Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Friedliche Revolution (Leipzig)
Die Friedliche Revolution war am Ende erfolgreich und führte zum Mauerfall, zur Öffnung der innerdeutschen Grenze, zur Demokratisierung des gesellschaftlichen …
Inhalt5 Abschnitte
Bedeutung der Friedlichen Revolution in Leipzig
Die Friedliche Revolution in Deutschland umfasst die politischen Ereignisse und Strukturveränderungen in Ostdeutschland 1989 und 1990. Leipzig hatte dabei eine bedeutende Rolle. Die Bewegung führte erfolgreich zum Mauerfall, zur Öffnung der innerdeutschen Grenze, zur Demokratisierung des gesellschaftlichen Systems der DDR und schließlich zur Wiedervereinigung Deutschlands.
Kennzeichnend für Leipzig waren Friedensgebete, öffentliche Proteste und die Montagsdemonstrationen. Die Forderungen richteten sich unter anderem auf Meinungs-, Versammlungs- und Pressefreiheit, die Aufklärung von Wahlbetrug, die Zulassung des Neuen Forums sowie politische Reformen. Besonders wichtig war das Festhalten an Gewaltlosigkeit trotz staatlicher Einschüchterung und Verhaftungen.
Friedensgebete als Ausgangspunkt
Die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche fanden ab November 1982 dauerhaft montags statt. Initiiert wurden sie von Diakon Günter Johannsen und der Jungen Gemeinde Leipzig-Probstheida. Zunächst kamen wenige Menschen, später stiegen die Besucherzahlen – auch die Zahl der anwesenden Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS).
Nach Johannsens Wechsel nach Brandenburg 1984 führten Jugendliche aus Probstheida und anderen Jungen Gemeinden die Veranstaltungen weiter; später übernahmen die Pfarrer Christoph Wonneberger und Christian Führer. Die Gebete ermöglichten Austausch und Gedenken in einer vergleichsweise intimen Atmosphäre. Obwohl der Kirchenvorstand von St. Nikolai zu stark politisierende Inhalte kritisierte, blieben sie unter der Schirmherrschaft von Superintendent Friedrich Magirius bestehen.
Ende 1988 gewann die Veranstaltung durch die wachsende gesellschaftliche Debatte deutlich an politischer Bedeutung. Versuche des Staates, Ablauf und Gestaltung zu beeinflussen, führten dazu, dass sich zunehmend Aktionen vor der Kirche anschlossen. Der Nikolaikirchhof wurde so zu einem öffentlichen Ort für Information, Diskussion und Reflexion.
Proteste und Wendepunkt im Herbst 1989
Am 11. Januar 1989 verteilten Mitglieder subversiver Basisgruppen etwa 5.000 Flugblätter. Sie riefen für den 15. Januar, den 70. Jahrestag der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts, zu einer Gedenkdemonstration „zur demokratischen Erneuerung unserer Gesellschaft“ auf. Etwa 500 Leipziger nahmen teil; 53 Personen wurden nach der Kundgebung verhaftet. Nach Protesten, Fürbitt-Andachten und außenpolitischem Druck wurden sie bis zum 19. Januar freigelassen.
Im Frühjahr folgten weitere Demonstrationen. Am 13. März demonstrierten etwa 300 Menschen, darunter viele Ausreiseantragsteller, nach einem Friedensgebet. Die DDR-Führung genehmigte anschließend im Rahmen der Aktion „Auslese“ bis zum 7. Mai etwa 2.000 Ausreiseanträge, um Druck abzubauen. Bei den Kommunalwahlen am 7. Mai kontrollierten Oppositionelle die Auszählung in Leipzig-Mitte. Die tatsächliche Wahlbeteiligung lag um etwa 7 %, die Zahl der Ja-Stimmen um etwa 5 % unter den offiziell gemeldeten Werten. Damit war Wahlbetrug erstmals nachweisbar. Im Zusammenhang mit Protesten und Flugblättern gab es über 100 Festnahmen.
Am 4. Juni nahmen trotz Verbots etwa 1.400 Personen an Gottesdiensten zum Pleißepilgerweg teil; 74 wurden verhaftet. Ein nicht genehmigtes Straßenmusikfestival am 10. Juni endete mit einer Verhaftungswelle. Beim „Statt-Kirchentag“ in der Lukaskirche vom 6. bis 9. Juli kamen 2.500 Menschen zusammen. Am 4. September wurden bei einer Demonstration vor westlichen Kameras Transparente mit der Forderung „Für ein offenes Land mit freien Menschen“ heruntergerissen. Neben „Stasi raus“ war erstmals „Wir bleiben hier“ zu hören: Ausreisewillige und Menschen, die Veränderungen in der DDR erreichen wollten, protestierten nun gemeinsam.
Die Montagsdemonstrationen wuchsen rasch: Nach dem Friedensgebet am 25. September demonstrierten 5.000 Menschen, am 2. Oktober bereits 20.000. Die Polizei ging dabei mit Hunden, Helmen, Schlagstöcken und Schilden vor. Staatliche Drohungen, auch mit der Waffe gegen angeblich „konterrevolutionäre Aktionen“ vorzugehen, verschärften die Lage. Am 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der DDR, demonstrierten 4.000 Personen in Leipzig; 210 wurden verhaftet.
Der 9. Oktober 1989 gilt als Wendepunkt. Für diesen Tag standen in Leipzig 8.000 Polizisten, Kampfgruppenmitglieder und NVA-Soldaten bereit; Krankenhäuser stockten Blutkonserven auf. Die Bevölkerung war aufgefordert worden, ab 15:00 Uhr zu Hause zu bleiben. Trotzdem kamen nach den Friedensgebeten 70.000 Bürger zusammen. Ein illegal verbreiteter Appell dreier Leipziger Gruppen – Arbeitsgruppe Menschenrechte, Arbeitskreis Gerechtigkeit und Arbeitsgruppe Umweltschutz – forderte Gewaltlosigkeit. Außerdem riefen die später „Leipziger Sechs“ genannten Personen, darunter Kurt Masur und drei SED-Bezirkssekretäre, zu Besonnenheit und friedlichem Dialog auf.
Die Demonstration verlief ohne Gewalt; manche Quellen nennen statt über 70.000 bis zu 100.000 Teilnehmer. Der Zug führte von der Nikolaikirche zur Oper und über den Ring. Am Hauptbahnhof zogen sich die Sicherheitskräfte zurück. Nach unbeantworteten Telefonaten nach Berlin entschieden der amtierende 1. Sekretär der Leipziger SED-Bezirksleitung Hackenberg und Polizeipräsident Generalmajor Straßenburg den Rückzug; die genauen Gründe und der Ablauf sind nicht vollständig geklärt. Gegen 20 Uhr war die Demonstration beendet. Die Ereignisse brachen die Macht des SED-Staates in Leipzig und führten zu wachsender Gesprächsbereitschaft der Führung.
Danach nahmen die Teilnehmerzahlen weiter zu: 120.000 am 16. Oktober, 200.000 am 23. Oktober und 300.000 am 30. Oktober. Die größte Leipziger Montagsdemonstration fand am 6. November mit geschätzt 300.000 bis 400.000 Menschen aus der gesamten DDR statt. Am 9. November gab es einen genehmigten Schweigemarsch zum Gedenken an die Novemberpogrome 1938, die erste genehmigte nichtstaatliche Demonstration in Leipzig. Nach dem Mauerfall sank die Zahl der Demonstrierenden; am 13. November demonstrierten noch 150.000 gegen SED und Staatssicherheit.
Folgen und Erinnerung
Informationen über Verhaftungen Anfang September 1989 verbreiteten Oppositionsgruppen über Kontakttelefone. Bei Fürbittgottesdiensten und Mahnwachen, etwa an der Gethsemane-Kirche in Ost-Berlin, wurde die Freilassung der Inhaftierten verlangt. Nach dem 9. Oktober begannen regelmäßige Demonstrationen auch in vielen anderen größeren und kleineren Städten der DDR. Die Revolution trug direkt zum Mauerfall und zur Deutschen Wiedervereinigung bei.
Die Erinnerung an die Leipziger Ereignisse wird durch Ausstellungen, Gedenkveranstaltungen und Diskussionen über ein Denkmal gepflegt. Seit dem 3. Oktober 2009 zeigt das Museum in der „Runden Ecke“, der ehemaligen Stasi-Zentrale in Leipzig, die Sonderausstellung „Leipzig auf dem Weg zur friedlichen Revolution“. 2009 wurde in Leipzig erstmals das Lichtfest Leipzig zur Erinnerung an die Montagsdemonstrationen veranstaltet.
Ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in Leipzig wurde mehrfach geplant. 2011 beschlossen Deutscher Bundestag, Sächsischer Landtag und Leipziger Stadtrat seinen Bau; als möglicher Standort war der Wilhelm-Leuschner-Platz vorgesehen. Nach einem missglückten Architektenwettbewerb stoppte Leipzig das Verfahren im Juli 2014; über 400.000 Euro Fördermittel mussten an Sachsen zurückgegeben werden. Seit 2015 sollte ein breiter Beteiligungsprozess eine angemessene Würdigung im öffentlichen Raum entwickeln, ohne Ort oder Form vorher festzulegen. 2017 erhielt die Stiftung Friedliche Revolution den Auftrag für einen Verfahrensvorschlag. Eine Umfrage im Mai 2018 ergab breite Zustimmung für ein Denkmal in Leipzig; seit Januar 2019 ermöglicht eine Projekt-Website öffentliche Beteiligung am Entwicklungsprozess.
Denkmalsdebatte und öffentliche Würdigung
2008 beschloss der Deutsche Bundestag ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin. Sächsische Bundestagsabgeordnete forderten zugleich ein „Wendedenkmal“ in Leipzig; ihr Antrag scheiterte knapp. Die Diskussion wurde im September und Oktober 2008 erneut verstärkt geführt, auch weil Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier ein Denkmal des Bundes in Leipzig unterstützte.
Die Idee blieb in Sachsen und Leipzig umstritten. Der damalige Ministerpräsident Georg Milbradt war zunächst unentschlossen, sprach sich später aber für ein Denkmal aus. Die US-amerikanische Künstlerin Miley Tucker-Frost bot ein durch Sponsoren aus den USA finanziertes Denkmal an. Die Auseinandersetzung zeigt, dass nicht nur die Ereignisse selbst, sondern auch ihre passende dauerhafte Erinnerung öffentlich diskutiert wurden.