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Dekonstruktion
französisch déconstruction ‚Zerlegung, Abbau'; ein Kofferwort aus „Destruktion“ und „Konstruktion“) bezeichnet eine Reihe von Strömungen in Philosophie …
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Grundidee und Abgrenzung
Dekonstruktion bezeichnet seit den 1960er-Jahren Strömungen in Philosophie, Philologie und Werkinterpretation. Jacques Derrida entwickelte den Begriff unter anderem mithilfe einer Analyse der Natur von Zeichen. Dekonstruktion ist ein kritisches Hinterfragen und Auflösen eines Textes im weiteren Sinn. Dabei wird untersucht, ob und wie ein Text seine eigene Bedeutung hinterfragt oder durchkreuzt und gerade durch solche Paradoxien Sinn erzeugt, etwa durch Widersprüche zwischen inhaltlicher Aussage und sprachlicher Form.
Die Bezeichnung „Dekonstruktivismus“ wird häufig verwendet, stammt aber vor allem von außenstehenden Autoren. Derrida unterschied die Dekonstruktion kritisch von „Dekonstruktivismus oder Dekonstruktivismen“, wenn diese als dogmatische Erscheinungsformen auftreten. Für ihn war Dekonstruktion keine festgelegte Lehre und kein allgemeines Regelwerk, sondern eine Haltung und eine besondere Weise des Lesens.
Das Verfahren grenzt sich von der Hermeneutik ab. Hermeneutik geht von einem quasi dialogischen Verhältnis zwischen Text und Interpret aus und strebt nach einem zunehmend besseren Verständnis einer im Text enthaltenen Botschaft. Sie unterstellt dabei eine rekonstruierbare Sinneinheit oder einen zusammenhängenden Sinn. Die Dekonstruktion fragt dagegen, wo ein Text sich selbst widerspricht, welche Voraussetzungen seine Aussagen haben und welche Bedeutungen durch seine sprachliche Gestaltung ausgeschlossen oder verdrängt werden. Ein ähnlicher Ansatz findet sich bei den Yale Critics Harold Bloom, Geoffrey Hartman, Paul de Man und J. Hillis Miller, die den „Deutungswahn“ zerstören wollten.
Historisch knüpft der Begriff unter anderem an Martin Heideggers Begriffe „Konstruktion“ und „Destruktion“ sowie deren methodische Verbindung an. Weitere Einflüsse liegen im Strukturalismus und in der Semiotik, also in Theorien über Natur und Gebrauch von Zeichen. Derrida entwickelte die Dekonstruktion außerdem im Zusammenhang mit seinem Konzept der Différance. Untersucht werden Sprache, Texte, Zeichen, Sinn und Bedeutung; zugleich werden diese Begriffe selbst sowie der ontologische Status des Subjekts infrage gestellt.
Vorgehen der Dekonstruktion
Derrida betonte, dass Dekonstruktion im strengen Sinn keine Methode sei. Eine Methode wäre eine wiederholbare Technik des Befragens oder Lesens, die unabhängig von den besonderen Eigenschaften eines Gegenstands eingesetzt werden könnte. Dekonstruktion befasst sich dagegen mit besonderen Texten und Situationen sowie mit der Geschichte der Philosophie und des Methodenbegriffs. Sie setzt deshalb auch eine Veränderung der Begriffe „Text“ und „Schrift“ voraus. Als „Text“ kann Derrida ebenso eine Institution, eine politische Situation, einen Körper oder einen Tanz bezeichnen.
In der praktischen Analyse lassen sich folgende Schritte unterscheiden:
- Zuerst wird die begriffliche Konstruktion eines theoretischen Feldes oder Textes identifiziert. Häufig treten dabei Gegensatzpaare oder Dichotomien auf.
- Danach werden die hierarchischen Verhältnisse dieser Gegensätze untersucht: Welches Element kommt häufiger vor, welches seltener oder gar nicht? Welches wird höher bewertet?
- Die Gegensatzpaare werden umgekehrt und abgeschwächt. Dabei wird besonders auf das Nicht-Gesagte und auf verdrängte Elemente geachtet.
- Für den Gegensatz wird ein weiterer Terminus entwickelt, der seine starre historische Ordnung in Bewegung versetzt. Beispiele sind „Konstruktion“ versus „Destruktion“ → „Dekonstruktion“, „Leben“ versus „Tod“ → „Gespenst“ sowie „Vergangenheit“ versus „Gegenwart“ versus „Zukunft“ → „Vorzukunft“.
- Die hierarchische Ordnung wird dadurch gebrochen und als geschichtlich bedingt sichtbar gemacht. Die Gegensätze bleiben „im Fluss“; auch die neue Bestimmung soll nicht zu einer endgültigen Festlegung werden.
- Der Text wird vom bisher ausgeschlossenen Element aus erneut gelesen. Dadurch entstehen neue Fragen an seine Bedeutung und Funktionsweise.
- Weitere dekonstruktive Arbeit soll verhindern, dass an anderer Stelle wieder feste und scheinbar endgültige Ordnungen entstehen.
Neue Begriffe können auf unterschiedliche Weise entstehen: als Neologismen, etwa „Zirkumfession“ aus „Zirkumzision“ und „Konfession“ oder „Différance“ aus „différence“ und „-ance“; durch Aufwertung des abgewerteten Elements, etwa der Schrift gegenüber dem gesprochenen Wort oder der Gabe gegenüber der Ware; durch die Umsetzung eines bereits vorhandenen, aber verdrängten Begriffs wie „Gespenst“; oder als Mischung dieser Verfahren. „Grammatologie“ verbindet beispielsweise einen Teil-Neologismus mit der Aufwertung und historischen Neuplatzierung der Schrift.
Dekonstruktive Werkinterpretation
Dialektische Systemversuche gingen davon aus, dass Gegensätze und Gegenthesen grundsätzlich zu einer Synthese verbunden werden können. Die Dekonstruktion ist gegenüber dieser Vorstellung skeptisch, weil in einer solchen Synthese meist eines der beiden Elemente bevorzugt wird. Außerdem besteht ein Text nicht nur aus These und Antithese, sondern aus vielen gleichzeitig vorhandenen Perspektiven, die miteinander in Konflikt stehen können. Dieser Konflikt ist oft nicht unmittelbar erkennbar und muss durch die Analyse offengelegt werden.
Dekonstruktive Interpretation untersucht daher nicht nur ausdrücklich mitgeteilte Inhalte. Sie fragt besonders nach den Gegenständen, Stimmen und Bedeutungen, die durch die Thematisierung anderer Gegenstände ausgegrenzt werden. Dazu werden die Sinn- und Verweisungsbeziehungen eines Textes zunächst kritisch eingeklammert. Untersucht werden dann unter anderem:
- Ausgrenzungs- und Etablierungsmechanismen,
- Strategien, durch die etwas glaubwürdig gemacht wird,
- hierarchische Strukturen im Gefüge der Signifikanten, also der bedeutungstragenden Zeichen,
- Bedingungen, an die Sinn- und Geltungsansprüche gebunden sind,
- Konflikte, Aggressivität, verdeckte Gehalte und nicht offen ausgesprochene Intentionen.
Die Abgrenzung eines Textes als selbstständiges, handhabbares Objekt wird problematisch, weil Sinn auch von kontingenten extrinsischen Faktoren abhängt. Texte müssen deshalb nicht nur in ihrer inneren Struktur, sondern auch in ihren Beziehungen zu anderen Texten erfasst werden. Hier besteht eine Verbindung zu Theorien der Intertextualität, wie sie Michail Bachtin und Julia Kristeva entwickelten. Begriffe werden außerdem auf ihre Geschichte und ihre Formen der Etablierung zurückbezogen. Anders als die Begriffsgeschichte hält die Dekonstruktion jedoch die Annahme einer intrinsisch stabilen, aus sich selbst heraus feststehenden Begriffsbedeutung für eine ungedeckte Unterstellung.
Gegenstände und gesellschaftliche Anwendungen
Nach Derrida ist jeder potenzielle Bedeutungsträger ein dekonstruierbarer Text. „Text“ meint dabei alles, sobald eine Spur vorhanden ist, die differentiell auf eine andere Spur verweist. Diese Verweise kommen nie endgültig zum Stillstand; es gibt keine festen Grenzen der Verweisung. Eine Spur ist weder reine Anwesenheit noch reine Abwesenheit. Daraus folgt ein erweiterter Textbegriff, außerhalb dessen kein Wirkliches gefunden werden kann, das unabhängig von solchen Verweisungen einfach als Anwesenheit oder Abwesenheit vorliegt.
Dekonstruktion kann auf Texte und philosophische Theorien angewendet werden, aber auch als künstlerische Praxis in bildender Kunst, Mode, Musik, Architektur und Film. Besonders stark wurde die Architektur beeinflusst; daraus entstand die Stilrichtung Dekonstruktivismus. Die Literatur zum Thema umfasst deshalb neben philosophischen und literaturtheoretischen Arbeiten auch Beiträge zur Architektur, etwa Jacques Derridas „Point de folie. Maintenant l’architecture“ von 1986 und Mark Wigleys Architektur und Dekonstruktion: Derridas Phantom von 1994. In der Archivtheorie ist Derridas Mal d’archive. Une impression freudienne von 1995 beziehungsweise die deutsche Ausgabe Dem Archiv verschrieben: Eine Freudsche Impression von 1997 ein einschlägiges Werk.
In Literatur- und Kulturwissenschaft wurde der Ansatz besonders im angelsächsischen Raum und in der Yale-School aufgegriffen. Derrida selbst lehnte es ab, seine Philosophie als literaturwissenschaftliche Methode zu einem festen Regelwerk auszuarbeiten. Auch nahestehende Interpreten sprechen eher von einer Haltung der Dekonstruktion.
Eine wichtige sozialwissenschaftliche Anwendung findet sich bei Judith Butler. In Gender Trouble von 1990 unterscheidet sie „sex“ und „gender“, also biologisches Geschlecht und soziokulturell geprägte Geschlechtsrolle. Dadurch kritisiert sie die Identitätskategorie „Frau“ als „Geschlecht als zwingende ständige Wiederholung kultureller Konventionen am Körper, die man niemals gewählt hat“. Diese Perspektive bildet eine theoretische Grundlage für Doing Gender und Gender Studies. Queer Theory und Butlers feministische Theorie untersuchen Identitäten, Identifizierungen sowie Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Die Entselbstverständlichung von Körper, Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität als Naturtatsachen soll dabei nicht einfach verneinen, sondern die Festigung und Verschleierung von Autoritäten sichtbar machen. Dekonstruktive Kulturtheorien untersuchen allgemein, wie vermeintliche Wesenheiten und Identitäten aus Machtverhältnissen hervorgehen, und schlagen politische Alternativen vor.
Zentrale Literatur und Debatten
Die im Artikel genannte Literatur gliedert sich in Einführungen, philosophische Grundlagen, literaturtheoretische Arbeiten sowie Anwendungen in Architektur, Archivtheorie und Religionsphilosophie. Zu den philosophisch grundlegenden Werken Jacques Derridas gehören Die Stimme und das Phänomen von 1967, in deutscher Ausgabe 1979, Grammatologie von 1967, deutsch 1983, Die Schrift und die Differenz von 1967, deutsch 1972, sowie Randgänge der Philosophie von 1988. Eine Auswahl von Texten zur Différance erschien 2004 bei Peter Engelmann.
Als Einführungen und Darstellungen nennt der Artikel unter anderem Jonathan Cullers Dekonstruktion. Derrida und die poststrukturalistische Literaturtheorie von 1999, Heinz Kimmerles Derrida zur Einführung in der 6. ergänzten Auflage von 2004, Robert Feustels Die Kunst des Verschiebens. Dekonstruktion für Einsteiger von 2015 und Peter Zimas Die Dekonstruktion. Einführung und Kritik von 1994. Die literaturtheoretische Debatte wird unter anderem durch Arbeiten von Paul de Man, Barbara Johnson, Geoffrey Hartman und den Sammelband Deconstruction and Criticism von Harold Bloom, Paul de Man, Jacques Derrida, Geoffrey Hartman und J. Hillis Miller geprägt.
Die Literatur enthält außerdem philosophische Auseinandersetzungen mit Emmanuel Lévinas, Edmund Husserl, Walter Benjamin, Martin Heidegger, Theodor W. Adorno und anderen. Sie behandelt politische Philosophie, Ethik, Biopolitik, Poststrukturalismus und das Verhältnis von Dekonstruktion und Hermeneutik. Kritische Gegenpositionen finden sich beispielsweise bei Alan Sokal und Jean Bricmont in Eleganter Unsinn von 1999. Religionsphilosophische Anwendungen werden unter anderem durch Jean-Luc Nancys Dekonstruktion des Christentums von 2008 und Antoine Derrides Messiah. Eine Dekonstruktion christlicher Theologie von 2008 vertreten.
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