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Tonart
Andere Tonleitern als Dur, natürliches Moll und Kirchentonarten – etwa Harmonisch-Moll oder Tonleitern aus osteuropäischer, jüdischer oder arabischer Musik …
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Begriff und Bestimmung
Eine Tonart beschreibt im seit etwa 1600 etablierten System der Dur-Moll-Tonalität den harmonischen Zusammenhang eines Musikstücks oder Abschnitts. Sie wird durch das Tongeschlecht, in europäischer Musik meist Dur oder Moll, die zugehörige Vorzeichnung und den Grundton der verwendeten Tonleiter bestimmt. Aus dem Tongeschlecht Dur und dem Grundton D ergibt sich beispielsweise D-Dur.
Entscheidend ist das Tongeschlecht, nicht allein der genaue Aufbau der Tonleiter. So gibt es drei verschiedene Formen der Molltonleiter – äolisch beziehungsweise natürlich, melodisch und harmonisch –, aber nur eine entsprechende Molltonart. Außerhalb des traditionellen Dur-Moll-Systems, etwa bei modalen Tonleitern, reicht diese Definition jedoch nicht immer aus.
Tonarten besitzen keine völlig scharfen Grenzen. Auch in anspruchsvolleren tonalen Stücken kommen häufig Töne vor, die nicht zur zugrunde liegenden Tonleiter gehören, ohne dass dadurch sofort ein Tonartwechsel entsteht. Für die Bestimmung sind deshalb der harmonische und besonders der melodische Zusammenhang wichtig. Charakteristische Progressionen, Melodien und Kadenzen – typische Akkordfolgen und Schlusswendungen – weisen gemeinsam auf ein tonales Zentrum, also einen musikalisch hervorgehobenen Grundton, hin. Das ist besonders wichtig, wenn keine Notenschrift vorliegt und die Tonart nach dem Gehör erkannt werden muss.
Tonarten im Musikstück
Ein tonales Musikstück steht in einer bestimmten Haupttonart. Vor allem sein Schluss und häufig auch sein Anfang sind in dieser Tonart komponiert. Innerhalb des Stücks kann die Tonart durch Modulation oder Rückung wechseln. Eine Modulation ist ein vorbereiteter Übergang in eine andere Tonart; bei einer Rückung erfolgt der Wechsel unmittelbarer. Meist kehrt das Stück später zur Haupttonart zurück. Diese dominiert daher gewöhnlich den Gesamtverlauf und prägt den Charakter des Stücks.
Ein vollständiges Stück kann transponiert werden: Man wählt einen anderen Grundton und verschiebt alle Töne im gleichen Abstand. Die Intervalle zwischen den Tönen und damit das Tongeschlecht bleiben unverändert. Das ist üblich, etwa um Musik an die Stimmlage von Sängerinnen und Sängern oder an die Grundstimmung von Instrumenten anzupassen.
In der Kunstmusik wird die Tonart seit etwa 1700 allerdings häufig ausdrücklich festgelegt und im Werktitel genannt. Dann gilt sie als Bestandteil des vom Komponisten gewünschten Charakters und ist für die Aufführung bedeutsam. Bis zur Vorklassik wurden dafür auch unterschiedliche, nicht gleichstufige Stimmungen verwendet. Im Barockzeitalter erschienen zudem mehrere Abhandlungen über den besonderen Charakter einzelner Tonarten.
Vorzeichen, Quintenzirkel und Verwandtschaft
Die übliche europäische Notation geht von den sieben Stammtönen der C-Dur-Tonleiter aus: a, h, c, d, e, f und g. Abweichende Tonstufen werden durch Versetzungszeichen gekennzeichnet, also durch Kreuze oder Bes. Die für eine Tonart regelmäßig geltenden Versetzungen stehen als Vorzeichen am Beginn jedes Notensystems. Sie gelten für das gesamte Stück oder für den betreffenden Abschnitt.
Art und Anzahl der Vorzeichen ergeben sich aus der Entfernung von C-Dur im Quintenzirkel, einer kreisförmigen Anordnung verwandter Tonarten. Die Durtonarten reichen auf der Be-Seite von Ces-Dur mit sieben Bes über Ges, Des, As, Es, B und F bis C-Dur ohne Vorzeichen. Auf der Kreuz-Seite folgen G, D, A, E, H, Fis und Cis-Dur mit einem bis sieben Kreuzen. Dazu gehören jeweils parallele natürliche Molltonarten: as, es, b, f, c, g, d, a, e, h, fis, cis, gis, dis und ais-Moll.
Jede Vorzeichenkombination kann daher sowohl zu einer Durtonart als auch zu ihrer parallelen Molltonart gehören. Ohne Vorzeichen kommen C-Dur und a-Moll infrage, mit einem Kreuz G-Dur und e-Moll, mit einem Be F-Dur und d-Moll. Eine meist verlässliche Entscheidung ermöglicht erst der Schluss: Der Schlusston oder Schlussakkord stimmt fast immer mit dem Grundton überein oder enthält ihn.
Auch Modi können dieselben Vorzeichen verwenden. Zwei Kreuze bezeichnen den Tonvorrat von D-Dur, ergeben aber je nach Grundton beispielsweise E-Dorisch, A-Mixolydisch oder G-Lydisch. Harmonisch-Moll und Tonleitern aus osteuropäischer, jüdischer oder arabischer Musik werden gewöhnlich nicht durch eine eigene globale Vorzeichnung dargestellt. Abweichungen von einer zugrunde gelegten Dur- oder Molltonleiter erscheinen stattdessen als Versetzungs- oder Auflösungszeichen unmittelbar vor einzelnen Noten. In freitonaler und atonaler Musik wird meist ganz auf globale Vorzeichen am Stückanfang verzichtet.
Modale Tonarten und freie Tonalität
Seit etwa 1900 werden neben Dur und Moll wieder verstärkt modale Tonleitern verwendet, die auf alten Kirchentonarten beruhen, beispielsweise Dorisch und Lydisch. Solche Tonarten lassen sich nicht allein durch die Angabe eines Grundtons und des Tongeschlechts Dur oder Moll eindeutig benennen. Stattdessen nennt man den Grundton und den verwendeten Tonleitertyp, etwa c-Dorisch oder D-Lydisch.
Die Modi werden dabei nicht als zusätzliche Tongeschlechter behandelt. Im System der Kirchentöne galten die einzelnen Kirchentöne als Tonarten beziehungsweise species, während Cantus durus und Cantus mollis die Tongeschlechter beziehungsweise genera bildeten. Dorisch und Phrygisch werden wegen der kleinen Terz über dem Grundton dem Tongeschlecht Moll zugeordnet; Lydisch und Mixolydisch gehören wegen der großen Terz zum Tongeschlecht Dur. Entsprechend zeigt in den Bezeichnungen ein kleiner Grundtonbuchstabe Moll, ein großer Grundtonbuchstabe Dur an.
Die um 1900 beginnende Loslösung von der traditionellen Dur-Moll-Tonalität führte einerseits zur Atonalität Schönbergs und der Zweiten Wiener Schule, andererseits zu neuen Formen von Tonalität. Dazu gehört die von Paul Hindemith vertretene freie Tonalität. Sie unterscheidet weder Tongeschlechter noch diatonische Tonleitern, sondern nutzt die gesamte chromatische Tonleiter als Tonmaterial. Tonarten entstehen hier dadurch, dass einzelne Töne aufgrund ihrer Intervallbeziehungen hervortreten und zu tonalen Zentren werden. Eine Tonartangabe bezeichnet deshalb nur noch den Grundton: Statt C-Dur oder c-Moll schreibt man C, ohne Zusatz und stets groß.
Schreibweise der Tonartnamen
Die heute von einflussreichen deutschen Wörterbüchern wie Duden und Wahrig empfohlene Schreibweise lautet A-Dur und a-Moll. Der Grundton wird bei Dur groß und bei Moll klein geschrieben, danach folgen ein Bindestrich und das großgeschriebene Tongeschlecht. Die Großschreibung von Dur und Moll berücksichtigt, dass diese Wörter häufig substantivisch gebraucht werden, etwa in „Modulation nach Moll“.
Die unterschiedliche Schreibung des Grundtons entspricht der großen Durterz und der kleinen Mollterz und wurde bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts zur Konvention. Dadurch sind auch Kurzformen wie „Sonate in A“ für A-Dur und „Sonate in a“ für a-Moll möglich. Arnold Schönberg verwendete die heutige Standardschreibweise bereits 1911 konsequent in seiner Harmonielehre; der Duden wechselte im verbesserten Neudruck der 14. Auflage 1958 zum „großen Dur“.
Daneben kommen weiterhin Formen wie A-dur und a-moll, A dur und a moll, A dur und A moll sowie A-Dur und a-moll vor. Solche Varianten beruhen unter anderem auf Traditionen, ästhetischen Vorlieben, der Orientierung an fremdsprachigen Schreibweisen oder fehlender Kenntnis der Regeln.
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