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Reichskrise des 3. Jahrhunderts
Mehrere neue germanische Großverbände sowie das in Mesopotamien aggressiv auftretende neupersische Sāsānidenreich bedrohten das Imperium Romanum, das dadurch …
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Begriff, Zeitraum und Grundprobleme
Als „Reichskrise des 3. Jahrhunderts“ bezeichnet die moderne Geschichtswissenschaft meist die Jahre 235 bis 284/85 n. Chr. im Römischen Reich. Die Epoche begann nach dem Ende der Severerdynastie und wird auch „Zeit der Soldatenkaiser“ genannt, weil die Kaiser ihre Herrschaft vor allem auf die Feldheere stützten. Sie endete mit dem Regierungsantritt Diokletians 284 und dessen Sieg über Carinus 285. Diokletians Reformen leiteten gewöhnlich die Spätantike ein.
Das Reich war gleichzeitig mehreren Belastungen ausgesetzt: Neue germanische Großverbände wie Alamannen, Franken und Goten griffen an Rhein und Donau an; im Osten entstand mit dem Sāsānidenreich ein Rom annähernd ebenbürtiger Gegner. Hinzu kamen häufige Usurpationen, also Erhebungen von Gegenkaisern, Bürgerkriege, die Cyprianische Pest, regionale wirtschaftliche Schwierigkeiten sowie die zeitweilige Abspaltung des Gallischen Sonderreichs und des Teilreichs von Palmyra.
Die Forschung beurteilt den Begriff „Krise“ unterschiedlich. Eine traditionelle Deutung sieht einen umfassenden Niedergang oder eine Systemkrise. Neuere Untersuchungen sprechen häufiger von regional und zeitlich begrenzten Krisen innerhalb einer langfristigen Transformation vom Prinzipat zur Spätantike. Manche Provinzen, darunter Ägypten, Africa und Hispanien, prosperierten zeitweise sogar. Ebenfalls umstritten ist, ob innere Entwicklungen oder äußere Angriffe die Krise auslösten; beide Bereiche waren eng miteinander verbunden.
Vom Ende der Severer bis Valerian
Das Heer war bereits unter den Severern zu einer entscheidenden, aber schwer kontrollierbaren Macht geworden. Septimius Severus verringerte um 194 den Silbergehalt des Denars um ein Drittel und erhöhte den Jahressold der Legionäre von 250 auf 500 Denare; Caracalla steigerte ihn nochmals. Die Kaufkraft sank, während Steuerdruck und Staatsausgaben zunahmen. Eine galoppierende Inflation setzte jedoch erst etwa 270 ein.
235 ermordeten Soldaten bei Mogontiacum den letzten Severer, Severus Alexander, und erhoben den Offizier Maximinus Thrax. Er gilt traditionell als erster Soldatenkaiser. Maximinus führte 235/36 erfolgreiche Feldzüge gegen Germanen, hatte aber ein schlechtes Verhältnis zum Senat. Eine Steuererhöhung trug 238 zu einer Revolte in Africa bei. Im „Sechskaiserjahr“ wurden nacheinander Gordian I. und Gordian II., die Senatskaiser Pupienus und Balbinus sowie der junge Gordian III. erhoben. Maximinus wurde bei Aquileia von eigenen Soldaten getötet; Pupienus und Balbinus ermordeten Prätorianer nach nur drei Monaten.
Die äußere Lage verschärfte sich. 238 begann der „Gotensturm“ an der Donau. Griechische Autoren bezeichneten Goten, Heruler und andere Angreifer klassizistisch als „Skythai“. Im Osten hatten die Sāsāniden 224 beziehungsweise 226 die Arsakiden gestürzt. Ardaschir I. eroberte wohl 236 Nisibis und Karrhai. Ob die Perser Gebiete des alten Achämenidenreichs beanspruchten und grundsätzlich die angreifende Seite waren, ist umstritten.
Gordian III. zog 243 gegen Schapur I., erlitt aber 244 bei Mesiche eine schwere Niederlage und starb. Sein Nachfolger Philippus Arabs erkaufte Frieden und feierte 248 die Tausendjahrfeier Roms. 249 wurde er von Decius besiegt. Decius verlangte 250 mit einem Opferedikt von allen Reichsbewohnern eine Loyalitätsbekundung durch ein Götteropfer. Daraus entstand die erste reichsweite Christenverfolgung, obwohl eine gezielte Verfolgung nach neuerer Deutung möglicherweise nicht von Anfang an beabsichtigt war. 251 fiel Decius gegen die Goten unter Kniva. Unter Trebonianus Gallus breiteten sich die Cyprianische Pest und neue persische Angriffe aus. Nach den kurzen Herrschaften des Aemilianus und anderer Gegenkaiser kam 253 Valerian an die Macht.
Höhepunkt unter Valerian und Gallienus
Valerian übernahm den Osten, sein Sohn und Mitkaiser Gallienus den Westen. Goten und Boraner griffen über das Schwarze Meer und die Ägäis an; 256 fielen Pityus und Trapezunt. Gleichzeitig besiegte Schapur I. ein römisches Heer bei Barbalissos, nahm zeitweise Antiochia ein und zerstörte 256 die wichtige Grenzfestung Dura Europos. Valerian begann 257 eine neue Christenverfolgung, die Gallienus 260 beendete.
Im Westen drangen Franken bis Hispanien vor. Beim Limesfall 259/60 überwanden Alamannen den obergermanisch-raetischen Limes und stießen bis Oberitalien vor; Gallienus schlug sie bei Mailand. Das Dekumatland musste Rom dennoch räumen. 260 wurde Valerians Armee bei Edessa vernichtend geschlagen. Der Kaiser geriet als erster römischer Herrscher in persische Gefangenschaft und starb dort. Schapurs Bericht nennt ein römisches Heer von 70.000 Mann; diese Angabe stammt allerdings aus persischer Selbstdarstellung.
Unter der Alleinherrschaft des Gallienus von 260 bis 268 erreichte die Krise ihren Höhepunkt. Das politische „Akzeptanzsystem“ des Prinzipats versagte: Ein Kaiser brauchte die Zustimmung von Heer, Senat und stadtrömischer Bevölkerung, doch rivalisierende Grenzheere erhoben eigene erfolgreiche Feldherren. Daraus entstanden Bürgerkriege, die wiederum Truppen von den Grenzen abzogen.
Im Osten ernannte Gallienus Septimius Odaenathus von Palmyra zum corrector totius Orientis, seinem Stellvertreter mit erweitertem Oberbefehl. Odaenathus drängte die Perser zurück und stieß 262/63 bis Ktesiphon vor. Nach seiner Ermordung 267 regierte seine Witwe Zenobia; Palmyra brachte Syrien und 269/70 Ägypten unter seine Kontrolle. Im Westen schuf Postumus 260 das Gallische Sonderreich, das zeitweise Gallien, Britannien und Hispanien umfasste und bis 274 bestand. Um 267/68 kontrollierte Gallienus direkt nur Italien, den Balkan, Africa und Teile Kleinasiens.
Trotzdem blieb das Grundgerüst des Reiches erhalten. Gallienus schloss Senatoren von Legionskommandos aus, förderte Ritter und Berufssoldaten und schuf um 260 eine berittene Eingreifreserve als Vorläufer des spätantiken Bewegungsheeres. 268 besiegte er Heruler am Fluss Nestos, wurde aber während der Belagerung des aufständischen Aureolus bei Mailand ermordet.
Militärische Erholung und Wiedervereinigung
Mit Claudius Gothicus begann ab 268 die deutliche Erholung. Er besiegte Alamannen am Gardasee und 269 ein großes Heer aus Goten, Herulern und anderen Gruppen bei Naissus, wobei er seine Reiterei wirksam einsetzte. Hispanien kehrte nach dem Tod des Postumus zur Zentralregierung zurück. Claudius starb 270 während einer Pest auf dem Balkan.
Aurelian, Kaiser von 270 bis 275, wehrte Juthungen, Vandalen, Alamannen und Goten ab. Die schwer zu verteidigende Provinz Dakien nördlich der Donau gab er auf. Zum Schutz der Hauptstadt ließ er die Aurelianische Mauer errichten. 272 besiegte er Palmyra, nahm Zenobia gefangen und gliederte den Osten wieder ein; einen erneuten Aufstand unterdrückte er 273. Im Frühjahr 274 schlug er das Gallische Sonderreich bei Catalaunum und stellte damit die Reichseinheit wieder her.
Aurelian führte den Staatskult des Sonnengottes Sol Invictus ein und stärkte damit die religiöse Begründung seiner Herrschaft. Seine Münzreform scheiterte, doch die wiedergewonnenen Provinzen halfen der wirtschaftlichen Erholung. 275 wurde er Opfer einer Verschwörung.
Tacitus regierte nur bis 276. Probus stabilisierte 277/78 die Rheingrenze gegen Franken und Alamannen, besiegte Burgunden und Vandalen und setzte Aurelians Konsolidierung fort, wurde aber 282 von Soldaten ermordet. Carus zog 283 erfolgreich gegen die Sāsāniden und nahm Seleukeia-Ktesiphon ein, starb jedoch überraschend. Nach dem ungeklärten Tod seines Sohnes Numerianus rief das Heer 284 den Offizier Diocles, nun Diokletian, zum Kaiser aus. Carinus fiel 285 einer Intrige zum Opfer.
Diokletian gestaltete das Reich mit weitreichenden Reformen um. Er führte das Steuersystem der Capitatio-Iugatio ein und gliederte das Heer in Comitatenses, das mobile Feldheer, und Limitanei, die Grenztruppen. Viele Grundlagen dafür hatten Gallienus, Aurelian und andere Soldatenkaiser bereits gelegt.
Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur
Kennzeichnend waren schnelle Herrscherwechsel und zahlreiche Usurpationen. Viele Kaiser kamen aus dem Militär und nicht aus der senatorischen Oberschicht. Der Senat verlor politischen Einfluss; die Kaiser stützten sich auf die Feldheere statt auf die Prätorianer in Rom. Rom blieb ideell bedeutend, war aber immer weniger das tatsächliche politische Zentrum. Militärische Erfolge wurden zur wichtigsten Grundlage kaiserlicher Legitimität. Einen einheitlichen Typus des „Soldatenkaisers“ gab es dennoch nicht.
Die äußere Bedrohung nahm durch größere germanische Verbände und das starke Sāsānidenreich erheblich zu. Dennoch erfasste die Krise weder alle Lebensbereiche noch alle Regionen gleichermaßen. Der erhöhte Finanzbedarf verschlechterte die Münzen und steigerte die Belastung durch Steuern. Bedrohliche Inflation ist aber erst seit etwa 270 nachweisbar. Ein allgemeiner Bevölkerungsrückgang, eine reichsweite „Krise der Sklavenwirtschaft“ oder der Zusammenbruch der Geldwirtschaft lassen sich nicht sicher belegen.
Regionale Unterschiede waren groß: Kampfgebiete und nordwestliche Provinzen litten teilweise schwer, während Ägypten, Africa und Hispanien weiter prosperierten. Auch für Kleinasien lässt sich trotz der Angriffe kein allgemeiner Niedergang feststellen. Die Städte verloren ihre Selbstverwaltung nicht grundsätzlich, konzentrierten ihre Bautätigkeit in gefährdeten Regionen aber auf Befestigungen. Athen erlitt nach dem Herulereinfall 267 einen Niedergang, blieb jedoch ebenso wie Rom, Karthago, Alexandria und Antiochia ein Bildungszentrum.
Militärische Karrieren ermöglichten Menschen niedriger Herkunft den sozialen Aufstieg. Kulturell entstand mit Plotin, Porphyrios und Longinos der Neuplatonismus. Das Christentum gewann trotz der Verfolgungen an Stärke. Bei traditionellen Kulten zeigte sich mit dem Henotheismus eine Konzentration auf eine Hauptgottheit; außerdem breitete sich der Manichäismus aus.
Die Epoche lässt sich in drei Phasen gliedern: von 235 bis etwa 253 die Fortsetzung severischer Traditionen, unter Valerian und Gallienus die Zuspitzung bis zum Höhepunkt um 260 und ab 268 die Erholung, die in die Reformen Diokletians und Konstantins überging.
Quellenlage und Forschungsurteil
Die Rekonstruktion ist schwierig, weil eine zusammenhängende zeitgenössische Geschichtsschreibung fehlt. Cassius Dios Werk endet 229, Herodians Darstellung 238. Die um 400 von einem anonymen heidnischen Autor verfasste Historia Augusta enthält viele falsche, unglaubwürdige oder erfundene Angaben. Lateinische Kurzgeschichten des 4. Jahrhunderts, etwa von Aurelius Victor und Eutropius, nutzten häufig die verlorene Enmannsche Kaisergeschichte.
Die griechische Geschichtsschreibung war umfangreicher, ist aber größtenteils verloren. Besonders wichtig sind Fragmente des Dexippos, der in seiner Chronik und den Skythika Ereignisse bis etwa 270/74 behandelte. Spätere Autoren wie Zosimos, Johannes Zonaras sowie christliche Schriftsteller überliefern weiteres Material unterschiedlicher Zuverlässigkeit. Deshalb sind Münzen, Papyri, Inschriften wie der Augsburger Siegesaltar und archäologische Funde unverzichtbar; auch sie sind oft schwer einzuordnen.
Spätantike und ältere moderne Darstellungen zeichneten meist ein stark negatives Bild. Gibbon sprach für 248 bis 268 von „twenty years of shame and misfortune“, Rostovtzeff von „Militäranarchie“. Im 20. Jahrhundert betonten Forscher entweder innere Zerfallserscheinungen oder äußere Angriffe. Monokausale Erklärungen gelten heute als unzureichend.
Seit den 1990er Jahren wird stärker zwischen Regionen, Zeitabschnitten und einzelnen Krisensymptomen unterschieden. Karl Strobel und Christian Witschel deuten die Epoche eher als Strukturwandel mit begrenzten Krisen, während andere, etwa Lukas de Blois, weiterhin eine umfassendere, um 250 ausgebrochene Krise annehmen. Weitgehend unstrittig ist, dass das Reich zeitweise schwere militärische und politische Probleme hatte, aber nicht überall verfiel und mit Reformen auf die Belastungen reagierte.