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Hochmittelalterliche Ostsiedlung

Die Ostsiedlung fand somit hauptsächlich im Hochmittelalter statt. Sie wird, beginnend ab den 1980er Jahren, als Teil eines gesamteuropäischen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und zeitlicher Rahmen
  2. 2. Ursachen und Organisation
  3. 3. Bevölkerung, Sprache und Ortsnamen
  4. 4. Technik, Dörfer und Landwirtschaft
  5. 5. Städte, Recht und Religion
  6. 6. Ende, Folgen und Forschung

Kern und zeitlicher Rahmen

Die hochmittelalterliche Ostsiedlung, auch mittelalterlicher Landesausbau genannt, bezeichnet die Einwanderung überwiegend deutschsprachiger Siedler in östliche Randgebiete des Heiligen Römischen Reiches und darüber hinaus. Betroffen waren seit etwa dem Jahr 1000 überwiegend slawisch und teilweise baltisch bewohnte Gebiete östlich von Saale und Elbe, außerdem Niederösterreich, Steiermark, Kärnten, das Baltikum, Böhmen, Teile Polens, Ungarn mit dem heutigen Rumänien und der Slowakei sowie zeitweise Gebiete bis Moldau und Walachei. In der Forschung wird seit den 1970er Jahren häufiger von „hochmittelalterlichem Landesausbau“ gesprochen; der ältere Ausdruck „Deutsche Ostkolonisation“ wird wegen der Nähe zum neuzeitlichen Kolonialismus meist vermieden.

Der Vorgang war keine einheitliche Aktion eines Herrschers, sondern ein langer Prozess. Vor dem eigentlichen Einsetzen der Siedlungsbewegung gab es unter Ottonen und Saliern militärische Ostexpansion: Grenzmarken, Burgen, Tribute und Missionsbistümer wie Oldenburg, Brandenburg oder Havelberg entstanden, aber noch ohne größeren Zuzug von Siedlern. Rückschläge waren der Slawenaufstand von 983 und die Erhebung der Abodriten ab 1066. Größere Siedlungsbewegungen von West nach Ost begannen erst seit der Mitte des 12. Jahrhunderts. Wichtige Stationen waren frühe Ansiedlungen von Flamen und Niederländern, die Gründung Lübecks 1143, der Wendenkreuzzug 1147, die Eroberung der Mark Brandenburg 1157 durch Albrecht den Bären und später Stadt- und Klostergründungen in Pommern, Brandenburg, Schlesien, Böhmen, Mähren und Österreich. Gegen Anfang des 14. Jahrhunderts gilt der Prozess im Wesentlichen als beendet.

Ursachen und Organisation

Eine wichtige Voraussetzung war das starke Bevölkerungswachstum Europas im Hochmittelalter. Vom 11. bis zum 13. Jahrhundert wuchs die Bevölkerung in Deutschland ungefähr von vier auf 12 Millionen. Die bestehenden Siedlungsflächen und Stadtgründungen reichten nicht aus, um diesen Zuwachs aufzufangen. In den Altsiedelgebieten wurde zwar durch Binnenkolonisation neues Ackerland gewonnen, etwa durch Rodungen, aber das genügte nicht. Hinzu kamen Faktoren wie nicht erbberechtigte jüngere Adlige, steigender Abgabendruck auf Bauern und eine größere Mobilität durch die Auflösung älterer Herrschafts- und Wirtschaftsformen.

Auch natürliche und technische Entwicklungen begünstigten den Landesausbau. Seit ungefähr dem 11. Jahrhundert herrschten in Mitteleuropa durchschnittlich höhere Temperaturen, bekannt als Mittelalterliche Warmzeit. Fortschritte wie Mühlenbau, Dreifelderwirtschaft und verstärkter Getreideanbau erhöhten die Erträge. Dadurch wuchs die Bevölkerung weiter, und die Erschließung neuer Anbauflächen wurde attraktiver.

Die Landesherren in Ostmitteleuropa verfügten über viel Land, das oft noch nicht urbar gemacht war und daher kaum Einnahmen brachte. Sie warben deshalb freiwillige Neusiedler mit Privilegien an: Landbesitz, bessere Rechtsstellung, festgelegte Abgaben statt unbestimmter Pflichten, Freijahre ohne Abgaben und Vererbbarkeit der Höfe. Die praktische Durchführung übernahmen meist Lokatoren. Ein Lokator organisierte Werbung, Reise, Rodung, Landverteilung und Aufbau der neuen Siedlung. Rechte und Pflichten von Lokator und Siedlern wurden in einem Lokatorenvertrag festgelegt. Der Landesausbau geschah aber nicht nur durch deutschsprachige Siedler; auch die slawische alteingesessene Bevölkerung beteiligte sich in manchen Gebieten daran.

Bevölkerung, Sprache und Ortsnamen

Die slawischen Gebiete östlich der Elbe und teilweise weiter östlich waren vor der Ostsiedlung unterschiedlich dicht besiedelt, insgesamt aber dünner als die westlichen Altsiedelgebiete. Dort lebten unter anderem Abodriten, Polen, Tschechen und andere westslawische Gruppen. Das Verhältnis zwischen Alteingesessenen und Neusiedlern war von Konkurrenz und Kooperation geprägt. Oft wurden die Rechte und Gewohnheiten der einheimischen Bevölkerung nicht direkt aufgehoben, weil genügend ungenutztes Land vorhanden war. Es gab aber auch Vertreibungen, etwa um Platz für neue Dörfer zu schaffen, und finanzielle Benachteiligungen. Ausrottungsversuche sind laut Artikel nicht bekannt.

Viele Neusiedler kamen aus Flandern, Holland, dem Rheinland, Westfalen, Schwaben und Franken. Wichtige Motive waren Landmangel, Realteilung des Erbes, hohe Abgaben und geringe Erträge in der alten Heimat. Im Osten lockten größere Anbauflächen, Erbpacht, geringere und klar geregelte Abgaben, Freijahre und die Möglichkeit, Besitz als Ganzes weiterzuvererben. In manchen Regionen wurden die deutschsprachigen Siedler später von der slawischen Mehrheitsbevölkerung assimiliert; in anderen wurden slawische Gruppen sprachlich und kulturell in die deutsche Mehrheit integriert. Kaschuben und Sorben konnten Sprache und Kultur bis heute bewahren.

Zwischen 1050 und 1600 kam es zu intensivem Sprachaustausch zwischen Deutsch und slawischen Sprachen. Dabei wurden Lehnwörter, Fremdwörter und Lehnübersetzungen übernommen. Beispiele sind slawische Wörter aus dem Deutschen in Verwaltung, Handwerk, Landwirtschaft und Handel, etwa Bürgermeister, Markgraf, Ziegel, Pflug, Mühle, Waage oder Jahrmarkt in angepassten Formen. Umgekehrt kam zum Beispiel das deutsche Wort „Grenze“ aus alttschechisch granicĕ oder polnisch granica. Auch Ortsnamen zeigen die Mischung: slawische Namen blieben oft erhalten, erkennbar an Endungen wie -ow, eingedeutscht -au, -vitz, -witz oder -in. Neu gegründete Orte erhielten häufig deutsche Endungen wie -dorf oder -hagen oder Namen nach Lokatoren und Herkunftsorten der Siedler.

Technik, Dörfer und Landwirtschaft

Mit der Ostsiedlung verbreiteten sich neue technische Fertigkeiten, Geräte und Wirtschaftsweisen. Besonders wichtig waren flämische und holländische Siedler, die Erfahrung mit Deichbau, Entwässerung und Trockenlegung von Marschland hatten. Sie legten netzartige Entwässerungsgräben an, die Wasser in Hauptgräben ableiteten; entlang dieser Gräben entstanden Verkehrswege zwischen den Höfen. Solche Kenntnisse waren für die Erschließung feuchter und ungenutzter Gebiete östlich der Elbe sehr gefragt.

In der Landwirtschaft trafen ältere slawische Techniken auf westliche Neuerungen. Der slawische Hakenpflug ritzte den Boden nur auf und verteilte ihn seitlich, ohne ihn zu wenden; er eignete sich besonders für leichte, sandige Böden. Seit Mitte des 13. Jahrhunderts setzte sich in vielen Gebieten östlich der Elbe die Dreifelderwirtschaft durch, die vor allem auf schwereren Lehmböden den schweren Wendepflug begünstigte. Dieser besaß wichtige Teile wie Sech, Streichbrett und Pflugschar und konnte den Boden tief aufbrechen und wenden. Wegen seiner Effizienz wurden Nutzer des Wendepflugs höher besteuert als Bauern, die weiterhin mit dem Haken arbeiteten.

Auch Handwerk und Bauweise veränderten sich. In der Töpferei kamen mit westlichen Siedlern neue Formen wie der Kugeltopf und härtere Brennverfahren auf. Die harte Grauware verbreitete sich ab Ende des 12. Jahrhunderts östlich der Elbe; im 13. Jahrhundert wurde sie in Pommern flächendeckend hergestellt. Im Hausbau verband sich die slawische Blockhausbauweise mit dem von deutschen Siedlern eingebrachten Fachwerk. Daraus entstand der Typus des Umgebindehauses: Ein Fachwerkgerüst umgibt die Blockstube im Erdgeschoss und trägt das Obergeschoss.

Typisch waren geplante Dorfformen wie Straßendorf, Angerdorf, Rundling, Gassendorf und Waldhufendorf. Die Anlage neuer Dörfer war ein bewusster herrschaftlicher Eingriff, nicht eine zufällige Ansammlung einzelner Höfe. Bei den Fluren, also den landwirtschaftlichen Nutzflächen einer Siedlung, unterscheidet die Forschung unter anderem Blockflur und Gewannflur. Blockfluren bestehen aus rechteckigen Parzellen und werden oft mit slawischen Altsiedlern und leichten Hakenpflügen verbunden. Gewannfluren oder Streifenfluren bestehen aus langen, schmalen Feldstreifen und passten besonders zum schweren Pflug, der möglichst selten gewendet werden sollte.

Städte, Recht und Religion

Die Ostsiedlung veränderte nicht nur Dörfer, sondern auch Städte. Es gab bereits slawische Burgstädte wie Lübeck, Brandenburg an der Havel oder Krakau, die als Herrschaftsmittelpunkte dienten. Vom Ende des 12. Jahrhunderts an wurden solche Orte durch gezielte Neuansiedlung und Erweiterung umgestaltet. Daneben entstanden Städte „aus wilder Wurzel“, also als völlige Neugründungen, etwa Neubrandenburg. Wie bei den Dörfern wirkten auch hier Lokatoren mit. Typisch für Gründungsstädte waren geplante Grundrisse, etwa zwei sich kreuzende Hauptstraßen und ein zentraler, oft rechteckiger Marktplatz.

Stadtrechte waren ein wichtiges Mittel, um Menschen anzulocken. Sie gaben den Bewohnern eines festgelegten Raumes besondere Rechte und machten Siedlungen wirtschaftlich attraktiver. Besonders wichtig waren das Magdeburger Recht und das Lübische Recht. Das Lübische Recht begann in Lübeck um 1188 und wurde im 13. und 14. Jahrhundert im Ostsee- und Handelsraum Vorbild für etwa 100 Städte, darunter Rostock, Stralsund und Greifswald; Anfang des 15. Jahrhunderts lebten etwa 350.000 Menschen nach diesem Recht. Das Magdeburger Recht, das teilweise auf Privilegien des Erzbischofs Wichmann von Magdeburg von 1188 zurückgeht, verbreitete sich zuerst in Brandenburg, Sachsen und der Lausitz und später nach Schlesien, Polen, ins Ordensland, nach Böhmen und Mähren.

Rechtlich waren Alt- und Neusiedler nicht überall gleichgestellt. In manchen Städten erhielten beide Gruppen gleiche Rechte, in anderen wurden Slawen benachteiligt oder vom Bürgerrecht ausgeschlossen. Unterschiede zeigten sich etwa bei Bußgeldern und Gerichtssprachen; in Breslau wurde 1329 Polnisch vor Gericht verboten. Auch Juden wurden systematisch benachteiligt.

Religiös war die Ostsiedlung mit Christianisierung verbunden. In elbslawischen Gebieten gingen Missionierung und Eroberung anfangs teils mit Gewalt einher, besonders im Zusammenhang mit der mittelalterlichen Kreuzzugsbewegung. Seit etwa 1150 errichteten Neusiedler Pfarrkirchen, zuerst aus Holz und später aus Feldsteinen. Auf heidnischen Heiligtümern entstanden Kirchen und Klöster, etwa die Marienkirche in Brandenburg an der Havel oder die Zisterze Lehnin.

Ende, Folgen und Forschung

Einen klaren Endpunkt der Ostsiedlung gibt es nicht. Um 1300 lässt sich aber ein Nachlassen der Siedlungsbewegung beobachten; im 14. Jahrhundert gab es nur noch einzelne Siedlungsvorgänge mit deutschsprachigen Kolonisten. Als mögliche Ursachen nennt der Artikel mehrere Faktoren, ohne sie eindeutig zu gewichten: die Klimaverschlechterung ab etwa 1300 als Beginn der „Kleinen Eiszeit“, die Agrarkrise des Spätmittelalters seit spätestens der Mitte des 14. Jahrhunderts und der demographische Einbruch durch die Große Pest. Seit dem 14. Jahrhundert setzten außerdem sprachliche und soziale Ausgleichs- und Assimilierungsprozesse ein.

Die langfristigen Folgen waren tiefgreifend. Die Ostsiedlung prägte Wirtschaft, Siedlungsformen, Stadtrechte, Sprache, Religion und Kultur Ostmitteleuropas zwischen Ostsee und Karpaten bis mindestens ins 20. Jahrhundert. Nach dem Ersten Weltkrieg und besonders nach 1945 wurde sie zum großen Teil rückgängig gemacht: Mit der Oder-Neiße-Grenze und der Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus vielen Gebieten verschwanden große Teile der deutschsprachigen Siedlungsräume. Deutschsprachig blieben vor allem ältere Kolonisationsgebiete aus dem 12. und frühen 13. Jahrhundert im nach 1945 entstandenen Ostdeutschland und in Teilen Ostösterreichs.

Die Forschung zur Ostsiedlung war lange stark national geprägt. Im 19. Jahrhundert und besonders in der Zwischenkriegszeit wurde sie oft ideologisch als „deutsche Ostkolonisation“ und als Vorbild eines „Drang nach Osten“ gedeutet; solche Vorstellungen beeinflussten auch nationalsozialistische Ideologie. Seit Walter Schlesingers Sammelband von 1975 und besonders seit dem Ende des Kalten Krieges wird der Prozess stärker als europäisches Phänomen untersucht. Neuere Forschung betont, dass die Ursachen weniger ethnisch, sondern vor allem wirtschaftlich, sozial und machtpolitisch waren, dass auch slawische Bevölkerung beteiligt war und dass viele Neuerungen nicht einfach aus dem Westen mitgebracht wurden, sondern sich erst in den Ausbaugebieten voll entfalteten.

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