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Impressionismus (Musik)
In der Musik ist Impressionismus eine von ungefähr 1890 bis 1920 vorherrschende Stilrichtung, deren impulsgebender Hauptvertreter der französische Komponist …
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Kernidee und Bedeutung
Der musikalische Impressionismus war eine etwa von 1890 bis 1920 vorherrschende Stilrichtung. Als wichtigster Impulsgeber gilt der französische Komponist Claude Debussy. Wie der Impressionismus in Malerei und Literatur versucht auch diese Musik, Eindrücke von Augenblicken darzustellen: nicht feste Gegenstände oder klare Handlungen stehen im Mittelpunkt, sondern Stimmung, Atmosphäre und subjektive Wahrnehmung.
Entscheidend ist deshalb das Klangbild. Während in Klassik und Romantik oft die Form, die thematische Entwicklung und klare Spannungsverläufe im Vordergrund standen, richtet sich der Impressionismus stärker auf Klangfarbe, feine Übergänge und schwebende Wirkungen. Die Musik soll einen Augenblick oder eine Szenerie hörbar machen. Dadurch entsteht häufig ein verschwommenes Gesamtbild, in dem keine festen Formen klar hervortreten.
Der Begriff wurde aus der Malerei übernommen. Dort malten Künstler wie Claude Monet im Freien und achteten besonders auf Licht, Schatten und den Eindruck des Augenblicks. Eine ähnliche Haltung wurde Debussys Musik 1887 als „vager Impressionismus“ vorgeworfen.
Einflüsse und Komponisten
Debussy und andere Komponisten wurden von verschiedenen musikalischen Strömungen beeinflusst. Ernest Fanelli komponierte bereits 1882/83 bis 1886 das Orchesterwerk Tableaux Symphoniques d’après le Roman de la Momie, das orientalische und impressionistisch wirkende Klangfarben enthielt. Teile davon wurden erst 1912 uraufgeführt; Gabriel Pierné sah darin Hinweise auf Neuerungen, die später auch bei Debussy auftauchten.
Zu Debussys Einflüssen gehörten unter anderem Peter Tschaikowski, Mily Balakirev, Nikolai Rimski-Korsakow, Alexander Borodin und Modest Mussorgski. Besonders Mussorgskis Bilder einer Ausstellung griffen Ideen auf, die später wichtig wurden. Auch Eric Satie wirkte mit harmonischen und formalen Neuerungen auf Debussy und Ravel. Edvard Grieg gilt ebenfalls als Wegbereiter, besonders durch sein Streichquartett in g-Moll.
Neben Debussy ist Maurice Ravel ein bedeutender Komponist des Impressionismus, obwohl nicht alle seine Werke impressionistisch sind. Weitere Komponisten waren in unterschiedlichem Maß beeinflusst, darunter Paul Dukas, Vincent d’Indy, Gabriel Fauré, Lili Boulanger, Albert Roussel, Manuel de Falla, Isaac Albéniz, Ottorino Respighi, Giacomo Puccini, Leoš Janáček, Alexander Skrjabin, Karol Szymanowski, Frederick Delius und Richard Strauss.
Wichtig ist auch die Verbindung zu anderen Künsten. Debussy stand Dichtern wie Charles Baudelaire, Paul Verlaine und Stéphane Mallarmé nahe und war dadurch mit dem Symbolismus verbunden. Seine Oper Pelléas et Mélisande basiert auf einem Libretto von Maurice Maeterlinck. Auch seine Lieder konzentrieren sich stark auf Textinhalt und Atmosphäre. Das Prélude à l’après-midi d’un faune wurde später zu einem Ballett umgearbeitet.
Form und typische Gattungen
Impressionistische Komponisten wollten Abstand von den strengen Formenregeln früherer Epochen gewinnen. Themen werden nicht mehr nach dem Satz- oder Periodenmodell gestaltet. Es entstehen aber auch keine neuen festen Regeln. Ein Werk hat die Form, die für die Darstellung eines Eindrucks notwendig ist.
Motive und Themen kommen weiterhin vor, werden aber nicht wie in einer Sinfonie systematisch weiterentwickelt. Stattdessen erzeugen sie Klangbilder. Häufig wirken sie offen oder unfertig: Sie deuten Ideen an und werden wie Farben in einem Gemälde miteinander verwoben. Ein Motiv kann nur kurz erscheinen und dann wieder von anderen Motiven verdrängt werden.
Der zeitliche Ablauf der Musik beschreibt meist nicht einfach eine Abfolge von Ereignissen. Er dient eher dazu, den Eindruck einer Szenerie zu verstärken und zu vervollständigen. Die Musik stellt also oft einen Zustand dar. Typische Formen sind die durchkomponierte Oper, etwa Debussys Pelléas et Mélisande, Paul Dukas’ Ariane et Barbe-Bleue und Ravels L’enfant et les sortilèges, außerdem sinfonische Dichtungen, Klavierwerke und Lieder. Häufig ist auch der Rückgriff auf vorklassische Formen wie Toccata, Sarabande, Menuett und Passepied, etwa mit Bezug auf François Couperin und Jean-Philippe Rameau.
Harmonik und Melodik
Die Harmonik, also die Gestaltung der Akkorde und ihrer Beziehungen, dient im Impressionismus vor allem der Atmosphäre. Traditionelle Regeln aus Klassik und Romantik werden oft bewusst vermieden oder gebrochen. Statt der früher wichtigen Quintverwandtschaften zwischen Akkorden werden auch Terzverwandtschaften wie Parallel- und Gegenklänge verwendet. Typisch ist die Parallelführung von Akkorden, etwa in Terzen, Oktaven, Quinten oder Quarten.
Dadurch verliert die Leittonfunktion an Bedeutung. Ein Leitton ist ein Ton, der normalerweise zu einem Zielton hinführt. Im Impressionismus werden Septakkorde und andere dissonante Akkorde nicht unbedingt aufgelöst, sondern als Klangfarben eingesetzt. Konsonanz und Dissonanz werden weniger streng getrennt; entscheidend ist die tonmalerische Wirkung. Häufig sind Reizdissonanzen, Nonen- und Undezimakkorde, übermäßige Dreiklänge, Bordunquinten, Quartenharmonik und Ganztonharmonik. Auch Bi- oder Polytonalität kommt vor, also die Überlagerung verschiedener Tonarten.
Die Melodik vermeidet oft stabile tonale Zentren und geschlossene Melodien in festem Schema. Stattdessen bewegt sie sich fließend, oft engräumig, wellenförmig, kreisförmig oder pendelnd. In Debussys Pelléas gibt es Passagen, in denen rezitativisch auf einem Ton gesungen wird; dort ist die Klangfarbe des Orchesters wichtiger als die Melodie der Singstimme.
Als Grundlage dienen häufig chromatische, pentatonische oder ganztönige Skalen. Pentatonische Skalen bestehen aus fünf Tönen, Ganztonskalen aus sechs Tönen. In der impressionistischen Verwendung besitzen sie keine kleinen Sekunden und damit keine Leittöne. Dadurch wirken sie ziellos, schwebend und oft exotisch. Ganztonleitern sind besonders für Debussys Musik kennzeichnend; außerdem werden Kirchentonarten und kirchentonale Wendungen verwendet.
Rhythmus und Instrumentierung
Die Rhythmik impressionistischer Musik wirkt oft verschleiert und raffiniert. Statt schroffer Wechsel entsteht der Eindruck eines sich stetig verändernden Klangteppichs. Der Rhythmus kann so undeutlich werden, dass die Taktordnung für das Hören kaum noch nachvollziehbar ist. Manchmal verwirrt die Metrik eher, als dass sie Ordnung schafft.
Ein Thema beginnt häufig mit einem lang gehaltenen Ton ohne klare rhythmische Begleitung. Dadurch wird es schwerer, Taktart und Tempo sofort zu erkennen. Betonte Zählzeiten können mit Pausen versehen sein, sodass ein Instrument erst auf einer unbetonten Zählzeit einsetzt. So entstehen Synkopen, also Verschiebungen der Betonung. Auch Triolen werden oft gleichzeitig mit geraden Rhythmen verwendet. In Debussys Nuages steht zum Beispiel das Englischhorn-Thema im 4/4-Takt, während der Rest des Orchesters im 6/4-Takt notiert ist.
Die Instrumentierung ist gezielt auf Klangfarbe und Atmosphäre ausgerichtet. Die Wahl der Instrumente erfolgt sehr differenziert; auch exotische Instrumente können verwendet werden, wenn sie die gewünschte Farbe ermöglichen. Gleichzeitig sind die Orchester im Vergleich zu den immer größeren romantischen Orchestern oft minimalistischer aufgebaut. Einzelne Stimmen können sehr genau besetzt sein, etwa mit der Angabe „à 3“, sodass pro System drei Violinen spielen und genau eine Violine pro Stimme vorgesehen ist.
Exotik und Schlüsselwerke
Durch die Weltausstellung in Paris interessierten sich Impressionisten verstärkt für außereuropäische Künste. Besonders wichtig wurde der Gamelan, eine Musikform unter anderem aus Bali und Java. Für europäische Ohren klang diese Musik exotisch; sie war Teil der Kultur entsprechender Volksgruppen und sollte die seelische Welt von Menschen ausdrücken. Claude Debussy war offenbar stark beeindruckt und griff in vielen Werken auf Anspielungen zurück.
Zu diesen Mitteln gehören pentatonische Skalen und der Klang von Glockenspielen. In Debussys La Mer wird zum Beispiel eine pentatonische Skala mit den Tönen B, As, F, Es und Des verwendet; die Harfe imitiert Gamelan-Glockenspiele durch parallel abwärts geführte Töne im Quart- und Quintabstand. Solche Klangbilder dienen häufig der Darstellung exotischer Orte oder Momente.
Ein wichtiges Beispiel ist Debussys Klavierstück Pagodes aus Estampes. Der Titel verweist auf Pagoden und damit auf eine ostasiatische Atmosphäre. Debussy nutzt Bordunquinten im Bass, funktionslose klangmalerische Akkorde, eine pentatonische Oberstimme, Quart- und Quintparallelen, Wechsel zwischen Duolen und Triolen sowie einen großen Tonumfang vom Kontra-G bis zum d''''. Der häufige Gebrauch des rechten Pedals lässt die Töne verschwimmen.
Zu den wichtigen Werken des Impressionismus zählen Debussys Deux Arabesques für Klavier (1888–91), Prélude à l’après-midi d’un faune (1892–94), Pelléas et Mélisande (1893–1902), La Mer (1903–05), Images pour orchestre (1905–12), Préludes Livre I (1909–10) und Livre II (1910–12) sowie Études (1915). Von Ravel werden unter anderem Pavane pour une infante défunte (1899; Orchesterfassung 1910), Jeux d’eau (1901), Miroirs (1904–1905), Gaspard de la nuit (1908), Daphnis et Chloé (1909–1912), das Klaviertrio a-Moll (1914) und La Valse (1919–1920) genannt. Weitere Schlüsselwerke sind Dukas’ L’Apprenti sorcier (1897) und La Péri (1911–12) sowie Delius’ Requiem (1914–16).