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Klassismus
englisch class im Sinne von „soziale Klasse“, auch Klassenrassismus oder Klassenhass) bezeichnet Vorurteile oder Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft …
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Grundbedeutung und Begriffsbildung
Klassismus bezeichnet Vorurteile oder Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft oder der sozialen Position. Meist richten sie sich gegen Angehörige einer als „niedriger“ angesehenen sozialen Klasse. In der Fachliteratur werden auch die Begriffe Klassenrassismus und Klassenhass verwendet.
Die Klassismustheorie unterscheidet unter anderem zwischen Diskriminierung gegenüber Arbeiterinnen und Arbeitern (working class) und gegenüber armen Menschen (poverty class). Klassismus setzt ein Klassenbewusstsein voraus, überträgt es jedoch auf heutige gesellschaftliche Strukturen. Er kann Grundlage oder Bestandteil sozialer Bewegungen, sozialpolitischer Programme sowie säkularer, kultureller oder politischer Ideologien sein. Inhaltlich überschneidet sich der Begriff mit Klassendünkel, Klassenschranken und Prekarisierung.
Rassismus, Sexismus und Klassismus werden heute vielfach als Herrschaftsverhältnisse verstanden, die zusammenwirken, sich gegenseitig verstärken und sich ähneln, aber nicht vollständig ineinander aufgehen. Der Begriff spielte insbesondere im Schwarzen Feminismus und bei der Thematisierung von Mehrfachdiskriminierung eine wichtige Rolle.
Drei Ebenen der Unterdrückung
Die maßgeblich von dem amerikanischen Ökonomen Chuck Barone entwickelte Klassismustheorie unterscheidet drei Ebenen:
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Makroebene: Gemeint ist die institutionell bedingte Unterdrückung einer Klasse durch eine andere, vor allem durch ein bestimmtes politisch-ökonomisches System. Dazu zählt beispielsweise Ausbeutung in Form von als unzureichend bezahlt empfundener Arbeit. Nach dieser Sichtweise ist der Kapitalismus an sich bereits klassistisch; Antiklassismus wäre auf dieser Ebene daher notwendigerweise antikapitalistisch.
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Mesoebene: Hier geht es um die Unterdrückung einer Klasse auf Gruppenebene. Negative Vorurteile gegenüber Angehörigen einer „niedrigeren“ Klasse werden unter anderem durch Massenmedien aufgebaut oder verbreitet. Antiklassismus schließt auf dieser Ebene deshalb die Forderung nach einer anderen Medienkultur ein.
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Mikroebene: Diese Ebene betrifft individuelle Einstellungen, Identitäten und Interaktionen. In den USA gibt es Anti-Klassismus-Trainings, die ähnlich wie Anti-Rassismus-Trainings helfen sollen, klassistische Einstellungen zu überwinden.
Klassismustheorien betrachten die Auseinandersetzung zwischen Klassen im Sinne des Marxismus als Hauptwiderspruch. Diskriminierungen aufgrund von Geschlecht oder Ethnizität werden als „Nebenwidersprüche“ bezeichnet. Zugleich betonen die Theorien die Überschneidung verschiedener Unterdrückungsformen, wie sie auch die Intersektionalitäts-Theorie beschreibt.
In Kontinentaleuropa und besonders im deutschsprachigen Raum hat die Klassismustheorie bisher nur begrenzte Verbreitung gefunden. Dort spielen im Zusammenhang mit der sozialen Vererbung von „Klasse“ eher Pierre Bourdieus Begriffe Kapitalsorten, Habitus und symbolische Gewalt eine Rolle; in den USA sind diese Begriffe weniger gebräuchlich.
Folgen für Betroffene
Klassismus kann bei Betroffenen Scham- und Schuldgefühle sowie soziale Isolation auslösen. Dadurch können gesellschaftliche Teilhabe und die politische Artikulation eigener Forderungen erschwert werden.
Klassistische Diskriminierungen können außerdem sogenannte Problem- und Blockadenspiralen hervorrufen, die sich auf Partnerschaften übertragen. Nach der im Artikel dargestellten Annahme werden sozial-emotionale Persönlichkeitseigenschaften wie „warmherzig“ und „expressiv“ durch klassistische Denkmuster unterdrückt, weil sie als „statusniedrig“ eingeschätzt werden.
Ansätze des Aktivismus
In der Arbeit gegen Obdachlosendiskriminierung oder in der Unterstützung von Erwerbslosen wird häufig gehandelt, ohne ausdrücklich den Begriff Klassismus zu verwenden. Expliziter antiklassistischer Aktivismus findet sich unter anderem in Kollektiven von Lesben, die sich als „Prololesben“ (proletarische Lesben) bezeichnen, in Workshops und Antidiskriminierungstrainings sowie im bildungspolitischen Bereich.
Ansätze, die Klassen als sozial konstruiert verstehen, setzen auf Dekonstruktion. Damit sollen abwertende Bezeichnungen als solche erkannt und vermieden werden. Andreas Kemper fordert zusätzlich einen Umbau des Bildungssystems und eine „Proletarisierung der Universitäten“. An einigen Universitäten gibt es Referate, die sich für die Interessen von Kindern aus Arbeiterfamilien einsetzen.
Generell konzentriert sich antiklassistischer Aktivismus stark auf Bildungsarbeit. Diese soll Wissen über Klassismus verbreiten und emanzipatorische Strategien entwickeln.
Kontroverse um Ziel und Reichweite
In der Debatte ist umstritten, wie sich Klasse zu den Kategorien Race und Gender verhält und welche politischen Ziele Antiklassismus verfolgen sollte. Lars Weisbrod argumentiert, niemand wolle arm bleiben; aus linker Perspektive solle Klasse im Unterschied zu anderen Diskriminierungskategorien abgeschafft werden. Christian Baron hält es für wenig sinnvoll, Klasse analog zu race als sozial konstruiert zu bezeichnen. Er empfiehlt eine ökonomisch fundierte Klassentheorie, die Klasse auch als handelndes Kollektivsubjekt erfassen kann.
Bernhard Pirkl bezeichnete den Anspruch eines „Autonomen Referats für antiklassistisches Empowerment“, „eine klassenlose Gesellschaft ohne Diskriminierungen zu erkämpfen“, als Tautologie. Er fragt, wie Diskriminierung in einer Gesellschaft vorstellbar wäre, in der das Prinzip „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ bereits verwirklicht ist. Aus marxistischer Perspektive werden außerdem die begriffliche Unschärfe des Klassismusbegriffs, die unzureichende Beschäftigung mit den Ursachen sozialer Ungleichheit und eine fehlende revolutionäre Perspektive kritisiert. Thomas Thiel bemängelt, der Diskurs werde überwiegend in einem urbanen, akademischen Milieu geführt und kenne daher die Personen nicht ausreichend, für die er Partei ergreife.
Weitere Kritiker sehen in der Rede vom Klassismus eine Form von Identitätspolitik, die materielle Verhältnisse sozial benachteiligter Menschen kaum verbessert. Bastian Tebarth meint, der Ansatz bleibe häufig auf der identitätspolitischen Mikroebene des Individuums stehen. Martin Eimermacher kritisiert, soziale Unterschiede würden dadurch „re-individualisiert“; die Praxis bestehe überwiegend aus Sensibilisierungsworkshops, Coachings und offenen Briefen sowie einer moralischen Veränderung persönlicher Einstellungen.
Houssam Hamade weist diese Kritik zurück. Materielle Ungleichheit und die ideologische Abwertung von Arbeitenden und armen Menschen müssten zusammengedacht werden. Die Analyse kultureller Abwertungen sei eine wichtige Ergänzung marxistischer Theorien, weil große Ungleichheiten moderner kapitalistischer Gesellschaften ohne klassistische Ideologie kaum legitimierbar seien. Tanja Abou betont ebenfalls, Umverteilung und Anerkennung schlössen sich nicht aus. Sebastian Friedrich sieht in der Stigmatisierung Erwerbsloser als „faul“ oder „frech“ einen entscheidenden Wegbereiter für die Agenda 2010.
Fabian Nehring hält dagegen, das Wirtschaftssystem bleibe der „blinde Fleck“ des Antiklassismus. Zwar würden Umverteilung und Chancengleichheit gefordert, die Ursachen der Ungleichheit im kapitalistischen Wirtschaftssystem würden jedoch selten thematisiert. Die Analysen von Marx fänden zu wenig Beachtung. Nach dieser Kritik bekämpfe der Antiklassismus vor allem Benachteiligungen innerhalb des bestehenden Systems, nicht aber das Wirtschaftssystem selbst, das diese Ungleichheiten hervorbringe.