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Rassismus ohne Rassen

Der Begriff Rassismus ohne Rassen gehört zu einem von den Sozialwissenschaftlern Étienne Balibar (1988) und Stuart Hall (1989) geprägten Theorieansatz der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Begriffsrahmen
  2. 2. Die Perspektiven von Hall und Balibar
  3. 3. Kultureller Rassismus
  4. 4. Neorassismus und seine Merkmale
  5. 5. Rassismus ohne Rassen in der Neuen Rechten
  6. 6. Kritik an Begriff und Theorie

Grundidee und Begriffsrahmen

„Rassismus ohne Rassen“ bezeichnet einen Theorieansatz der Rassismusforschung, der von Étienne Balibar (1988) und Stuart Hall (1989) geprägt wurde. Gemeint ist ein Rassismus, der den Begriff „Rasse“ nicht ausdrücklich verwendet, aber weiterhin Gruppen als grundsätzlich verschieden, nicht zugehörig oder nicht „normal“ darstellt und sie dadurch ausgrenzt. Verwandte Bezeichnungen sind „Kulturalismus“, „kultureller Rassismus“ und „Neorassismus“.

In der Forschung ist umstritten, wie weit der Begriff gefasst werden soll. Philip Cohen versteht „Rasse“ als Objekt des rassistischen Diskurses: Sie sei „ein ideologisches Konstrukt und keine empirische Gesellschaftskategorie“. Robert Miles verwendet dagegen eine engere Definition und bezeichnet nur eine „Ideologie von der Ungleichheit von Rassen“ als Rassismus. Folgen früherer Diskriminierungspolitik gehören für ihn bei formaler Gleichbehandlung nicht automatisch zum Rassismus.

Die Perspektiven von Hall und Balibar

Stuart Hall beschreibt einen „Rassismus ohne Rassen“ im Alltagsbewusstsein. Er zeigt sich in sozialen Ausschließungspraxen, ohne dass eine ausgearbeitete Rassentheorie vorhanden sein muss. Rassismus liegt nach Hall vor, wenn eine ausgrenzende Mehrheitsgruppe die Macht besitzt, eine Minderheit als nicht „normal“ oder als „anders“ zu definieren und ihre Lebensbedingungen zu benachteiligen. Werden solche Klassifikationen genutzt, um soziale, politische oder ökonomische Praktiken zu begründen, die Gruppen vom Zugang zu materiellen oder symbolischen Ressourcen ausschließen, handelt es sich um rassistische Praktiken.

Der Rassismus erfüllt nach Hall außerdem eine politische und soziale Funktion: Er produziert Identität, sichert Identifikationen und stärkt den Zusammenhalt einer Gruppe gegenüber einer untergeordneten anderen Gruppe. Dies bezeichnet Hall als Konstruktion „des Anderen“.

Étienne Balibar hebt die „Naturalisierung des Kulturellen, des Sozialen oder der Geschichte“ hervor. Dadurch erscheinen veränderbare Verhältnisse als festgelegt und einer Veränderung entzogen. Der moderne Rassismus behaupte demnach nicht unbedingt die Überlegenheit einer Gruppe, sondern die Schädlichkeit jeder Grenzverwischung sowie die Unvereinbarkeit von Lebensweisen und Traditionen. Balibar bezieht dies auch auf den Begriff „Antisemitismus ohne Juden“: Antisemitismus könne demnach auch in Gegenden ohne jüdische Bevölkerung fortbestehen oder sogar besonders ausgeprägt sein.

Kultureller Rassismus

Von kulturellem Rassismus spricht man, wenn Kultur nicht als historisch entstanden und veränderbar gilt, sondern so stark verdinglicht und essentialisiert wird, dass sie zum funktionalen Äquivalent des Rassenbegriffs wird. Eigenschaften sozialer Gruppen werden dann als feststehend, natürlich und grundlegend verschieden dargestellt. George M. Fredrickson fasst dies als „Kodierung“ von Rasse durch Kultur.

Stuart Hall beschreibt eine Ablösung des genetischen durch einen kulturellen Rassismus. An die Stelle von „Rasse“ treten Begriffe wie Ethnizität und Kultur; aus einem angeblichen „genetischen Mangel“ wird ein „Kulturdefizit“. Bestimmte Lebensweisen, Sitten und Gebräuche werden als einzig normale Form des Lebens verabsolutiert. Abweichende Lebensformen werden negativ oder positiv bewertet. So können Ausgrenzung, Abgrenzung und die Bekämpfung anderer Menschen legitimiert werden, ohne ausdrücklich biologisch zu argumentieren.

In Deutschland ist der auf Menschen bezogene Begriff „Rasse“ nach dem Nationalsozialismus diskreditiert. Theodor Adorno zufolge wird er deshalb häufig vermieden und durch das vornehmere Wort „Kultur“ ersetzt, das jedoch weiterhin einen Herrschaftsanspruch verdecken könne. Die wissenschaftliche Widerlegung biologischer Menschenrassen verhindert nach Sabine Grimm nicht, dass Menschen aus nationalistischen oder rassistischen Motiven angegriffen, stigmatisiert oder ausgegrenzt werden.

Benjamin Bauer führt die Verwendung von Kultur als Ersatzbegriff teilweise auf die Kulturanthropologie des frühen 20. Jahrhunderts zurück. Die Forschungen der Gruppe um Franz Boas widerlegten zwar den „wissenschaftlichen Rassismus“ und beeinflussten die antirassistische Haltung der Vereinten Nationen nach dem Zweiten Weltkrieg. Zugleich übernahm diese Richtung nach Bauers Darstellung teilweise die Vorstellung voneinander geschlossener Kulturen mit eigenen Entwicklungsgesetzen.

Als Merkmale kulturalistischer Konzepte werden genannt: Kultur wird mit ethnischer oder völkischer Herkunft verbunden, alle Mitglieder einer Gruppe sollen dieselbe Kultur besitzen, individuelle Eigenschaften werden auf Gruppeneigenschaften reduziert, und Kulturen gelten als starr oder nur über Generationen veränderbar. Kultur erscheint dadurch als unüberwindliche Schranke. Das steht im Gegensatz zu emanzipatorischen Vorstellungen, nach denen Menschen Kultur aktiv aneignen und verändern.

Debatten über Migration können in diesem Zusammenhang als „kultureller Fundamentalismus“ erscheinen. Nicht mehr die Rasse, sondern eine angeblich homogene, historisch verwurzelte Nationalkultur soll vor „kultureller Invasion“ geschützt werden. Gazi Çağlar bezieht auch kulturzyklische Modelle, insbesondere Samuel P. Huntingtons „Kampf der Kulturen“, in die Debatte ein. Er bezeichnet Huntingtons Ansatz als eine „Rassentheorie ohne Rassen“. Huntington selbst weist jedoch einen Zusammenhang zwischen Kulturkreis und Rasse ausdrücklich zurück und betont, dass die wesentlichen Unterschiede zwischen Menschengruppen Werte, Überzeugungen, Institutionen und Gesellschaftsstrukturen beträfen, nicht Körpergröße, Kopfform oder Hautfarbe.

Hakan Gürses warnt davor, den Kulturbegriff in kolonialistischen oder neorassistischen Zusammenhängen als „Quasi-Rasse“ zu verwenden. Kulturelle Differenz werde dann zum allgemeinen Muster für jede Differenz, während kulturelle Identität zugleich festgeschrieben werde. Der Slogan „Recht auf Differenz“ könne so mit einem Zwang zur ethnisch-kulturellen Identität verbunden werden. Gürses sieht darin einen „differentialistischen Neo-Rassismus“, bei dem kulturelle Unterschiede verabsolutiert und Vermischung als Ethnozid oder Ethnosuizid dargestellt werden.

Neorassismus und seine Merkmale

Martin Barker bezeichnet mit „New Racism“ einen Rassismus, der weitgehend von biologischen Rassenkonstruktionen gelöst ist. Er untersucht Diskriminierung als komplexen Zusammenhang, der auch Einteilungen nach Klasse, Geschlecht, Nation, Kultur und Religion umfassen kann.

Kennzeichnend ist nicht vor allem die Behauptung einer intellektuellen oder moralischen Überlegenheit europäischstämmiger Menschen. Im Zentrum steht vielmehr die Behauptung, kulturelle Unterschiede seien unvereinbar. Integration und Inklusion von Einwanderern aus anderen kulturellen Zusammenhängen werden dadurch als unmöglich dargestellt. Neorassisten halten Parallelgesellschaften und einen „Kampf der Kulturen“ im Sinne Huntingtons für unvermeidlich und begründen damit die angebliche Notwendigkeit, die traditionelle kulturelle Identität zu verteidigen.

In der Forschung werden „Neorassismus“ und „kultureller Rassismus“ teilweise synonym verwendet. Der Kulturbegriff des Neorassismus ist dabei nicht im philosophischen Sinn kulturalistisch, sondern naturalistisch: Biologistisches Denken wird auf Kultur übertragen. „Rasse“ wird durch „Kultur“, „Ethnie“, „Volk“ oder „Nation“ ersetzt, während die Abwertung und Ausgrenzung des „Anderen“ bestehen bleibt.

Rassismus ohne Rassen in der Neuen Rechten

Nach Ines Aftenberger ist ein als „Rassismus ohne Rassen“ auftretender Neorassismus ein „zentrales Ideologem“ der Neuen Rechten. Die dahinterstehende rassistische Konzeption wird als Ethnopluralismus bezeichnet. Sie geht davon aus, dass kulturell und genetisch unterschiedliche Gemeinschaften nebeneinander existieren und jeweils geschlossene kulturelle Einheiten bilden.

Im Ethnopluralismus wird über „Kultur“ gesprochen, aber „Rasse“ gemeint und verstanden. Völker und Volksgemeinschaften gelten nur dann als fähig, Konflikte zu lösen, wenn sie sich auf ihre eigenen kulturellen und geografischen Eigenheiten konzentrieren. Fremde Einflüsse sollen abgewehrt werden, weil jede Volksgemeinschaft angeblich eine einheitliche Kultur besitze, die geschützt werden müsse.

Kritik an Begriff und Theorie

Kritiker nennen Balibars Konzept eine „Inflation des Rassismus“. Wenn der Begriff auf immer mehr Phänomene angewandt werde, könne er zur Verschleierung des spezifischen Rassismus beitragen oder zur Tabuisierung und intellektuellen Abwertung sachlich nicht verwandter Themen missbraucht werden. Ulrich Bielefeld fordert deshalb einen vorsichtigen und präzisen Umgang. Rassismus trete immer in einem bestimmten historischen Kontext auf; bei einer zu weiten Definition stehe der Begriff für die Fälle nicht mehr zur Verfügung, in denen er als analytisches Werkzeug tatsächlich benötigt werde.

Arata Takeda spricht von einer „Metaphorisierung des Rassismus“. Ausdrücke wie „Rassismus ohne Rassen“ oder „kultureller Rassismus“ seien genau genommen Oxymora, während „biologischer Rassismus“ ein Pleonasmus sei. Für analytische Zwecke schlägt Takeda vor, Rassismus und Kulturalismus auseinanderzuhalten, weil Kulturalismus auch gut gemeinte Praktiken bezeichnen könne, denen Rassismus nicht sachgemäß zugeschrieben werden sollte.

Wulf D. Hund hält die kulturelle Dimension dennoch für einen zentralen Bestandteil rassistischer Ausgrenzung. Die Verbindung zur Kategorie „Rasse“ habe nur eine vergleichsweise kurze Phase der Rassismusgeschichte geprägt; rassistische Ausgrenzung sei überwiegend mit kulturellen Konzepten begründet und vermittelt worden. Nach Hund werden kulturelle, etwa religiöse, Ausgrenzungsmechanismen möglicherweise länger und dauerhafter verwendet als biologisch-rassistische Formen. Die Vorstellung einer durch Klima und Boden bestimmten Befähigung der „weißen Rasse“ und der Rassenbegriff selbst entwickelten sich in Deutschland nach seiner Darstellung erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts; besonders prägend waren Johann Friedrich Blumenbach und Immanuel Kant.

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