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Die Welt als Wille und Vorstellung

Die Welt als Wille und Vorstellung heißt das zweibändige Hauptwerk des deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer (1788–1860), an dessen Vollendung der Autor …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kernthese und Aufbau des Hauptwerks
  2. 2. Vorstellung, Erkenntnis und Subjekt
  3. 3. Die vier Wurzeln des Satzes vom zureichenden Grunde
  4. 4. Raum, Zeit, Materie und Kausalität
  5. 5. Wille, Metaphysik und Ethik
  6. 6. Einflüsse und Wirkung

Kernthese und Aufbau des Hauptwerks

Die Welt als Wille und Vorstellung ist das zweibändige Hauptwerk des deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer (1788–1860). Seine zentrale These lautet, dass die Welt auf zwei miteinander verbundenen Weisen verstanden werden muss: Sie ist einerseits Vorstellung, also die Welt, wie sie einem erkennenden Subjekt erscheint, und andererseits Wille, ein hinter allen Erscheinungen liegendes kosmisches Prinzip. Schopenhauer bezeichnet diesen Willen als das „Ding an sich“ und beschreibt ihn als blinden, ziellosen Drang zum Leben. Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine und alle Formen der Materie gehören zu diesem einheitlichen Willen.

Schopenhauer zufolge wollte das Buch „einen einzigen Gedanken“ mitteilen. Dieser Gedanke zeigt sich je nach Betrachtungsweise als Metaphysik, Ethik oder Ästhetik. Eine Notiz aus seinem Nachlass fasst ihn so zusammen: „Die Welt ist die Selbsterkenntnis des Willens.“

Die Erstausgabe erschien 1819 in einem Band. Sie bestand aus vier Büchern und einem Anhang zur Kritik der Kantischen Philosophie, der in 71 Paragraphen gegliedert war. 1844 erschien die zweite, „durchgängig verbesserte und sehr vermehrte Auflage“ mit einem zweiten Band, der Ergänzungen in 50 Kapiteln enthielt. 1859 kam die dritte Auflage heraus, die um weitere 136 Seiten vermehrt war. Der erste Band betrachtet abwechselnd die Welt als Vorstellung und als Wille; der zweite Band ergänzt und erläutert den ersten. Die fachliche und breite Wirkung setzte erst in Schopenhauers letzten Lebensjahren ein.

Vorstellung, Erkenntnis und Subjekt

„Vorstellung“ bedeutet bei Schopenhauer nicht etwas bloß Eingebildetes, sondern etwas, das dem erkennenden Subjekt „vor-gestellt“ ist: ein Gegenstand. Alles, was außerhalb des reinen Erkenntnissubjekts liegt, auch der eigene Leib, ist Objekt und damit Vorstellung. Die Welt ist den erkennenden Lebewesen deshalb niemals unmittelbar so gegeben, wie sie an sich sein könnte, sondern immer durch Erkenntnisfunktionen vermittelt.

Das Bewusstsein zerfällt in Subjekt und Objekt. Beide sind im Erkennen untrennbar: Ein Objekt kann nur für ein erkennendes Subjekt gegeben sein, und ein Subjekt ist nur als Subjekt eines erkannten Objekts bestimmt. Das Subjekt kann das Erkennen selbst nicht vollständig zum Objekt machen; es kann nur eine Objektivation seiner selbst erkennen. Der unmittelbare Zugang zum An-sich der Dinge liegt für Schopenhauer daher nicht im Intellekt, sondern im eigenen Willen.

Schopenhauer verbindet dabei idealistische und materialistische Betrachtungen. Einerseits ist die Welt als Vorstellung nur durch das vorstellende Subjekt gegeben. Andererseits ist der Intellekt ein Produkt des Gehirns und damit der Materie. Der Leib ist zugleich Objekt in der Vorstellung und das Organ, durch dessen Funktion Vorstellungen entstehen. Der Verstand vermittelt zwischen den Sinnesempfindungen und der objektiven Anschauung. Beim Sehen verarbeitet er beispielsweise die zweidimensionalen und auf der Netzhaut verkehrten Bilder zu einer aufrechten dreidimensionalen Anschauung.

Der Verstand liefert die primäre, anschauliche Erkenntnis. Die Vernunft bildet daraus die sekundäre Erkenntnis in Form von Begriffen. Begriffe sind „Vorstellungen aus Vorstellungen“: Sie ordnen und verallgemeinern die Anschauung, verlieren dabei aber ihre unmittelbare Anschaulichkeit. Schopenhauer verlangt deshalb, dass Begriffe immer auf die Anschauung zurückgeführt und an ihr überprüft werden.

Die vier Wurzeln des Satzes vom zureichenden Grunde

Der Satz vom zureichenden Grunde geht auf Leibniz zurück und wird mit „Nihil sine ratione“ zusammengefasst: Alles, was ist, hat einen Grund, warum es ist. Schopenhauer unterscheidet jedoch zwischen dem Erkenntnisgrund eines Urteils und der Ursache eines realen Vorgangs. Daraus entwickelt er vier verschiedene Formen, die zusammen die „vier Wurzeln“ des Satzes vom zureichenden Grunde bilden:

  • Der Satz vom Grunde des Werdens betrifft die Kausalität. Jede Veränderung in der empirischen Wirklichkeit hat eine Ursache.

  • Der Satz vom Grunde des Erkennens betrifft die Verknüpfung von Begriffen zu Urteilen. Begriffe und Urteile haben einen Grund, nach dem gefragt werden kann.

  • Der Satz vom Grunde des Seins betrifft die Beziehungen von Raum und Zeit. In der Zeit folgt jeder Moment auf einen vorherigen; im Raum bestimmen sich die Teile gegenseitig in ihrer Lage. Die reine Sinnlichkeit ist das subjektive Korrelat dieser Form.

  • Der Satz vom Grunde des Handelns betrifft das Motiv des Wollens. Im Selbstbewusstsein erkennt sich das Subjekt als ein Wollendes, dessen Handlungen durch Motive bestimmt sind.

In der systematischen Reihenfolge beginnt die Erklärung mit dem Seinsgrund in der Zeit, geht über den Seinsgrund im Raum zur Kausalität und anschließend zum Motiv. Der Erkenntnisgrund folgt zuletzt, weil er nicht unmittelbare Vorstellungen, sondern Vorstellungen aus Vorstellungen betrifft.

Raum, Zeit, Materie und Kausalität

Raum und Zeit sind für Schopenhauer apriorische, also vor aller Erfahrung gegebene Formen der Anschauung. Die Zeit ermöglicht das Nacheinander, der Raum das Nebeneinander. Im bloßen Raum gäbe es keine Veränderung, in der bloßen Zeit kein Beharren. Erst ihre Verbindung an der Materie bildet die erfahrbare Wirklichkeit.

Die Kausalität ist das Bindeglied zwischen Raum und Zeit. Schopenhauer definiert sie so: „Wenn ein neuer Zustand einer oder mehrerer realer Objekte Eintritt; so muss ihm ein anderer vorhergegangen sein, auf welchen der neue regelmäßig, d. h. allemal, sooft der erstere da ist, folgt.“ Der frühere Zustand heißt Ursache, der spätere Wirkung. Das Gesetz der Kausalität bezieht sich ausschließlich auf Veränderungen. Die Kette der Ursachen und Wirkungen ist notwendig anfangslos beziehungsweise unendlich.

Der Verstand ist das subjektive Korrelat der Materie: Er verarbeitet Sinnesempfindungen durch die Anwendung der Kausalität zu einer objektiven Anschauung. Schopenhauer fasst Materie deshalb als objektiv gewordene Kausalität auf; ihr ganzes Wesen besteht im Wirken. Materie ist Träger der Veränderungen, während Naturkräfte wie Schwere, Undurchdringlichkeit, Starrheit und Elektrizität die Möglichkeit der Veränderungen bereitstellen. Die Kausalität gilt für alle Dinge in der Welt, nicht aber für die Welt selbst, weil sie der Welt immanent und nicht transzendent ist.

Das Gesetz der Trägheit besagt, dass jeder Zustand von Ruhe oder Bewegung ohne hinzutretende Ursache unbegrenzt fortbestehen müsste. Die Materie selbst entsteht und vergeht nach Schopenhauer nicht; nur ihre Formen und Zustände verändern sich. Er lehnt daher eine erste Ursache und den kosmologischen Beweis ab. Eine erste Ursache sei ebenso wenig denkbar wie ein Anfang der Zeit oder eine Grenze des Raumes.

Im Satz vom Grunde des Seins zeigt sich die Zeit in der Arithmetik und der Raum in der Geometrie. Zählen ist eine methodische Abkürzung des Nacheinanders der Zeit; zur Zahl Zehn gelangt man nur über die vorhergehenden Zahlen. Geometrische Beziehungen beruhen auf der gegenseitigen Bestimmung der Teile des Raumes. Solche Beziehungen werden unmittelbar und intuitiv erkannt und nicht allein aus Begriffen abgeleitet.

Wille, Metaphysik und Ethik

Schopenhauers Metaphysik fragt, was die Welt außer Vorstellung noch ist. Seine Antwort lautet: Wille. Der Wille ist kein einzelnes bewusstes Motiv, sondern ein erkenntnisloser, blinder und zielloser Lebensdrang. Der Intellekt ist nicht der Ursprung des Willens, sondern nur dessen Werkzeug. Bewegungen, Handlungen, Motive und Reaktionen auf Reize sind Objektivationen des Willens, also Erscheinungsformen dieses grundlegenden Prinzips.

Die Welt der einzelnen Objekte ist durch Raum, Zeit und Kausalität geprägt und erscheint deshalb als vielfältig und individuell. Hinter dieser Vielheit sieht Schopenhauer jedoch die Einheit des Willens. Weil die individuelle Vorstellung die Welt immer aus der Perspektive des eigenen Willens ordnet, entstehen Egoismus und die Vorstellung, nur der eigene Wille sei wirklich.

Schopenhauer bewertet das Leben pessimistisch. Der Wille findet sich als Individuum in einer Welt zahlloser leidender, irrender und sterbender Individuen wieder. Wünsche täuschen und vergehen; sie bringen nach seiner Auffassung mehr Qual als Freude. Seine Gesellschaftskritik richtet sich besonders gegen Egoismus und Bosheit, etwa gegen die Sklaverei, deren Zweck er in der Gewinnung von Zucker und Kaffee sieht.

Eine Befreiung ist möglich, wenn der Wille zur Selbsterkenntnis gelangt und seine eigene Bejahung aufhebt. Kunst ermöglicht eine vorübergehende Verneinung des individuellen Willens und kann die gewöhnliche, interessengeleitete Vorstellung unterbrechen. In der Ethik ist vor allem das Mitleid entscheidend: Wer im anderen Menschen, im Tier oder in der Natur denselben Willen und dasselbe Leiden erkennt, hebt die Grenze zwischen „Ich und Du“ teilweise auf. Ziel ist nicht die Bejahung des eigenen individuellen Willens, sondern seine Verneinung und damit eine Überwindung des Egoismus.

Einflüsse und Wirkung

Das Werk verbindet Einflüsse aus der Philosophie und den Naturwissenschaften. Schopenhauer stützte sich besonders auf Platons Ideenlehre, auf Kants Transzendentalphilosophie sowie auf Berkeley und Hume. Außerdem verarbeitete er physiologische Erkenntnisse seiner Zeit. Gegen Fichte und Hegel polemisierte er scharf und sprach von „Windbeutelei“ beziehungsweise „Hegelei“.

Eine besondere Bedeutung hatte das altindische Denken. Schopenhauer kannte unter anderem die Upanishaden und die Bhagavad Gita. Die Upanishaden bezeichnete er später als „den Trost seines Lebens und Sterbens“. Die monistische Vorstellung einer grundlegenden Einheit steht in enger Beziehung zu seiner Lehre vom einheitlichen Willen.

Das Werk beeinflusste später verschiedene Bereiche. Richard Wagner las es Mitte der 1850er Jahre und bezog sich in den Musikdramen Tristan und Isolde und Der Ring des Nibelungen künstlerisch auf Schopenhauer. In der Psychologie finden sich Parallelen zwischen Schopenhauers unbewusstem Willen und den Trieben der Psychoanalyse Sigmund Freuds. Auch Alfred Adler und C. G. Jung bezogen sich auf Schopenhauer. Seine Überlegungen zu Begriffen, Sprache und Scheinargumenten wirkten zudem auf Ludwig Wittgensteins Sprachdenken. Albert Einstein las Schopenhauer früh und mit Begeisterung, wobei eine systematische Beschäftigung mit seiner Philosophie nicht belegt ist.

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