Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Madagaskar
Die Insel liegt etwa 420 Kilometer vor der Ostküste Mosambiks im Indischen Ozean. Madagaskar ist mit einer Fläche von 587.295 Quadratkilometern nach Indonesien …
Inhalt6 Abschnitte
Überblick und Naturraum
Madagaskar ist ein Inselstaat in Ostafrika und heißt amtlich Republik Madagaskar. Die Insel liegt etwa 420 Kilometer vor der Ostküste Mosambiks im Indischen Ozean. Mit 587.295 km² ist Madagaskar nach Indonesien der flächenmäßig zweitgrößte Inselstaat der Welt und die viertgrößte Insel. Die Hauptstadt ist Antananarivo, Amtssprachen sind Malagasy und Französisch, die Währung ist der Ariary. Für 2024 werden 32,0 Millionen Einwohner und eine Bevölkerungsdichte von 54 Einwohnern pro km² geschätzt. Madagaskar wurde am 26. Juni 1960 von Frankreich unabhängig.
Die Insel wird manchmal als „achter Kontinent“ bezeichnet, weil sie sehr lange isoliert war und dadurch eine besonders eigenständige Natur entwickelte. Madagaskar trennte sich vor 150 Millionen Jahren von Afrika und vor 90 Millionen Jahren vom indischen Subkontinent. Das Zentrum der Insel bildet ein Hochland mit durchschnittlich 1100 Metern Höhe. Es fällt nach Osten steil ab, nach Westen sanfter. Wichtige Gebirge sind das Ankaratra-Massiv, das Andringitra-Gebirge und das Tsaratanana-Massiv. Dort liegt mit dem Maromokotro der höchste Berg der Insel, 2876 Meter hoch.
Das Klima ist tropisch. Die Niederschläge nehmen von Osten nach Südwesten ab: An der Westküste fallen teilweise nur 500 Millimeter Regen pro Jahr, an der Ostküste regional bis zu 4000 Millimeter. Die Jahresdurchschnittstemperatur liegt bei 25 °C. An den Küsten ist es wärmer, im Hochland kann die Temperatur bis unter den Gefrierpunkt sinken. Sommer und Winter entsprechen Regen- und Trockenzeit. Fast jährlich treffen Zyklone die Insel. Der größte See ist der Lac Alaotra. Die Flüsse gehören je nach Messmethode zu 12 bis 13 großen Einzugsgebieten; das größte ist das des Mangoky mit etwa 56.000 km².
Biodiversität und Umweltprobleme
Madagaskar gehört zu den Megadiversitätsländern, also zu den Gebieten mit besonders großer Artenvielfalt. Viele Arten sind endemisch: Sie kommen nur dort und nirgendwo sonst auf der Erde vor. Von etwa 12.000 Blütenpflanzenarten und 109 Säugetierarten sind jeweils 80 Prozent endemisch. Von 250 Vogelarten ist rund die Hälfte endemisch, von 260 Reptilienarten 95 Prozent und von 150 Froscharten alle.
Diese Natur ist stark bedroht. Seit der Besiedlung der Insel verschwanden viele Lebensräume durch Bevölkerungswachstum, Jagd, Rinderhaltung, Tropenholzabbau und besonders Brandrodung. Ursprünglich war Madagaskar zu rund 90 Prozent bewaldet; von 53 Millionen Hektar Wald sind heute nur noch etwa zehn Prozent erhalten. Drei Fünftel der tropischen Regenwälder wurden bereits in Savannen oder Sekundärwälder umgewandelt. Trotz gesetzlicher Verbote werden jährlich etwa 50 Prozent der Savannen abgebrannt. Die größten noch zusammenhängenden Regenwaldflächen liegen auf der Masoala-Halbinsel.
Zu den typischen Tieren gehören Lemuren, Tenreks und mehrere nur auf Madagaskar vorkommende Reptilien, Amphibien und Fische. Lemuren und Tenreks gelten als klassische Beispiele adaptiver Radiation: Aus Vorfahren entstanden viele verschiedene Arten, die unterschiedliche ökologische Nischen besetzen. Es gibt keine Affen und keine Giftschlangen auf der Insel. Die Raubtiere sind nur durch Eupleridae vertreten, darunter Fossa, Fanaloka, Falanuk und Madagaskar-Mangusten. Einige Arten sind bereits ausgestorben, etwa der Delacour-Zwergtaucher und die frühere Megafauna mit Elefantenvögeln, Riesenlemuren und Madagassischen Flusspferden.
Umweltschutz ist in der madagassischen Verfassung als Staatsziel festgeschrieben. Es gibt 47 offizielle Naturschutzgebiete, deren Schutz aber schwer durchzusetzen ist. Medienberichte und Recherchen von Nichtregierungsorganisationen nennen weiterhin illegalen Einschlag von Edelhölzern, besonders Rosenholz-Arten. Dürreperioden verschärfen die Lage im Süden: 2021 warnte die Welthungerhilfe, 14.000 Menschen seien akut in Lebensgefahr; das Welternährungsprogramm warnte vor 500.000 bedrohten Menschen.
Bevölkerung, Sprache, Religion und Versorgung
Madagaskar hatte 2023 30,3 Millionen Einwohner. Das jährliche Bevölkerungswachstum betrug +2,4 %. Dazu trug ein Geburtenüberschuss bei: 30,6 Geburten pro 1000 Einwohner standen 6,8 Sterbefällen pro 1000 Einwohner gegenüber. 2022 lag die statistische Kinderzahl pro Frau bei 3,8. Die Lebenserwartung ab Geburt betrug 2022 65,2 Jahre. Die Bevölkerung ist jung: 2021 lag das Medianalter bei 19 Jahren; 2023 waren 38,7 Prozent der Menschen unter 15 Jahre und 3,4 Prozent über 64 Jahre alt. 2023 lebten 41 Prozent der Einwohner in Städten.
Die Madagassen sind gemischt afrikanischer, besonders Bantu-, und asiatischer, besonders austronesischer, Abstammung. Der asiatische Anteil am Erbgut liegt im Mittel bei 38,5 %, schwankt aber regional stark. Die meisten ethnischen Madagassen sind durch die gemeinsame Sprache Malagasy verbunden. Der Staat erkennt offiziell 18 „Hauptethnien“ oder foko an, darunter Merina, Betsileo, Betsimisaraka, Sakalava, Antandroy, Mahafaly, Tanala und Vezo. Neben Madagassen leben auch Komorer, Franzosen, Chinesen und Inder auf der Insel. 2017 waren nur 0,1 % der Bevölkerung im Ausland geboren.
Malagasy wird von der Mehrheit gesprochen und ist zusammen mit Französisch Amtssprache. Französisch war in der Kolonialzeit die alleinige Amtssprache; von 2007 bis 2010 war auch Englisch Amtssprache. Die wichtigsten Publikationen erscheinen auf Französisch. Religiös nennt der Artikel 52 % indigenen Glauben, 41 % Christentum und 7 % Islam, wobei die Zahlen mit Vorbehalt zu lesen sind. Ahnenverehrung und Fady, also Regeln, was man an bestimmten Orten oder Zeiten nicht tun sollte, bleiben auch bei vielen offiziell christlichen oder muslimischen Madagassen wichtig.
Bildung ist kostenpflichtig, auch in Grundschulen. Es besteht Schulpflicht, doch nicht alle Kinder werden eingeschult. 2018 war etwa ein Viertel der Bevölkerung analphabetisch; die Quote ist bei weiblichen Jugendlichen deutlich höher als bei männlichen. Die Gesundheitsausgaben betrugen 2021 3,5 % des Bruttoinlandsprodukts. Die Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren lag 2022 bei 65,8 pro 1000 Lebendgeburten. 2017 hatten 54 % der Inselbewohner Zugang zu sauberem Trinkwasser; in Städten waren es 86 %, auf dem Land nur 36 %. Krankheiten wie Pest, Lepra, HIV und Malaria kommen vor. Die Pest ist seit den 1920er Jahren endemisch; bei einem Ausbruch 2017/2018 erkrankten 2348 Personen, von denen etwa 10 % starben.
Geschichte und Staat
Madagaskar gehört zu den letzten von Menschen besiedelten Gebieten der Erde. Konservative Schätzungen setzen die erste menschliche Präsenz um 350 v. Chr. an. Eine Studie von 2018 hält aufgrund von Schnittspuren an Knochen von Elefantenvögeln auch eine Anwesenheit um 8500 v. Chr. für möglich. Die Herkunft der ersten Bewohner ist ungeklärt; linguistische und genetische Erkenntnisse sprechen für Besiedlung aus Ostafrika, Süd- und Südostasien sowie dem Nahen Osten.
Am 10. August 1500 sichtete der portugiesische Seefahrer Diogo Dias als erster Europäer die Insel. Später nutzten europäische Händler Madagaskar vor allem im Handel im Indischen Ozean; ab 1641 verschleppten Niederländer und später britische oder amerikanische Händler Sklaven nach Mauritius. Ein erster französischer Kolonialisierungsversuch von 1643 bis 1672 scheiterte. Im 17. und 18. Jahrhundert nutzten Piraten Madagaskar als Basis.
Im späten 18. und 19. Jahrhundert wurde das Königreich der Merina wichtig. Andrianampoinimerina einte die Merina, eroberte 1794 Antananarivo und baute dort seinen Amtssitz aus. Sein Sohn Radama I. öffnete die Insel stärker gegenüber dem Ausland und suchte besonders Kontakt zum Vereinigten Königreich. Englische Missionare übersetzten die Bibel ins Malagasy und führten die lateinische Schrift ein. Unter späteren Herrscherinnen und Herrschern wechselten Öffnung und Abschottung. 1896 setzten sich die Franzosen durch, zwangen Ranavalona III. zur Abdankung und machten Madagaskar zur Kolonie.
Die französische Kolonialzeit dauerte von 1896 bis 1960. Die einheimische Bevölkerung wurde durch den Code de l’indigénat stark unterdrückt. Aufstände und nationalistische Bewegungen wurden niedergeschlagen, besonders der Aufstand von 1947/1948. Dabei kamen nach herrschender Meinung etwa 90.000 Madagassen ums Leben; es gibt aber auch Stimmen, die eine Opferzahl von höchstens 10.000 annehmen. 1956 brachte die loi-cadre Defferre das aktive und passive allgemeine Wahlrecht, also auch das Frauenwahlrecht.
Am 26. Juni 1960 wurde Madagaskar unabhängig. Danach wechselte das politische System mehrfach: Erste Republik, sozialistisch geprägte Demokratische Republik, Dritte Republik und seit 2009/2010 die Vierte Republik. In der Geschichte nach der Unabhängigkeit kam es zu Militärherrschaft, sozialistischer Verstaatlichung, wirtschaftlichen Krisen, Opposition, Putschen und umstrittenen Machtwechseln. 2009 stürzte Andry Rajoelina mit Unterstützung des Militärs Präsident Marc Ravalomanana; ab 2011 leitete ein international vermittelter Fahrplan den Weg zurück zu Wahlen. 2018 gewann Rajoelina die Stichwahl gegen Ravalomanana und trat 2019 sein Amt an. 2025 wurden Demonstrationen junger Menschen gewaltsam niedergeschlagen, 22 Demonstrierende wurden getötet; 2025 und 2026 wechselten Präsidenten- und Premierministerämter erneut.
Politik, Rechte und Medien
Madagaskar ist laut Artikel eine semipräsidentielle beziehungsweise präsidentielle Republik mit direkt gewähltem Präsidenten und Zweikammersystem. Die Nationalversammlung hat 160 auf fünf Jahre gewählte Mitglieder. Der Senat vertritt die sechs früheren Provinzen; ein Drittel seiner 90 Mitglieder wird vom Präsidenten ernannt, die übrigen werden gewählt. Der Premierminister wird vom Präsidenten ernannt. Teile der Angaben zum politischen System werden im Artikel als möglicherweise veraltet markiert.
Die Demokratie gilt als angeschlagen; Madagaskar wird als Hybridregime eingestuft. Politische Indizes zeigen Probleme: Der Demokratieindex nennt 2024 einen Wert von 5,33 von 10 und Rang 83 von 167, der Freedom in the World Index 2024 nennt 58 von 100 und den Status „teilweise frei“. Der Fragile States Index 2024 bewertet das Land mit 79,8 von 120 und „erhöhte Warnung“. Der Korruptionswahrnehmungsindex 2025 nennt 25 von 100 und Rang 148 von 181. Die Rangliste der Pressefreiheit 2026 bewertet die Lage mit 51 von 100 und Rang 103 von 180 als schwierig.
Menschenrechte sind im Alltag durch Armut, Bürokratie und staatliche Gewalt beeinträchtigt. Etwa ein Viertel der Bürger kann das Wahlrecht nicht ausüben, weil es keinen Personalausweis besitzt. Die Todesstrafe wurde 2014 abgeschafft und seit der Unabhängigkeit nicht mehr vollstreckt. Kinderarbeit und Kinderprostitution werden als gravierende Probleme genannt. Amnesty International berichtete über willkürliche Festnahmen, exzessive Gewalt gegen Demonstranten, Angriffe auf Journalisten und Oppositionsmitglieder sowie über schleppende Gerichtsverfahren und überfüllte Gefängnisse. Auch politische Gegner wurden wiederholt in unfairen Gerichtsverfahren verfolgt.
Die Medienlandschaft ist vielfältig, aber politisiert und anfällig für Einfluss durch Eigentümer aus Wirtschaft und Politik. Obwohl Pressefreiheit in der Verfassung vorgesehen ist, wird sie durch Gesetze gegen strafrechtliche Verleumdung und andere Einschränkungen geschwächt. Radio ist wegen hoher Analphabetenrate das wichtigste Nachrichtenmedium. Es gibt staatliche Sender wie Malagasy National Radio und Television Malagasy sowie viele private lokale Radio- und Fernsehsender. Im Dezember 2021 gab es 2,8 Millionen Internetnutzer, etwa 10 % der Bevölkerung; 2022 nutzten 20,6 Prozent der Einwohner das Internet.
Wirtschaft, Infrastruktur und Kultur
Madagaskars Wirtschaft trägt typische Merkmale eines Entwicklungslandes. Der Internationale Währungsfonds schätzte das Bruttoinlandsprodukt 2024 kaufkraftbereinigt auf 57 Milliarden US-Dollar beziehungsweise 1.911 US-Dollar pro Einwohner; in der Infobox werden für 2024 60 Milliarden USD KKP und 1.971 USD pro Einwohner genannt. Madagaskar zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Noch 2003 lebten 49 % der Bevölkerung von weniger als 1 US-Dollar pro Tag. Wegen hohen Bevölkerungswachstums und schwachen Wirtschaftswachstums sank das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von der Unabhängigkeit 1960 bis 2014 um 42 %. Wichtige Exportgüter sind Kaffee, Fischereiprodukte, Vanille, Gewürznelken, Litschi, Zucker sowie Bergbauprodukte wie Nickel, Ilmenitsande und Graphit. 2015 exportierte Madagaskar Waren für 2,3 Milliarden US-Dollar und importierte Waren für 3,2 Milliarden US-Dollar.
Die Infrastruktur ist schwach. Im Logistics Performance Index 2018 lag Madagaskar auf Rang 128 von 160 Ländern. Der Großteil des Verkehrs läuft über ein Straßennetz von 49.638 Kilometern, davon 5289 Kilometer asphaltiert. Wichtige Straßen sind die Route Nationale 1, die Route Nationale 2 zwischen Antananarivo und dem Hafen Toamasina sowie die Route Nationale 4 nach Mahajanga. Das Eisenbahnnetz umfasst 1030 Kilometer und verbindet unter anderem Antananarivo mit Toamasina sowie Fianarantsoa mit Manakara. Der wichtigste Seehafen ist Toamasina, über den 2005 68 Prozent des madagassischen Schiffsgüterverkehrs liefen. Wegen schlechter Straßen war auch der Inlandsflugverkehr lange wichtig; Madagascar Airlines fliegt 40 madagassische Ziele an.
Kulturell prägen traditionelle und moderne Elemente das Land. Zu den Sportarten gehören Moraingy, eine traditionelle Kampfkunst, tolon-omby, Wrestling mit Zebus, und fanorona, ein Brettspiel. Rugby Union gilt als Nationalsport und kam während der französischen Kolonialzeit auf die Insel; Fußball und pétanque sind ebenfalls beliebt. Madagaskar nahm 1964 erstmals an Olympischen Spielen teil. Die Architektur ist in Afrika einzigartig und ähnelt stark der Architektur im Süden Borneos. Traditionelle Häuser sind rechteckig und haben ein steil geneigtes, spitzes Dach mit zentraler Säule. Früher wurden meist lokale Pflanzenmaterialien genutzt; heute werden wegen Waldverlust und Modernisierung häufiger Beton, Glas und Eisen verwendet. Die Zafimaniry bewahren weiterhin hölzerne Architekturtraditionen.