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Religiöser Sozialismus
Als religiösen Sozialismus bezeichnet man das Eintreten von Angehörigen des Christentums aus Gründen ihres Glaubens für eine sozialistische …
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Grundidee und Begriff
Religiöser Sozialismus bezeichnet das Eintreten von Angehörigen des Christentums für eine sozialistische Gesellschaftsordnung aus Gründen ihres Glaubens. Ursprünglich meinte der Begriff eine Strömung im deutschsprachigen Protestantismus, die um 1900 in der Schweiz entstand. Aus ihr ging in der Weimarer Republik eine evangelische Kirchenpartei hervor, die sich 1926 als Bund der religiösen Sozialisten Deutschlands (BRSD) organisierte. Vergleichbare Strömungen entwickelten sich auch in anderen christlichen Konfessionen und Staaten.
Hermann Kutter und Leonhard Ragaz prägten 1906 die Wortverbindung „religiöser Sozialismus“ und die Selbstbezeichnung „religiöse Sozialisten“. Sie wollten sich damit sowohl von nichtreligiösen Sozialisten als auch von antisozialistischen Christen abgrenzen und Christen verschiedener Konfessionen ansprechen. Ragaz erklärte später: „Der religiöse Sozialismus ist ein Verständnis des ganzen Christentums, das dessen sozialen Sinn ins Licht stellt“ und zugleich „ein Verständnis des ganzen Sozialismus, das dessen religiösen Sinn ins Licht stellt.“ Gemeint war also kein besonderer neuer Sozialismus und keine besondere neue Religion, sondern ein Verständnis von Christentum und Sozialismus, das ihren eigentlichen Sinn sichtbar machen sollte.
Die Schweizer religiösen Sozialisten standen der Sozialdemokratie grundsätzlich positiv gegenüber. Damit unterschieden sie sich von christlich-sozialen oder christlich-sozialistischen Richtungen, die sich gegen Sozialismus und Sozialdemokratie richteten. Karl Barth formulierte 1915 zugespitzt, ein wirklicher Christ müsse Sozialist werden und ein wirklicher Sozialist Christ sein, wenn beide Bewegungen ihre eigenen Ziele erneuern wollten. Paul Tillich verstand religiösen Sozialismus 1930 als Versuch, den Sozialismus religiös zu verstehen und zu gestalten und zugleich das religiöse Prinzip auf die soziale Wirklichkeit zu beziehen.
Die meisten im BRSD organisierten religiösen Sozialisten vertraten einen demokratischen Sozialismus. Das Verhältnis zum Marxismus war umstritten: Einige wollten die Arbeiterbewegung christianisieren und vom atheistischen Marxismus lösen, andere bejahten den Klassenkampf als historische Realität. Früh grenzte sich der BRSD gegen den Nationalsozialismus ab; nur wenige religiöse Sozialisten unterstützten die KPD.
Biblische Grundlagen
Religiöse Sozialisten deuteten zentrale Texte und Traditionen der Bibel als Verpflichtung, eine vom Kapitalismus geprägte Gesellschaftsordnung zu überwinden. Wichtig waren das Erlassjahr, die Nächstenliebe, prophetische Erwartungen vom Reich Gottes, die Bergpredigt, die Kritik am Mammon und die Gütergemeinschaft der Jerusalemer Urgemeinde.
Im Tanach, der hebräischen Bibel, begründet die Tora soziale Gerechtigkeit mit Gottes Recht. Als Grundsatz des Boden- und Besitzrechts gilt Lev 25,23: „Mein ist das Land, und ihr seid Fremdlinge und Gäste bei ihm.“ Weil das Land Gott gehört, sind menschliche Besitzverhältnisse nicht endgültig. Das Gebot des Erlassjahres verlangte, dass jeder Israelit spätestens nach 50 Jahren seinen Anteil am Boden zurückerhalten und gegebenenfalls aus Schuldsklaverei entlassen werden sollte. Dadurch sollten soziale Gleichheit und Zukunftschancen für Verarmte wiederhergestellt werden.
Die Tora schützt außerdem Witwen, Waisen und Fremde. Fremde werden unter besonderen Schutz gestellt und sollen wie Angehörige des eigenen Volkes geliebt werden. Propheten wie Amos kritisierten später Könige und Besitzende, weil sie Arme unterdrückten, hohe Abgaben nahmen, Bestechung zuließen und Recht beugten. In der exilischen und nachexilischen Heilsprophetie wurde die Hoffnung auf eine gerechte Gesellschaft ohne Ausbeutung zum Teil der endzeitlichen Erwartung. Jes 61,1 verheißt, dass Gottes Gesalbter den Armen gute Nachricht bringt, Gefangenen Befreiung verkündet und ein „Gnadenjahr des Herrn“ ausruft.
Im Neuen Testament wird Jesus von Nazaret mit dieser Hoffnung verbunden. Nach Lk 4,18ff zitiert Jesus bei seinem ersten öffentlichen Auftreten Jes 61,1 und sagt: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“ Die Seligpreisungen der Bergpredigt sagen Armen, Trauernden, Machtlosen und Verfolgten das Reich Gottes und den künftigen Besitz der Erde zu. Jesus fordert Nachfolger zum Verzicht auf materielle Absicherung auf und lädt einen reichen Großgrundbesitzer ein, seinen Besitz zugunsten der Armen aufzugeben. Apg 2,44 beschreibt die Jerusalemer Urgemeinde mit den Worten: „Alle, die gläubig geworden waren, waren beieinander und besaßen alle Dinge gemeinsam.“ Diese Gütergemeinschaft wurde als Vorbild für gerechtes Teilen in der Kirche verstanden.
Vorläufer bis zur Frühen Neuzeit
Als das Christentum zwischen 313 und 380 zur Staatsreligion des Römischen Reiches wurde, entschärfte die kirchliche Theologie die radikalen Forderungen Jesu zunehmend. Bistümer und Klöster wurden seit der Spätantike teilweise sehr große Landbesitzer; Bischöfe und Äbte traten oft wie weltliche Fürsten auf. Die sozialkritischen Traditionen der Hebräischen Bibel wurden von der Großkirche weitgehend nicht auf eine Veränderung von Besitz- und Machtverhältnissen bezogen.
Trotzdem versuchten christliche Minderheiten, die Tradition von Armut, Gemeineigentum und Hilfe für Besitzlose zu bewahren. Im Hochmittelalter entstanden Gruppen wie die Pauperes Christi, die Katharer, die Waldenser und franziskanische Strömungen. Die „Armen von Lyon“ um Petrus Valdes verteilten ihren Besitz an Arme und stellten damit die Ständeordnung in Frage; sie wurden exkommuniziert, vertrieben und verfolgt. Franz von Assisi forderte um 1200 Besitzverzicht für den Klerus und lebte ihn vor. Papst Innozenz III. erlaubte 1210 Predigt und Ordensgründung, lehnte aber einen Verzicht der Kirche auf ihren Reichtum ab.
In der Frühen Neuzeit verbanden sich soziale Krisen, Armut und Berufung auf die Bibel stärker mit Forderungen nach gesellschaftlicher Veränderung. Die Taboriten gründeten in der Stadt Tabor eine egalitäre Kommune und praktizierten mit Bezug auf Apg 2 eine verbindliche Gütergemeinschaft ohne Standesunterschiede. Hans Böhm predigte 1476 soziale Gleichheit und lehnte Steuern, Abgaben, Frondienste, Zinsen und das Ständewesen ab. Während der Reformation forderten Nikolaus Storch und Thomas Müntzer radikale Veränderungen; Müntzer verband alt- und neutestamentliche Traditionen, besonders die Apokalyptik, mit der Idee eines irdischen Reiches Gottes ohne Herrschaftsinstitutionen von Staat und Kirche.
Weitere Beispiele waren Michael Gaismairs Tiroler Landesordnung von 1526, Hans Hergots Schrift Von der neuen Wandlung von 1527 und die von Jakob Hutter 1533 begründete Wiedertäuferkommune der Hutterer. Im Englischen Bürgerkrieg gründete Gerrard Winstanley 1649 eine Landkommune und forderte gemeinsamen Bodenbesitz aller englischen Bauern. Gemeinsam war diesen Gruppen, dass sie die Gütergemeinschaft der Urgemeinde als gültiges Modell ansahen. Die meisten Versuche scheiterten an Machtverhältnissen oder inneren Konflikten.
Entwicklung im deutschsprachigen Raum
Im 19. Jahrhundert verschärfte die Industrialisierung die sozialen Gegensätze. Ein Proletariat entstand, und viele Arbeiter wandten sich von Christentum und Kirche ab, weil sie diese mit den herrschenden Klassen verbanden. Die Arbeiterbewegung organisierte sich in Gewerkschaften und Linksparteien. Einige jüdische und christliche Theologen beschäftigten sich mit der „sozialen Frage“, während kirchliche Bewegungen wie die Innere Mission meist diakonisch halfen, sozialistische Politik aber ablehnten.
Der Frühsozialismus in Frankreich beeinflusste den deutschsprachigen Raum stark. Félicité de Lamennais gilt als Begründer des religiösen Sozialismus; er deutete Jesu Lehre als Begründung einer sozialen Revolution. Wilhelm Weitling beschrieb Jesus als Propheten der Befreiung aller Menschen durch den Kommunismus. Karl Marx und Friedrich Engels grenzten sich dagegen scharf von religiösen sozialistischen Ideen ab. Marx nannte Religion „Opium des Volkes“: Sie drücke Sehnsucht und Protest aus, verhindere aber reale Emanzipation, weil sie vertröste und Ursachen des Leidens verschleiere. In der deutschen Sozialdemokratie und in den Kirchen blieb die gegenseitige Ablehnung bis 1918 stark.
Um 1900 untersuchten historisch-kritische Bibelforscher sozialkritische Bibeltraditionen neu. Christoph Blumhardt gilt als Begründer der Bewegung im deutschsprachigen Raum. Er sah im Sozialismus und in der Sozialdemokratie ein Wirken Gottes in der Geschichte, weil dort Unterdrückte als handelnde Subjekte anerkannt würden. Hermann Kutter und Leonhard Ragaz entwickelten diese Gedanken in der Schweiz weiter. Kutter nannte Sozialdemokraten „Werkzeuge des lebendigen Gottes“, während Ragaz Christen und Sozialisten dauerhaft zu gemeinsamer politischer Aktivität verbinden wollte. Ragaz trat 1913 in die Sozialdemokratische Partei der Schweiz ein und verstand Sozialismus als „Gemeinschaftspflicht“ in allen Lebensbereichen.
Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden in Deutschland verschiedene religiös-sozialistische Gruppen. 1926 wurde auf Initiative Erwin Eckerts der Bund der religiösen Sozialisten Deutschlands gegründet. Er wollte die nationalistische, militaristische und antidemokratische Mehrheit in der Deutschen Evangelischen Kirche verändern. Der BRSD forderte unter anderem Trennung von Kirche und Staat, niedrigere Kirchensteuer, kirchliche Stellungnahmen gegen Arbeitslosigkeit, gegen Militärgottesdienste und gegen nationalistische Gedenkformen. Bis 1933 hatte er über 20.000 Mitglieder in 17 Landesverbänden.
Der BRSD warnte früh vor Nationalismus und Antisemitismus und protestierte gegen die Deutschen Christen. Er war die wichtigste geschlossene antifaschistische Gruppe im deutschen Protestantismus vor 1933. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden religiöse Sozialisten verfolgt; der BRSD wurde am 18. Juli 1933 offiziell verboten. Einige Mitglieder wurden inhaftiert, emigrierten oder arbeiteten illegal weiter. Paul Tillich verlor als erster nichtjüdischer Professor seinen Lehrstuhl in Frankfurt am Main und emigrierte in die USA. Karl Barth unterstützte die Bekennende Kirche und musste Deutschland verlassen, nachdem er den Beamteneid auf Adolf Hitler verweigert hatte.
Nach 1945 und internationale Formen
Nach 1945 sammelten sich überlebende und zurückgekehrte religiöse Sozialisten wieder. Im Juni 1948 wurde der BRSD in Kassel neu gegründet. Sein Programm grenzte sich strikt von jedem totalitären Regierungssystem ab und betonte, dass keine Sonderform des Sozialismus angestrebt werde. Die deutsche Teilung belastete den Bund stark, weil viele Mitglieder eine Zusammenarbeit mit Sowjetkommunisten ablehnten. In Westdeutschland nannte er sich später Gemeinschaft für Christentum und Sozialismus und förderte die Annäherung zwischen Protestanten und Sozialdemokraten, wie sie im Godesberger Programm der SPD von 1959 sichtbar wurde.
Im Kalten Krieg blieb der BRSD eine kleine Minderheit zwischen westlichem Antikommunismus und östlichem Stalinismus. Durch die Studentenbewegung erhielt er neuen Zulauf; 1977 kam es in Bochum zu einer Neugründung mit Bezug auf das Programm von 1926. Der BRSD ist Mitglied im Internationalen Bund Religiöser SozialistInnen, in der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus und im Attac-Netzwerk. Obwohl religiöser Sozialismus im Protestantismus eine Minderheitenbewegung blieb, prägten seine Ideen die Sozialethik der EKD mit. Die Ostdenkschrift der EKD von 1965, die Entspannungspolitik und Versöhnung mit Polen und Russland entwarf, ging auf frühere Forderungen des BRSD zurück.
In der DDR spielte der BRSD als Organisation keine Rolle. Einzelne religiöse Sozialisten engagierten sich in SED, Ost-CDU oder LDPD. In evangelischen Gemeinden und Jugendgruppen blieb aber eine unorganisierte religiös-sozialistische Tradition lebendig. Seit 1975 entstanden neue Gruppen gegen den Stalinismus, etwa im Umfeld der Offenen Arbeit, der Kirche von Unten, der Friedensbewegung, der Gruppe Gegenstimmen, der Vereinigten Linken und 1990 der Initiative Christliche Linke.
In anderen Staaten gab es unterschiedliche Formen. In Irland sahen James Connolly und James Larkin keinen Widerspruch zwischen Marxismus und praktiziertem Katholizismus. In Großbritannien entstanden seit 1877 christlich-sozialistische Vereinigungen wie die Guild of Saint Matthew, später das Christian Socialist Movement, das seit 1986 der Labour Party korporativ angeschlossen ist. In Frankreich wirkten protestantische Initiativen wie die Mission populaire évangélique, Tommy Fallots christlicher Sozialismus, die „Solidarités“ und die Ecole de Nîmes, die einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus und Genossenschaften unterstützte. In den Niederlanden bestand von 1926 bis 1946 die linke protestantische und pazifistische Christelijk-Democratische Unie.
In Nordamerika vertraten Angehörige von Quäkern, methodistischen und wesleyanischen Kirchen, Mennoniten und manchen Baptisten auch antikapitalistische und sozialistische Ideen. In Südafrika, Asien und Lateinamerika entstanden in den 1960er und 1970er Jahren Basisgemeinden, die Selbstorganisation der Armen mit sozialistischer Landreform und gesellschaftlicher Umgestaltung verbanden. Daraus ging die Theologie der Befreiung hervor. In der ökumenischen Bewegung setzen sich arme Christengemeinden der „Zwei-Drittel-Welt“ und religiös-soziale Nichtregierungsorganisationen für eine gerechte Weltwirtschaftsordnung ein. 1971 entstand in Chile Cristianos por el Socialismo; 1973 folgte in der Bundesrepublik ChristInnen für den Sozialismus.