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Geopolitik

Geopolitik wird häufig als Synonym für das raumbezogene, außenpolitische Agieren von Großmächten im Rahmen einer Geostrategie bezeichnet.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Begriffsverständnis
  2. 2. Entstehung aus der Politischen Geographie
  3. 3. Staat, Landmacht und Seemacht
  4. 4. Großraumkonzept und deutsche Geopolitik
  5. 5. Angloamerikanische Geostrategien
  6. 6. Kritische Geopolitik

Gegenstand und Begriffsverständnis

Geopolitik bezeichnet im engeren wissenschaftlichen Sinn die politikwissenschaftliche Interpretation geographischer Gegebenheiten, meist im Rahmen der Politikberatung. Sie untersucht analytisch-deskriptiv, wie geographische Gegebenheiten und Dynamiken politische Entwicklungen beeinflussen. Im Mittelpunkt stehen besonders außen- und sicherheitspolitische Entwicklungen. Geopolitik ist außerdem eine praktische Methode sicherheitspolitischer Entscheidungsfindung und Umsetzung.

In Medien und Teilen der Politikwissenschaft wird Geopolitik häufig als Synonym für gewaltträchtige und skrupellose Machtpolitik verwendet. In der ursprünglich vor allem amerikanischen und britischen wissenschaftlichen Bedeutung geht es dagegen um die Analyse politischer und wirtschaftlicher Phänomene mit Schwerpunkt auf geographischen Kausalfaktoren. Geopolitik ist nicht „Erdpolitik“, sondern beschäftigt sich mit dem Raumbezug von Politik.

Ein zentrales Merkmal ist der Geodeterminismus. Damit ist die Vorstellung gemeint, dass Raum und Natur menschliches Handeln beziehungsweise politische Entwicklungen bestimmen. Nach Benno Werlen wirkt der Raum nicht unmittelbar, sondern über seinen Einfluss auf den Staat. Im Zentrum steht somit die Idee einer geodeterminierten Staatspolitik. Karl Haushofer definierte 1928: „Die Geopolitik ist die Lehre von der Erdgebundenheit der politischen Vorgänge.“

Geopolitik steht den Denkschulen des Realismus und Neorealismus in den Internationalen Beziehungen nahe. Nach Ulrich Menzel kann sie als besondere Form der Machtpolitik verstanden werden, bei der Macht die Kontrolle politisch definierter Räume bedeutet. Yves Lacoste betont, geopolitisches Wissen sei strategisches Wissen und Geopolitik daher auch ein Herrschaftsinstrument.

Entstehung aus der Politischen Geographie

Die gedanklichen Wurzeln reichen bis zur Aufklärung zurück. David Hume sah 1714 im insularen Großbritannien einen Garanten der Freiheit. Montesquieu stellte 1748 einen Zusammenhang von Geographie und Geschichte her und schrieb Seemächten den Geist der Freiheit, der kontinentalen Großmacht Russland dagegen den Geist der Despotie zu.

Die häufig behauptete Berufung auf antike Autoren wie Polybios, Herodot, Thukydides und Pytheas sowie auf Herder, Hegel und Carl Ritter ist umstritten. Niels Werber und Sabine Feiner kritisieren, dass eine derart weit gefasste Tradition fast alle politischen Denker, die geographische Faktoren berücksichtigten, zu Geopolitikern machen würde. Dadurch verliere die Einordnung an Aussagekraft.

Als unumstrittene Vorläufer und Wegbereiter gelten Friedrich Ratzel, Rudolf Kjellén, Alfred Thayer Mahan und Halford Mackinder. Außer bei Kjellén verwendeten sie die Bezeichnung „Geopolitik“ noch nicht. Ihre Thesen fanden vor dem Ersten Weltkrieg in der universitären Geographie kaum Unterstützung. Erst das geopolitische Schrifttum der Nachkriegszeit machte sie zu Klassikern.

Yves Lacoste zufolge etablierten junge patriotische deutsche Geographielehrer die Geopolitik nach 1919, weil sie die universitäre Politische Geographie für ungeeignet hielten, die deutschen Grenzen des Versailler Vertrags als ungerecht, absurd und gefährlich darzustellen. Geopolitik wurde dadurch zur Opposition gegen die akademische Politische Geographie.

Staat, Landmacht und Seemacht

Rudolf Kjellén prägte 1899 den Begriff „Geopolitik“. In seinem Hauptwerk von 1916 definierte er sie als „die Lehre über den Staat als geographischen Organismus oder als Erscheinung im Raum“. Beeinflusst wurde er von Friedrich Ratzel, der die Politische Geographie 1897 reformierte.

Vor Ratzel sammelten Politische Geographen vor allem statistische Angaben zu Wirtschaft, Demographie und Politik eines Staatsgebiets. Ratzel untersuchte dagegen die politische Funktion geographischer Lagen. Gibraltar, Malta, Zypern, Sues, Singapur und Hongkong ordnete er als feste Plätze, Flotten- und Kohlenstationen sowie Kabelklippen in britischem Besitz ein. Ihre Lage diente der Sicherung der britischen Seemacht.

Ratzel betrachtete den Staat biogeographisch als Organismus, der der Evolution unterworfen sei und wachsen wolle. England habe sich trotz seiner Begrenzung als Insel zur größten Macht der damaligen Zeit entwickelt, weil es die Schranken des Raumes durch die Beherrschung der Meere überwand. Kjellén leitete daraus ab, dass Großmächte expandieren müssten, um sich zu entfalten. Besonders wirksam wurde Ratzels Konzept des Lebensraums.

Alfred Thayer Mahan und Halford Mackinder entwickelten dagegen auf Grundlage historischer Analysen Geostrategien für eine Seemacht, ohne Staaten als Organismen zu betrachten. Mahan forderte im späten 19. Jahrhundert eine amerikanische Hochseeflotte. Nur eigene Seemacht könne nach seiner Auffassung Blockaden amerikanischer Küsten verhindern und die Monroe-Doktrin sichern. Er verlangte unter anderem die Sicherung des geplanten Panamakanals sowie Stützpunkte auf Kuba, Puerto Rico, Hawaii, Samoa und den Philippinen.

Mackinder prognostizierte 1904 den Beginn eines „post-kolumbianischen Zeitalters“ der Landmacht. Wer das eurasische Herzland, das Heartland, organisiere und bis zu den Küsten ausdehne, könne Weltmacht werden. Seine Formel von 1919 lautete: „Wer über Osteuropa herrscht, beherrscht das Herzland: Wer über das Herzland herrscht, beherrscht die Weltinsel (Eurasien). Wer über die Weltinsel herrscht, beherrscht die Welt.“ 1921 kam mit Giulio Douhets Schrift über die Luftherrschaft ein weiterer geopolitischer Aspekt hinzu.

Großraumkonzept und deutsche Geopolitik

Carl Schmitt forderte 1939 eine internationale Großraumordnung. An die Stelle einer Weltordnung mit universellen Prinzipien, die er als Deckmantel angloamerikanischen Imperialismus betrachtete, sollten geographisch klar abgegrenzte Großräume treten. Diese sollten nach „nationalen“ Prinzipien organisiert sein. „Raumfremde Mächte“ sollten außerhalb ihres eigenen Großraums nicht intervenieren. Schmitt berief sich dabei ausdrücklich auf die Monroe-Doktrin. Ein von allen akzeptiertes Gleichgewicht der Großräume sollte ideologisch motivierte Vernichtungskriege verhindern und den Weltfrieden sichern.

Die klassische deutsche Geopolitik entstand während des Ersten Weltkriegs durch die Rezeption Kjelléns und entwickelte sich nach der deutschen Niederlage besonders stark. Im Mittelpunkt standen die britische Seeblockade, Deutschlands Mittellage als „Raumschicksal“ und der „Deutsche Osten“ als möglicher Okkupations- und Ergänzungsraum. Nach 1918 wurde Geopolitik vor allem als „Kampfmittel gegen Versailles“ eingesetzt. Kritiker bezeichneten ihre Konzepte als „pseudo-wissenschaftliche“ Rechtfertigung deutscher Expansion und eines notfalls gewaltsamen Wiederaufstiegs.

Der führende Vertreter Karl Haushofer leitete aus Ratzels Lebensraum-Konzept zwei politische Forderungen ab: den bestehenden Lebensraum zu schützen und ihn zu vergrößern. 1931 entwickelte und 1940 konkretisierte er das Konzept der „Pan-Ideen“ mit vier Großregionen: einer amerikanischen unter Führung der USA, einer europäisch-afrikanischen unter deutscher Führung, einer ostasiatischen unter japanischer Führung und einer eurasischen unter russischer Führung. Haushofer verbreitete seine Vorstellungen seit 1924 als Herausgeber der Zeitschrift für Geopolitik und durch Rundfunkvorträge.

Sein Einfluss auf die nationalsozialistische Ideologie und Politik ist in der Forschung umstritten. Haushofer hatte durch seinen Kontakt zu Rudolf Heß Zugang zu Regierungskreisen, hielt den Überfall auf die Sowjetunion 1941 jedoch für einen Fehler und stellte seine Arbeit ein. Nationalsozialistische Theoretiker entwarfen außerdem eine autarke Großraumwirtschaft, in der Deutschland und angrenzende Industriegebiete mit Rohstoffen und Lebensmitteln aus Südosteuropa und der Sowjetunion versorgt werden sollten.

Nach 1945 wurde Geopolitik in Deutschland weitgehend stigmatisiert; eine kritische Auseinandersetzung blieb zunächst aus. Erst in den 1980er Jahren setzte eine ideologiekritische Beschäftigung ein. Seit 1989 erlebt der geopolitische Diskurs in Wissenschaft, Publizistik und Politik eine Renaissance. 2019 erschien der Begriff auch in den deutschen Leitlinien zur Arktispolitik.

Angloamerikanische Geostrategien

Die politikberatende Geopolitik in den USA begann mit Nicholas J. Spykman, der im Zweiten Weltkrieg Empfehlungen für die Nachkriegspolitik entwickelte. Anders als Mackinder hielt er nicht das Heartland, sondern die europäischen und asiatischen Randgebiete Eurasiens, das Rimland, für die sicherheitspolitisch entscheidende Zone.

Spykman empfahl den Vereinigten Staaten, international aktiv zu bleiben, Einfluss auf geographische Schlüsselregionen zu nehmen und einen geopolitischen Pluralismus in Eurasien, besonders im Rimland, herzustellen und aufrechtzuerhalten. Seine Formel lautete: „Who controls the Rimland rules Eurasia, who rules Eurasia controls the destiny of the world.“ Diese Empfehlung blieb laut Nils Hoffmann bis in die Gegenwart wirkungsmächtig.

Auch Zbigniew Brzeziński sah Eurasien als entscheidendes „Schachbrett“ des Kampfes um globale Vorherrschaft. Die USA sollten dort aktiv mitwirken und ihren Einfluss so einsetzen, dass ein stabiles kontinentales Gleichgewicht mit den Vereinigten Staaten als Schiedsrichter entstehe.

Mackinders Heartland-Konzept und Spykmans Rimland-Theorie wirkten nach dem Zweiten Weltkrieg in der Containment-Politik und der geopolitischen Blockstruktur, besonders in der NATO, fort. Mackinder schlug 1919 außerdem einen Cordon sanitaire zwischen Deutschland und Russland vor. Die Carter-Doktrin von 1980, die die südliche Flanke Eurasiens und insbesondere den Persischen Golf zur amerikanischen Einflusssphäre erklärte, wurde maßgeblich von Brzeziński formuliert. Bei Mackinder, Spykman und Brzeziński erscheint Geopolitik damit vor allem als handlungsorientierte Forschung und Politikberatung.

Kritische Geopolitik

Die Critical Geopolitics entstand in den USA der 1980er Jahre als akademische Reaktion auf die Renaissance älterer Geopolitik und deren mögliche Nutzung zur Legitimation weltweiter amerikanischer Machtansprüche. Sie vollzog eine paradigmatische Wende vom Positivismus zum Konstruktivismus.

Nach dieser Sicht ist Geographie keine endgültige objektive Wahrheit, sondern sozial produziertes Wissen. Raum und Territorium sind keine bloße passive Bühne menschlichen Handelns, sondern können politisch instrumentalisiert werden. Berge oder Meerengen sind demnach nicht von sich aus strategisch; sie werden es durch menschliche Zuschreibung. Ziel der kritischen Geopolitik ist es, die ideologischen Inhalte weltpolitischer Rechtfertigungen aufzudecken und ihre Bindung an die Interessen bestimmter Akteure sichtbar zu machen.

Zu den führenden Vertretern zählen John A. Agnew, Simon Dalby und Gerard Toal. Der britische Historiker Jeremy Black widersprach dieser konstruktivistischen Sicht 2009. Er argumentierte, dass objektive Faktoren wie Raum, Entfernung und Ressourcen nicht ignoriert werden könnten, und definierte Geopolitik als Beziehung zwischen machtorientierter Politik und Geographie, wobei Lage und Entfernung im Vordergrund stünden.

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