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Montagsdemonstrationen 1989/1990 in der DDR
Die Montagsdemonstrationen waren ein bedeutender Bestandteil der Friedlichen Revolution in der DDR im Herbst 1989. Es waren Massendemonstrationen, die ab …
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Kern und Ziele
Die Montagsdemonstrationen waren ein bedeutender Bestandteil der Friedlichen Revolution in der DDR im Herbst 1989. Sie begannen am 4. September 1989 in Leipzig und entwickelten sich dort sowie in vielen anderen Städten der DDR zu regelmäßigen Massendemonstrationen. Demonstriert wurde unter anderem in Dresden, Halle, Karl-Marx-Stadt, Magdeburg, Plauen, Arnstadt, Rostock, Potsdam und Schwerin, teils auch an anderen Wochentagen.
Die Demonstrierenden protestierten gegen die politischen Verhältnisse in der DDR. Zentrale Forderungen waren eine friedliche, demokratische Neuordnung, das Ende der SED-Herrschaft, Reisefreiheit und die Abschaffung des Ministeriums für Staatssicherheit. Der Ruf „Wir sind das Volk“ drückte aus, dass Bürgerinnen und Bürger politische Mitsprache einforderten. Die Parole „Keine Gewalt“ wurde zu einem wichtigen Leitmotiv, weil viele Demonstrierende eine Eskalation zwischen Bevölkerung und Sicherheitskräften verhindern wollten.
Anfänge in Leipzig
In Leipzig standen die Montagsdemonstrationen in engem Zusammenhang mit den Friedensgebeten in der Nikolaikirche. Diese Friedensgebete gegen das Wettrüsten in Ost und West hielt der Diakon Günter Johannsen seit dem 20. September 1982 montagabends. Ab 1986 koordinierte Christoph Wonneberger, Pfarrer der Lukasgemeinde, die Friedensgebete und arbeitete dabei eng mit oppositionellen Basisgruppen zusammen. Nach seinem Hirnschlag am 30. Oktober 1989 übernahm Pfarrer Christian Führer die Friedensgebete.
Die erste ausdrücklich so bezeichnete Montagsdemonstration fand am 4. September 1989 statt. Sie wurde von den Bürgerrechtlerinnen Katrin Hattenhauer und Gesine Oltmanns initiiert. Nach dem Friedensgebet verteilten sie Transparente; eines trug die Aufschrift „Für ein offenes Land mit freien Menschen“. Auf dem Nikolaikirchhof forderten die Teilnehmenden „Freiheit!“, vor allem Reisefreiheit und grundlegende Menschenrechte. Ausreisewillige machten mit „Wir wollen raus!“ auf ihren Wunsch aufmerksam, die DDR verlassen zu können. Als die Staatssicherheit Transparente herunterriss und die Demonstration aufzulösen versuchte, riefen Demonstrierende „Stasi raus!“.
Der feste Termin montags um 17:00 Uhr war günstig: Man konnte teilnehmen, ohne der Arbeit fernzubleiben; SED-Mitglieder waren zu dieser Zeit oft in Parteiversammlungen gebunden. Außerdem lag der Termin vor Ladenschluss, sodass Menschen in der Innenstadt weniger auffielen. Westdeutsche Fernsehsender konnten die beginnenden Demonstrationen in ihren Hauptnachrichten zeigen, obwohl Bildmaterial aus Leipzig herausgeschmuggelt werden musste. Die Sicherheitskräfte gingen teilweise gewaltsam gegen Demonstrierende vor, besonders am 2. Oktober 1989 sowie während der Feiern zum 40. Jahrestag der DDR am 7. und 8. Oktober. Bereits am 11. September 1989 waren 89 Demonstranten willkürlich festgenommen worden.
Konflikte vor dem 9. Oktober
Vor dem entscheidenden 9. Oktober verschärfte sich die Lage auch in anderen Städten. In Dresden wurden am 4. Oktober 1989 vier Züge mit DDR-Flüchtlingen aus der Prager Botschaft durch den Hauptbahnhof geleitet. Vor und im Bahnhof versammelten sich etwa 5.000 Menschen; einige wollten gewaltsam in die Züge gelangen. Beim Polizeieinsatz kam es zu heftigen Auseinandersetzungen. Die Polizei setzte Wasserwerfer, Tränengas und Schlagstöcke ein. Bis zum 8. Oktober wurden 1.300 Bürger festgenommen, darunter viele Unbeteiligte.
In Plauen fand am 7. Oktober 1989, dem Tag der Republik, die erste große Demonstration mit geschätzt 10.000 bis 20.000 Personen statt. Sie war durch Flugblätter und Mundpropaganda organisiert worden. Die Polizei versuchte, den Platz zu räumen, setzte Wasserwerfer ein und ging teils brutal gegen Demonstrierende vor. Superintendent Thomas Küttler vermittelte zwischen Rathaus, Polizei und Demonstranten. Dadurch blieb die Demonstration insgesamt friedlich und löste sich gegen 18 Uhr mit dem Ruf „Wir kommen wieder“ langsam auf. Später kam es dennoch zu Festnahmen; insgesamt wurden an diesem Tag 61 Personen verhaftet. Von da an fanden in Plauen bis zu den ersten freien Wahlen am 18. März 1990 jeden Sonnabend Demonstrationen statt. Die Demonstration vom 7. Oktober gilt als erste Massendemonstration in der DDR, die nicht von den Sicherheitskräften aufgelöst werden konnte.
Am 8. Oktober 1989 kam es in Dresden erneut zu großen Demonstrationen und zu erheblichen Übergriffen der Staatsgewalt. Mehrere tausend Menschen versammelten sich am Nachmittag auf dem Theaterplatz; später wurden Demonstrierende eingekesselt, verhaftet und nach Bautzen gebracht. Am Abend gelang es einer Gruppe um Kaplan Frank Richter, ein Gespräch mit Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer zu erzwingen. Daraus entstand die „Gruppe der 20“, die für die politische Entwicklung Dresdens in der Friedlichen Revolution wichtig wurde. Zum ersten Mal gelang es dort offenbar, weitere Konfrontationen zu vermeiden und einen offenen Dialog zwischen Staatsvertretern und Protestierenden herzustellen.
Wendepunkt in Leipzig
Der 9. Oktober 1989 wurde zum Wendepunkt der Montagsdemonstrationen. Viele Beteiligte rechneten mit Gewalt, auch unter dem Eindruck der Niederschlagung der Proteste auf dem Tian’anmen-Platz in China. Die Parolen „Auf die Straße!“, „Wir sind das Volk“, „Schließt euch an!“ und „Keine Gewalt!“ mobilisierten viele Menschen.
Mitglieder des Arbeitskreises Gerechtigkeit und der Arbeitsgruppe Menschenrechte druckten am Wochenende zuvor in der Lukasgemeinde bei Christoph Wonneberger etwa 25.000 Flugblätter mit einem Aufruf zur Gewaltfreiheit. Darin hieß es unter anderem: „Wir sind ein Volk! Gewalt unter uns hinterläßt ewig blutende Wunden!“ Der Aufruf richtete sich sowohl an Demonstrationswillige als auch an „Einsatzkräfte“.
Zum friedlichen Verlauf trug auch der sogenannte „Aufruf der Sechs“ bei. Er wurde von den SED-Bezirkssekretären Kurt Meyer, Jochen Pommert und Roland Wötzel, dem Universitätstheologen Peter Zimmermann sowie den Künstlern Bernd-Lutz Lange und Kurt Masur verfasst und am Abend über den Stadtfunk verlesen. Darin wurde zu Besonnenheit und Dialog aufgerufen. Auch in Kirchen wurde der Aufruf verlesen. Die Pfarrer an der Nikolaikirche und Landesbischof Johannes Hempel trugen ebenfalls zum friedlichen Verlauf bei. Gottesdienstbesucher verließen die Kirche mit brennenden Kerzen als Zeichen friedlicher Gesinnung.
Die Sicherheitskräfte griffen an diesem Tag nicht gegen die Demonstration ein; sie hatten lediglich den Befehl zur Eigensicherung bei gewaltsamen Angriffen. Der Demonstrationszug mit etwa 70.000 Personen zog friedlich um den Leipziger Innenstadtring und auch an der Stasizentrale am Dittrichring, der „Runden Ecke“, vorbei. Warum sich die Sicherheitskräfte zurückzogen, ist bis heute nicht endgültig geklärt. Die spätere Darstellung Egon Krenz’, er habe persönlich den Rückzug befohlen, ist umstritten. Die Entscheidung fiel auf Leipziger Ebene, unter anderem durch Helmut Hackenberg und Polizeipräsident Gerhard Straßenburg. Auch Fälle von Gehorsamsverweigerung spielten wohl eine Rolle: Ein großer Teil von etwa 1.200 Unteroffiziersschülern aus Bad Düben weigerte sich, gegen DDR-Bürger vorzugehen. Der Journalist Ulrich Schwarz schmuggelte heimlich gefilmtes Material aus Leipzig heraus; es wurde in vielen Ländern ausgestrahlt.
Ausbreitung und Teilnehmerzahlen
Nach dem 9. Oktober wuchsen die Leipziger Montagsdemonstrationen weiter. Am 16. Oktober 1989 nahmen bereits 120.000 Menschen teil; militärische Einheiten wurden noch in Reserve gehalten. Eine Woche später waren es 320.000, die bis dahin größte Montagsdemonstration in Leipzig. Die Protestmärsche endeten im März 1990, kurz vor oder nach den ersten freien Volkskammerwahlen.
Die Teilnehmerzahlen in Leipzig stiegen insgesamt stark an: Am 4. September 1989 wurden 1.200 Teilnehmer genannt, am 18. September 1.500, am 25. September 8.000 und am 2. Oktober 10.000. Für den 9. Oktober nennt die Tabelle ca. 130.000, während der Abschnitt zum 9. Oktober von etwa 70.000 Personen spricht; der Artikel enthält hier also unterschiedliche Angaben. Für den 23. und 30. Oktober werden jeweils 300.000 genannt, für den 6. November 500.000, für den 13. November „Hunderttausende“ und für den 20. November mehr als 100.000.
An den Demonstrationen beteiligten sich viele Bevölkerungsgruppen. Wichtig waren neu entstandene demokratische Gruppierungen wie das „Neue Forum“, die Sozialdemokratische Partei in der DDR und Gruppen, aus denen später das Bündnis 90 hervorging. Auch unzufriedene SED-Mitglieder demonstrierten mit. Während der Demonstrationen wurde Informationsmaterial verschiedener Parteien verteilt. Die neuen Gruppen und Parteien gestalteten die Zeit nach der Friedlichen Revolution unter anderem durch Gespräche am „Runden Tisch“ mit. Neben demokratischen Grundrechten und Gewaltfreiheit wurden bei späteren Kundgebungen auch Forderungen nach Wiedervereinigung Deutschlands und mehr Wohlstand laut.
Erinnerung
Die Montagsdemonstrationen werden als wichtiger Teil der Friedlichen Revolution erinnert. In Plauen wurde der 7. Oktober wegen der dortigen Vorreiterrolle zum örtlichen Gedenktag „Tag der Demokratie“ erklärt; am 7. Oktober 2010 wurde dort ein Wendedenkmal eingeweiht.
Am 9. Oktober 2025, dem 36. Jahrestag der Leipziger Montagsdemonstration, wurde der Grundstein für das Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal gelegt. Es soll aus 50 weißen Skulpturen in Form zusammengefügter Transparente in einer parkartigen Anlage bestehen.