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Rückung
Unter einer Rückung versteht man in der Harmonielehre die unvermittelte Verschiebung des tonalen Zentrums (Tonika), anders als bei der (vermittelnden) …
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Begriff und Abgrenzung
Eine Rückung ist in der Harmonielehre die unvermittelte Verschiebung des tonalen Zentrums, also der Tonika, von einer Tonart in eine andere. Sie ist damit die einfachste und direkteste Möglichkeit eines Tonartwechsels.
Sie unterscheidet sich von der Modulation: Bei einer Modulation wird der Tonartwechsel vermittelt, etwa durch eine Kadenz oder durch harmonische Umdeutung. Außerdem darf die Rückung nicht mit der Akkordrückung verwechselt werden. Akkordrückung bezeichnet als Stilmittel die parallele Verschiebung von Akkorden. Sie kommt unter anderem im Impressionismus sowie in weiteren Musikstilen des 20. und 21. Jahrhunderts vor; ein typisches Beispiel sind verschobene Powerchords in der Rockmusik. Einfache Formen dieser Satzart gab es bereits im Mittelalter im Quint- und Oktavorganum.
Einsatz in der klassischen Musik
In der klassischen Musik wird die Rückung als tonal-modulatorisches Verfahren verwendet. Maurice Ravels Boléro verharrt beispielsweise sehr lange statisch in C-Dur und rückt kurz vor dem Schluss nach E-Dur.
Rückungen in der Popmusik
In der heutigen Popularmusik ist die Rückung häufig, während Moduliervorgänge dort in der Regel vermieden werden. Dies wird mit dem rudimentären Charakter ihrer melodischen Phrasierung begründet. Besonders häufig ist die gut hörbare Rückung um einen Ganzton nach oben, die oft den letzten Refrain steigern soll. Ein Beispiel dafür ist John Lennons Woman.
Auch Halbtonrückungen können ein zentrales Stilmittel sein. Die Toten Hosen verwenden in Eisgekühlter Bommerlunder mehrfache Halbtonrückungen. Sie steigern nicht nur den letzten Refrain, sondern erzeugen zusammen mit dem zunehmenden Instrumenteneinsatz und der Lautstärke den Reiz des Liedes. Kraftwerk erhob die Rückung zu einem Stilprinzip.
In Paul McCartneys Mull of Kintyre beginnt das Lied in E-Dur und rückt nach dem zweiten Refrain eine Quarte hinauf nach A-Dur. Die Melodie wird dabei unverändert in A-Dur gespielt. Nach einer Refrain-Strophe-Refrain-Folge in A-Dur geht es wieder nach E-Dur zurück. Dieser Übergang kann jedoch auch als Modulation verstanden werden: Der E-Dur-Tonikaklang wird dabei als Dominantklang von A-Dur umgedeutet.
To be with you von David Grahame und Eric Martin (Mr. Big) hat die ersten beiden Refrains in A-Dur. Nach der Bridge und der Wiederholung des Strophenendes folgt der Refrain unvermittelt eine kleine Terz höher in C-Dur. Anschließend erklingt der Refrain wieder in A-Dur; in dieser Tonart endet das Lied.
Chromatische Steigerungen und weitere Beispiele
Eine beliebte Anwendung in der U-Musik ist die chromatische Rückung: Bei einer der letzten Refrainwiederholungen wird um einen Halbton nach oben gerückt. Als Fall der Sequenzierung soll dieses Mittel eine psychologische Steigerungswirkung erzeugen. Beispiele sind Michael Jacksons History sowie Man in the Mirror, dort von G-Dur nach dem ausgerufenen „Change!“ nach As-Dur.
Der Übergang kann durch die große Untermediante vorbereitet werden, die als Zwischendominante der Zieltonart wirkt. In C-Dur kann beispielsweise As-Dur die Zwischendominante zu Des-Dur sein. Udo Jürgens’ Ein ehrenwertes Haus verwendet dies: Jede Strophe beginnt einen Halbton höher als die vorherige, angekündigt durch die Untermediante der vorherigen Tonart. Auch Danke für diesen guten Morgen (1961) wird seit der Ersteinspielung durch den Botho-Lucas-Chor regelmäßig mit einer Halbtonrückung bei jedem Strophenwechsel aufgeführt.
Im Jazz zeigt So What eine chromatische Rückung in einer 32-taktigen AABA-Form. Der A-Teil und damit das Stück insgesamt stehen in d-Dorisch. Der B-Teil ist der um einen Halbton nach oben transponierte A-Teil und steht deshalb in es-Dorisch.