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Altorientalistik
Ihr Forschungsinteresse reicht vom Auftreten der ersten Keilschrifttexte im späten 4. Jahrtausend v. Chr. bis zu den letzten überlieferten Keilschrifttexten im …
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Gegenstand und Forschungsraum
Die Altorientalistik erforscht Sprachen, Geschichte und Kulturen des Alten Orients. Ihr Zeitraum reicht von den ersten Keilschrifttexten im späten 4. Jahrtausend v. Chr. bis zu den letzten überlieferten Keilschrifttexten im 1. Jahrhundert n. Chr. In Deutschland heißt das Fach traditionell auch Assyriologie, weil die ersten größeren Textfunde aus dem antiken Assyrien stammten. Als Begründer der modernen Assyriologie gilt Henry Creswicke Rawlinson.
Zum Forschungsraum gehören das antike Mesopotamien, heute vor allem Irak und Syrien, die levantinische Küste, heute Syrien und Libanon, Kleinasien mit besonderem Schwerpunkt Anatolien sowie Persien, heute Iran. Für die Amarna-Zeit wird auch Ägypten einbezogen. In der deutschen Hochschulpolitik gilt die Altorientalistik als Kleines Fach.
Quellen und Arbeitsweise
Die Altorientalistik ist eine philologisch-historische Disziplin: Sie erschließt vor allem Texte sprachlich und ordnet sie historisch ein. Ihre wichtigste Grundlage sind etwa 550.000 Keilschrifttexte auf Tontafeln. Dieses Textmaterial ist neben dem altägyptischen Korpus das älteste und nach dem altgriechischen das umfangreichste des gesamten Altertums.
Viele Texte sind noch nicht veröffentlicht und liegen in Museen oder Privatsammlungen weltweit. Zudem werden bei Ausgrabungen jedes Jahr neue Tontafeln gefunden. Die Forschung arbeitet überwiegend mit Primärquellen, also unmittelbaren Zeugnissen aus der jeweiligen Zeit. Ihre Auswertung ist aufwendig und ergibt häufig nur ein lückenhaftes, mosaikartiges Bild.
Rund 90 Prozent des Keilschriftmaterials sind Alltagsquellen. Sie ermöglichen besonders Einblicke in Wirtschafts- und Rechtsgeschichte, die Verwaltung von Palast und Reich auch unterhalb der Herrscherebene, den Kult in Tempeln sowie das Alltagsleben von Menschen in Städten und teilweise auf dem Land.
Sprachliche Teilgebiete
Die Teilgebiete sind vor allem nach Sprachen bestimmt. Akkadistik untersucht Akkadisch, die ostsemitische Sprache der Babylonier und Assyrer. Sie war vom 3. bis zum 1. Jahrtausend v. Chr. belegt, in Mesopotamien gesprochen und im gesamten Vorderasien verbreitet. Akkadisch ist räumlich und zeitlich die am weitesten verbreitete sowie nach Zahl und Vielfalt der Texte die bestbezeugte Sprache des Alten Orients.
Sumerologie behandelt Sumerisch. Diese älteste überlieferte Sprache der Menschheit ist isoliert, also mit keiner anderen Sprache verwandt. Sie stammt aus dem südlichsten Viertel Mesopotamiens und ist vom 3. bis zum frühen 2. Jahrtausend v. Chr. belegt; in Kult und Wissenschaft wurde sie noch später verwendet.
Hethitologie erforscht Hethitisch, die älteste belegte indogermanische Sprache Kleinasiens aus der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. Zum anatolischen Sprachzweig gehören außerdem Luwisch und Palaisch. Luwisch ist in Keilschrift und einer eigenen Hieroglyphenschrift überliefert. Daneben steht Hattisch als isolierte Sprache.
Weitere Bereiche betreffen Amurritisch, Ugaritisch, Phönizisch und Altaramäisch, vier eng verwandte nordwestsemitische Sprachen Syriens aus dem 2. und 1. Jahrtausend v. Chr. Amurritisch ist nur über zahlreiche Personennamen und einige akkadische Lehnwörter rekonstruierbar; die anderen drei Sprachen sind in den ältesten Alphabeten der Welt überliefert. Eng verwandt sind auch Althebräisch, Hurritisch und Urartäisch, Elamisch sowie Altpersisch. Altpersisch war die indoiranische Sprache des Achämenidenreichs in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. und wurde in einer eigenen Keil-Silbenschrift geschrieben.
Kulturgeschichte und digitale Methoden
Auf Grundlage von Sprachen und Schriften untersucht die Altorientalistik alle Aspekte altorientalischer Kulturen, sofern dafür nicht primär materielle Quellen nötig sind. Dazu zählen politische Geschichte, Alltags-, Religions-, Rechts- und Literaturgeschichte, Wissenschafts-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Gender-Studien.
Zusammen mit der Informatik entwickelt das Fach computergestützte Methoden. Ihre Wurzeln liegen in Arbeiten von Gerhard Sperl aus den späten 1960er Jahren. Dieser Bereich heißt Digital Assyriology oder Digital Ancient Near Eastern Studies (DANES). 2023 wurde ein freier Datensatz für Künstliche Intelligenz veröffentlicht, mit dem Schriftzeichen in Fotografien und 3D-Modellen erkannt wurden.
Verwandte Fächer und Studienorte
Die materiellen Zeugnisse des Alten Orients untersucht die Vorderasiatische Archäologie. Für das Alte Ägypten ist die Ägyptologie zuständig. Das Alte Palästina und die Welt des Alten Testaments werden traditionell von Alttestamentlicher Theologie beziehungsweise Hebraistik behandelt, obwohl sie historisch und sachlich zum Alten Orient gehören.
In Deutschland wird Altorientalistik an den Universitäten Berlin, Freiburg, Göttingen, Heidelberg, Jena, Leipzig, Mainz, Marburg, München, Münster, Tübingen und Würzburg gelehrt. Weitere Studienorte sind Wien und Innsbruck in Österreich, Bern und Genf in der Schweiz sowie Leiden in den Niederlanden. Für altorientalische beziehungsweise vorderasiatische Archäologie werden außerdem das Deutsche Archäologische Institut und die Deutsche Orient-Gesellschaft genannt.