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Rainer Müller (Historiker)
Rainer Rudolf Müller (* 26. September 1966 in Borna) ist ein deutscher Historiker und Bürgerrechtler. Er gehörte in den 1980er Jahren zur …
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Person und Bedeutung
Rainer Rudolf Müller, geboren am 26. September 1966 in Borna, ist ein deutscher Historiker und Bürgerrechtler. Er gehörte in den 1980er Jahren zur Bürgerrechtsbewegung und zum organisierten Widerstand in der DDR. Besonders wichtig war seine Arbeit in Leipziger Oppositionsgruppen wie der Arbeitsgruppe Menschenrechte und dem Arbeitskreis Gerechtigkeit.
Müller trug mit öffentlichen Aktionen, Samisdat-Veröffentlichungen und der Mitgestaltung der Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche zur Entstehung der Massenproteste gegen die SED-Herrschaft bei. Samisdat meint illegal oder inoffiziell verbreitete Schriften, mit denen Oppositionelle Informationen außerhalb der staatlichen Kontrolle weitergaben. 1989 war Müller hauptamtlicher Mitarbeiter in der Koordinierungsgruppe des Arbeitskreises Gerechtigkeit und der Arbeitsgruppe Menschenrechte.
Frühe Konflikte mit dem DDR-Staat
Müller durfte trotz sehr guter schulischer Leistungen kein Abitur ablegen. Gründe waren, dass er als junger Christ nicht an der verpflichtenden Jugendweihe teilnahm und wegen seines Aufnähers „Schwerter zu Pflugscharen“ mit Repressionsorganen der SED-Diktatur in Konflikt kam. „Schwerter zu Pflugscharen“ war ein Symbol der Friedensbewegung.
Während seiner Maurerlehre beteiligte er sich nach dem 7. Oktober 1984, dem Nationalfeiertag der DDR, an einem fünfwöchigen Streik für bessere Arbeitsbedingungen im VEB Verkehrs- und Tiefbaukombinat Leipzig. Nach dem Berufsabschluss fand er wegen seiner ablehnenden Haltung zum SED-Staat und nach einer Zeit der Arbeitslosigkeit nur in einer kirchlichen Einrichtung Arbeit als Betriebshandwerker.
Wegen seiner Wehrpflichtverweigerung bei der NVA entzog ihm die Karl-Marx-Universität Leipzig die Studienzulassung, obwohl er 1986 die Sonderreifeprüfung für Theologiestudenten an der Sektion Theologie bestanden hatte. 1987 begann er am Theologischen Seminar Leipzig zu studieren, der größten nichtstaatlichen kirchlichen Hochschule der DDR. Im Herbst 1988 wurde er dort zusammen mit Jochen Läßig und Thomas Rudolph exmatrikuliert, weil er bei Friedensgebeten in der Nikolaikirche den SED-freundlichen Kurs der Kirche kritisiert hatte.
Opposition bis 1989
Seit 1986 weitete Müller sein politisches Engagement aus. Er war einer der Herausgeber der Samisdat-Zeitschrift „Namenlos“, die von März 1985 bis Mai 1987 illegal in den Landkreisen Borna, Geithain und Altenburg sowie in Leipzig verbreitet wurde. Außerdem engagierte er sich im Arbeitskreis Solidarische Kirche und in der Umweltgruppe Borna.
Ab 1987 arbeitete Müller in der Arbeitsgruppe Menschenrechte um Pfarrer Christoph Wonneberger mit. Er war einer der Sprecher des Arbeitskreises Gerechtigkeit Leipzig und gestaltete die montäglichen Friedensgebete in der Nikolaikirche mit. Nach Verhaftungen und Exilierungen Berliner Oppositioneller im Januar 1988 beteiligte er sich an überregionaler Vernetzung. Im „Sonnabendskreis“ tauschten Vertreter unabhängiger Bibliotheken, Samisdatredaktionen sowie Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen Informationen aus und bereiteten gemeinsame Aktionen vor.
Aus diesem Kreis entstand die „Arbeitsgruppe zur Situation der Menschenrechte in der DDR“, die am Internationalen Tag der Menschenrechte 1988 ihre Arbeit aufnahm. Müller lernte Tschechisch, um Oppositionsdokumente zu übersetzen und in der DDR über Samisdatpublikationen wie „Ostmitteleuropa“ und „Varia“ zu verbreiten. In der „Arbeitsgruppe Ostmitteleuropa“ hielt er mit Thomas Rudolph Kontakt in die ČSSR; mit Petr Uhl wurden regelmäßig Informationen ausgetauscht.
Als Superintendent Friedrich Magirius im Sommer 1988 oppositionelle Gruppen von den Friedensgebeten ausschließen wollte, verteilte Müller Tücher mit der Aufschrift „Redeverbot“. Einige Personen banden sie sich in der Nikolaikirche vor den Mund. Danach nutzten Mitglieder des Arbeitskreises Gerechtigkeit den Vorplatz der Nikolaikirche als öffentliches Podium. Damit verließ der Protest den kirchlichen Schutzraum. Nach mehreren Monaten erreichten Christoph Wonneberger und die Leipziger Opposition einen Kompromiss: Ab April 1989 durften Gruppen die Friedensgebete wieder unter Leitung und Verantwortung eines Pfarrers gestalten.
Repression und Friedliche Revolution
Müller wurde im Vorfeld der Leipziger Luxemburg-Liebknecht-Demonstration im Januar 1989 wegen geplanter oppositioneller Aktivitäten verhaftet. Das Ministerium für Staatssicherheit führte gegen ihn den Operativen Vorgang OV „Märtyrer“. Er wurde mehrfach bei Demonstrationen festgenommen, erhielt Aufenthaltsverbote oder Geldstrafen. Sein Wohnhaus in der Mariannenstraße 46 in Leipzig, das er mit anderen Oppositionellen bewohnte, wurde vom MfS rund um die Uhr sichtbar observiert.
Zum Abschluss des Sächsischen Kirchentages im Juli 1989 fertigte Müller mit Gerold Hildebrand ein Transparent an, das auf Deutsch und in chinesischen Schriftzeichen „Demokratie“ forderte. Mit Kathrin Walther und anderen führte er einen Demonstrationszug in die Leipziger Innenstadt an. Der Protest richtete sich gegen das von der SED begrüßte Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking und forderte demokratische Veränderungen in der DDR. Nach dem Artikel war dies seit dem Beataufstand von 1965 die größte Demonstration in Leipzig, weil sich rund eintausend Kirchentagsbesucher anschlossen.
Von Juli 1989 bis Februar 1990 gehörte Müller mit Kathrin Walther, Thomas Rudolph und Frank Richter zu den hauptamtlichen Mitarbeitern der Koordinierungsgruppe des Arbeitskreises Gerechtigkeit und der Arbeitsgruppe Menschenrechte. Ihr Lebensunterhalt lag unter der Höhe eines DDR-Stipendiums und wurde aus Spenden sowie dem Verkauf von Samisdat-Zeitschriften finanziert.
Nachdem es im September und Anfang Oktober 1989 in Leipzig und anderen DDR-Städten zu brutalen Übergriffen auf festgenommene Demonstranten gekommen war, verfasste Müller mit anderen den Appell zur Gewaltlosigkeit. Darin stand: „Reagiert auf Friedfertigkeit nicht mit Gewalt! Wir sind ein Volk!“ Die Gruppen verteilten am 9. Oktober 1989 in Leipzig mindestens 20.000 Flugblätter vor der entscheidenden Montagsdemonstration. Diese Demonstration verlief mit mindestens 70.000 Teilnehmern erstmals friedlich.
1989 entstand in Leipzig aus der Arbeitsgruppe Menschenrechte und dem Arbeitskreis Gerechtigkeit mehrheitlich die Initiative Frieden und Menschenrechte Leipzig. Müller gehörte zu ihren Mitbegründern. 1990 war er Mitglied des DDR-Sprecherrats der Initiative Frieden und Menschenrechte, die 1991 im Bündnis 90 aufging.
Engagement nach der deutschen Einheit
Im April 1993 verließ Müller das Bündnis 90 und wechselte zum Neuen Forum, in dem er laut Artikel weiterhin aktiv ist. In den 1990er Jahren studierte er an der Universität Leipzig Mittelalterliche und Neuzeitliche Geschichte, Namenforschung beziehungsweise Onomastik sowie historische Grundwissenschaften und Archivwissenschaft.
Er blieb in gesellschaftspolitischen Gruppen aktiv. In den 1990er Jahren beriet er in der Kontaktstelle für Kriegsdienstverweigerer und Zivildienstleistende, arbeitete in der Bundesarbeitsgemeinschaft der Sozialhilfeinitiativen mit und engagierte sich im Aktionskreis gegen Kultur- und Sozialabbau. 1992 war er Gründungsmitglied des Bürgervereins Lindenau e. V. und bis 1995 dessen Vorsitzender. Während seines Studiums wirkte er ab 1997 im Fachschaftsrat Geschichte und mehrere Semester im Sozialausschuss des StudentInnenrates mit.
2001 gründete Müller den Lindenauer Stadtteilverein e. V. mit und war bis 2009 dessen Vorsitzender. 2004 gehörte er zu den Mitbegründern des Haushalten e. V., der mit Wächterhäusern in Leipzig verbunden ist. Er engagierte sich auch an der Nachbarschaftsschule Leipzig, unter anderem als Klassenelternsprecher, im Elternrat, seit 2011 in der Schulkonferenz und später als Elternvertreter im Sozialfonds.
Müller arbeitet ehrenamtlich im Archiv Bürgerbewegung Leipzig e. V. und im IFM-Archiv Sachsen e. V. mit. Beide Einrichtungen tragen zur Erforschung der Geschichte des Widerstands gegen die SED-Diktatur bei. Außerdem bietet er Stadtführungen zu Orten der Friedlichen Revolution in Leipzig an. Im Oktober 2015 unterzeichnete er mit 46 weiteren früheren DDR-Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtlern einen Offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel, der ihre Politik der offenen Grenzen und ihre Flüchtlingspolitik unterstützte. Müller lebt mit seiner Partnerin in Leipzig-Lindenau und hat vier Töchter.
Quellen und Dokumentationen
Der Artikel nennt als Literatur unter anderem biografische Darstellungen und Werke zur Opposition in der DDR. Dazu gehören Gerold Hildebrands Beitrag über Rainer Müller in „Für ein freies Land mit freien Menschen“ von 2006, die von Thomas Rudolph, Oliver Kloss, Rainer Müller und Christoph Wonneberger herausgegebene Chronik „Weg in den Aufstand“ von 2014 sowie Darstellungen zur Leipziger Friedlichen Revolution und zur DDR-Opposition.
Außerdem wird Müller in Film-, Fernseh- und Radiodokumentationen erwähnt oder interviewt. Genannt werden unter anderem „The Secret Life of the Berlin Wall“ von 2009, Beiträge von FAKT und heute Journal zum 25. Jubiläum der Revolution von 1989, ein MDR-Beitrag von 2019 zur Demonstration für Reformen in Dresden am 13. Februar 1989, die BR-Radiodokumentation „Ein Land wird abgewickelt“ von 2020 und ein MDR-Beitrag von 2024 zur entscheidenden Montagsdemonstration der Friedlichen Revolution.