Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Kadenz (Harmonielehre)

In der Harmonielehre bezeichnet Kadenz (italienisch cadenza, von lateinisch cadere ‚fallen, enden') meist eine Akkordfolge, die den Abschluss eines …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff und Funktion
  2. 2. Kadenz als Schlussformel
  3. 3. Kadenz als harmonischer Grundbaustein
  4. 4. Vollkadenz
  5. 5. Riemanns musikalische Logik
  6. 6. Einfache Liedbeispiele

Grundbegriff und Funktion

In der Harmonielehre bezeichnet Kadenz meist eine Akkordfolge, die den Abschluss eines musikalischen Abschnitts oder eines ganzen Stückes bewirkt. Eine Kadenz kann also eine Schlusswirkung erzeugen und dabei häufig eine Tonart bestätigen. Allgemeiner wird der Begriff auch für feste, oft wiederholte Kadenzformeln verwendet, zum Beispiel für die Andalusische Kadenz.

Seit dem 18. Jahrhundert ist der Begriff mehrdeutig. Er wird nicht nur für Schlusswendungen benutzt, sondern auch für Akkordfolgen, die als Grundelemente der Harmonik gelten, ohne unbedingt einen Abschluss zu bilden. Wichtige theoretische Bezugspunkte sind Jean-Philippe Rameau und später Hugo Riemann. Aus diesem weiteren Verständnis stammen Begriffe wie „erweiterte Kadenz“ und „Vollkadenz“.

Kadenz als Schlussformel

Als Schlussformel löste das Wort Kadenz im späten 15. Jahrhundert zuerst in Italien die ältere Bezeichnung „clausula“ oder „Klausel“ ab. Viele Kadenzen lassen sich aus der Kombination solcher Klauseln erklären.

Für Musik des 18. und 19. Jahrhunderts werden mehrere Unterarten von Schlussformeln unterschieden: vollkommener und unvollkommener authentischer Schluss oder Ganzschluss, Plagalschluss, Halbschluss und Trugschluss. Eine wichtige Grundfolge zur Schlussbildung und Tonartbestätigung ist Tonika, Subdominante, Dominante und wieder Tonika. In Stufen wird sie als I – IV – V – I angegeben.

Die Tonika ist der Grundakkord der Tonart, die Subdominante steht auf der vierten Stufe, die Dominante auf der fünften Stufe. Beispiele für einfache Funktionsfolgen sind T-D-T als authentische Kadenz, T-S-T als plagale Kadenz und T-S-D-T als Vollkadenz. In Moll werden entsprechend kleine Buchstaben verwendet, etwa t-D-t, t-s-t oder t-s-D-t.

Im Jazz gibt es ebenfalls typische Schlussformeln, unter anderem II – V – I, V – IV – I und ♭VII – V^7 – I. Aus historischen Lehrwerken oder aus der Forschung zu älteren Repertoires stammen Bezeichnungen wie Cadenza doppia, Parallelkadenz beziehungsweise Doppelleittonkadenz sowie männliche und weibliche Endung.

Kadenz als harmonischer Grundbaustein

Jean-Philippe Rameau (1683–1764) übertrug den Begriff Kadenz auf Akkordfolgen, die nicht nur am Ende eines Abschnitts stehen. Seine Idee war, dass Akkordverbindungen innerhalb eines Abschnitts im Grunde ähnlich funktionieren wie Schlussformeln. In seinem „Code de musique pratique“ von 1760 formulierte er sinngemäß: Abgesehen vom Übergang von einer Tonika zu irgendeiner Note sei alles Kadenz, nämlich vollkommene, gebrochene, unterbrochene oder irreguläre Kadenz, einschließlich ihrer Nachahmungen.

Bei Rameau bedeutet „cadence parfaite“ einen Quintfall im Fundamentalbass nach einem Dominantseptakkord. „Cadence rompue“ bedeutet einen Sekundanstieg im Fundamentalbass nach einem Dominantseptakkord. „Cadence interrompue“ bedeutet einen Terzfall im Fundamentalbass nach einem Dominantseptakkord. „Cadence irrégulière“ bedeutet einen Quintanstieg im Fundamentalbass. Der Fundamentalbass ist dabei die gedachte Basslinie der Grundtöne der Akkorde.

Ein musikalischer Abschnitt kann nach dieser Sicht als Aneinanderreihung solcher Kadenzen oder kadenzähnlicher Akkordfolgen verstanden werden. Eine Quintfallsequenz besteht zum Beispiel aus einer Kette vermiedener oder „vorgetäuschter“ cadences parfaites.

Lars Ulrich Abraham definiert „Kadenz“ als „eine Akkordgruppe von Tonika zu Tonika“ und sieht darin „mehr als eine harmonische Schlußwendung, nämlich ein Ordnungsprinzip aller Harmonik“. Daraus ergeben sich Unterscheidungen wie „Kadenz“ und „Schlußkadenz“ oder „Schlußkadenz“ und „Binnenkadenz“. Seine Bezeichnung der Vollkadenz als „die für die Bachzeit wichtigste Kadenz“ wird im Artikel als missverständlich beschrieben, weil sie entweder eine konkrete Schlussfolge T-S-D-T behaupten könnte oder allgemeiner ein theoretisches Urbild meint.

Vollkadenz

Seit Hugo Riemann ist die „vollständige Kadenz“, „einfache Kadenz“, „Hauptkadenz“ oder „Vollkadenz“ ein wichtiger Ausgangspunkt vieler, besonders deutscher Harmonielehren. Gemeint ist die Akkordfolge I IV V I beziehungsweise die Funktionsfolge T S D T: Tonika, Subdominante, Dominante, Tonika.

Diese Verbindung gilt in solchen Lehrsystemen als „Vor- und Urbild“ tonaler Musik oder als „vollkommenes Abbild der Tonalität“. Da sie alle Töne der Tonleiter enthält, soll durch sie eine Tonart eindeutig bestimmt werden.

Damit entfernt sich der Begriff Kadenz deutlich von seiner ursprünglichen Bedeutung als bloße Schlussformel. Michael Dachs und Paul Söhner weisen darauf hin, dass I-IV-V-I in zwei Teile zerfällt. Die erste Tonika der Vollkadenz ist nach ihnen ein Anfangsakkord; sie gehört nicht selbst zur Schlusswendung, sondern steht ihr voran. Die Vollkadenz ist deshalb keine reine Schlussformel, sondern enthält mindestens eine Schlussformel. Dachs und Söhner unterscheiden daher zwischen „Kadenz“ und Schlüssen wie authentischem Schluss, Plagalschluss und Halbschluss.

Riemanns musikalische Logik

Hugo Riemann deutete die Kadenz nicht nur als Akkordfolge, sondern als Prinzip musikalischer Form. Die Hauptdreiklänge einer Dur- oder Molltonart sind die Akkorde der 1., 4. und 5. Stufe: Tonika, Subdominante und Dominante. Ihre Verbindung bildet für ihn die einfache Kadenz, die durch harmonisches Gefälle, Spannung und Entspannung geprägt ist.

Schon in seiner ersten Veröffentlichung erklärte Riemann die „sogenannte große Cadenz“ I-IV-I-V-I beziehungsweise Tonika-Unterdominante-Tonika-Dominante-Tonika zum „Typus aller musikalischen Form“. Er sah darin eine Art musikalische Logik, die allem vernünftigen Musikschaffen zugrunde liegen sollte.

Diese Logik erklärte Riemann zunächst mit Begriffen der Dialektik. Die Tonika erscheint zuerst als bloße Behauptung oder „These“. Die Unterdominante stellt diese in Frage und wirkt als „Antithese“. Die Dominante und die abschließende Tonika bilden die „Synthese“, weil die Dominante durch ihre Terz, den Leitton der Tonart, zur Tonika zurückdrängt.

Riemann nahm außerdem an, dass die Hauptakkorde I, IV und V durch Nebenharmonien II, III, VI und VII vertreten werden können. Durch Wiederholungen, Einschübe, Erweiterungen und Wiederaufnahmen entstehen „erweiterte Cadenzen“. Deshalb konnte für ihn jede gelungene musikalische Phrase als eine erweiterte Kadenz verstanden werden. Später beschrieb er die vier Hauptstationen der tonalen Kadenzbildung ohne dialektische Begriffe als Tonika, Unterdominante, Oberdominante und abschließende Tonika.

Die Folge T-D-S-T hielt Riemann für problematisch. Nach seiner Auffassung ist nach der Oberdominante die Unterdominante nur über die übersprungene Tonika verständlich; außerdem habe der Rückgang von der Unterdominante zur Tonika nicht die gleiche Schlusskraft wie die Folge Oberdominante-Tonika.

Einfache Liedbeispiele

Der Artikel nennt mehrere Lieder als Beispiele für elementare Kadenzformeln. Für T-D-T werden unter anderem „Schlafe, schlafe, holder süßer Knabe“ von Schubert, „O du lieber Augustin“, „Ich liebe Dich, so wie Du mich“ von Beethoven, „Es tönen die Lieder“, „Kein schöner Land“, „Der Kuckuck und der Esel“ und „Ihr Kinderlein kommet“ genannt.

Für T-S-T nennt der Artikel unter anderem „Alle Vögel sind schon da“, „Morgen kommt der Weihnachtsmann“, „Nobody Knows the Trouble I’ve Seen“, „Il était un’ bergère“, „Ehre sei dem Vater“ und „The Sun Shines Bright“.

Für T-S-D-T werden unter anderem „Als ich ein jung Geselle war“, „Wenn die Nachtigallen schlagen“, „Wem Gott will rechte Gunst erweisen“, „Kommet, ihr Hirten“, „O Straßburg, O Straßburg, du wunderschöne Stadt“, „An der Saale hellem Strande“ und „Gaudeamus igitur“ als Beispiele aufgeführt.

Lernvideos zu Kadenz (Harmonielehre)

Weiterlesen

Harmonielehre Unter Harmonielehre wird die systematische Erfassung der Akkordgestalten und des tonalen Klangraumes verstanden, verbunden mit methodischen Anleitungen … Ostinato Ein Ostinato (lateinisch obstinatus, hartnäckig, eigensinnig) ist in der Musik eine sich stetig wiederholende musikalische Figur, sei es eine Melodie, … Andalusische Kadenz Andalusische Kadenz (spanisch cadencia andaluza), gelegentlich auch als Spanische Kadenz bezeichnet, ist der Oberbegriff für harmonische, meist vier- bis … Musiktheorie Moderne Musiktheorie ; Generalbass und Partimento in Theorie und Praxis ; Instrumentation und Arrangement ; Instrumentenkunde und Stimmung ; Gehörbildung ; Akustik. Klausel (Schlusswendung) Klausel (lateinisch/italienisch clausula) bezeichnet in der abendländischen Musiktheorie seit dem 12. Jahrhundert eine formelhafte Wendung, die in … Authentischer Schluss Ein authentischer Schluss oder eine authentische Kadenz (von griech. authentikos: echt, glaubwürdig) ist in der Harmonielehre und in der musikalischen … Plagalschluss Der Plagalschluss ist vor allem in der Barockmusik anzutreffen und findet sich vereinzelt auch im 19. Jahrhundert, z. B. bei Robert Schumann und Johannes Brahms … Halbschluss Halbschluss bezeichnet in der Musiktheorie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts meist ein Abschnittsende, dessen Schlussklang ein Akkord der fünften Stufe … Trugschluss (Musik) Die wichtigsten Trugschlüsse, welche das Ohr um die erwartete Schlusswirkung der Tonika „betrügen“, sind als Tonikavertreter in Dur die Tonikaparallele und in … Tonika Tonika oder Tonica (französisch tonique ‚tonisch' zu griechisch τόνος tonos, deutsch ‚Spannung') heißt in der dur-moll-tonalen Musik der Grundton der Tonart, … Subdominante Subdominante, auch Unterdominante, bezeichnet den Akkord auf der vierten Stufe einer Dur- oder Molltonleiter. Die Bezeichnung Subdominante (sous-dominante) … Dominante spanisch dominante) bezeichnet in der Harmonielehre sowohl die fünfte Stufe einer Dur- oder Moll-Tonleiter als auch die Funktion aller darauf basierenden …