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Rattenfänger von Hameln
Rattenfänger von Hameln ist eine der bekanntesten deutschen Sagen. Sie wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Es wird geschätzt, dass mehr als eine …
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Kern der Sage
Der Rattenfänger von Hameln ist eine der bekanntesten deutschen Sagen. Sie wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt; schätzungsweise kennen sie mehr als eine Milliarde Menschen. In der heute bekanntesten, 1816 von den Brüdern Grimm aufgezeichneten Fassung verbindet sie eine Rattenplage mit dem Verschwinden von Kindern.
Im Jahr 1284 bietet ein fremder, auffällig bunt gekleideter Mann den Bürgern Hamelns an, die Stadt gegen Bezahlung von Mäusen und Ratten zu befreien. Mit einer Melodie aus seiner Pfeife lockt er die Tiere aus den Häusern. Sie folgen ihm in die Weser und ertrinken. Nachdem die Gefahr beseitigt ist, verweigern die Bürger jedoch den zugesagten Lohn.
Am 26. Juni, dem Tag der Heiligen Johannes und Paulus, kehrt der Mann als furchterregender Jäger mit rotem Hut zurück. Während die Erwachsenen in der Kirche sind, lockt er mit seinem Pfeifenspiel die Kinder aus der Stadt und führt sie durch das Ostertor in einen Berg. 130 Kinder verschwinden. Zwei verspätete Kinder kommen zurück, doch eines ist blind und kann den Ort nicht zeigen, das andere ist stumm und kann nichts berichten. Ein weiterer Junge entgeht dem Unglück, weil er umkehrt, um sein Obergewand zu holen. Nach einer Variante gelangen die Kinder durch eine Höhle nach Siebenbürgen.
Entstehung der Erzählung
Die heute bekannte Geschichte entstand aus zwei ursprünglich selbständigen Sagen. Die ältere Kinderauszugssage erzählt nur vom Verschwinden der Kinder und kennt weder eine Rattenplage noch den Streit um die Bezahlung. Die Rattenvertreibungssage wurde wahrscheinlich erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts mit ihr verbunden.
Die älteste erhaltene schriftliche Überlieferung steht in einem etwa 1430/50 entstandenen lateinischen Nachtrag zu einer Lüneburger Handschrift. Sie berichtet über ein angebliches Ereignis im Jahr 1284: Ein etwa 30-jähriger, schöner und gut gekleideter Mann betritt Hameln durch die Weserpforte. Mit einer ungewöhnlich geformten silbernen Pfeife lockt er ungefähr 130 Kinder durch das Ostertor zu einem Hinrichtungsplatz. Die Kinder verschwinden spurlos; ihre Mütter suchen vergeblich von Stadt zu Stadt.
Jobus Fincelius deutete den Pfeifer 1556 als Teufel in Menschengestalt. Nach seiner Darstellung führte er am Tag der Maria Magdalena zahlreiche Jungen und Mädchen aus Hameln zu einem Berg und verschwand mit ihnen. Ein Mädchen, das in einiger Entfernung gefolgt war, berichtete davon. Die erfolglose Suche zu Wasser und zu Land und die Trauer der Eltern wurden als Beispiel für den göttlichen Zorn über die Sünde verstanden.
Erst 1565 ist in einer Fassung von Froben Christoph von Zimmern das Rattenfänger-Motiv nachweisbar. Ein Fremder befreit Hameln gegen das Versprechen von mehreren hundert Gulden von einer Rattenplage. Nachdem die Bürger seine Leistung als mühelos abwerten und weniger zahlen wollen, führt er aus Rache die meisten Kinder unter acht oder neun Jahren in einen Berg. Die Einwohner geben anschließend ihrer eigenen Torheit und ihrem Geiz die Schuld. Nach dieser Version erinnerte die Stadt in ihren Urkunden mit der Zeitangabe „nach dem Verlust unserer Kinder“ an das Ereignis.
Möglicher historischer Hintergrund
Der historische Kern der Sage lässt sich nicht sicher bestimmen. Für eine tatsächliche Rattenvertreibung gibt es kaum Anhaltspunkte: In den mittelalterlichen Ratsbüchern Hamelns findet sich kein Beleg dafür, dass die Stadt einem Rattenfänger Geld versprochen oder gezahlt hätte. Untersuchungen ergaben außerdem nicht, dass Ratten auf die üblichen Frequenzen der damals gebräuchlichen Flöten reagierten. Dieser Teil gilt daher wahrscheinlich als Legende.
Als wahrscheinlichste Erklärung des Kinderauszugs gilt dagegen die mittelalterliche Ostkolonisation, also die Ansiedlung deutschsprachiger Menschen in Gebieten östlich ihrer bisherigen Heimat. Die „Kinder“ könnten Hamelner Jungbürger gewesen sein, die von adligen Territorialherren oder sogenannten Lokatoren, den Organisatoren neuer Siedlungen, zur Auswanderung angeworben wurden. Der Pfeifer wäre demnach ursprünglich ein Siedlerwerber gewesen. Die Sage könnte den Verlust fast einer ganzen Generation bildhaft ausdrücken. Junge Menschen könnten Hameln auch verlassen haben, weil sie im damaligen Zunftwesen wenige Zukunftsmöglichkeiten sahen und im Osten auf einen eigenen Hausstand oder Betrieb hofften.
Der Namenforscher Jürgen Udolph untersuchte 1997 Ortsnamen, die Auswanderer aus ihrer Heimat in neue Siedlungsgebiete übertragen hatten. Namen aus der Umgebung Hamelns finden sich besonders in der Prignitz und der Uckermark im heutigen Brandenburg. Hamelspringe bei Hameln entspricht etwa Hammelspring im Landkreis Uckermark; auch Groß Spiegelberg bei Pasewalk könnte nach der Grafschaft Spiegelberg im Weserbergland benannt worden sein. Weil entsprechende Ortsnamen in Siebenbürgen und Mähren weitgehend fehlen, gelten diese früher vermuteten Ziele als weniger wahrscheinlich. Allerdings wurden im nordmährischen Olmütz Familiennamen festgestellt, die auch im Hamelner Bürgerregister vorkommen, darunter Hamel, Hämler, Hamlinus, Leist, Fargel und Ketteler.
Andere Erklärungen sind schwächer belegt. Manche Historiker vermuten einen Zusammenhang mit dem Kinderkreuzzug, doch dieser fand 1212 statt, während für den Hamelner Kinderauszug das Jahr 1284 überliefert ist. Auch eine Deutung als Pesterzählung passt zeitlich schlecht, weil Pestepidemien in Europa erst seit 1347 auftraten. Nach einer weiteren Theorie folgten die Kinder einem heidnischen Sektenführer zu einem Ritus bei Coppenbrügge und starben dort durch einen Bergrutsch oder Erdfall. Eine dort vorhandene große Kuhle könnte durch ein solches Ereignis entstanden sein; die Theorie ist jedoch weniger verbreitet.
Verbreitung und kulturelle Bedeutung
Die erste gedruckte Erwähnung erschien 1556 bei Jobus Fincelius. Im 16. Jahrhundert wurde die Geschichte von zahlreichen weiteren Autoren aufgezeichnet. Der Hamelner Bürgermeister Friedrich Poppendieck stiftete 1572 für die Marktkirche ein Glasfenster mit dem Pfeifer; eine Zeichnung davon ist aus dem Jahr 1592 erhalten.
Im 17. Jahrhundert trug der Jesuit und Universalgelehrte Athanasius Kircher wesentlich zur Bekanntheit der Sage bei. Er reiste nach Hameln, untersuchte die Überlieferung und behandelte die angeblich magische Wirkung der Pfeifenklänge 1650 in seinem Musikwerk „Musurgia universalis“. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts verbreitete Johann Gottfried Gregorii die Geschichte in populären Geographiebüchern. Später griffen unter anderem Johann Wolfgang von Goethe, Achim von Arnim und Jacob Grimm den Stoff auf. Andrew Lang machte ihn im späten 19. Jahrhundert mit „The Red Fairy Book“ auch im englischsprachigen Raum populär.
Seit Dezember 2014 steht das Brauchtum um die Rattenfängersage im Bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes im Sinne des UNESCO-Übereinkommens. Die Deutsche UNESCO-Kommission hob hervor, dass der Stoff bis heute immer neu gestaltet und durch Medien wie Dichtung, Comic und Musik lebendig gehalten wird. Dazu zählt auch der Rattenfänger-Literaturpreis, den die Stadt Hameln seit 1984 für phantastische Kinder- und Jugendliteratur vergibt.
Der Stoff wurde vielfach für Literatur, Musik, Theater und Film bearbeitet. Zu bekannten literarischen Fassungen gehören Robert Brownings „The Pied Piper of Hamelin“, Julius Wolffs Roman von 1876 und Viktor Dyks Novelle „Krysař“ von 1915. Musikalische Bearbeitungen reichen von Viktor Nesslers fünfaktiger Oper, uraufgeführt am 19. März 1879 in Leipzig, über John Rutters Kinderoper „The Piper of Hamelin“ bis zu Liedern von Hannes Wader, ABBA, Megadeth, In Extremo und BTS. Verfilmungen entstanden seit 1907; dazu gehören Paul Wegeners Film von 1918, Jacques Demys Musical von 1972, mehrere Animationsfilme sowie die ZDF-Serie „Hameln“ von 2024. Am 3. Dezember 2020 veröffentlichte die Deutsche Post außerdem eine 95-Eurocent-Briefmarke mit dem Rattenfänger als Motiv.
Verwandte Motive und heutiger Gebrauch
Rattenfänger- und Rattenbanner-Sagen sind auch aus anderen Teilen Deutschlands und Europas bekannt. Meist fehlt dort allerdings die anschließende Entführung von Einwohnern aus Rache. Eine Ausnahme bildet die Sage von Korneuburg in Niederösterreich: Dort soll 1646 ein Rattenfänger die Tiere in einem Donauarm ertränkt haben. Weil man ihn für einen Verbündeten des Teufels hielt, verweigerte man ihm die Bezahlung. Erst spätere, an Hameln angelehnte Fassungen ergänzten, er habe Kinder entführt und auf dem Sklavenmarkt in Konstantinopel verkauft. In der Sage vom Katzenveit aus der Gegend um Zwickau führt die Gestalt als Strafe nicht Kinder, sondern die Katzen der zahlungsunwilligen Bürger fort.
Seit dem 19. Jahrhundert wird „Rattenfänger“ auch metaphorisch für eine faszinierende, verführerische und oft manipulative Person gebraucht. Das Bild erschien in Literatur, Satire und politischen Auseinandersetzungen. Im heutigen Sprachgebrauch kann es abwertend Mitglieder extremistischer politischer Gruppen oder andere Personen bezeichnen, die Menschen durch verlockende Versprechen beeinflussen.
Das Grundmotiv – eine geheimnisvolle Leitfigur lockt Tiere oder Kinder fort, häufig nach gebrochenem Versprechen oder aus Rache – erscheint weiterhin in Filmen, Fernsehserien, Musik, Romanen und Videospielen. Die zahlreichen Bearbeitungen verändern Einzelheiten, bewahren aber meist die Themen Verführung, Vertragsbruch, Vergeltung und das rätselhafte Verschwinden der Kinder.