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Karl Martell
Karl der Große war der erste Karolinger, der als Herrscher nach Rom zog. Papst Gregor III. geriet durch die Langobarden unter König Liutprand zunehmend in …
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Bedeutung und Aufstieg
Karl Martell (* zwischen 688 und 691; † 15. oder 22. Oktober 741 in der Königspfalz Quierzy) war ein fränkischer Hausmeier aus dem Geschlecht der später so genannten Karolinger. Ein Hausmeier war ursprünglich der Leiter des königlichen Hofes, entwickelte sich aber im 7. und 8. Jahrhundert zum eigentlichen Machthaber des Frankenreiches. Unter Karl setzte sich diese Entwicklung fort: Die merowingischen Könige verloren fast jede politische Selbstständigkeit, während er selbst von 737 bis 741 sogar ohne König regierte. Seine Herrschaft bereitete den Dynastiewechsel vor, durch den sein Sohn Pippin der Jüngere 751 König der Franken wurde. Karls Feldzüge festigten und erweiterten das Reich und schufen damit Grundlagen für die spätere Expansion seines Enkels Karl des Großen.
Karl war ein außerehelicher Sohn Pippins des Mittleren und Chalpaidas. Pippin hatte seit seinem Sieg bei Tertry um 687 im gesamten Frankenreich eine führende Stellung. Karl wurde jedoch nicht an der Herrschaft beteiligt. Nach Pippins Tod im Dezember 714 sicherte dessen Witwe Plektrud ihrem Enkel Theudoald das Hausmeieramt und ließ Karl inhaftieren. Gleichzeitig erhoben sich neustrische Adlige, besiegten Theudoald 715 bei Compiègne und machten Raganfrid zum Hausmeier. Als König setzten sie nach dem Tod Dagoberts III. den früheren Mönch Daniel ein, der als Chilperich II. regierte.
Karl entkam aus der Haft und gewann Anhänger. Nach seiner einzigen überlieferten Niederlage gegen die Friesen vor Köln 716 besiegte er die Neustrier im Frühjahr 716 bei Amblève und am 21. März 717 bei Vinchy. Er nahm Köln ein und zwang Plektrud zur Herausgabe des Königsschatzes. Dieser Schatz war ein wichtiges Herrschaftsmittel, weil Karl damit Gefolgsleute belohnen und ihre Loyalität sichern konnte. Zur Legitimation erhob er vor dem 3. Februar 718 Chlothar IV. zum König, der ihn formell zum Hausmeier ernannte. Nach einem weiteren Sieg bei Soissons 718 oder 718/719 einigte er sich mit Herzog Eudo von Aquitanien und erkannte später Chilperich II. an. Nach dessen Tod erhob er 721 Theuderich IV. zum König. Durch die Inhaftierung zweier Söhne seines Halbbruders Drogo beseitigte Karl 723 die letzten innerfamiliären Rivalen; damit endete die sogenannte pippinidisch-karolingische Sukzessionskrise.
Festigung und Erweiterung des Reiches
Zwischen 718 und 739 führte Karl Feldzüge gegen Friesen, Sachsen, Alemannen und Bayern sowie in Aquitanien, Burgund und der Provence. Dabei wollte er nicht jedes Gebiet unmittelbar annektieren. Gegen die Sachsen unternahm er vor allem Strafexpeditionen, während er Alemannien dauerhaft in das Frankenreich eingliedern wollte.
Nach dem Tod des friesischen Herrschers Radbod 719 konnte Karl die zuvor zurückgedrängte christliche Mission unterstützen. 734 besiegte er die Friesen an der Boorne, wobei ihr Herzog Bubo beziehungsweise Poppo fiel. Karl nahm das Gebiet zwischen Vlie und Lauwers ein; zugleich wurden heidnische Heiligtümer zerstört. Gegen die Sachsen zog er 718, 720, möglicherweise 722, 724 und zuletzt 738. Er strebte dort keine Annexion an, sondern wollte Einfälle begrenzen. 738 zwang er die als überaus heidnisch bezeichneten Sachsen zu Tributen und zur Stellung zahlreicher Geiseln.
In Alemannien nutzte Karl die Konflikte innerhalb der Herzogsfamilie. Nach Kämpfen mit Herzog Lantfrid im Jahr 730 setzte er keinen neuen Herzog ein, sondern betrachtete das Land als festen Bestandteil seiner Herrschaft. Lantfrids Bruder Theudebald wurde ins Exil geschickt. Im Elsass förderte Karl kirchliche Stützpunkte: Pirmin gründete 728 das Kloster Murbach, und Heddo wurde 734 Bischof von Straßburg. Mainfranken und Thüringen gelangten dagegen offenbar ohne einen Feldzug unter seine Herrschaft. Dort konnte Bonifatius später Klöster und Bistümer aufbauen.
In Bayern griff Karl 725 gemeinsam mit dem Langobardenkönig Liutprand zugunsten Herzog Hugberts ein. Er heiratete anschließend die bayerische Prinzessin Swanahild und stärkte damit seine Beziehungen zu Bayern und den Langobarden. Nach Hugberts Tod setzte er 736 den mit Swanahild verwandten Alemannen Odilo als Herzog ein. Odilo heiratete Karls Tochter Hiltrud und konnte sich 741 mit fränkischer Unterstützung in Bayern behaupten.
Ab 733 brachte Karl außerdem Burgund und die Provence enger unter seine Kontrolle. Er entmachtete örtliche Gegner und ersetzte sie durch zuverlässige Gefolgsleute. Als sich der provenzalische Herzog Maurontus mit muslimischen Truppen verbündete, eroberte Karl Avignon. Narbonne konnte er 737 nicht einnehmen, doch besiegte er an der Berre ein arabisches Entsatzheer. Auf dem Rückweg verwüstete er Béziers, Agde, Maguelone und Nîmes. Einen erneuten Einfall 738 beendete Liutprand, dessen Eingreifen die Gegner zum kampflosen Abzug veranlasste.
Poitiers und die muslimischen Vorstöße
Muslimische Araber und Berber hatten 711 das Westgotenreich in Spanien erobert und ab 720 auch Stützpunkte im Südwesten Galliens besetzt. Herzog Eudo von Aquitanien schlug sie 721 bei Toulouse zurück, doch nahmen sie später Carcassonne und Nîmes ein und plünderten im August 725 Autun. Eudo verbündete sich daraufhin mit dem Berberfürsten Munnuza. Nachdem dieser von Abd ar-Rahmān al-Ghāfiqī, dem arabischen Statthalter des Kalifen in Spanien, besiegt worden war, erlitt Eudo 732 an der Garonne eine schwere Niederlage und bat Karl um Hilfe.
Karl zog mit Franken und Burgundern gegen das muslimische Heer. Im Oktober 732 kam es zur Schlacht bei Poitiers, in der Abd ar-Rahman fiel und Karl die Angreifer besiegte. Das unterlegene Heer floh jedoch nicht sofort aus dem Land, sondern zog plündernd durch das Limousin. Nach heutiger Einschätzung wollten die Angreifer nicht das Frankenreich erobern, sondern einen Straf- und Beutezug gegen Eudo durchführen. Karls Erfolg verhinderte dieses Vorhaben, beendete muslimische Plünderungszüge aber nicht dauerhaft. Die besonders seit dem 19. Jahrhundert verbreitete Vorstellung, Karl habe bei Poitiers das gesamte christliche Abendland gerettet, gilt deshalb in der neueren Forschung als überhöht.
Politisch gewann Karl durch den Sieg die Führung in Aquitanien. Nach Eudos Tod 735 erkannte er dessen Sohn Hunold als Herzog an. Hunold musste Karl und dessen Söhnen Karlmann und Pippin die Treue schwören; weitere Konflikte zwischen beiden sind nicht überliefert.
Alleinherrschaft, Familie und Nachfolge
Nach dem Tod Theuderichs IV. im Frühjahr 737 ließ Karl keinen neuen Merowingerkönig einsetzen. Bis zu seinem Tod 741 regierte er das gesamte Frankenreich als Hausmeier ohne König – eine bis dahin einmalige Lage. Seine militärischen Erfolge, die Zustimmung einer Reichsversammlung und die Besetzung wichtiger Ämter mit Verwandten und Gefolgsleuten sicherten seine Stellung. Papst Gregor III. bezeichnete ihn 739/40 in zwei Briefen als subregulus, also als Vizekönig. Karl verfügte über königliches Fiskal- und Kirchengut, stellte Gerichtsurkunden und Immunitätsprivilegien im eigenen Namen aus und orientierte sich an den Königspfalzen im Oise-Tal. Damit übte er zunehmend königliche Rechte aus, ohne selbst den Königstitel anzunehmen.
Karl hatte aus der Ehe mit Chrodtrud die Söhne Karlmann und Pippin sowie die Tochter Hiltrud. Aus der späteren Ehe mit Swanahild stammte Grifo. Hinzu kamen die unehelichen Söhne Bernhard, Hieronymus und Remigius, deren Mutter wahrscheinlich die Konkubine Ruodhaid war. Anders als Pippin der Mittlere und Karl der Große beteiligte Karl seine Söhne zu Lebzeiten grundsätzlich nicht an der Herrschaft und behielt Amt und Titel des Hausmeiers für sich.
Karl plante zunächst eine Teilung des Reiches: Karlmann sollte Austrasien, Thüringen und Alemannien erhalten, Pippin Neustrien, Burgund und die Provence. Später nahm er auch Grifo als Erben mit eigenem Herrschaftsgebiet auf. Wie weit Grifos Ansprüche reichten, ist in der Forschung umstritten. Auch die Adoption eines Sohnes durch den Langobardenkönig Liutprand im Jahr 737 wird unterschiedlich beurteilt: Traditionell gilt Pippin als Adoptierter, während eine neuere Deutung Grifo nennt.
Karl starb nach schwerem Fieber am 15. oder 22. Oktober 741 in Quierzy. Als erster Angehöriger seiner Familie wurde er in der Königsgrabkirche Saint-Denis bestattet und knüpfte damit sichtbar an die merowingische Tradition an. Karlmann und Pippin nahmen Grifo und Swanahild gefangen und teilten das Reich 742 ohne ihn neu auf. Wegen Aufständen erhoben sie 743 noch einmal einen Merowinger, Childerich III., zum König. Pippin setzte ihn 751 ab, wurde selbst König und vollendete damit den von Karl vorbereiteten Machtwechsel.
Hof, Kirche und Papsttum
Karl verlagerte den politischen Mittelpunkt vom Hof des Merowingerkönigs zu seinem eigenen Hof. Die traditionellen Hofämter verloren an Bedeutung, und das Hausmeieramt wurde nach seinem Aufstieg nicht erneut vergeben. Karl ließ junge Adlige am Hof erziehen, um sie enger an die karolingische Herrschaft zu binden. Zugleich entstand mit Kaplänen und Hofgeistlichen allmählich eine Hofkapelle als zentrale geistliche Einrichtung.
Klöster, Bistümer und Kirchengut setzte Karl gezielt zur Sicherung seiner Macht ein. Er unterstützte Missionare wie Willibrord, Pirmin und Bonifatius, arbeitete aber auch mit weltlich lebenden Bischöfen wie Milo von Trier zusammen. Unzuverlässige Amtsträger ließ er absetzen; wichtige Kirchenämter übertrug er Gefolgsleuten und Verwandten. Sein Neffe Hugo leitete mehrere bedeutende Abteien und Bistümer und wirkte faktisch als Statthalter in Neustrien.
Spätere mittelalterliche Autoren stellten Karl wegen der Vergabe kirchlicher Güter als Kirchenräuber dar. Die neuere Forschung hat dieses Bild relativiert: Seine Eingriffe gingen offenbar nicht grundsätzlich über die Praxis seiner Vorgänger und Nachfolger hinaus. Er missachtete jedoch häufig kirchenrechtliche Regeln, häufte mehrere Ämter bei loyalen Personen an und verwendete Einkünfte aus Kirchengut zur Belohnung militärischer Dienste. Die ältere These, Karl habe durch solche Vergaben planmäßig das Lehnswesen und eine neue, auf dem Steigbügel beruhende Reiterarmee geschaffen, gilt heute als nicht ausreichend belegt beziehungsweise als widerlegt.
Bei der Mission und Kirchenorganisation handelte Karl je nach Region unterschiedlich. Wahrscheinlich unterstützte er Bonifatius bei der geplanten Einteilung Bayerns in die Bistümer Regensburg, Freising, Passau und Salzburg. Nach Karls Sachsenfeldzug von 738 kam es zu Massentaufen, doch blieb die Mission dort ohne dauerhaften Erfolg. In Mainfranken und Thüringen unterstützte er Bonifatius’ Pläne für eine neue Kirchenprovinz offenbar wegen adligen Widerstands nicht; Büraburg, Würzburg und Erfurt wurden wahrscheinlich erst 742 gegründet.
Kontakte zum Papst sind seit 723 belegt. 739 bat Papst Gregor III. Karl angesichts der Bedrohung durch den Langobardenkönig Liutprand um Hilfe und übersandte ihm bedeutende Reliquien und Geschenke. Damit wandte sich der Papst vom byzantinischen Kaiser ab und dem fränkischen Hausmeier zu. Karl antwortete mit Gegengeschenken, griff aber nicht militärisch ein, weil er mit Liutprand verbündet war und seine Gesundheit nachließ.
Beiname und historisches Bild
Der Familienname „Karolinger“ geht letztlich auf Karl zurück, obwohl die Bezeichnung erst gegen Ende des 10. Jahrhunderts aufkam. Der Beiname Martellus bedeutet „der Hammer“. Er wurde Karl wegen seiner Tapferkeit und seiner zahlreichen militärischen Erfolge erst im 9. Jahrhundert beigelegt und war ursprünglich nicht speziell mit der Schlacht bei Poitiers verbunden. Eine erste Form, Tudites („Stoßer“), ist um 875 belegt; Martellus erscheint erstmals in der zwischen 888 und 894 verfassten Vita Rigoberti.
Die zeitgenössischen und karolingischen Quellen berichten vor allem über Karls Kriege und zeichnen ihn als siegreichen, herausragenden Krieger. Über seinen persönlichen Charakter ist wegen der spärlichen Überlieferung kaum etwas zu sagen. Erhalten sind sechs Originalurkunden und neun abschriftlich überlieferte Urkunden. Zu den wichtigsten erzählenden Quellen gehören der 727 abgeschlossene Liber Historiae Francorum, die karolingerfreundlichen Fredegar-Fortsetzungen, die Reichsannalen und die Annales Mettenses priores.
Im Mittelalter bestanden zwei widersprüchliche Erinnerungsbilder nebeneinander: Karl galt einerseits als glorreicher Feldherr, andererseits wegen seiner Eingriffe in Kirchengut als Kirchenräuber. Seine Bedeutung wurde zudem erhöht, indem spätere Quellen ihn mitunter König nannten und sein Grab im 13. Jahrhundert in die Reihe der Königsgräber einordneten.
Seit dem 18. und besonders im 19. Jahrhundert rückte die Schlacht von Poitiers in den Mittelpunkt. Karl wurde zum Retter des christlichen Abendlandes vor einer angeblich drohenden islamischen Eroberung Europas stilisiert. Seit den 1990er Jahren wird diese Deutung verstärkt relativiert: Der Sieg von 732 gilt als wichtiger militärischer und politischer Erfolg, aber nicht als Entscheidung über den Fortbestand der gesamten europäischen Christenheit. Die Forschung betont heute stärker Karls zentrale Rolle beim Aufstieg der Karolinger, bei der Neuordnung des Frankenreiches und beim Übergang von der merowingischen Königsherrschaft zur karolingischen Monarchie.