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Population (Anthropologie)
Population bezeichnet in der Anthropologie (Menschenkunde) und Humanbiologie eine Gruppe von Menschen, die aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte miteinander …
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Begriff und Bedeutung
Eine Population bezeichnet in Anthropologie und Humanbiologie eine Gruppe von Menschen, die durch ihre Entstehungsgeschichte miteinander verbunden ist, eine Fortpflanzungsgemeinschaft bildet und zur gleichen Zeit in einem abgegrenzten räumlichen Gebiet lebt. Die Grenzen solcher Gruppen werden jedoch meist willkürlich festgelegt und orientieren sich häufig an Staaten oder Ethnien. In der Sozialwissenschaft kann „Population“ gleichbedeutend mit „Bevölkerung“ verwendet werden.
In den statistischen Wissenschaften ist eine Population die Gesamtheit aller Merkmalsträger, die nach übereinstimmenden sachlichen, räumlichen und zeitlichen Kriterien ausgewählt werden. Sie muss daher nicht durch ein bestimmtes geografisches Gebiet wie einen Staat bestimmt sein. Eine wissenschaftliche Erklärung aus dem Artikel zur sprachwissenschaftlichen Bedeutung ist noch nicht ausgearbeitet.
Population, Rasse und Unterart
„Population“ ist keine bloße Ersatzbezeichnung für „Rasse“ oder „Unterart“, sondern beschreibt eine grundsätzlich andere Betrachtungsweise.
Der Begriff „Rasse“ legt qualitative Unterschiede nahe, wie sie aus der Nutztierzucht bekannt sind. Bei Tieren können Menschen bestimmte Merkmale gezielt auswählen, teilweise zulasten der Fitness. Die natürliche Evolution führt dagegen grundsätzlich zu einer besseren Anpassung. Deshalb vermeidet die Biologie den Rassebegriff heute und spricht stattdessen von Varietäten und Unterarten (Subspezies). Alte Rassebezeichnungen erscheinen dennoch in manchen humangenetischen Studien, weil die Untersuchungsgruppen bewusst nach früheren Rassentheorien abgegrenzt wurden, um diese zu widerlegen. So konnte die Einteilung in die drei Großrassen Mongolide, Europide und Negride widerlegt werden.
Die Unterart (Subspezies) ist in der biologischen Systematik die Rangstufe direkt unterhalb der Art. Eine Einteilung des heutigen Homo sapiens in Unterarten gilt aus zwei Gründen als nicht sinnvoll: Sie würde scharf abgegrenzte, weitgehend isolierte Menschengruppen mit eindeutig unterscheidbaren Merkmalen suggerieren, obwohl das menschliche Erbgut nach heutigen Erkenntnissen zum größten Teil identisch ist. Von den drei Milliarden Nukleotiden der menschlichen DNA stimmen 99,9 % bei allen Menschen überein; auch die verbleibenden rund drei Millionen Sequenzen zeigen fließende Übergänge. Außerdem bestünde die Gefahr, Unterarten mit den aufgegebenen Rassen gleichzusetzen.
Genetische Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Die Deklaration von Schlaining gegen Rassismus, Gewalt und Diskriminierung stellte 1995 fest, dass die Unterscheidung genetisch klar abgrenzbarer Populationen durch Fortschritte der Molekularbiologie unhaltbar geworden sei. Die größten Unterschiede zwischen Menschen verschiedener Herkunft wirken oft äußerlich. Gene, die sich im Verlauf der Evolution an das Klima angepasst haben, beeinflussen vor allem die Körperoberfläche, etwa Haut, Haar oder andere sichtbare Merkmale. Dadurch können Unterschiede besonders auffällig erscheinen, obwohl sich Menschen in ihrer übrigen genetischen Ausstattung nur geringfügig unterscheiden.
Populationsgenetische Studien ergaben, dass etwa 85 % der genetischen Variation innerhalb von Populationen liegen. Die Unterschiede zwischen Populationen verschiedener Kontinente betragen dagegen etwa 6 bis 10 %. Diese Angaben sind quantitative Vergleiche und sagen allein nichts über die Bedeutung einzelner Gene aus. Zum Vergleich stimmen die Genome von Mensch und Schimpanse zu 98,5 % überein. Zusätzlich spielt die Genaktivität eine Rolle, etwa bei Sprachentwicklung und Spracherwerb, die in dieser Form nur beim Menschen vorkommen.
Auch die scheinbare Gleichförmigkeit von Menschen anderer Herkunft kann durch intuitive Kategorisierung entstehen. Menschen ordnen Personen, die sie als „Andere“ wahrnehmen, leichter einer einheitlichen Gruppe zu; im Artikel wird dies mit dem Cross-Race-Effect verbunden. Bei genauer Betrachtung der geografischen Verbreitung zeigen viele ehemals als rassenspezifisch betrachtete Merkmale keine scharfen Grenzen, sondern fließende Übergänge. Als wenige Ausnahmen werden unter anderem die australischen Aborigines genannt.
Geografische Entwicklung der Populationen
Aus Populationen können theoretisch Unterarten und schließlich neue Arten entstehen, wenn sie lange voneinander isoliert sind. Die Ausbreitung des Menschen über die Erde führte in der Ur- und Frühgeschichte zu teilweise isolierten Gruppen. Anpassungen an Klima, Umweltbedingungen, Nahrung und Krankheitserreger beeinflussten Merkmale wie Haut-, Haar- und Augenfarbe, Körpergröße, Mongolenfalte, Schweißproduktion und Laktosetoleranz.
Nach den im Artikel dargestellten Forschungsergebnissen beschleunigte sich die menschliche Evolution wahrscheinlich in den letzten 40.000 Jahren. Gründe waren die wachsende Gesamtbevölkerung, neue Umweltbedingungen durch die Besiedlung zuvor unbewohnter Räume sowie Kulturtechniken wie der Ackerbau. Mit dem Bevölkerungswachstum kam es zunehmend zur Vermischung ehemals isolierter Gruppen. Deshalb wird „Population“ beim Menschen heute meist als willkürliche, vor allem für Forschungszwecke vorgenommene Abgrenzung verstanden.
Cavalli-Sforza unterschied in Europa beispielsweise nur Sarden, Europäer, Iraner und Samen. Jun Z. Li grenzte in einer Studie des Human Genome Diversity Panel von 2008 dagegen Adygen, Russen, Orkadier, Franzosen, Basken, Italiener, Sarden und Toskaner voneinander ab. Das Panel enthielt Erbinformationen von rund 1.000 Individuen aus 51 Populationen.
Alle Untersuchungen kommen laut Artikel zu dem Ergebnis, dass die größte genetische Vielfalt innerhalb der Populationen Süd- und Ostafrikas und die kleinste bei den indigenen Amerikanern vorkommt. Dies gilt als eindeutiger Beleg für die Out-of-Africa-Theorie, nach der Homo sapiens ursprünglich aus Ostafrika stammt.
Cavalli-Sforzas Stammbaum
Aus den Forschungen von Luigi Luca Cavalli-Sforza entstand ein Stammbaum von 38 menschlichen Populationen. Er zeigt deren genetische Verwandtschaft beziehungsweise den Zeitpunkt, zu dem sie sich von einer Ursprungspopulation trennten. Die fließenden Übergänge auf der Weltkarte verdeutlichen, dass die Abgrenzung von Populationen fast immer willkürlich ist.
Für die Darstellung wurden geografisch verortete Populationen mit einer Regenbogen-Farbskala eingefärbt. Die Farben entsprechen umgerechneten Zahlen zur genetischen Differenz. Cavalli-Sforza berücksichtigte außerdem sprachwissenschaftliche Erkenntnisse, unter anderem von August Schleicher und Merritt Ruhlen.
Besonderheiten und vorgeschichtliche Populationen
Ein Beispiel für eine besondere Populationsgeschichte sind die israelischen Drusen. Diese Religionsgemeinschaft lebt in schwer zugänglichen Bergregionen des Nahen Ostens und heiratet heute fast ausschließlich innerhalb der eigenen Gruppe. Untersuchungen der mitochondrialen DNA, die mütterlich vererbt wird, sowie von Haplogruppen des Y-Chromosoms, die väterlich vererbt werden, zeigten eine hohe genetische Verschiedenheit bei gleichzeitiger Abweichung von benachbarten Gruppen. Daraus schlossen israelische und US-amerikanische Wissenschaftler, dass die mündlich überlieferte Vorstellung einer Entstehung aus der Mischung mehrerer nicht miteinander verwandter Gruppen wahrscheinlich zutrifft.
Die Archäogenetik rekonstruiert anhand von DNA-Resten aus Skelettfunden Populationen der Vorgeschichte. Für die Kupfersteinzeit (Eneolithikum) im eurasischen Raum werden im Artikel folgende genetisch unterschiedene Areale genannt: westliche Sammler und Jäger, kaukasische Sammler und Jäger, iranisches Neolithikum, Ostasien, Nordostasien, westsibirische Sammler und Jäger, anatolisches Neolithikum sowie östliche Sammler und Jäger.