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Kriegswirtschaft

Unter Kriegswirtschaft oder Kriegsökonomie wird eine auf die Notwendigkeiten des Krieges ausgerichtete Wirtschaftsordnung einer Konfliktpartei verstanden, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundprinzip und Ziele
  2. 2. Historische Entwicklung und industrielle Steuerung
  3. 3. Rohstoffe, Finanzierung und Koordination
  4. 4. Gesellschaftliche und ökologische Folgen
  5. 5. Entscheidende Rolle im Zweiten Weltkrieg
  6. 6. Übertragung auf andere Krisen

Grundprinzip und Ziele

Kriegswirtschaft oder Kriegsökonomie bezeichnet die Wirtschaftsordnung einer Konfliktpartei, die auf die Anforderungen eines Krieges ausgerichtet ist. Dabei werden die eigene Volkswirtschaft und häufig auch die Wirtschaft besetzter Gebiete so eingerichtet oder umgestaltet, dass sie die Kriegsführung möglichst wirksam unterstützen.

Typisch ist entweder ein staatlicher Interventionismus, der die Marktwirtschaft stark reguliert, aber Markt, Privateigentum an Produktionsmitteln und Freizügigkeit der Arbeitnehmer nicht vollständig abschafft, oder eine zentralverwaltungswirtschaftliche, also planwirtschaftliche Steuerung. Eine solche kriegsbedingte Zentralsteuerung darf jedoch nicht mit der Zentralverwaltungswirtschaft als allgemeiner Wirtschaftsform gleichgesetzt werden.

Ziel der wirtschaftlichen Mobilmachung ist es, Waffen, Munition, militärische Ausrüstung, Lebensmittel und andere Güter für die Armee bereitzustellen. Die Rüstungsproduktion wird durch Rohstoffe, Arbeitskräfte und Finanzierung begrenzt. Zugleich entzieht sie der Zivilwirtschaft und der Bevölkerung knappe Mittel. Deshalb muss der Staat über die Ressourcenallokation, also die Verteilung knapper Ressourcen zwischen militärischem und zivilem Bedarf, entscheiden. Ein bürokratisches Verteilungssystem reguliert den Verbrauch; seine Leistungsfähigkeit bestimmt im industriellen Zeitalter wesentlich die materiellen Möglichkeiten der Kriegsführung.

Historische Entwicklung und industrielle Steuerung

Im Dreißigjährigen Krieg wurden Truppen vor allem durch Kontributionen versorgt und finanziert. Bewohner besetzter Gebiete mussten zunächst hauptsächlich Naturalien wie Lebensmittel, Holz und Salz liefern. Der Söldnerführer Peter Ernst II. von Mansfeld fasste dieses Prinzip mit dem Satz „Der Krieg ernährt den Krieg“ zusammen. Albrecht von Wallenstein verlangte zusätzlich Geld zur Bezahlung seiner Soldaten. Diese Kriegs- beziehungsweise Besatzungssteuern machten die Kriegsführung weniger von den eigenen Finanzmitteln des Kriegsherrn abhängig, erzeugten aber zugleich einen Zwang zu weiteren Eroberungen.

In den Industriestaaten des 20. Jahrhunderts beruhte die Umstellung meist auf einer Zusammenarbeit zwischen Staat und privaten Unternehmen. Fabriken wurden nur selten beschlagnahmt. Stattdessen förderte der Staat die Herstellung kriegswichtiger Güter durch Preisgarantien, Beteiligungen an Baukosten oder die Bereitstellung günstiger Arbeitskräfte, darunter Kriegsgefangene. So blieben Erfahrung und Innovationskraft privater Unternehmer erhalten. Produktionsmengen konnten häufig schneller, mit weniger Personal und Rohstoffen oder in besserer Qualität erreicht werden als durch den vollständigen Aufbau einer Planwirtschaft.

Im „totalen“ Krieg werden Produktionsprioritäten verschoben und zivile Kapazitäten für militärische Güter eingesetzt. Wilhelm Röpke bezeichnete die Ablösung der freien Marktwirtschaft durch einen „Kriegskollektivismus“ nach der Logik des 20. Jahrhunderts als bedauerliche Notwendigkeit. Ein wirtschaftlicher Belagerungszustand erzwinge die Rationierung wichtiger Güter, die weder durch Produktion noch durch Einfuhr ausreichend verfügbar seien. Die enge Zusammenarbeit von Staat und Industrie kann zugleich Kriegsgewinnler hervorbringen.

Rohstoffe, Finanzierung und Koordination

Der erhöhte Militärbedarf und unterbrochene Importe führen meist rasch zu Rohstoffknappheit. Gegenmaßnahmen sind der Ausbau bestehender Industrie- und Landwirtschaftskapazitäten, der Bau zuvor unrentabler Anlagen zur alternativen Rohstoffgewinnung, die Ausbeutung eroberter Gebiete und der Einkauf im neutralen Ausland. Hinzu kommen Blockadebrecher, Schmuggel und Schwarzmarktgeschäfte sowie staatliche Werbung für Sparsamkeit, Wiederverwertung und Energiesparen. Materialien können auch requiriert werden: In Deutschland wurden im Ersten Weltkrieg etwa Fahrradreifen eingezogen. Ein Gesetz vom 1. März 1917 ordnete die Beschlagnahmung aller Kirchenglocken und ihre Ablieferung bis Juli/August 1917 an. Auch im Zweiten Weltkrieg wurden Glocken für die Rüstung beschlagnahmt. Das Haber-Bosch-Verfahren, mit dem Luftstickstoff chemisch nutzbar gemacht wird, ist ein Beispiel für alternative Rohstoffgewinnung.

Die stark wachsenden Staatsausgaben werden vor allem durch neues Geld, Kredite sowie zusätzliche Steuern und Abgaben finanziert. Geldschöpfung deckt den Bedarf schnell und erzeugt keine zusätzliche Verschuldung, kann aber durch die größere Geldmenge Inflation auslösen. Kredite und Kriegsanleihen liefern mittelfristig Mittel; Kriegsanleihen binden die zeichnende Bevölkerung enger an den Kriegserfolg. Ihre Einnahmen sind jedoch unsicher, und die Schulden müssen später mit Zinsen zurückgezahlt werden. Zusätzliche Steuern können ebenfalls mittelfristig Geld beschaffen, den privaten Haushalten aber Kaufkraft entziehen, Deflation begünstigen und die Stimmung verschlechtern.

Weitere Mittel sind staatliche Sparmaßnahmen, die Enteignung feindlicher oder als „Staatsfeinde“ bezeichneter Personen, der Verkauf kontrollierter Naturressourcen, Spenden sowie Zwangsprostitution, Entführungen und Handel mit Drogen, Waffen, Edelsteinen oder Edelmetallen. Besonders bei nichtdemokratischen Staaten und Gruppen bleibt die Herkunft der Mittel oft intransparent.

Die militärischen Bedarfsmengen werden gewöhnlich von Verteidigungs- oder Kriegsministerien geschätzt; die Finanzierung liegt meist bei den Notenbanken. Diese können eigenständig steuern und Projekte verhindern. So verweigerte die Deutsche Reichsbank trotz kaiserlicher Weisung die Finanzierung eines Ersatzneubaus für den am 24. Januar 1915 versenkten Kreuzer Blücher. Arbeitsgruppen aus Behörden und Industrie entwickeln bei Engpässen Vorschläge zu Einsparung, Produktion und Beschaffung, die bis tief in das Privatleben reichen können.

Gesellschaftliche und ökologische Folgen

In langen Kriegen leidet besonders die Lebensmittelversorgung. Ursachen sind der Entzug landwirtschaftlicher Arbeitskräfte für den Militärdienst, die Knappheit von Rohstoffen und zerstörte oder unbrauchbare Anbauflächen. Stickstoffverbindungen wie Salpeter werden sowohl für Sprengstoff als auch für Kunstdünger benötigt. Außerdem können Lebensmittelimporte ausfallen, während marschierende Soldaten, etwa im Winterkrieg, deutlich mehr Nahrungsenergie als beispielsweise ein Student benötigen.

Die Folgen können Hungersnöte sein, etwa der Steckrübenwinter 1916/17. Besatzungsmächte bevorzugten teilweise ihre eigene Bevölkerung: Der Hungerplan von 1941 sah das Verhungern von Menschen in der Sowjetunion vor; im niederländischen Hungerwinter 1944/45 starben etwa 20.000 Menschen. Die Versorgung kann zusätzlich leiden, wenn Anbauflächen zwangsweise für Drogenpflanzen oder Pflanzen zur Herstellung synthetischer Treibstoffe verwendet werden.

Der umfassende Einsatz der Bevölkerung, etwa in der Rüstungsindustrie, als Wehrmachthelferin („Blitzmädel“), Flakhelfer oder 1945 im Volkssturm, wirkt langfristig auf fast alle Lebensbereiche und kann ein Land oder eine Region dauerhaft schwächen. Die vorrangige Rohstoff- und Industrieproduktion verursacht zudem mitunter schwere Umweltschäden, die erst lange nach Kriegsende sichtbar werden. Auch neutrale Drittländer können betroffen sein, beispielsweise die von Konfliktparteien umgebene Schweiz im Zweiten Weltkrieg. In Syrien sanken 2016 nach dem Abwurf von Hilfsgütern nicht nur die Preise der abgeworfenen Lebensmittel, sondern auch die anderer Nahrungsmittel; dies wurde als Hinweis auf zuvor von Kriegsgewinnlern verlangte Wucherpreise gedeutet.

Entscheidende Rolle im Zweiten Weltkrieg

Im Zweiten Weltkrieg beeinflusste die Kriegswirtschaft Verlauf und Ausgang entscheidend. Aufgrund der Erfahrungen des Ersten Weltkriegs und des Scheiterns zunächst versuchter liberaler Modelle griffen alle beteiligten Staaten zu dirigistischen, also stark staatlich lenkenden Maßnahmen. Im Deutschen Reich bestand dabei eine Art Matrixorganisation aus fachlichen Gruppen wie der Reichsgruppe Industrie und regionalen Wirtschaftskammern. Franz Böhm (1895–1977) nannte das vom NS-Regime praktizierte System „kombinierte Verfassung“.

Anfangs prägte vor allem die Militärtaktik den Verlauf. Ab 1942 wurde jedoch die quantitative Überlegenheit der alliierten Kriegsproduktion wesentlich. Das Dritte Reich und Japan setzten auf Blitzkrieg und waren nicht auf einen langen Krieg vorbereitet. Großbritannien, die Sowjetunion und die USA weiteten ihre Kriegsproduktion dagegen seit Kriegsbeginn stark aus, um einen Abnutzungskrieg zu gewinnen. Im Deutschen Reich begann eine drastische Ausweitung erst Anfang 1942.

Vor allem bei den Alliierten nahm die Frauenarbeit deutlich zu. Das Dritte Reich und Japan setzten dagegen in großem Umfang Zwangsarbeiter ein.

Übertragung auf andere Krisen

Ökonomen und Kritiker verwenden Mechanismen der Kriegswirtschaft auch zur Diskussion alternativer Wirtschaftsmodelle, etwa staatlicher Ressourcenzuteilung oder wirtschaftsdemokratischer Systeme wie Parecon. Otto Neurath betrachtete die österreichische Kriegswirtschaft des Ersten Weltkriegs 1919 als mögliche Gelegenheit für einen Übergang zur Naturalwirtschaft, in der Güter statt Geld im Mittelpunkt der wirtschaftlichen Rechnung stehen.

Später wurden solche Modelle auf Umweltkrisen bezogen. James Lovelock schlug um 2010 angesichts des eskalierenden Klimawandels eine zeitweilige Einschränkung demokratischer Freiheiten nach dem Vorbild von Kriegszeiten vor. Ulrike Herrmann argumentierte 2022, dass Ressourcenknappheit infolge von Klimawandel und Biodiversitätskrise eine gesteuerte Güterzuteilung notwendig mache; als Vorbild nannte sie die britische Kriegswirtschaft des Zweiten Weltkriegs. Andreas Malm forderte 2020 aus ähnlichen Gründen eine Orientierung am weiter reichenden sowjetrussischen Kriegskommunismus.

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