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Lothringen
Lothringen liegt im Nordosten Frankreichs an den Oberläufen von Maas (französisch Meuse), Mosel (Moselle), Saar (Sarre) und Saône. Es bildet den östlichen …
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Überblick und Raum
Lothringen ist eine historische Landschaft im Nordosten Frankreichs und bildet heute den mittleren Teil der Region Grand Est. Von 1960 bis Ende 2015 war es eine eigene französische Region mit Metz als Hauptstadt. Sie bestand aus den vier Départements Meurthe-et-Moselle, Meuse, Moselle und Vosges. Dieses Gebiet umfasst 23.547 km² und hatte am 1. Januar 2023 insgesamt 2.321.083 Einwohner; die Bevölkerungsdichte betrug 98,6 Einwohner je km². Zum 1. Januar 2016 wurde Lothringen mit Elsass und Champagne-Ardenne zu Grand Est vereinigt.
Die Landschaft liegt an den Oberläufen von Maas, Mosel, Saar und Saône und bildet den östlichen Ausläufer des Pariser Beckens. Im Osten begrenzen die Vogesen das Gebiet; dort liegt mit dem 1364 Meter hohen Hohneck der höchste Punkt. Nachbarn sind Belgien, Luxemburg, die deutschen Bundesländer Saarland und Rheinland-Pfalz, das Elsass, Bourgogne-Franche-Comté und die Champagne. Mit mehreren Nachbargebieten gehört Lothringen zur europäischen Großregion; rund um das Dreiländereck liegt außerdem die Europaregion Saar-Lor-Lux.
Die größten Städte sind Metz mit 122.572 und Nancy mit 103.671 Einwohnern im Jahr 2023. Danach folgen Thionville, Épinal, Vandœuvre-lès-Nancy, Montigny-lès-Metz, Forbach, Saargemünd, Saint-Dié-des-Vosges und Lunéville.
Von der Antike zum Herzogtum
Das überwiegend von keltischen Stämmen bewohnte Moselgebiet wurde 58 bis 51 v. Chr. von Gaius Iulius Caesar erobert und Teil der römischen Provinz Gallia Belgica. Bei der Reform Kaiser Diokletians von 295 n. Chr. entstand im Süden die Provinz Belgica I, die ungefähr dem heutigen Lothringen entsprach, aber auch Trier einschloss. Metz, damals Divodurum, und Verdun, damals Virodunum, gehen auf römische Siedlungen zurück. Neben der galloromanischen Bevölkerung lebten germanische Siedler im Gebiet. 451 eroberten und zerstörten Attilas Hunnen Metz; im 5. Jahrhundert wurde die Region Teil des Fränkischen Reichs.
Aus dessen Teilung entstand 843 das nach König Lothar benannte Lotharii Regnum oder Lotharingien. Es erstreckte sich zunächst vom Mittelmeer bis zur Nordsee, wurde aber 870 zwischen dem Ost- und dem Westfränkischen Reich geteilt. Danach unterschied man Oberlothringen an der Mosel und das nördlich anschließende Niederlothringen. Niederlothringen zerfiel in mehrere Fürstentümer, während das Herzogtum Lothringen in Oberlothringen bis 1766 zum Heiligen Römischen Reich gehörte.
Während des Dreißigjährigen Kriegs griff Frankreich 1635 ein. Für Lothringen war eine etwa 20 Jahre dauernde Pestepidemie ab 1620 besonders verheerend. Unter Ludwig XIV. eroberte Frankreich das Land im Zuge seiner Reunionspolitik; später wurde es eine französische Provinz. Die von 1960 bis 2015 bestehende Region umfasste das Kerngebiet des historischen Oberlothringens.
Industrialisierung, Grenzwechsel und Kriege
Um 1850 begann im Raum Nancy die Industrialisierung. Eisenbahnlinien verbanden Nancy und Metz sowie Reims, Straßburg, Saarbrücken und Mannheim. Frankreich begann 1867 einen Moselkanal zwischen Frouard und Metz zu bauen; eine nutzbare Kanalisierung entstand zwischen 1858 und 1879. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte der Steinkohleabbau ein. Napoleon III. verkündete 1858 offiziell die Entdeckung des lothringischen Kohlebeckens; bis 1867 entstanden sieben Schächte. Später entwickelte sich beiderseits der Grenze eine leistungsfähige Schwerindustrie.
Nach dem Deutsch-Französischen Krieg wurden 1871 der Nordosten Lothringens und das Elsass als Reichsland Elsaß-Lothringen an das Deutsche Reich angegliedert. Der Bezirk Lothringen umfasste neben überwiegend deutschsprachigen Gebieten auch französischsprachige Räume, besonders Metz und sein Umland. Das Reichsland war zunächst keine eigenständige Gliedstaatlichkeit, sondern dem Deutschen Kaiser unmittelbar unterstellt. Der größere Teil Lothringens blieb französisch; aus dem überwiegend verbliebenen Département Meurthe und dem westlichen Teil des früheren Départements Moselle entstand Meurthe-et-Moselle.
Im Ersten Weltkrieg war Lothringen ein Hauptkampfgebiet der Westfront. Bedeutend waren die Schlacht in Lothringen 1914 und die Schlacht um Verdun 1916. Nach der deutschen Niederlage kam der nordöstliche Teil 1918 durch den Versailler Vertrag als Département Moselle zu Frankreich zurück. Französisch wurde alleinige Amts- und Schulsprache. Aus Elsaß-Lothringen wurden 250.000 erst nach 1871 zugezogene Deutsche ausgewiesen, davon 100.000 aus Lothringen.
Im Juni 1940 besetzte die Wehrmacht Lothringen. Das Département Moselle wurde als CdZ-Gebiet Lothringen unter Josef Bürckel faktisch wie Reichsgebiet behandelt, aber nicht förmlich eingegliedert. Deutsch wurde Amts- und Schulsprache. Bis Oktober 1943 wurden nach damaligen Angaben etwa 80.000 nicht deutschsprachige Menschen ausgewiesen, rund 15 Prozent der Bevölkerung. Im November und Dezember 1944 eroberten alliierte Truppen Lothringen und das Elsass zurück; anschließend wurde Französisch wieder alleinige Amts- und Schulsprache.
Bevölkerung, Sprachen und Religion
Südliches, zentrales und westliches Lothringen gehören traditionell zum französischen, der Nordosten zum deutschen Sprachraum. Die Sprachgrenze entsprach weder geografischen noch politischen Grenzen. Bis ins 19. Jahrhundert war sie relativ stabil, danach verschob sie sich nach Nordosten. Durch die französische Amts- und Schulpolitik wurden die mittelfränkischen deutschen Dialekte weitgehend verdrängt. Lothringisch, Moselfränkisch und Rheinfränkisch werden in einigen ländlichen Gebieten noch vor allem von älteren Menschen gesprochen.
Seit 1976 wird im Département Moselle im Programm voie spécifique mosellane Deutsch bereits in der Vorschule unterrichtet. Angeboten werden drei Stunden regulärer oder sechs beziehungsweise neun Stunden bilingualer Unterricht. Nahe der Grenze gibt es Schulen mit je 13 Stunden Unterricht auf Deutsch und Französisch. 30 Prozent der Schüler wählen Deutsch als erste Fremdsprache, 26 Prozent beginnen spätestens in der Grundschule. Knapp 100 Collèges und Lycées bieten verstärkten oder bilingualen Deutschunterricht; an einigen Schulen kann man gleichzeitig das französische Baccalauréat und das deutsche Abitur erwerben. Die ursprünglichen deutschen Dialekte werden in den Schulen nicht gefördert.
Das Verhältnis von Staat und Religion unterscheidet sich wegen der Grenzwechsel vom übrigen Frankreich: Beim Konkordat von 1801 gehörte Lothringen zu Frankreich, beim französischen Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat 1905 dagegen teilweise zum Deutschen Reich. Deshalb werden Geistliche staatlich bezahlt und an staatlichen Universitäten ausgebildet. Die katholische Mehrheit ist in den Bistümern Verdun, Saint-Dié, Nancy-Toul und Metz organisiert. Daneben bestehen protestantische, jüdische und muslimische Gemeinschaften. Genaue Bevölkerungsanteile sind nicht verfügbar, weil Frankreich Angaben zu Religion und Ethnie nicht offiziell erfasst.
Wirtschaft und Bildung
Lothringen erwirtschaftet 3,4 Prozent des französischen Bruttoinlandsprodukts, entsprechend 40,4 Milliarden Euro. Im EU-Vergleich erreichte die Region 2006, gemessen in Kaufkraftstandards, einen Index von 89,0 bei einem Durchschnitt der EU-27 von 100. Der Dienstleistungssektor ist der größte Wirtschaftsbereich, gefolgt von der Industrie.
Die früher bedeutende Montanindustrie, also Bergbau und Schwerindustrie, verlor stark an Gewicht. Besonders um Thionville und Hayange führten das Ende vieler Stahl- und Bergwerksarbeitsplätze und fehlende Ersatzbranchen zu hoher Arbeitslosigkeit. Von 1990 bis 2011 gingen ungefähr 80.000 Industriearbeitsplätze verloren, während im Dienstleistungsbereich etwa 110.000 entstanden. 2011 gab es insgesamt 846.400 Arbeitsplätze. Nur noch 5.300 Menschen arbeiteten in der Landwirtschaft. Bergbau sowie Steine und Erden trugen 3,7 Prozent zum regionalen Bruttosozialprodukt bei.
Wichtige Industriezweige sind Automobilbau, Textil und Leder sowie Luxuswaren. Trémery besitzt die weltweit größte Produktionsstätte für Dieselmotoren; weitere Standorte sind Smartville Hambach sowie Betriebe von Evobus, Peugeot und Continental. Kristall, Emaille und Keramik werden unter anderem in Saint-Louis, Baccarat, Nancy, Longwy und Lunéville hergestellt. Durch Luxemburgs Finanzwirtschaft stieg die Zahl der Grenzpendler 2023 auf mehr als 114.000. Wein wird an Mosel, Seille und oberer Maas angebaut; in Lothringen liegt außerdem die Brasserie Champigneulles, Frankreichs zweitgrößte Brauerei.
In Nancy bestehen drei Universitäten, in Metz eine weitere; sie besitzen Außenstellen in kleineren Städten. Hinzu kommen Grandes Écoles, also besonders ausgewählte französische Hochschulen. Vor allem die im Institut National Polytechnique de Lorraine zusammengeschlossenen Ingenieurhochschulen genießen in Frankreich teilweise einen hervorragenden Ruf.
Kultur, Symbole und Natur
Das lothringische Wappen zeigt auf goldenem Grund einen roten Schrägrechtsbalken mit drei silbernen Alérions, also gestümmelten Adlern. Das Motiv ist seit etwa 1195 in den Siegeln Herzog Simons II. belegt; die Adlerstümmelung kam im 15. Jahrhundert hinzu. Es erscheint heute auch in mehreren Département-, Landes- und Gemeindewappen. Das Lothringer Kreuz war das Zeichen des jüngeren Hauses Anjou, das von 1431 bis 1473 herrschte. Bekannt wurde es als Symbol des Freien Frankreichs, der Exilregierung Charles de Gaulles und ihrer Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg.
Typische Speisen sind Quiche Lorraine, ein herzhafter Mürbeteigkuchen mit Speck, und Potée Lorraine, ein Eintopf mit Kohl, weiterem Gemüse und Würstchen. Hinzu kommen Madeleines aus Commercy, Macarons aus Nancy und Bolchen, Dragées aus Verdun, Mirabellenprodukte sowie Johannisbeerkonfitüre aus Bar-le-Duc.
Die ländliche Tracht verschwand gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit der Industrialisierung. Männer trugen unter anderem Leinenhemden, Halsbinden, Hosen, Blusen, lange Gehröcke und breitkrempige Hüte. Zur Frauenkleidung gehörten Leibchen, Halstuch, Schürze, Rock und eine gesteppte Haube; Festtagskleidung bestand häufig aus Seide und wurde durch Schmuck ergänzt.
Zu den Schutzgebieten gehören die regionalen Naturparks Ballons des Vosges, Lothringen und Vosges du Nord. Letzterer bildet seit 1998 gemeinsam mit dem deutschen Naturpark Pfälzerwald unter dem Schutz der UNESCO das grenzüberschreitende Biosphärenreservat Pfälzerwald-Vosges du Nord.