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Askese

Seit der Antike bezeichnet er eine Übungspraxis im Rahmen von Selbstschulung aus religiöser oder philosophischer Motivation. Angestrebt wird damit die Erlangung …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff und Formen
  2. 2. Ziele und soziale Wirkung
  3. 3. Indische Traditionen
  4. 4. Antike Philosophie und Religionen
  5. 5. Judentum, Christentum und Islam
  6. 6. Deutungen bis zur Gegenwart

Grundbegriff und Formen

Askese ist eine Übungspraxis der Selbstschulung aus religiöser oder philosophischer Motivation. Ziel ist die Erlangung von Tugenden oder Fertigkeiten, Selbstkontrolle und Festigung des Charakters. Ein Asket diszipliniert Denken, Wollen und Verhalten: Er übt erwünschte Haltungen ein und vermeidet, was seinem Ziel entgegensteht. Im heutigen Sprachgebrauch meint Askese allgemein freiwillige Enthaltsamkeit, um ein als höherwertig geltendes Ziel zu erreichen; religiöse oder philosophische Motive können dabei zurücktreten.

Typische Formen sind Fasten oder Einschränkung der Nahrung, Verzicht auf Genussmittel und Rauschmittel, sexuelle Enthaltsamkeit bis zum Zölibat, freiwillige Armut, einfache Kleidung, Schlafentzug, Schweigen, Rückzug aus der Gemeinschaft, Gehorsam gegenüber einer spirituellen Autorität, Pilgerschaft oder Heimatlosigkeit sowie körperliche Übungen und in Sonderfällen selbst zugefügte Schmerzen. Wichtig sind Freiwilligkeit und ein bewusst angestrebtes übergeordnetes Ziel; ein bescheidenes Leben aus Armut oder äußerem Zwang gilt daher nicht schon als Askese. In der Praxis ist der Übergang zwischen freiwilliger Übung und religiöser oder sozialer Pflicht aber oft fließend.

Ziele und soziale Wirkung

Die Motive der Askese sind vielfältig. Häufig steht eine kritische Haltung zur sinnlich wahrnehmbaren Welt dahinter: Sie gilt als bedrohlich, mangelhaft oder als Quelle von Abhängigkeiten. Der Asket will Begierden eindämmen, Genügsamkeit einüben und innere Freiheit gewinnen. In vielen Religionen dient Askese außerdem der Vorbereitung auf ein besseres Dasein nach dem Tod oder der Hoffnung auf jenseitige Belohnung. In anderen Zusammenhängen soll sie helfen, den Wechselfällen des Lebens standzuhalten, Ängste zu überwinden oder besondere Macht und Fähigkeiten zu erlangen.

Askese kann gemäßigt oder radikal sein. Radikale Asketen bewerten sinnlichen Genuss grundsätzlich negativ und wollen die entsprechenden Begierden möglichst ausrotten. Gemäßigte Formen verwerfen Genuss nicht vollständig, wollen aber Abhängigkeit von ihm vermeiden.

In vielen Traditionen genießen Asketen hohes Ansehen. Man hält sie für besonders weise oder heilig, bittet sie um Rat, Heilung oder Unterweisung und unterstützt sie materiell. Daraus entsteht ein Dilemma: Je strenger die Askese, desto größer oft das Prestige; je größer das Prestige, desto schwieriger die Abgeschiedenheit. Askesetexte warnen deshalb vor Ruhm, Arroganz und dem Missbrauch asketischen Ansehens. In vielen Kulturen gibt es auch Geschichten über falsche Asketen, die Verzicht nur vortäuschen, um Geld, Macht oder Bewunderung zu gewinnen.

Indische Traditionen

In Indien entstanden frühe religiös-philosophische Systeme, in denen Askese eine zentrale Rolle spielt: Jainismus, Buddhismus und Hinduismus. Im Hinduismus wurde der Sanskrit-Begriff tapas, „Hitze“ oder „Glut“, wichtig. Gemeint ist eine innere Kraft, die der Asket durch seine Übungen erzeugt. Zu den bis heute wirksamen Idealen gehören Wahrheitsergreifung, Nichterwerben und Nichtverletzen (ahiṃsā). Asketen wie Sadhus, Yogis, Sannyasins oder Fakire können sich in die Waldeinsamkeit zurückziehen, bettelnd wandern, Besitzlosigkeit üben und strenge Regeln für Nahrung, Kleidung und Reden befolgen.

Der Buddhismus grenzt sich von extremer Selbstquälerei ab. Siddhartha Gautama praktizierte zunächst strenge Askese, gab sie aber auf, als er sie für nutzlos hielt, und lehrte den „mittleren Weg“ zwischen übertriebener Askese und ungeregeltem Genussleben. Für Mönche und Nonnen gelten dennoch asketische Regeln wie Besitzlosigkeit, einfache Kleidung, sexuelle Enthaltsamkeit, Verzicht auf berauschende Getränke und Bettelgang. Zusätzliche strengere Übungen heißen dhutaṅgas.

Der Jainismus stellt besonders harte Anforderungen. Er fordert strenge Ernährungsvorschriften, häufiges Fasten und konsequente Gewaltlosigkeit gegenüber allen Lebensformen. Ziel ist die Ablösung der Seele (jiva) von der diesseitigen Welt und die Vermeidung schädlichen Karmas. Zu bekämpfen sind vor allem Zorn, Stolz, Täuschung und Gier. Die radikalste Richtung sind die Digambaras („Luftgekleideten“), deren Mönche nackt leben. Ein äußerster Höhepunkt kann sallekhana sein, der rituelle Tod durch freiwilliges Verhungern, den die Jainas ausdrücklich nicht als Selbstmord verstehen.

Antike Philosophie und Religionen

In der griechischen Antike bedeutete áskēsis zunächst Übung oder Training, etwa bei Handwerk, Kunst, Gymnastik, Krieg oder Sport. In der Philosophie wurde daraus die Einübung von Weisheit und Tugend. Sokrates galt als Vorbild der Selbstbeherrschung (enkráteia); Xenophon und Platon betonten seine Ausdauer gegenüber Kälte, Hitze und Mühen. Platon forderte eine einfache, naturgemäße Lebensweise und geistige Übungen, die auf aretḗ, also Tüchtigkeit oder Tugendhaftigkeit, zielen.

In der Stoa wurde Askese vor allem als geistige Disziplin verstanden. Ziel war die Beherrschung von Gedanken und Trieben, um Freiheit von leidvollen Affekten zu erreichen. Der Fachbegriff apátheia meint die Zurückdrängung zerstörerischer Erregungen wie Zorn, Furcht, Neid und Hass; sie sollte zur Ataraxie, Gelassenheit und Unerschütterlichkeit, führen. Körperliche Übungen waren erlaubt, aber ohne geistige Zielsetzung wertlos.

Die Kyniker vertraten eine besonders radikale, körpernahe Askese. Sie lebten wandernd, arm und provokant einfach, wollten Bedürfnisse auf das Elementare beschränken und die Werte der zivilisierten Lebensweise zurückweisen. Anders als viele religiöse Asketen werteten sie Körper, Sexualität und Genuss nicht grundsätzlich ab.

Neupythagoreer und Neuplatoniker betonten stärker sexuelle Enthaltsamkeit und die Befreiung der Seele vom Körper. In antiken Kulten gab es außerdem Fasten, sexuelle Enthaltsamkeit und Reinheitsregeln, etwa vor Mysterienweihen; daraus entstand jedoch meist kein umfassendes asketisches Lebensideal.

Judentum, Christentum und Islam

Im Judentum war Askese ursprünglich weniger ausgeprägt, weil die Welt als Schöpfung Gottes positiv bewertet wurde. Befristete Enthaltsamkeit gab es dennoch, etwa Fasten zur Vorbereitung auf Offenbarung oder als Bußfasten. Später entwickelten sich stärker asketische Strömungen, etwa bei den von Philon beschriebenen „Therapeuten“ und bei den Essenern, die Besitzgemeinschaft, Einfachheit und Selbstkontrolle betonten. Mittelalterliche jüdische Autoren übernahmen teilweise neuplatonische oder sufische Impulse, lehnten aber meist einen Rückzug aus der Gesellschaft ab.

Im Christentum gehört Askese seit den Anfängen zur Lehre. Das Neue Testament verwendet das Substantiv Askese nicht, enthält aber viele Aussagen über Selbstverleugnung, Fasten, Ehelosigkeit um des Himmelreichs willen, Besitzverzicht und geistlichen Kampf. Jesus kritisiert vor allem zur Schau gestellte Askese. Paulus vergleicht christliche Lebensführung mit der Disziplin von Athleten, warnt aber auch vor körperlicher Selbstquälerei aus Eitelkeit.

In der Spätantike entwickelten sich Eremitentum und Mönchtum. Antonius der Große, die Wüstenväter, Pachomios und später Säulenheilige wie Symeon Stylites prägten das Ideal des Rückzugs, der Armut, des Fastens und der Standhaftigkeit. Im Mittelalter trugen vor allem Orden wie Benediktiner, Kartäuser, Franziskaner, Dominikaner und Zisterzienser die asketische Tradition. Die Benediktsregel war vergleichsweise maßvoll; Reformbewegungen forderten immer wieder strengere Armut, Schweigen, Fasten oder Einsamkeit. In der Reformation kritisierte Martin Luther mönchische Askese als mögliche Werkgerechtigkeit. Calvinistische Richtungen entwickelten dagegen einen disziplinierten, arbeitsamen Lebensstil mit asketischen Zügen.

Im Islam heißt Askese zuhd, „Verzicht“ oder „Entsagung“. Sie bedeutet Abkehr von dem, was von Gott ablenkt, und Konzentration auf Gott oder das Jenseits. Früh wurde sie besonders im Umfeld von Basra und später im Sufismus wichtig. Sufis bekämpfen die Triebseele (nafs), Besitzstreben und Geltungssucht. Manche übten Schlafentzug, Fasten und langes Stehen im Gebet; extreme Formen blieben umstritten.

Deutungen bis zur Gegenwart

In Philosophie und Soziologie wurde Askese sehr unterschiedlich bewertet. Renaissance-Humanisten wie Lorenzo Valla verteidigten das Vergnügen gegen eine als widernatürlich empfundene Schmerz- und Verzichtsideal. Jeremy Bentham sah Askese als Gegensatz zum Nutzenprinzip, nach dem Glück zu maximieren und Leid zu minimieren sei. Immanuel Kant unterschied eine moralische Askese als Tugendübung von einer abgelehnten „Mönchsascetik“ der Selbstpeinigung. Schopenhauer bewertete Askese positiv als Verneinung des Willens zum Leben. Nietzsche kritisierte das asketische Ideal meist scharf als lebensfeindlich, erkannte aber eine mögliche „Gymnastik des Willens“ an.

Im 20. Jahrhundert deuteten Max Scheler, Arnold Gehlen, Michel Foucault und Peter Sloterdijk Askese unter anderem als Opfer höherer Werte, Disziplinierung, Übung des Selbst, Bindung an Wahrheit oder Form von Weltflucht. Émile Durkheim verstand Askese religionssoziologisch als Teil des „negativen Kults“: Durch Verbote, Fasten, Schweigen oder Klausur trenne sich der Mensch vom Profanen und nähere sich dem Heiligen. Max Weber prägte den Begriff „innerweltliche Askese“ für eine protestantische, besonders calvinistische Lebensführung innerhalb von Familie, Beruf und Gesellschaft. Sie verbindet harte Arbeit, Sparsamkeit, Konsumverzicht und rationale Lebensordnung und wirkte nach Weber an der Entstehung des modernen Berufsethos und Kapitalismus mit.

Seit dem 20. Jahrhundert wird Askese auch als Konsumverzicht diskutiert. Kulturkritische und ökologische Stimmen fordern eine neue Askese gegen Vermassung, Technikfolgen und Umweltkrisen. Carl Friedrich von Weizsäcker sprach 1978 von einer nötigen „demokratischen Askese“, Klaus Traube kritisierte dies als irreführende Herrschaftsideologie. In Kunst und Literatur bleibt vor allem der Konflikt zwischen Askese und Sinnlichkeit wichtig, besonders in Darstellungen der Versuchungen des heiligen Antonius und in Luis Buñuels Film Simón del desierto.

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