Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Regionaler Strukturwandel

Als regionaler Strukturwandel werden in der Wirtschaftsgeographie Vorgänge bezeichnet, welcher die Bestandteile und Elemente, die Kompetenzen und …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff, Ziel und Bedeutung
  2. 2. Ursachen des Wandels
  3. 3. Wirtschaftliche, soziale und ökologische Beispiele
  4. 4. Politisch gestalteter Wandel am Beispiel Bonn
  5. 5. Voraussetzungen für erfolgreichen Wandel
  6. 6. Folgen und Probleme für die Bevölkerung

Begriff, Ziel und Bedeutung

Regionaler Strukturwandel bezeichnet in der Wirtschaftsgeographie Veränderungen innerhalb einer abgegrenzten Region. Betroffen sind ihre wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bestandteile, die Beziehungen zwischen ihnen, vorhandene Kompetenzen und Fertigkeiten sowie die Infrastruktur. Der Wandel vollzieht sich meist schrittweise im Alltag, wird aber besonders durch deutliche Einschnitte oder Krisen sichtbar.

Strukturwandel ist zugleich ein politischer Begriff. Die Strukturpolitik versucht, geeignete Rahmenbedingungen und Konzepte für die Entwicklung einer Region zu schaffen. Der wirtschaftliche Vorgang selbst lässt sich jedoch nicht in jedem Fall steuern. Politisches Ziel ist es, Standortvorteile – also günstige Bedingungen für Unternehmen und Beschäftigte – zu erhalten, auszubauen oder zurückzugewinnen. Dazu sollen die wirtschaftliche Effizienz und die Vielfalt der regionalen Wirtschaft verbessert werden.

Offensichtlich wird die Bedeutung des Strukturwandels vor allem, wenn Regionen als strukturschwach gelten. Als europäische Beispiele nennt der Artikel Gebiete der EU-Osterweiterung, den Norden Großbritanniens, den Süden Italiens, Ostdeutschland und das Rheinische Braunkohlerevier. Für die neuen Bundesländer entstand nach dem Wegfall des Marktschutzes eine schwere Anpassungskrise, weil große Teile der Wirtschaft nicht konkurrenzfähig waren, auch wenn einige Betriebe durchaus im Wettbewerb bestehen konnten. Transferleistungen im Rahmen des „Aufbau Ost“ sollten die Folgen abfedern. Umstritten war, ob die Mittel theoretisch begründet verteilt oder nach dem „Gießkannenprinzip“ vergeben wurden.

Da sich ostdeutsche Regionen unterschiedlich entwickelten, wurde 15 Jahre nach Beginn der Transferzahlungen eine stärkere Förderung sogenannter „Leuchttürme“ diskutiert. Als Räume mit besserem Potenzial galten Chemnitz, Dresden, Erfurt, Jena, Leipzig und Rostock sowie der Speckgürtel um Berlin. Eine solche Konzentration steht jedoch im Spannungsverhältnis zum Gleichheitssatz und zur Aufgabe des Bundes, nach Art. 72 Abs. 2 GG „gleichwertige Lebensverhältnisse“ herzustellen.

Ursachen des Wandels

Regionaler Strukturwandel ist nur selten monokausal, hat also gewöhnlich nicht nur eine einzige Ursache. Er entsteht insbesondere aus dem wirtschaftlichen und sozialen Wettbewerb zwischen Regionen. Dieser verändert fortlaufend die Bedingungen, unter denen eine Region wirtschaftet. Gute Aussichten auf eine langfristig positive Entwicklung haben vor allem Regionen, die sich kontinuierlich anpassen und frühzeitig auf neue Bedingungen reagieren.

Ökonomische Ursachen sind besonders häufig. Eine Region kann im Wettbewerb zurückfallen, wenn Prozesse nicht erneuert werden und bestehende Strukturen erstarren. Frühere wirtschaftliche Erfolge erhöhen oft Löhne sowie Kosten für Grundstücke und Vorprodukte. Bleiben Innovationen aus, kann die Qualität im Vergleich zu anderen Standorten sinken, sodass die hohen Kosten nicht mehr gerechtfertigt sind. Die Schließung eines Großunternehmens kann dann eine strukturelle Krise auslösen, weil auch Subunternehmen, Zulieferer und der Arbeitsmarkt betroffen sind. Durch „Clustering“, also die räumliche Vernetzung zusammengehöriger Unternehmen und Einrichtungen, sollen Synergien und Kostenersparnisse entstehen.

Soziale Ursachen hängen mit der Entwicklungsstufe einer Gesellschaft zusammen. Der Artikel unterscheidet grob Agrar-, Industrie- und Informationsgesellschaft, wobei die Übergänge fließend sind. Zunächst sind Boden und Arbeitskraft besonders wichtig, später effiziente Maschinen und schließlich Informationen und Wissen. Höhere Entwicklungsstufen gehen mit stärkerer Globalisierung einher: Waren, Informationen und einzelne Teile der Wertschöpfung werden weltweit ausgetauscht beziehungsweise auf verschiedene Regionen verteilt. Höhere Wirtschaftssektoren wirken zugleich auf niedrigere zurück, etwa wenn eine Industriegesellschaft bessere Mittel für die Landwirtschaft bereitstellt oder eine Informationsgesellschaft das verarbeitende Gewerbe verbessert. Für solche Übergänge benötigt eine Region wissenschaftliche Einrichtungen.

Ökologische Ursachen können einen vollständigen Umbau erzwingen und plötzlich auftreten. Wissenschaftliche Umweltanalysen und Ressourcenplanung können helfen, Engpässe und Risiken frühzeitig zu erkennen. Politische Entscheidungen beeinflussen den Wandel ebenfalls, etwa durch Subventionen, Steuerbefreiungen, staatliche Unternehmensbeteiligungen, Bürgschaften, Grenzöffnungen oder Grenzschließungen sowie die Einführung oder Abschaffung von Schutzzöllen. Subventionen können einen abrupten Wandel vorübergehend dämpfen; erhalten sie eine dauerhaft unökonomische Branche, kann ihr späteres Ende jedoch selbst eine Strukturkrise auslösen. Regionen konkurrieren außerdem durch Förderangebote um Investitionen und Unternehmensansiedlungen.

Wirtschaftliche, soziale und ökologische Beispiele

Das Ruhrgebiet steht für den Wandel einer altindustriellen Region. Steinkohleabbau und die Nähe zum offenen Meer für die Erzzufuhr förderten seit der Frühindustrialisierung eine starke rohstoffverarbeitende Industrie. Diese geriet über Jahrzehnte unter Wettbewerbsdruck; besonders der Kohleabbau wurde zunehmend unökonomisch. Ersatzbranchen wie Automobil- und Maschinenbau entwickelten sich vergleichsweise spät und gerieten wegen fehlender Innovationen und Investitionen ebenfalls unter Druck. Alte Industrieflächen erhielten teilweise neue Aufgaben: Phoenix-Ost, der frühere Standort des Hörder Bergwerks- und Hütten-Vereins, wurde beispielsweise zu einem Wohn-, Büro-, Kultur- und Freizeitstandort umgestaltet.

Die Republik Irland, besonders Dublin, dient als Beispiel für einen sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungssprung. Das Land konnte nach Darstellung des Artikels die typische Form der Industriegesellschaft überspringen und wurde wegen seiner starken Entwicklung „Keltischer Tiger“ genannt. Bei seinem Eintritt in die Europäische Union galt Irland noch als strukturschwach. Durch umfangreiche EU-Förderung gehörte es vor der 2007 beginnenden Finanzkrise zu den dynamischsten Regionen der EU. Eine leistungsfähige Informationsinfrastruktur ermöglichte vor allem den Export von Dienstleistungen und nutzte die Lage zwischen Nordamerika und Europa. Auffällig war, dass das Bruttoinlandsprodukt wesentlich höher als das Bruttonationaleinkommen lag.

Ein ökologisches Beispiel ist die Überfischung. Hohe Fangkapazitäten und effiziente Fangmethoden können Fischbestände so weit verringern, dass nicht mehr genügend Nachwuchs entsteht. Sichtbar wird das Problem oft erst, wenn ausreichend große Fische fehlen. Fangverbote verursachen dann in abhängigen Regionen erhebliche wirtschaftliche Schäden. Mögliche Reaktionen sind der Aufbau von Aquakulturen – das kontrollierte Halten und Züchten von Fischen – oder die Ausrichtung auf Tourismus. Aquakulturen benötigen viel Wasser und belasten es durch große Tierbestände; deshalb eignen sich besonders tiefe, zerklüftete Küsten wie in Norwegen. Sie können stark automatisiert werden. Weitere ökologische Auslöser sind Waldsterben infolge älterer Monokulturen sowie die Rodung von Regenwald für Ackerflächen, die nicht dauerhaft nutzbar sind.

Politisch gestalteter Wandel am Beispiel Bonn

Bonn zeigt, dass ein politisch ausgelöster Strukturwandel nicht zwangsläufig negativ verlaufen muss. Die Stadt war seit 1949 Sitz des Deutschen Bundestags, der Bundesregierung und zahlreicher Bundesbehörden. Mit dem Umzug des Bundestags 1999 und dem späteren Umzug der Bundesregierung nach Berlin verlor Bonn den Status als Regierungssitz und damit seinen wichtigsten Wirtschaftsfaktor.

Seit dem Beschluss zur Verlagerung entwickelte sich Bonn gezielt zu einem Dienstleistungsstandort. Nach den im Artikel genannten statistischen Angaben wurde jeder verlorene Arbeitsplatz ersetzt. Gegenüber 1991, als der Strukturwandel begann, stieg die Zahl der Arbeitsplätze sogar um fast 30 % beziehungsweise etwa 22.000. Als Gründe für diesen Erfolg nennt der Artikel, dass der Wandel frühzeitig formuliert, durch Konzepte abgesichert und nicht unterdrückt wurde.

Voraussetzungen für erfolgreichen Wandel

Die vorhandene Wirtschaftsstruktur beeinflusst, wie gut eine Region Veränderungen bewältigen kann. Regionen mit mehreren miteinander verbundenen Wirtschaftssektoren gelten als besonders kontinuierlich wandlungsfähig. Beziehungen zwischen den Sektoren fördern den Ausbau gemeinsamer Infrastruktur und die Entstehung weiterer wirtschaftlicher Elemente. Frankfurt dient als Beispiel: Aus seiner günstigen Lage in Mitteleuropa und seiner Rolle als Logistikzentrum entwickelten sich Funktionen als Markt- und Finanzplatz. Da Finanzmärkte stark von Informationen abhängen, entstand auch eine leistungsfähige Informationsinfrastruktur. In solchen Regionen vollzieht sich Strukturwandel vergleichsweise leicht und fortlaufend aus wirtschaftlicher Notwendigkeit.

Ein zweiter Faktor ist der Aufbau von Kompetenzen. Forschungs- und höhere Bildungseinrichtungen unterstützen Regionen seit der Frühindustrialisierung bei ihrer Entwicklung. Durch die Globalisierung ist ihre Bedeutung weiter gestiegen, weil die Produktentwicklung einen größeren Anteil an der gesamten Wertschöpfung erhalten hat. Entscheidend ist auch, wie Wissen innerhalb der Bevölkerung verteilt ist. Vorteilhaft kann eine Kernkompetenz sein, also eine besondere regionale Fähigkeit, die über Jahrzehnte ausgebaut wird. Genannt werden Stuttgart im Fahrzeug- und Flugzeugbau sowie Dresden und Erfurt in Elektrotechnik und Mikroelektronik.

Auch die Infrastruktur muss an neue Waren, Dienstleistungen und Produktionsweisen angepasst werden. Sie ermöglicht Wertschöpfungsketten, deren einzelne Arbeitsschritte innerhalb einer Region oder über deren Grenzen hinweg verteilt sind. Die Wirtschaftspolitik setzt häufig an der Infrastruktur an, weil sich die Wirkung entsprechender Maßnahmen besser abschätzen lässt als beim langfristigen Aus- und Aufbau von Wissen und Kompetenzen.

Folgen und Probleme für die Bevölkerung

Besonders ein schneller und plötzlicher Strukturwandel verursacht soziale, psychische und wirtschaftliche Probleme. Obwohl Wandel ständig stattfindet, nehmen Menschen ihn meist dann deutlich wahr, wenn er beschleunigt abläuft. Dadurch entstehen Ängste, vor allem bei den Bewohnern der betroffenen Region.

Geht der Wandel mit Rationalisierung und Automatisierung einher, können Arbeitsplätze wegfallen und langfristige Arbeitslosigkeit entstehen. Selbst wenn Unternehmen oder die Region dadurch konkurrenzfähig bleiben, werden Einkommen und andere Ressourcen innerhalb der Region anders verteilt. Sinkt die allgemeine Kaufkraft, wirkt sich dies auch auf die Binnenwirtschaft aus.

Der Konkurrenzdruck zwischen Regionen überträgt sich auf die einzelnen Menschen. Sie müssen neue Elemente der Wirtschaftsstruktur verstehen, neue Technologien bedienen und ihre Fähigkeiten anpassen können. Dies ist aus sozialen, körperlichen oder psychischen Gründen nicht allen gleichermaßen möglich. Menschen, die während eines raschen Wandels Bildungsrückstände entwickeln, lassen sich deshalb schwerer in die neue Wirtschaftsstruktur integrieren.

Langfristige Probleme können außerdem entstehen, wenn eine Branche verschwindet, die eine zentrale regionale Kompetenz getragen hat. Mögliche Folgen sind ein schlechteres Image, Schwierigkeiten bei der Gewinnung neuer Investitionen und die Abwanderung von Fachkräften. Regionalmarketing kann diesen Folgen entgegenwirken. Insgesamt weist der Ausgangstext selbst darauf hin, dass der Artikel nicht hinreichend mit Belegen ausgestattet ist; seine Angaben sollten daher als Überblick und nicht als vollständig abgesicherte Darstellung genutzt werden.

Weiterlesen

Ruhrgebiet Strukturwandel · Verringerung und Ende der Kohleförderung · Gründung von Universitäten und Technologiezentren · Fahrzeugbau und Elektronikindustrie · Staatliche … Wirtschaftsgeographie Die Wirtschaftsgeographie, auch Wirtschaftsgeografie, als sozialwissenschaftlicher Teilbereich der Geographie erfasst, beschreibt und erklärt … Fachkompetenz Interkulturelle Kompetenz · Kompetenz und Performanz in der Sprachwissenschaft; Durchführungskompetenz, Führungskompetenz (Leitungskompetenz) … Infrastruktur Als Infrastruktur (von lateinisch inf(e)ra ‚unterhalb' und lateinisch structura ‚Zusammenfügung') bezeichnet man alle Anlagen, Institutionen, Strukturen, … Region Region bezeichnet in der Geographie und der Raumordnung ein anhand bestimmter Merkmale abgegrenztes Teilgebiet der Erdoberfläche. Strukturpolitik Mit Strukturpolitik werden Veränderungen in der Wirtschaft, die durch neue Produkte, Globalisierung oder Strukturwandel hervorgerufen werden, abgeschwächt oder … Standorttheorie Die Standorttheorie untersucht das Standortverhalten der Wirtschaftssubjekte, insbesondere welche Faktoren für die Wahl eines Standorts relevant sind. Wirkungsgrad Der Wirkungsgrad beschreibt die Effizienz einer technischen Einrichtung oder Anlage als dimensionslose Verhältniszahl oder Prozentsatz, und zwar in der … Europäische Union Die Europäische Union, kurz EU, ist ein Staatenverbund aus 27 Staaten, davon 26 in Europa und mit Zypern einem geographisch in Asien liegenden Land. EU-Erweiterung 2004 Die EU-Erweiterung 2004 war ebenso wie die nachfolgende Aufnahme von Bulgarien und Rumänien eine Erweiterung der EU nach Osten („EU-Osterweiterung“). Vereinigtes Königreich Das Vereinigte Königreich ist eine Union aus vier Landesteilen, die auf Englisch meist als countries (Länder) oder nations (Nationen) bezeichnet werden: England … Italien Mit knapp 59 Millionen Einwohnern ist es das viertbevölkerungsreichste vollständig zu Europa zählende Land. Die Hauptstadt und bevölkerungsreichste Stadt ist …