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Standorttheorie

Die Standorttheorie untersucht das Standortverhalten der Wirtschaftssubjekte, insbesondere welche Faktoren für die Wahl eines Standorts relevant sind.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Bedeutung
  2. 2. Räumliche Standortstrukturen
  3. 3. Unternehmerische Standortwahl
  4. 4. Neoklassische Modelle
  5. 5. Preds verhaltenswissenschaftlicher Ansatz
  6. 6. Kulturelle Faktoren und Beharrung bestehender Betriebe

Gegenstand und Bedeutung

Die Standorttheorie ist ein Teil der Raumwirtschaftstheorie in der Wirtschaftsgeografie. Sie untersucht das Standortverhalten von Wirtschaftssubjekten, also vor allem die Frage, warum Betriebe bestimmte Orte wählen und welche Standortfaktoren dabei wichtig sind.

Dabei lassen sich zwei zentrale Blickrichtungen unterscheiden: Standortstrukturtheorien untersuchen die räumliche Anordnung mehrerer Betriebe, während Theorien der unternehmerischen Standortwahl nach dem bestmöglichen Standort eines einzelnen Betriebes fragen.

Räumliche Standortstrukturen

Standortstrukturtheorien beschäftigen sich mit der optimalen Anordnung von Betrieben im Raum und damit, wie sich diese Anordnung im Laufe der Zeit verändert.

Wichtige Beispiele sind die Thünenschen Ringe von Johann Heinrich von Thünen und das von Walter Christaller entwickelte System der zentralen Orte. Beide Ansätze beschreiben wirtschaftliche Strukturen nicht nur anhand einzelner Unternehmen, sondern betrachten ihre räumliche Verteilung.

Unternehmerische Standortwahl

Bei der Wahl des Standortes eines einzelnen Betriebes ist in einer freien Marktwirtschaft grundsätzlich das Gewinnmotiv entscheidend: Gesucht wird der Ort, an dem sich der höchste Gewinn erzielen lässt. Daneben können jedoch auch die Vergrößerung des Marktanteils, die Zukunftssicherheit und subjektive Motive eine wichtige Rolle spielen.

Sind die Ziele festgelegt, werden die Standortfaktoren auf mehreren räumlichen Ebenen verglichen. Zunächst kann nach dem am besten geeigneten Land gefragt werden, danach nach der Region, der Gemeinde und schließlich nach dem genauen Platz innerhalb der Gemeinde. Der optimale Standort ergibt sich somit aus einem schrittweisen Vergleich der Bedingungen auf unterschiedlichen Ebenen.

Neoklassische Modelle

Alfred Weber entwickelte in „Über den Standort der Industrien“ (1909) das Webersche Standortmodell für den optimalen Standort eines industriellen Einzelbetriebes. Besonders wichtig sind darin die Transportkosten. Kritisiert wurde von Anfang an, dass Weber realitätsferne Voraussetzungen verwendet. Dazu gehören ein unbegrenztes Arbeitskräfteangebot und die vollständige Information der Entscheidungsträger über die räumliche Verteilung der Märkte und Standortfaktoren. Außerdem konzentriert sich das Modell stark auf die Transportkosten und vernachlässigt andere Produktionsfaktoren.

Walter Isard erweiterte Webers Theorie 1956 um Andreas Predöhls Substitutionsprinzip. Dadurch wurde die Standortwahl als Substitutionsentscheidung verstanden: Unternehmen können Produktionsfaktoren gegeneinander austauschen und ihre Entscheidung innerhalb eines allgemeinen Gleichgewichtsmodells treffen.

David M. Smith ergänzte ein variables Gewinnmodell. Sein Totalmodell berücksichtigt sämtliche raumabhängigen Kosten und Erlöse eines Unternehmens. Zusätzlich nahm Smith Faktoren wie unternehmerisches Können, Regionalpolitik und regionale Steuern auf.

Diese Erweiterungen erhöhten die Aussagekraft der neoklassischen Standorttheorie. Dennoch blieben problematische Annahmen bestehen: der rein wirtschaftlich und rational handelnde „homo oeconomicus“, vollständige Information sowie kurzfristige Gewinnmaximierung. Deshalb können neoklassische Modelle nicht alle tatsächlich beobachteten Standortentscheidungen überzeugend erklären.

Preds verhaltenswissenschaftlicher Ansatz

Allan Pred entwickelte ab 1967 ein verhaltenswissenschaftliches Standortmodell. Es baute auf Konzepten der Diffusionstheorie von Torsten Hägerstrand aus den Jahren 1952–1953 und weiteren Ansätzen auf. Die Diffusionstheorie erklärt die räumliche Verbreitung von Innovationen durch Lern- und Informationsprozesse.

Für Pred ist die Qualität der Entscheidungsfindung grundlegend. Seine empirischen Untersuchungen führten zu zwei wichtigen Ergebnissen:

  • Zwischen dem Informationsstand und der Leistung eines Unternehmers einerseits sowie der Qualität der Standortentscheidung andererseits besteht mit hoher Wahrscheinlichkeit eine starke positive Korrelation.

  • Unternehmer mit gleichem Informationsstand und gleicher Fähigkeit zur Informationsnutzung können trotzdem unterschiedliche Standorte wählen, etwa aufgrund persönlicher Vorlieben oder zufälliger Einflüsse.

Pred bezog außerdem die Zeit in sein Modell ein. Der Informationsstand kann sich beispielsweise durch neue Kommunikations- und Informationsverarbeitungstechnologien verändern. Unternehmer können zudem erfolgreiche Standortentscheidungen anderer nachahmen. Pred zufolge werden Unternehmensentscheidungen dadurch langfristig rationaler, sodass sich die Standorte zunehmend in Richtung des Standortoptimums verlagern.

Der Ansatz versuchte erstmals, tatsächliche Entscheidungsabläufe bei der Standortwahl nachzuvollziehen, und wurde mehrfach empirisch bestätigt. Kritiker bemängelten jedoch eine Überbewertung psychologisch-subjektiver Motive. Klassische Standortfaktoren, die physische Geografie und das Verkehrswesen spielen kaum eine Rolle. Während die neoklassische Theorie den psychologisch handelnden „homo psychologicus“ vernachlässigt, lässt der verhaltenswissenschaftliche Ansatz den wirtschaftlich rationalen „homo oeconomicus“ weitgehend außer Acht.

Kulturelle Faktoren und Beharrung bestehender Betriebe

Pred verwies bereits auf den Einfluss mentaler und kultureller Besonderheiten. Alf K. Fernau betrachtet sie als branchenspezifische Standortvorteile oder Standortnachteile. Umweltbranchen bevorzugen demnach Regionen mit verbreitetem ökologischem Denken. Stark arbeitsteilige und arbeitsintensive Branchen profitieren von sehr disziplinierten Arbeitskräften. Für investitionsintensive Branchen sind eine hohe Sparneigung und ein seriöser Umgang mit Bankgeschäften günstig. Innovationsintensive Branchen benötigen eher Risikobereitschaft und Aufgeschlossenheit.

Auch das Verhalten bereits bestehender Betriebe während eines dauerhaften wirtschaftlichen Strukturwandels lässt sich verhaltenswissenschaftlich untersuchen. Empirisch zeigt sich eine Beharrungstendenz: Unternehmen versuchen häufig, ihren bisherigen Standort zu behalten. Ein konsequenter Gewinnmaximierer müsste dagegen bei jedem Investitionsvorhaben nach einem günstigeren Standort suchen. Zwar verursachen Standortsuche und Standortwechsel Kosten, doch bei größeren Investitionen können diese geringer sein als die Vorteile eines Umzugs.

Bevor Betriebe ihren Standort verlagern, versuchen sie deshalb oft, dessen Nachteile anders auszugleichen. Möglichkeiten sind Rationalisierungsmaßnahmen, eine veränderte Produktpalette, die Erschließung neuer Absatzmärkte, eine funktionale Standortspaltung sowie betriebsinterne Wachstums- und Schrumpfungsprozesse. Bei einer funktionalen Standortspaltung werden unterschiedliche Unternehmensaufgaben räumlich getrennt.

Solche Anpassungen verändern ebenfalls die räumliche industrielle Standortstruktur. Wegen ihrer Häufigkeit können sie diese sogar stärker beeinflussen als Neugründungen oder vollständige Betriebsverlagerungen. Bei großen Unternehmen, die infolge der Globalisierung weltweit tätig sind, verlieren Beharrungsfaktoren jedoch zunehmend an Bedeutung.

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