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Rape Culture
Unter dem Begriff Rape Culture (von englisch rape „Vergewaltigung“, und culture „Kultur“) wird das Zusammenspiel verschiedener sozialer Normen und gängiger …
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Kernidee
Rape Culture bezeichnet das Zusammenspiel sozialer Normen und verbreiteter Überzeugungen, durch das Vergewaltigungen und andere Formen sexualisierter Gewalt in einer Gesellschaft toleriert, verharmlost oder entschuldigt werden. Sexualisierte Gewalt bleibt dabei ein Verbrechen einzelner Personen, kann aber durch gesellschaftliche Faktoren begünstigt werden.
Ein zentrales Merkmal ist, dass Verantwortung teilweise oder ganz auf die Betroffenen verschoben wird. Häufig wird ihnen vorgeworfen, eine Tat durch Kleidung, Verhalten oder Aufenthaltsort provoziert zu haben. Dieses Muster heißt Victim blaming, also Schuldzuweisung an das Opfer. Gleichzeitig werden Täter verteidigt, ihre Rechtfertigungen ernst genommen oder sie werden vor juristischen Konsequenzen geschützt.
Der Begriff wird in feministischen, politischen und sozialwissenschaftlichen Diskussionen verwendet. Im Deutschen findet man meist den Anglizismus Rape Culture, seltener die Übersetzung Vergewaltigungskultur. Praktisch meint der Begriff auch, dass Vergewaltigung und sexuelle Belästigung zwar strafbar sind, aber dennoch immer wieder als Kavaliersdelikt behandelt werden.
Typische Merkmale
Eine Rape Culture zeigt sich im Verhalten von Menschen und in gesellschaftlichen Deutungsmustern. Sie steht laut Artikel in Zusammenhang mit weiteren Diskriminierungsformen wie Rassismus, Homophobie, Altersdiskriminierung, Klassismus, religiöser Intoleranz und anderen Formen sozialer Ausgrenzung.
Ein wichtiger Bestandteil sind Vergewaltigungsmythen. Das sind stereotype Annahmen über Vergewaltigung, Täter und Opfer. Frauenzentrierte Mythen geben Betroffenen eine Mitschuld, zum Beispiel durch die Behauptung, Vergewaltigungen geschähen vor allem durch Fremde an dunklen Orten oder Frauen würden Täter durch Kleidung provozieren. Der Artikel stellt dem entgegen, dass viele Vergewaltigungen in den eigenen vier Wänden stattfinden und Täter häufig Partner oder Bekannte sind.
Weitere Mythen lauten, es sei keine Vergewaltigung, wenn sich eine Person nicht wehre, oder alle Vergewaltiger seien psychisch krank. Tatsächlich reagieren Betroffene unterschiedlich; viele verfallen in eine Schockstarre. Nur etwa drei Prozent der Sexualstraftäter kommen in den psychiatrischen Maßregelvollzug. Auch die sogenannte Dampfkesselmetapher, nach der Männer ihre sexuellen Triebe nur begrenzt kontrollieren könnten, wird als Mythos beschrieben. Forschung finde bei Sexualstraftätern sehr unterschiedliche Motive.
Die Akzeptanz solcher Mythen begünstigt Victim blaming und Slutshaming. Slutshaming bedeutet, Menschen wegen ihrer tatsächlichen oder angenommenen sexuellen Aktivitäten abzuwerten. Mehrere Studien deuten darauf hin, dass Männer, die an Vergewaltigungsmythen glauben oder eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz dafür vermuten, eher zu einer Vergewaltigung bereit sind.
Sexualisierung und Öffentlichkeit
Die Juristin Samantha Y. Sneen sieht die gesellschaftliche Sexualisierung von Frauen und Mädchen als Faktor, der sexualisierter Gewalt Vorschub leisten kann. Sexualisierung bedeutet hier, dass die Aufmerksamkeit stark auf den weiblichen Körper und angebliche sexuelle Signale gelenkt wird, während diejenigen, die sexualisieren, meist Männer und Jungen, kaum kritisiert werden.
Auch Vergewaltigungswitze und Alltagssexismus gelten als Elemente einer Rape Culture. Sie tragen zur Objektifizierung von Frauen bei, also dazu, Frauen weniger als Personen und stärker als Körper oder sexuelle Objekte wahrzunehmen. Dadurch kann die Vorstellung normalisiert werden, Frauen dürften belästigt werden.
Der Zusammenhang zwischen Rape Culture und frei verfügbarer Pornografie ist laut Artikel umstritten. Robert Jensen bezeichnete Pornografie als „Propaganda für Rape Culture“. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2021 fand einen positiven Zusammenhang zwischen regelmäßigem Pornografiekonsum und der Akzeptanz von Vergewaltigungsmythen. Gleichzeitig wird erwähnt, dass in Gesellschaften, in denen Pornografie zum Alltag gehört, die Zahl der Sexualdelikte langfristig sinkt. Eine amerikanische Studie von 2021 erklärte die Akzeptanz von Vergewaltigungsmythen eher durch hostilen Sexismus; Pornografiekonsum könne diesen Zusammenhang jedoch verstärken. Unbestritten sei, dass Nachfrage nach Pornografie, die vermeintliche oder tatsächliche Vergewaltigungen zeigt, auf Rape Culture hindeutet.
Strafen und Täterbilder
Eine Rape Culture kann sich laut Artikel auch in milden Strafen für Täter sexualisierter Gewalt zeigen. Als Beispiel wird der Fall Chanel Miller genannt: Sie wurde 2015 nach einer Party hinter einem Müllcontainer vergewaltigt, während sie bewusstlos war. Der Täter erhielt sechs Monate Gefängnis, obwohl die Staatsanwaltschaft sechs Jahre gefordert hatte. Der Richter verwies unter anderem darauf, dass der Täter jung sei, zuvor nicht straffällig geworden sei und vermutlich nicht erneut straffällig werde.
Ein weiteres Beispiel aus Deutschland stammt aus dem Jahr 2024. Ein Feuerwehrmann wurde nach einer Vergewaltigung zu elf Monaten Haft verurteilt. Die Richterin begründete das Strafmaß damit, dass der Täter bei einer längeren Haftstrafe seinen Beamtenstatus verloren hätte, was sie als zu große Härte bewertete.
Forschende erklären solche Urteile auch mit Stereotypen darüber, wie Vergewaltiger angeblich aussehen und sich verhalten. Vergewaltiger werden oft entmenschlicht und als „Monster“ dargestellt. Täter mit privilegierter sozialer Stellung, etwa weiße oder nicht behinderte Männer, passen weniger zu diesem Bild. Deshalb kann die Bereitschaft geringer sein, sie hart zu bestrafen. Die Philosophin Kate Manne prägte dafür den Begriff „Himpathy“, also erhöhte Empathie gegenüber privilegierten männlichen Tätern. Lea Fauth betont, der Glaube, „normale“ Männer vergewaltigten nicht, lenke davon ab, sexualisierte Gewalt als strukturelles Problem zu erkennen.
Ländervergleiche
In den USA wird kontrovers über Rape Culture diskutiert. 2013 protestierten Studentinnen der Ohio University mit der Parole „Blame the system, not the victim“. Caroline Kitchens vom American Enterprise Institute meinte dagegen, Statistiken des US-Justizministeriums belegten keine allgegenwärtige Rape Culture. Jessica Valenti schrieb 2014 in der Washington Post, Amerika habe ein Vergewaltigungsproblem, das auf eine Kultur hinweise, in der Vergewaltigung gedeihen könne. RAINN vertrat demgegenüber die Position, Vergewaltigungen entstünden nicht durch kulturelle Faktoren, sondern durch bewusste Entscheidungen eines kleinen kriminellen Teils der Gemeinschaft. Eine Studie von 2015 sprach bei sexuellen Übergriffen auf College-Studentinnen von epidemischen Ausmaßen. In einer Studie der Association of American Universities unter 80.000 Studierenden berichteten 26 Prozent der Frauen von erzwungenen sexuellen Kontakten und sieben Prozent von erfolgter Penetration; bei Männern waren es sieben Prozent. 2021 gaben 18 Prozent der Studentinnen und 5 Prozent der Studenten an amerikanischen Hochschulen an, innerhalb der letzten 12 Monate sexualisierte Gewalt erlebt zu haben.
Indien gilt im Artikel als eines der gefährlichsten Länder für Frauen weltweit, besonders wegen vieler Gruppenvergewaltigungen wie der in Delhi 2012. Das hohe Maß sexualisierter Gewalt wird mit einem stark patriarchalen Gesellschaftssystem und verbreitetem Victim blaming erklärt. Opfer müssten häufiger mit gesellschaftlicher Stigmatisierung rechnen als Täter. Auch das Kastensystem spiele eine Rolle: Wenn Männer aus höheren Kasten Frauen aus niedrigeren Kasten vergewaltigen, liege die Sympathie lokaler Autoritäten oft bei den Tätern. Für sexuelle Belästigung in öffentlichen Räumen hat sich in Indien sowie Pakistan, Bangladesh und Nepal der euphemistische Begriff Eve teasing etabliert.
Auch Deutschland wird eine Rape Culture vorgeworfen. Fast 60 Prozent der Frauen werden hier mindestens einmal im Leben sexuell belästigt; geschätzt wird, dass nur eine von zehn Vergewaltigungen angezeigt wird. Nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht 2015 in Köln kritisierten Stefanie Lohaus und Anne Wizorek die Vorstellung, Deutschland habe Rape Culture durch Geflüchtete importiert, und verwiesen unter anderem auf sexuelle Übergriffe beim Oktoberfest. Anna Renda argumentiert, auch nach der Reform von § 177 StGB im Jahr 2016 mit dem Grundsatz „Nein heißt Nein“ liege die Verantwortung noch zu stark beim Opfer; umfassender Schutz sexueller Selbstbestimmung brauche das Prinzip „Ja heißt Ja“, also aktive Zustimmung aller Beteiligten.
In Frankreich wurde Rape Culture besonders im Zusammenhang mit dem Prozess um die Vergewaltigungen von Mazan diskutiert. Gisèle Pelicot war von ihrem Ehemann über Jahre hinweg unter Drogen gesetzt und anschließend von ihm und mehr als 80 weiteren Männern vergewaltigt worden. Sie bestand auf einem öffentlichen Prozess und sagte: „Die Scham muss die Seite wechseln“. Viele Täter erschienen als „ganz normale“ Männer, oft verheiratet und Familienväter. Dadurch wurde der Mythos infrage gestellt, Vergewaltiger seien immer triebgesteuerte Außenseiter.
Entstehung des Begriffs
Der Ausdruck Rape Culture entstand während der zweiten Welle des Feminismus in den USA. In den frühen 1970er Jahren versuchten Feministinnen, die Öffentlichkeit stärker für Vergewaltigung zu sensibilisieren. Bis dahin nahmen viele Menschen an, Vergewaltigung, Inzest und Gewalt gegen Ehefrauen kämen selten vor.
Ein frühes Werk war Rape: The First Sourcebook for Women von 1974. Es enthielt Berichte von Vergewaltigungen aus erster Hand und zielte auf die „Eliminierung von Vergewaltigungen“, die nach Auffassung des Buches nur durch eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung erreichbar sei. 1975 erschien der Dokumentarfilm Rape Culture. Er verband Vergewaltigungen mit gesellschaftlichen Vorstellungen von Erotik und mit medialer Verharmlosung sexualisierter Gewalt.