden Heilands. Das Leiden, verbunden mit verklärter „Entrückungs-Wonne“, wurde für Wagner zu einem Hauptgegenstand der bildenden Kunst. Die Verbindung von Religion und Kunst habe sich zunächst in der Malerei und später auch in der Musik entwickelt.

Musik als religiöse Ausdrucksform

Wagner hält die Musik für die einzige Kunst, die dem christlichen Glauben vollständig entspreche. Die moderne Musik sei aus der Religion entstanden und ohne Zweifel ein Produkt des Christentums.

Ihre besondere Leistung bestehe darin, dass sie den Gegensatz zwischen Begriff und Empfindung aufhebe. Ein gemaltes Bild sage sinngemäß: „Das bedeutet“. Die Musik sage dagegen: „Das ist“. Sie wende sich von der bloßen Erscheinungswelt ab und könne das Gemüt unmittelbar, gleichsam durch eine besondere Gnade, ergreifen. Für Wagner offenbart die Musik daher das eigentliche Wesen der christlichen Religion mit besonderer Bestimmtheit. Als reine Form könne sie als eine „welterlösende Geburt des göttlichen Dogmas von der Nichtigkeit der Erscheinungs-Welt“ gelten.

Die Musik übernimmt damit in Wagners Vorstellung eine religiöse Funktion: Sie vermittelt nicht nur Lehren, sondern lässt eine innere Wahrheit unmittelbar erfahren.

Verfall von Mensch und Natur

Im zweiten Teil der Schrift beschreibt Wagner den „Verfall“ des menschlichen Geschlechtes. Der Mensch erscheint bei ihm als „Raubtier“: Er erobere Länder, unterjochte die dort lebenden „Eingeborenen“, errichte Reiche, Staaten und Zivilisationen und sichere dadurch seinen Besitz. In diesem Zusammenhang behandelt Wagner auch Geld und Eigentum, Themen, die ihn bereits in „Der Ring des Nibelungen“ beschäftigt hatten.

Er erklärt die Entstehung des Buddhismus teilweise aus Landschaft und Klima Indiens. Der Buddhismus achte das Leben der Tiere stärker, als es die christlichen Europäer täten; dabei beruft sich Wagner auf den Orientalisten Eugène Burnouf.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Vivisektion, also der Einsatz von Tierversuchen für den medizinischen Fortschritt. Nach der Lektüre von Ernst von Webers „Die Folterkammer der Wissenschaft“ schrieb Wagner einen öffentlichen Brief und setzte sich nachdrücklich für den Tierschutz ein. Dabei berief er sich auch auf Pythagoras und dessen Lehre von der Pflanzennahrung.

Wagner verbindet Ernährung mit der Entwicklung des Menschen. Der Mensch hätte nicht zwingend zum Tiermörder und „Fleischfresser“ werden müssen. Er deutet die biblische Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies als Allegorie: Die früheren „Vegetarier“ seien nach einem blutigen Festmahl aus dem Paradies vertrieben worden. Auch die Geschichte von Kain und Abel deutet er unter diesem Gesichtspunkt: Der „ungerechte Judengott“ habe Abels „Fleischopfer“ höher bewertet als Kains „Fruchtopfer“.

Kritik an Christentum, Kirche und Judentum

Wagner unterscheidet zwischen der inneren Bedeutung des Christentums und der amtlichen Kirche. Den „jüdischen Schöpfer Jehova“ lehnt er scharf ab. Besonders kritisiert er die Kirche, weil sie ihre Macht über die „Seelen der Armen“ durch die Angst vor Hölle und „letztem Gericht“ ausübe. Darstellungen der ewigen Verdammnis, darunter Michelangelos „Jüngstes Gericht“ in der Sixtinischen Kapelle, bezeichnet er als besonders hässlich und abstoßend. Den leidenden Christus am Kreuz hält er dagegen für eine eindrucksvollere Darstellung, die zum Grundtypus von Bildern über Glaubensmärtyrer und Heilige geworden sei.

Zur Schrift gehören außerdem pauschale judenfeindliche Angriffe. Wagner fühlte sich durch jüdische Musiker, Journalisten, Kritiker und den jüdischen „Geldadel“ benachteiligt. Obwohl er viele Freunde jüdischer Abstammung hatte, entwickelte er einen ausgeprägten Verfolgungswahn. Seine Frau Cosima bestärkte ihn in dieser Haltung. Bereits 1850 hatte er die Schrift „Das Judentum in der Musik“ veröffentlicht.

Wagner übernahm bei seiner Kritik an christlicher Lehre, Kirche und Judentum auch Gedanken von Ernest Renan und Franz Overbeck. Renan erklärte in „Das Leben Jesu“ von 1863 Jesus aus den historischen Verhältnissen der Antike und stellte ihn als Menschen dar, der erst nach seinem Tod zum Sohn Gottes erklärt worden sei, besonders durch den Apostel Paulus. Overbeck zweifelte ebenfalls an „Gottes Dasein“ und sah in der Kirchengeschichte eine Schule des Zweifels an Gott als Weltenlenker.

Regeneration und Parsifal

Trotz seiner Altersresignation sucht Wagner nach einem Ausweg. Er führt den Verfall der Menschheit vor allem auf die Abkehr von der natürlichen Nahrung zurück. Eine „große Regeneration des verdorbenen Menschengeschlechtes“ könne nur aus dem tiefen Boden einer wahrhaftigen Religion erwachsen. Dazu müsse die Geschichte „im Geiste und in der Wahrheit“ verstanden werden, nicht aus der Perspektive der Eroberer. Nicht die siegenden, sondern die leidenden und unterliegenden Menschen verdienten Mitgefühl und Erinnerung.

Die Musik könne diese Erneuerung unterstützen. Sie sei als „tönende Seele der christlichen Religion“ das edelste Erbe der Kirche und habe der erlösungsbedürftigen Menschheit eine neue Sprache gegeben. Wagner vergleicht dies mit dem Gottesdienst der Shaker in Amerika, deren Mitglieder nach einem Gelübde der Entsagung singend und tanzend Gottesdienst feierten. Auch das Eintauchen in symphonische Musik könne als weihevoll reinigender religiöser Akt gelten.

Im Nachtrag „Was nützt diese Erkenntnis?“ fragt Wagner nach dem Nutzen der Erkenntnis des menschlichen Verfalls. Er verweist auf Goethe und Schopenhauer und fordert eine Umkehr des fehlgeleiteten Willens. Die Zivilisation gehe aus Mangel an Liebe zugrunde. Wer das Leiden der Welt verstehe, müsse mitleiden und dadurch helfen, das Leiden anderer zu vermindern. Musik könne dieses Verständnis fördern, weil sie Gefühle und das Gemüt anspreche.

„Parsifal“ soll diese Botschaft künstlerisch und religiös vermitteln. Der suchende Parsifal und der leidende Amfortas verkörpern Erlösung und Regeneration durch Mitleid. Die religiöse Symbolik soll eine „entrückende Wirkung auf das Gemüt“ ausüben. Wagner verbindet dies erneut mit der vegetarischen Idee einer Weltverbesserung „durch Reinigung des Blutes“. In seinem 1882 in Venedig verfassten Beitrag „Das Bühnenweihfestspiel in Bayreuth 1882“ erklärt er, die Wahrhaftigkeit des Vorbildes „Parsifal“ könne dem Publikum eine Weihe der Weltentrückung und innere Befriedigung geben. Abschließend bekräftigt er den Glauben an die Möglichkeit der Regeneration und an die Verpflichtung, sie „in jedem Sinne“ durchzuführen.

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