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Religion der Philister
Die Philister hatten eine andere Religion als die benachbarten Völker der Israeliten und Phönizier. Weil die Philister selbst kaum schriftliche Quellen …
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Grundzüge und Quellenlage
Die Philister hatten eine Religion, die sich von der Religion benachbarter Israeliten und Phönizier unterschied. Da die Philister selbst kaum schriftliche Quellen hinterlassen haben, wird ihre Religion vor allem aus archäologischen Funden und aus biblischen Texten rekonstruiert. Wichtig ist dabei, dass sich die Religion der Philister im Lauf ihrer Geschichte mehrfach stark veränderte.
Charakteristisch waren außerdem eine eigene Tempelbauweise und ein etwas anderer Totenkult. Beides ist nicht nur religiös, sondern auch historisch bedeutsam: Weil das genaue Siedlungsgebiet der Philister nicht immer sicher ist, gelten typisch philistäische Tempel oder Bestattungen als wichtige Hinweise auf ihr Verbreitungsgebiet.
Götter der alten Philister
Die alte Religion der Philister war ein Polytheismus, also eine Religion mit mehreren Gottheiten. Ein besonders wichtiger Gott war Dagān. Biblische Texte nennen einen Dagān-Tempel in Aschdod und einen in Gaza; außerdem ist in einer assyrischen Inschrift der Ortsname „Bet Dagan“ belegt, also „Haus“ oder „Tempel des Dagān“. Dagān wurde auch in Ugarit und von den Phöniziern verehrt.
Weitere Gottheiten sind durch Texte und Inschriften belegt oder wahrscheinlich. In Bet Scheʾan soll nach einem biblischen Bericht ein Tempel der Astarte („Aschtarot“) gestanden haben; ein anderer biblischer Bericht nennt dort dagegen einen Dagān-Tempel. Eine Inschrift des 7. Jahrhunderts v. Chr. aus Ekron („für Aschera“) macht auch die Verehrung der Göttin Aschera wahrscheinlich.
In Ekron wird in 2 Kön 1,2–3 ein Gott „Ba’al Zebub“ genannt, „Herr der Fliegen“. Dieser Name gilt fast sicher als Verballhornung eines anderen Gottesnamens. Oft wird aus dem späteren Dämonennamen „Beelzebul“ geschlossen, dass ursprünglich „Ba’al zebul“ gemeint war, also „erhabener Ba’al“ oder „erhabener Herr“. Eine Inschrift aus Ekron („für Ba’al und für [König] Padi“) stützt die Annahme, dass die Philister auch Ba’al verehrten.
Eine Weihinschrift aus dem Tempel von Ekron bezeugt zudem eine Göttin Ptgy.h ˀdt(h). Ihre Identität ist umstritten. Als vergleichsweise wenig problematisch gilt die Deutung von Christa Schäfer-Lichtenberger, nach der damit „Gaia von Delphi“ gemeint sei. Auffällig wäre dann, dass die Philister außer Gaia vor allem semitische Gottheiten verehrten, obwohl sie als nach Palästina eingewandertes Volk gelten.
Religiöser Wandel
Ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. zeigen sich in den Philister-Städten Aschkelon und Jaffa neue Kulte, die zuvor mit den Phöniziern verbunden waren. Häufig wird dies damit erklärt, dass diese Städte ab dieser Zeit unter phönizische Herrschaft kamen. Diese Herrschaft ist aber nur durch einen späteren literarischen Text und eine Sarkophag-Inschrift bezeugt und deshalb nicht ganz sicher. Archäologisch wichtig sind unter anderem drei Tanit-Amulette aus Aschkelon. Tanit war eine phönizische Göttin, deren Symbol später auch an anderen Orten Südpalästinas verbreitet war.
Auch Herodot berichtet von einem Tempel der Aphrodite Ourania in Aschkelon, der der älteste Tempel dieser Göttin gewesen sein soll. Spätere Autoren nennen Derketo als Hauptgöttin von Aschkelon. In der Nähe von Jaffa wurde außerdem eine Inschrift gefunden, die den phönizischen Gott Eschmun nennt; sie könnte allerdings eine Fälschung sein.
Zur gleichen Zeit wanderten Idumäer nach Südpalästina ein. Spätestens im 4. Jahrhundert v. Chr. verlief die Grenze zwischen Judäa und Idumäa zwischen Bet Zur und Hebron. Kultische Figuren und Masken aus Favissae, also Gruben für nicht mehr verwendete Kultgegenstände, zeigen Ähnlichkeiten zwischen Orten in Philistäa und idumäischen Orten wie Marescha, Lachisch, Tell Halif und Beerscheba. Das deutet darauf hin, dass in Philistäa teilweise ein ähnlicher Kult wie in Idumäa praktiziert wurde.
Nach der griechischen Eroberung Palästinas im 4. Jahrhundert v. Chr. verdrängten griechische und ägyptische Gottheiten zunehmend das alte philistäische Pantheon. Der Übergang verlief langsam. Zunächst gab es Mischformen, sogenannte Komposit-Götter. In Aschkelon wurden etwa Aphrodite Ourania, „Astarte Palaistina“ und später „Astarte Palaistina Ourania Aphrodite“ verehrt. In römischer Zeit ist auch „Zeus-Helios-Sarapis“ belegt. Gaza hatte als Stadtgott Marnas, eine lokale Form von „Zeus Regenspender“, dessen Tempel „Marneion“ hieß. Weitere Gottheiten in den Städten waren unter anderem Io, Minos, Herakles, Derketo, Poseidon von Aschkelon, ein löwenköpfiger Asklepios, Isis, Pan, Dionysos, Apollon, Artemis und Leto.
Tempel und Hauskult
Vor dem 6. Jahrhundert v. Chr. wurden philistäische Gottheiten in Tempeln verehrt. Ein Tempel konnte mehreren Gottheiten zugleich dienen, wie der Ptgyh gewidmete Tempel mit Opfergaben für Aschera und Ba’al zeigt. Textquellen nennen Tempel in Aschdod, Aschkelon, Gaza, Ekron und Bet Scheʾan. Archäologisch werden außerdem Tempel oder Kultstätten in Tell Qasile, Nahal Patisch, Gat und möglicherweise Javne angenommen. Der Ortsname „Bet Dagān“ macht einen Dagān-Tempel dort sehr wahrscheinlich.
Die Philister scheinen in der Eisenzeit eine vergleichsweise „tempelreiche“ Gesellschaft gewesen zu sein. Trotzdem waren viele Kultstätten offenbar nicht monumental. Neben Ausnahmefällen wie dem großen späten Tempel in Ekron aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. gab es kleine „nicht-monumentale Knickachs-Tempel“, also Tempel mit seitlichem, asymmetrischem Zugang. Beispiele sind Tell Qasile, Nahal Patisch und der Nordtempel von Bet Scheʾan; ähnliche Anlagen werden auch in anderen Orten diskutiert.
In mehreren wichtigen Orten wie Aschdod, Aschkelon, Gat und dem älteren Ekron wurden eher kleinere Kulträume in größeren Gebäuden gefunden. Kultische Keramik lag außerdem häufig nicht in großen Heiligtümern, sondern in Privathäusern, Gräbern oder bei industriellen Einrichtungen. Daher sollte man sich die biblisch erwähnten Philister-Tempel nicht unbedingt wie den Jerusalemer Tempel vorstellen, sondern eher als bescheidenere Kultbauten und Kulträume.
Totenkult und Bestattungen
Der philistäische Totenkult war in vielen Punkten den Bestattungsformen benachbarter Gruppen ähnlich. Belegt sind Grubengräber, Kistengräber, Urnengräber, auch nach Kremation, sowie Höhlengräber. Ob die Unterschiede in der Bestattung auch andere Vorstellungen vom Leben nach dem Tod zeigen, ist unbekannt.
Besonders auffällig sind sogenannte „groteske Sarkophage“, die bei Bet Scheʾan, Tell el-Fārʿa (Süd) und Deir al-Balah gefunden wurden. Da bei einigen Funden Mundbedeckungen, Philisterkeramik und Gesichtsdarstellungen mit Ähnlichkeiten zu Seevölker-Reliefs in Medinet Habu vorkommen, gelten besonders die Sarkophage aus Bet Scheʾan oft als Seevölker-Sarkophage.
Eine weitere besondere Form ist das „Doppel-Pithos-Begräbnis“. Dabei wurden statt eines Sargs zwei zerbrochene und geweitete Amphoren vom Kopf und von den Füßen her über Verstorbene gestülpt. Manche Forscher deuten dies wegen der Fundorte und wegen früher Formen philistäischer Keramik als Brauch der Seevölker. Das ist aber umstritten; Holladay sieht darin eher einen hethitischen Brauch aus Anatolien, weist jedoch selbst auf Schwierigkeiten dieser Erklärung hin.
In philistäischen Gebieten wurden außerdem goldene Mundbedeckungen gefunden, wie sie besonders auf Zypern belegt sind. Graziadio deutet sie als mögliche „Portale“, durch die Geister der Verstorbenen ins Totenreich gelangen konnten. Wenn das stimmt, wäre dies ein Hinweis auf besondere Vorstellungen vom Tod.
Auffällig sind auch Hundebegräbnisse. In der Philistäa wurden Hunde in Grubengräbern und teils in Urnen bestattet. In Aschkelon gab es aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. sogar einen Hundefriedhof mit mehreren Hundert Hundeleichen. Früher wurden solche Funde oft als Hinweis gedeutet, dass Philister Hunde gegessen hätten; das bleibt möglich. Wegen der Häufung von Grabfunden, Urnen und Nähe zu Favissae gilt aber eine religiöse Erklärung als wahrscheinlicher. Möglicherweise wurden Dagān von Philistern und später auch Phöniziern Hunde als Opfergaben dargebracht.
Judentum und Christianisierung
Der jüdische Glaube an JHWH lässt sich in der Philistäa für biblische Zeit nicht nachweisen. Erst ab der Zeitenwende wird jüdische Präsenz archäologisch sichtbar, etwa durch Mikwen, judäische Öllampen, besondere Kalksteingefäße und später Synagogen.
Besonders wichtig war Javne. Rabbinische Schriften berichten, dass nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer um 70 n. Chr. bedeutende Schriftgelehrte wie Jochanan ben Sakkai, Gamaliel von Javne, Eleasar ben Asarja und Samuel der Kleine dort lebten. In der „Javne-Periode“ von 70–130 n. Chr. soll sich das rabbinische Judentum herausgebildet haben. Archäologisch ist jüdische Präsenz in Javne selbst bisher nicht nachgewiesen, wohl aber möglicherweise in Dörfern der Umgebung. Auch Lod, Maon bei Tell Rafah, Gaza-Maiumas, Aschdod und Aschkelon werden mit jüdischer Präsenz oder Synagogen verbunden. Wie und warum jüdische Schriftgelehrte gerade in diese Gegend kamen, ist umstritten.
Ab dem 4. Jahrhundert n. Chr. setzte die Christianisierung ein. Die von Christen als „Heidentum“ abgewerteten Religionen hielten sich an der Küste jedoch lange. Eusebius von Cäsarea und Sozomenos berichten von Christenverfolgungen in Anthedon und besonders Gaza. Wichtig sind die Vita Sancti Porphyrii über Bischof Porphyrios von Gaza und die Vita Sancti Hilarii von Hieronymus über Hilarion von Gaza. Gaza-Maiumas soll sich schon vor Porphyrios gesammelt zum Christentum bekehrt haben, während heidnische Kulte in anderen Küstenstädten im Untergrund mindestens bis ins 6. Jahrhundert fortbestanden. Die Christianisierung wurde besonders durch das Römische beziehungsweise Byzantinische Reich vorangetrieben, nachdem 384 das Christentum Staatsreligion wurde und Kaiser Theodosius I. das Heidentum für illegal erklärte.