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Reichsland Elsaß-Lothringen

Das Reichsland Elsaß-Lothringen war ein aus Teilen der Landschaften Elsass und Lothringen gebildetes Verwaltungsgebiet des Deutschen Reiches von 1871 bis …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Entstehung und staatsrechtlicher Status
  2. 2. Option, politische Haltung und Verfassung
  3. 3. Verwaltung, Bevölkerung und Entwicklung
  4. 4. Militär und Ende des Reichslandes
  5. 5. Französische Zeit, deutsche Besatzung und Nachwirkungen

Entstehung und staatsrechtlicher Status

Das Reichsland Elsaß-Lothringen war ein Verwaltungsgebiet des Deutschen Reiches, das von 1871 bis 1918/1919 aus Teilen des Elsass und Lothringens bestand. Es umfasste 14.522 km² und hatte 1910 1.874.014 Einwohner, also 129 Einwohner je km². Hauptstadt war Straßburg. Anders als die Bundesstaaten unterstand das Reichsland unmittelbar dem Deutschen Kaiser, der durch einen Kaiserlichen Statthalter vertreten wurde.

Elsass und Lothringen gehörten seit 870 zum Ostfränkischen Reich und später zum Heiligen Römischen Reich. Frankreich erwarb im 16. und 17. Jahrhundert schrittweise Gebiete der Region; Metz wurde 1552 besetzt und Frankreich 1648 im Besitz bestätigt, Straßburg 1681 von Ludwig XIV. eingenommen. 1766 fiel auch das Herzogtum Lothringen an Frankreich. Nach der Französischen Revolution wurden feudale Strukturen und regionale Sonderrechte beseitigt. Obwohl die Region Teil Frankreichs blieb, hielt sich Deutsch als Alltags- und Umgangssprache, da vor 1882 keine allgemeine Schulpflicht in französischer Sprache bestand.

Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 besetzten deutsche Truppen das Elsass und belagerten Straßburg sechs Wochen lang. Der Beschuss beschädigte das Münster; ein Brand vernichtete die alte Stadt- und Universitätsbibliothek mit wertvollen mittelalterlichen Handschriften, darunter das einzige Exemplar des Hortus Deliciarum. Der Frieden von Frankfurt im Mai 1871 übertrug das Elsass und den nordöstlichen Teil Lothringens an das Deutsche Reich. Der völkerrechtliche Übergang erfolgte am 2. März 1871, staatsrechtlich wurde Elsaß-Lothringen am 28. Juni 1871 durch das Reichsgesetz vom 9. Juni 1871 Bestandteil des Reichsgebietes.

Die Grenze folgte im Elsass im Wesentlichen der Sprachgrenze am Hauptkamm der Vogesen. Aus militärischen Gründen wurden jedoch Schirmeck und Mariakirch einbezogen; Belfort und sein Umland blieben bei Frankreich. Im Lothringen blieb Nancy französisch, während Metz mit Festung und Umland vor allem aus strategischen Gründen an das Deutsche Reich fiel. Dadurch wurden etwa 200.000 französischsprachige Lothringer Reichsdeutsche; sie bildeten rund 15 % der Bevölkerung Elsaß-Lothringens.

Option, politische Haltung und Verfassung

Die Bewohner konnten bis zum 1. Oktober 1872 für die Beibehaltung der französischen Staatsbürgerschaft optieren. Insgesamt taten dies 160.878 Personen, etwa 10,4 % der Gesamtbevölkerung. Im Oberelsass lag der Anteil mit 93.109 Personen beziehungsweise 20,3 % besonders hoch; im Unterelsass waren es 6,5 %, in Lothringen 5,8 %. Tatsächlich wanderten nur etwa 50.000 Menschen nach Frankreich aus, also 3,2 % der Bevölkerung. Rund 110.000 Optanten verloren ihre Option, weil sie nicht rechtzeitig auswanderten, und behielten die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Option führte zu dauerhaften familiären Verbindungen zwischen dem Reichsland und Frankreich.

Obwohl rund 90 % der Bevölkerung deutschsprachige Muttersprachler waren, blieb die Haltung gegenüber der Vereinigung mit Deutschland zunächst skeptisch. Katholische Bevölkerungsteile identifizierten sich teilweise mit dem katholischen Frankreich und befürchteten Nachteile unter dem protestantisch geprägten Preußen. Ein Teil der Protestanten befürwortete dagegen die Zugehörigkeit zum Deutschen Reich. Der Kulturkampf ab 1872/73 machte die katholische Kirche zu einem wichtigen Träger des Widerstands. 1873 rief ein Hirtenbrief des Bischofs von Nancy-Toul in Château-Salins und Saarburg zum Gebet für die Wiedervereinigung mit Frankreich auf; die Behörden reagierten unter anderem mit Verhaftungen und dem Verbot katholischer Presseorgane.

Bei den Reichstagswahlen 1874 bis 1887 wurden die meist oppositionellen Abgeordneten als Protestler bezeichnet. Sie forderten 1874 ein Plebiszit über die staatliche Zugehörigkeit, doch der Antrag wurde mit großer Mehrheit abgelehnt. Die Protestler verweigerten weitgehend die Zusammenarbeit mit den deutschen Behörden und nahmen nach ihrer Wahl nicht an den Reichstagssitzungen teil. Autonomisten waren ebenfalls häufig frankreichfreundlich, strebten aber eine realpolitische Zusammenarbeit und möglichst weitgehende lokale Autonomie an.

Seit 1890 verloren die Protestler an Bedeutung. Reichsdeutsche Parteien wie SPD, Zentrum, Nationalliberale, Liberale und Konservative gewannen Anhänger. Der wirtschaftliche Aufschwung und die wachsende Distanz jüngerer Einwohner zu Frankreich schwächten profranzösische Positionen weiter. Bei den Reichstagswahlen 1912 gingen im Elsass alle Wahlkreise an reichsdeutsche Parteien oder lokale Ableger. 1874 war das Reichsland mit 15 Abgeordneten im 397 Mitglieder umfassenden Reichstag vertreten.

Zunächst wurde das Reichsland wie ein besetztes Gebiet direkt durch den Kaiser verwaltet. 1874 entstand ein beratender Landesausschuss, 1879 wurde das Amt des Kaiserlichen Statthalters eingerichtet, und der Staatssekretär des Reichsamts für Elsaß-Lothringen leitete die Regierung. Seit 1877 durfte das Land Gesetzesvorschläge einbringen. Erst 1911 wurde es den Bundesstaaten weitgehend gleichgestellt: Es erhielt durch das Gesetz vom 31. Mai 1911 eine eigene Verfassung, ein frei gewähltes Parlament und drei Vertreter im Bundesrat. Die zweite Kammer wurde nach allgemeinem gleichen Männerwahlrecht für Männer über 25 Jahre in 60 Wahlkreisen gewählt. Bei den ersten und einzigen Landtagswahlen am 22. und 29. Oktober 1911 erzielten das elsässische Zentrum 31,0 %, die Sozialdemokraten 23,8 % und die lothringischen Autonomisten 16,3 %.

Verwaltung, Bevölkerung und Entwicklung

Das Reichsland bestand aus drei Bezirken, die im Wesentlichen den heutigen französischen Départements entsprechen: Oberelsass mit dem Hauptort Colmar und den Kreisen Altkirch, Colmar, Gebweiler, Mülhausen, Rappoltsweiler und Thann; Unterelsass mit Straßburg und den Kreisen beziehungsweise Stadtkreisen Straßburg, Erstein, Hagenau, Molsheim, Schlettstadt, Weißenburg und Zabern; sowie Lothringen mit Metz und den Kreisen Metz, Bolchen, Château-Salins, Diedenhofen, Forbach, Saarburg und Saargemünd. Der Kreis Diedenhofen wurde 1901 in Diedenhofen-Ost und Diedenhofen-West geteilt. 1871 hatte der Bezirk Oberelsass 459.779, der Bezirk Unterelsass 600.295 und der Bezirk Lothringen 489.385 Einwohner.

Französisch war 1900 bei 11,6 %, 1905 bei 11,0 % und 1910 bei 10,9 % der Bevölkerung Muttersprache. Der größte französischsprachige Anteil lebte in Lothringen; dort waren es 1910 22,3 %. Im Kreis Château-Salins bildeten Französischsprachige mit 68,4 % die Mehrheit. Im Oberelsass betrug ihr Anteil 6,1 %, im Unterelsass 3,8 %. Deutsch war grundsätzlich Amtssprache. In überwiegend französischsprachigen Gebieten mussten öffentliche Bekanntmachungen und Erlasse jedoch übersetzt werden; in bestimmten Verwaltungen blieb Französisch als Geschäftssprache zugelassen. 1871 betraf dies 420 Gemeinden, 1905 noch 311. Seit 1873 galt in deutschsprachigen Gebieten Deutsch als ausschließliche Schulsprache, in überwiegend französischsprachigen Gebieten Französisch. Zugleich wurde die allgemeine Schulpflicht eingeführt.

Das Reichsland war überwiegend katholisch: 1900 waren 76,21 % Katholiken, 21,64 % Protestanten und 1,88 % Juden. Die jüdische Bevölkerung lag damit über dem Reichsdurchschnitt von etwa 0,9 % und dem französischen Anteil von etwa 0,1 %. Im Unterelsass waren 35,5 % evangelisch; Straßburg hatte 1910 durch Zuwanderung 44,5 % Evangelische. Im Oberelsass lag der Anteil bei 14,3 %, in Lothringen bei 13,0 %.

Besonders 1875 bis 1885 wanderten Menschen aus dem übrigen Deutschen Reich, meist aus Süddeutschland, zu. 1910 stellten diese „Altdeutschen“ 15,8 % der Bevölkerung. In Metz, das vor 1871 fast rein französischsprachig gewesen war, waren 1910 73 % deutschsprachig und 25 % französischsprachig. Im Kreis Diedenhofen-West lebten 1905 30,5 % Ausländer; etwa zwei Drittel waren italienische Arbeiter im lothringischen Stahlrevier.

Wirtschaftlich entwickelte sich das Reichsland besonders seit den 1890er Jahren stark. Die strategische „Kanonenbahn“ von Berlin über Wetzlar und Koblenz nach Metz wurde in den 1870er Jahren gebaut. 740 km französische Eisenbahnstrecken wurden für 260 Mio. Goldmark an das Deutsche Reich verkauft und bildeten die Reichseisenbahnen in Elsaß-Lothringen. Bis zum Ersten Weltkrieg wurden Sozial- und Krankenversicherung eingeführt, die Universität Straßburg 1872 wieder gegründet und 1877 Kaiser-Wilhelm-Universität genannt. Die Verwaltung förderte außerdem Berufsausbildung und künstlerische Ausbildung.

Militär und Ende des Reichslandes

Metz wurde unter deutscher Herrschaft zur größten Festungsanlage der Welt ausgebaut. Durch den Zuzug von Militärpersonen und anderen „Altdeutschen“ wurde die Stadt mehrheitlich deutschsprachig. Das Reichsland lag im Bereich mehrerer Armeekorps: des XV. und seit 1890 des XVI. preußischen Armeekorps, im Süden des XIV. und ab 1912 im Nordosten des XXI. Armeekorps. Elsässer und Lothringer wurden wegen politischer Unzuverlässigkeit zunächst einzeln auf preußische Einheiten verteilt; erst ab 1903 wurde ein Viertel der elsässischen Rekruten versuchsweise in ihrer Heimat eingesetzt. 1910 waren etwa 80.000 Menschen beziehungsweise 4,3 % der ortsanwesenden Bevölkerung Militärangehörige. Damit war Elsaß-Lothringen die am dichtesten mit Truppen belegte Region Deutschlands.

Der wirtschaftliche Aufschwung wurde von repräsentativen Bauwerken begleitet, die die Zugehörigkeit zu Deutschland sichtbar machen sollten. Das Verhältnis zur Obrigkeit blieb dennoch angespannt; ein Beispiel war die Zabern-Affäre von 1913.

Am 9. November 1918 wurde in Berlin die Republik ausgerufen, am 11. November trat der Waffenstillstand von Compiègne in Kraft. Er sah vor, dass Elsaß-Lothringen innerhalb von 15 Tagen geräumt wurde. Der Landtag rief am 11. November unter Eugen Ricklin die unabhängige Republik Elsaß-Lothringen aus. Diese erhielt international keine Anerkennung, weil die Alliierten die Rückgliederung an Frankreich anstrebten. Französische Truppen rückten ab dem 17. November in Mülhausen, Colmar und Metz ein und erreichten am 21. November Straßburg.

Nach dem Vertrag von Versailles wurde das Reichsland beziehungsweise die Republik Elsaß-Lothringen am 17. Oktober 1919 aufgelöst. Bas-Rhin und Haut-Rhin wurden wieder eingerichtet, außerdem entstand das Département Moselle. Die Generalkommission in Paris wurde 1925 aufgelöst und durch eine Generaldirektion ersetzt. Ein Plebiszit fand nicht statt.

Französische Zeit, deutsche Besatzung und Nachwirkungen

Nach 1918 wurden Bewohner nach Abstammung in vier Gruppen eingeteilt: A bezeichnete Vollfranzosen, B Teilfranzosen, C Ausländer aus verbündeten oder neutralen Staaten und D Deutsche aus dem übrigen Deutschen Reich oder Österreich-Ungarn. Personen der Gruppe D wurden zunächst rechtlich und wirtschaftlich benachteiligt. Von Dezember 1918 bis Oktober 1920 mussten etwa 100.000 Menschen aus Lothringen und 150.000 aus dem Elsass nach Deutschland ausreisen. Erwachsene durften 30 kg Gepäck und 2.000 Mark Bargeld, Kinder 500 Mark mitnehmen; der übrige Besitz wurde eingezogen. Nach Druck Woodrow Wilsons konnte etwa die Hälfte zurückkehren.

Die französische Assimilierungspolitik führte später zu einer starken autonomistischen Bewegung. Elsässische Autonomisten erreichten bei Wahlen zur französischen Abgeordnetenkammer gemeinsam mit Kommunisten sowie bretonischen und korsischen Nationalisten in allen elsässischen Wahlkreisen absolute Mehrheiten. Der Autonomistenführer Karl Roos wurde am 7. Februar 1940 in Nancy wegen angeblicher Spionage hingerichtet.

Ab dem 19. Juni 1940 besetzte die Wehrmacht das Elsass. Das Gebiet wurde nationalsozialistisch faktisch an das Großdeutsche Reich angegliedert und als CdZ-Gebiet verwaltet, blieb staatsrechtlich jedoch nicht deutsches Staatsgebiet. In Lothringen begannen Umsiedlungen und Vertreibungen. Juden wurden ab Juli 1940 in die unbesetzte Zone abgeschoben; insgesamt war fast die Hälfte der Bevölkerung des Départements Moselle von Vertreibungen betroffen. Das Département Moselle wurde mit Saarland und Pfalz in den Reichsgau Westmark eingegliedert.

Deutsch wurde 1940 zur allein zugelassenen Sprache; französische Bücher wurden ausgesondert und verbrannt, Orte und Straßen umbenannt und französischer Sprachgebrauch in Schulen und Kirchen verboten. 1941 entstand die Reichsuniversität Straßburg. Bis Mai 1943 wurden rund 520.000 Elsässer und Lothringer ausgewiesen, darunter 40.000 nach Deutschland deportiert. Am 29. August 1942 wurde die deutsche Staatsbürgerschaft zwangsweise verliehen. Ab 1942 galt die Wehrpflicht; 140.000 junge Männer mussten teilweise widerwillig in Wehrmacht oder Waffen-SS dienen. Sie wurden als „malgré-nous“ bezeichnet.

Nach 1945 setzte Frankreich die sprachliche Assimilierung fort. Dadurch verloren Elsässisch und insbesondere Lothringisch stark an Bedeutung; die Mehrheit der nach etwa 1970 Geborenen spricht diese Sprachen heute nicht mehr. Seit 1972 bestehen wieder regionale Parlamente, autonomistische Parteien erreichen derzeit unter 10 % der Stimmen. Das Gebiet besitzt weiterhin besondere rechtliche und religiöse Regelungen aus der Zeit vor 1918: zusätzliche Feiertage, das Fortbestehen bestimmter deutscher Rechtsvorschriften, staatlich bezahlte katholische, protestantische und jüdische Geistliche aufgrund des Konkordats von 1801, Religionsunterricht, staatliche theologische Fakultäten und konfessionelle Schulen. Außerdem fährt die Eisenbahn dort rechts, während im übrigen Frankreich Linksverkehr gilt. 2014 betrug der gesetzliche Mindestlohn in den drei Départements 7,87 Euro je Stunde gegenüber 8,03 Euro im übrigen Frankreich.

Das Wappen des Reichslandes, 1891 genehmigt, zeigte den deutschen Reichsadler mit Kaiserkrone und einem gespaltenen Schild für Oberelsass, Unterelsass und Lothringen. Es befindet sich seit 1894 am Reichstagsgebäude.

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