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Boléro
Boléro (in der spanischen Schreibweise Bolero, so auch im Manuskript des Komponisten) ist ein Orchesterstück des französischen Komponisten Maurice Ravel aus …
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Wesen und Entstehung
Der Boléro ist ein Orchesterstück des französischen Komponisten Maurice Ravel aus dem Jahr 1928. Ursprünglich als Ballett konzipiert, wurde es zu einem der populärsten Werke der neueren Orchesterliteratur. Kennzeichnend sind ein gleichbleibender Rhythmus, zwei unveränderte Melodien und ein kontinuierliches Crescendo, also eine stetige Steigerung der Lautstärke und Klangdichte.
Die Komposition entstand von Juli bis Oktober 1928 und ist Ida Rubinstein gewidmet. Ravel entwickelte sie auf ihre Anregung hin als spanisches Ballett. Sein ursprünglicher Plan, Tänze aus Isaac Albéniz’ Klavierwerk Ibéria zu orchestrieren, scheiterte an den bereits vergebenen Transkriptionsrechten. Daher schrieb er eine eigenständige Komposition: einen sehr langsamen, einsätzigen Tanz, in dem Melodie, Harmonik und der von einer Rührtrommel markierte Rhythmus gleichbleiben; das Crescendo bildet das einzige wesentliche Abwechslungselement.
Die Ballett-Uraufführung fand am 22. November 1928 in der Pariser Oper unter Walther Straram mit einer Choreographie von Bronislava Nijinska statt. Ida Rubinstein tanzte die Hauptrolle als einzige Frau in einem Kreis von 20 jungen Tänzern. Arturo Toscanini leitete am 14. November 1929 mit den New Yorker Philharmonikern die erste konzertante Aufführung in den USA. Die erste französische konzertante Aufführung dirigierte Ravel am 11. Januar 1930 in Paris.
Besetzung
Ravels Partitur verlangt ein großes Orchester: 3 Flöten, von denen die 2. auch Piccolo und die 3. nur Piccolo spielt, 3 Oboen, 4 Klarinetten, 2 Saxophone, 3 Fagotte, 4 Hörner, 4 Trompeten, 3 Posaunen, Tuba, Pauken, Schlagwerk, Celesta, Harfe und Streicher.
Zu den besonderen Instrumenten gehören Oboe d’amore, Englischhorn, Bassklarinette, Kontrafagott, Bassposaune, Tamtam und zwei kleine Trommeln. Vorgesehen ist außerdem ein „Sopraninosaxophon in F“. Da solche Instrumente nicht hergestellt werden, wird diese Stimme in der Regel auf einem Sopransaxophon in B gespielt.
Aufbau und musikalische Wirkung
Der Boléro beruht auf dem traditionellen Rhythmus eines langsamen spanischen Boleros im 3/4-Takt. Eine, später zwei Kleine Trommeln wiederholen diesen Rhythmus während des gesamten Stücks als rhythmisches Ostinato, also als ständig wiederkehrende Figur. Die Rhythmusfigur der Kleinen Trommel wird 169-mal wiederholt.
Darüber erklingen zwei jeweils 16-taktige Melodien, in Analysen meist Thema A und Thema B genannt. Beide bilden ein melodisches Ostinato und werden insgesamt 18-mal wiederholt, ohne dass ihre melodische Kontur verändert oder entwickelt wird. Thema A bewegt sich im Tonvorrat von C-Dur. Thema B enthält einen erweiterten modalen Tonvorrat und beginnt mit einer kleinen Septime. Dadurch erinnert es sowohl an die Blue-Note-Melodik des Jazz als auch an südspanische Volksmusik. Seine letzten vier Takte führen mit den Tönen F–Es–Des–C nach dem Vorbild einer Andalusischen Kadenz abwärts.
Die Spannung entsteht aus dem Gegensatz zwischen den unveränderten rhythmischen und melodischen Ostinati und der bei jeder Wiederholung wechselnden Instrumentierung. Zunächst spielen einzelne Instrumente oder Instrumentengruppen die Melodie solistisch beziehungsweise unisono. Nach und nach kommen weitere Instrumente hinzu, die Klangfarbe wird dichter und die Lautstärke nimmt kontinuierlich zu. Die Melodien wandern dabei unter anderem von Flöte, Klarinette, Fagott, Oboe d’amore, Saxophonen und Posaune zu Holzbläsern, Streichern und Blechbläsern.
Besonders ungewöhnlich ist die 9. Wiederholung von Thema A: Ein Horn spielt in C-Dur, die Celesta verdoppelt die Melodie zwei und drei Oktaven höher, während zwei Piccoloflöten sie in G-Dur und E-Dur spielen. Dadurch werden die ersten bis vierten Obertöne der Melodietöne verstärkt. An anderer Stelle wird die C-Dur-Melodie in G-Dur verdoppelt. Abgesehen von diesen Klangüberlagerungen besteht die Begleitung hauptsächlich aus diatonischen Akkorden.
Kurz vor dem Ende wechselt die Tonart unvermittelt nach E-Dur und kehrt nach acht Takten nach C-Dur zurück. Sechs Takte vor Schluss setzen Basstrommel, Becken und Tamtam erstmals ein. Posaunen und Saxophone spielen laute Glissandi, und das gesamte Orchester übernimmt den Grundrhythmus. Der Schlussakkord ist dissonant und löst sich nach C-Dur auf.
Interpretation und Aufführungspraxis
Ravel bezeichnete den Boléro als „reines Orchesterstück ohne Musik“ und als nichts anderes als ein „langes, progressives Crescendo“. Für eine Aufführung sind deshalb neben der Spielgeschwindigkeit besonders die klare Herausarbeitung des Aufbaus und das Halten der Spannung bis zum Schluss wichtig. Ravel stellte sich ein einheitliches Grundtempo vor.
Einige Dirigenten verändern jedoch das Tempo am Höhepunkt. Claudio Abbado beschleunigt zum Schluss, während Lorin Maazel für einen dynamischen Schlusseffekt breiter wird. Ravel kritisierte Arturo Toscanini, weil dieser den Boléro zu schnell gespielt habe; Toscanini entgegnete, Ravels Tempo erzeuge nicht genügend Wirkung.
Die Dauer ist unterschiedlich überliefert und hängt von der Interpretation ab. Ravel soll von 17 Minuten gesprochen haben, während Walter Labharts Werkverzeichnis 16 Minuten angibt. Die überlieferte Metronomzahl beträgt 72 Schläge pro Minute; einige Einspielungen dauern deshalb etwa 14 Minuten. Lorin Maazels Aufnahme von 1992 mit den Wiener Philharmonikern dauert 14:42 Minuten. Als herausragend gelten unter anderem Aufnahmen von Herbert von Karajan, Pierre Boulez, Seiji Ozawa, Daniel Barenboim, Charles Dutoit und Stanisław Skrowaczewski mit Dauern von 16 bis 17 1/2 Minuten. Sergiu Celibidache erreichte 1993 mit den Münchner Philharmonikern 18:11 Minuten; Daniel Barenboim dirigierte 2022 bei den Salzburger Festspielen mit dem West-Eastern Divan Orchestra eine Fassung von 14:20 Minuten.
Frühe und ausgewählte Einspielungen
Am 13. Januar 1930 war Ravel bei der ersten Schallplattenaufnahme des Werkes anwesend. Sie entstand bei der Gramophone Company mit dem italienischen Dirigenten Piero Coppola und einem Studioorchester. Am folgenden Tag dirigierte Ravel selbst das Lamoureux-Orchester für eine Aufnahme bei Polydor, dem Auslandslabel der Deutschen Grammophon.
Weitere frühe Aufnahmen entstanden am 14. April 1930 für RCA-Victor mit dem Boston Symphony Orchestra unter Serge Koussevitzky und am 31. Mai 1930 für Columbia mit dem Concertgebouw-Orchester unter Willem Mengelberg. Insgesamt gibt es mehr als 500 Einspielungen.
Beispiele sind Herbert von Karajan mit den Berliner Philharmonikern (1964, 16:08), Pierre Monteux mit dem London Symphony Orchestra (1964, 15:23), Igor Markevitch mit dem Radio Sinfonie Orchester Spanien (1967, 14:37), Seiji Ozawa mit dem Boston Symphony Orchestra (1974, 15:03), Charles Dutoit mit dem Orchestre symphonique de Montréal (1981, 15:02), Claudio Abbado mit dem London Symphony Orchestra (1985, 14:20), Jos van Immerseel mit Anima Eterna (2005, 16:53) und François-Xavier Roth mit Les Siècles (2023, 15:16).
Rezeption und Film
Ravel stand der großen Popularität des Werkes skeptisch gegenüber. Gegenüber Arthur Honegger sagte er: „Ich habe nur ein Meisterwerk gemacht, das ist der Boléro; leider enthält er keine Musik.“ Dennoch wurde das Stück vielfach künstlerisch neu interpretiert und in Popmusik, Filmmusik und anderen Medien verwendet.
Angélique Kidjo ersetzte 2007 in „Lonlon (Ravel’s Bolero)“ die ursprüngliche Instrumentierung weitgehend durch A-cappella-Gesang. Moritz von Oswald und Carl Craig bearbeiteten 2008 im Rahmen der ReComposed-Reihe den Boléro und Mussorgskis Bilder einer Ausstellung. Johannes Kreidlers Minusbolero entfernt alle melodischen Elemente aus der Partitur, sodass nur die ebenfalls immer lauter werdenden Begleitstimmen übrig bleiben. Deep Purple übernahm in Child in Time das Prinzip einer langen kontinuierlichen dynamischen Steigerung. 2002 erreichte SYMPHONIC mit einer Techno-Version Platz 30 der deutschen Charts.
Ennio Morricone ließ sich für das Titelstück des Italowesterns Il Mercenario (Die gefürchteten Zwei) vom ostinaten Trommelrhythmus inspirieren, verwandelte ihn aber in einen langsamen Pasodoble im 4/4-Takt. Das Eistanzpaar Jayne Torvill und Christopher Dean gewann bei den Olympischen Winterspielen 1984 in Sarajevo mit einer gekürzten Boléro-Kür die Goldmedaille. Kōji Kondō plante den Boléro zunächst als Titelmusik für das erste The Legend of Zelda, ersetzte ihn wegen urheberrechtlicher Bedenken jedoch kurz vor der Veröffentlichung durch eine eigene Komposition.
Im Film Zehn – Die Traumfrau (1979) mit Bo Derek spielt der Boléro in einer erotischen Szene eine wichtige Rolle und wird namentlich erwähnt. Bruno Bozzettos Animationsfilm Allegro non troppo verwendet das Stück in voller Länge zur Untermalung einer Episode über die Evolution. Der französische Spielfilm Die leisen und die großen Töne von Emmanuel Courcol aus dem Jahr 2024 behandelt das gemeinsame Dirigieren des Stücks als Annäherung zweier lange verschollener Brüder. Anne Fontaines Spielfilm Bolero (2024), mit Raphaël Personnaz als Ravel, erzählt die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte. Außerdem entstanden die Dokumentationen Leidenschaft Bolero (Frankreich 2007, 59 Minuten) und Boléro – Refrain der Welt (Frankreich 2019, 53 Minuten).