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Biologismus
Biologismus (Begriffsbildung aus Biologie mit dem Suffix -ismus) bezeichnet die Übertragung biologischer Maßstäbe und Begriffe auf nicht oder nicht primär …
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Begriff und Bedeutung
Biologismus bezeichnet die Übertragung biologischer Maßstäbe, Begriffe und Erklärungen auf Verhältnisse, die nicht oder nicht hauptsächlich biologisch sind. Gemeint ist vor allem der Versuch, menschliches Verhalten, gesellschaftliche Zustände, Kultur oder Politik vorrangig oder ausschließlich aus biologischen Tatsachen, Theorien und Modellen zu erklären. Biologische Gesetzmäßigkeiten werden dabei zu allgemeinen Gesetzen der Welt und damit zu einem „Weltprinzip“ verallgemeinert.
Der Begriff gilt als biologischer Reduktionismus: Soziale und kulturelle Phänomene werden auf grundlegende biologische Theorien zurückgeführt. Er ist kein Fachbegriff der Biologie, sondern stammt aus den Kulturwissenschaften und enthält meist eine kritische, distanzierende Wertung. Als „biologistisch“ werden Anschauungen bezeichnet, die als einseitig, sachfremd oder übertrieben gelten. Deshalb wird das Wort oft abwertend verwendet und selten als Selbstbezeichnung. Vertreter entsprechender Positionen verwenden eher den Begriff Naturalismus.
Heinrich Rickert führte den Begriff um 1911 in den kulturwissenschaftlichen Diskurs ein. Er bezog sich besonders auf Modelle der Soziologie, Kulturanthropologie, Geschichtsschreibung und Rechtswissenschaft vom Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts. Diese deuteten Prinzipien der biologischen Evolution, ausgehend vom Darwinismus, zu allgemeinen ethischen oder historischen Regeln um. Ob eine Weltanschauung tatsächlich biologistisch ist, bleibt zwischen ihren Anhängern und Kritikern häufig umstritten.
Wissenschaftliche Einordnung und Kritik
Der Mensch ist als Säugetier Teil der belebten Natur. Daher können Biologie und Medizin wichtige Erkenntnisse über menschliches Wesen und Verhalten liefern; sie gehören zu den Humanwissenschaften, also den Wissenschaften vom Menschen. Kritiker des Biologismus bestreiten nicht, dass psychische und soziale Phänomene einen biologischen Hintergrund haben können.
Die Kritik richtet sich gegen einen alleinigen Erklärungsanspruch der Biologie. Sozial- und geisteswissenschaftliche Methoden sowie ethische Fragen sollen gegenüber biologischen Erklärungen eigenständig bleiben. Biologismus kann problematisch werden, wenn kulturelle, geschichtliche, soziale und politische Bedingungen nicht berücksichtigt werden.
Als erkenntnistheoretisch problematisch gilt, dass naturwissenschaftliche Forschung immer nur einen bestimmten gesellschaftlichen Zustand in einem konkreten zeitlichen Zusammenhang beobachtet. Trotzdem können aus solchen begrenzten Beobachtungen allgemeine und überzeitlich gültige Gesetze abgeleitet werden. Auch Forschungsfragen und Methoden sind zeit- und kulturabhängig und beeinflussen Ergebnisse. Biologistische Deutungen können deshalb soziale Unterschiede als naturgegeben und unveränderlich darstellen, obwohl diese Deutung selbst von bestimmten Voraussetzungen abhängt.
Gesellschaftliche Folgen
Biologistische Erklärungsmodelle wurden politisch instrumentalisiert, unter anderem durch Nationalsozialismus und Faschismus. Angebliche oder tatsächliche Verhaltensweisen von Tieren dienten dabei zur Rechtfertigung sozialer Ungleichheit, Ausbeutung und Mord.
Bei Diskriminierung erfüllt eine biologistische Argumentation häufig drei Funktionen:
- Unterscheidung: Gruppen werden anhand vermeintlich angeborener biologischer Merkmale voneinander abgegrenzt.
- Unveränderbarkeit: Diese Unterschiede werden als angeboren und nicht veränderbar dargestellt.
- Rechtfertigung: Ein tatsächlicher oder behaupteter Naturzustand wird benutzt, um gesellschaftliche Verhältnisse zu rechtfertigen.
Biologismus wird deshalb als Form von Ontologisierung und Essentialismus verstanden. Ontologisierung bedeutet hier, gesellschaftliche Zustände als festes, natürliches Sein zu behandeln. Essentialismus schreibt Gruppen ein angeblich unveränderliches Wesen zu. Wenn aus dem, was in der Natur vorhanden ist („Sein“), Regeln und Werte für menschliches Handeln („Sollen“) abgeleitet werden, gilt dies in der modernen Ethik überwiegend als naturalistischer Fehlschluss (naturalistic fallacy).
Erscheinungsformen und Beispiele
Als biologistische Positionen gelten unter anderem Malthusianismus, Sozialdarwinismus sowie bestimmte Formen der modernen Soziobiologie und Evolutionären Psychologie. Der Malthusianismus erklärt Bevölkerungsentwicklung auf besondere Weise biologisch oder naturgesetzlich. Der Sozialdarwinismus überträgt das Darwin’sche Prinzip der natürlichen Auslese im „Kampf ums Dasein“ auf menschliche Gesellschaften. Kriege können dabei als angeblich natürlicher Wesenszug des Menschen erscheinen. Geopolitische Vorstellungen deuten Beziehungen zwischen Staaten und Völkern als „Kampf um Lebensraum“, beispielsweise bei Karl Haushofer.
Moderne Soziobiologie oder Evolutionäre Psychologie können biologistisch eingeordnet werden, wenn sie psychologische und gesellschaftliche Phänomene ausschließlich oder überwiegend genetisch erklären. Dies gilt besonders dann, wenn die Eigenständigkeit und Eigendynamik soziokultureller Vorgänge unbeachtet bleibt.
Weitere Beispiele sind:
- In der Genderforschung wird kritisiert, wenn aus biologischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern angeblich zwingende gesellschaftliche oder kulturelle Folgen abgeleitet werden. Dies kann sexistische Auslegungen stützen.
- Rassistisches Gedankengut unterscheidet typischerweise zwischen angeblich „höher-“ und „minderwertigeren“ Menschenrassen.
- Cesare Lombroso erklärte in der Kriminologie kriminelles Verhalten ausschließlich durch Vererbung und die Vorstellung eines „Verbrechergens“.
- Edward O. Wilson vertrat in seiner Soziobiologie die Auffassung, psychologische Phänomene oder sogar ethische Bewertungen könnten anhand biologischer Mechanismen auf der Ebene der Zelle erklärt werden.
- Ulrich Kutschera bezeichnete die Geisteswissenschaften als bloße „Verbalwissenschaften“ und formulierte zugespitzt: „Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt Sinn, außer im Lichte der Biologie“.