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Psychomachia

Bemerkenswert häufig verwendete Stilmittel sind das Enjambement („Zeilensprung“, vgl. erstes Textbeispiel: „kopfüber unter die Achse | stürzt sie“) und …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kern und Aufbau
  2. 2. Vorwort und Seelenkampf
  3. 3. Der Tempel in der Seele
  4. 4. Deutung und Gewalt
  5. 5. Vorbilder, Überlieferung und Rezeption

Kern und Aufbau

Die Psychomachia („der Seelenkampf“) ist ein christliches lateinisches Epos des Dichters Prudentius (* 348; † nach 405). Es stellt einen allegorischen Kampf zwischen personifizierten Tugenden und Lastern dar und gilt als das erste durchgehend allegorische Gedicht der abendländischen Literatur sowie als eines der bedeutendsten Werke der christlichen lateinischen Epik. Die Seele ist dabei zugleich Kämpfende und Ziel des Kampfes: Sie kämpft um sich selbst.

Das Werk besteht aus einem Vorwort (Praefatio) und der eigentlichen Erzählung mit 916 Hexametern. Die ersten 725 Verse des Hauptteils schildern sieben Kämpfe zwischen Tugenden und entgegengesetzten Lastern; die Verse 726–915 beschreiben den Bau eines Tempels in der Seele. Dort wohnt Sapientia, die Weisheit und Königin der Tugenden.

Die sieben Kämpfe sind:

  • Fides, die Rechtgläubigkeit, gegen Veterum Cultura Deorum, die Pflege der alten Götter;
  • Pudicitia, die Keuschheit, gegen Sodomita Libido, die sodomitische Wollust;
  • Patientia, die Geduld, gegen Ira, den Jähzorn beziehungsweise Zorn;
  • Mens Humilis et Spes, Demut und Hoffnung, gegen Superbia et Fraus, Überheblichkeit und Betrug;
  • Sobrietas, Nüchternheit, gegen Luxuria, Ausschweifung;
  • Ratio et Operatio, Vernunft und Mildtätigkeit, gegen Avaritia, Habgier;
  • Concordia et Fides, Einigkeit und Rechtgläubigkeit, gegen Discordia cognomento Haeresis, Zwietracht mit dem Beinamen Häresie.

Tugenden und Laster erscheinen als Frauengestalten mit charakteristischen Attributen und Verhaltensweisen. Daneben treten zahlreiche weitere Personifikationen auf, teilweise in Katalogen von Lastern. Die allegorische Handlung verbindet christliche Lehre mit der Form und Sprache klassischer lateinischer Dichtung.

Vorwort und Seelenkampf

Das 68 Verse umfassende Vorwort ist in jambischen Trimetern verfasst. Es greift die alttestamentliche Erzählung von Abrahams Rettung Lots aus den heidnischen Städten Sodom und Gomorra auf. Die 318 Sklaven Abrahams, im Griechischen ΤΙΗ, werden als Hinweis auf die ursprüngliche Kreuzesform und auf die beiden Anfangsbuchstaben des Namens Jesus (ΙΗΣΟΥΣ) gedeutet. Die drei Engel, die Saras Empfängnis ankündigen, präfigurieren die Trinität, also die Wesenseinheit von Vater, Sohn und heiligem Geist. Der Hohepriester Melchisedek wird als Vorausbild des Heilands verstanden. Damit kündigt das Vorwort das Hauptthema an: den Kampf heidnischer Laster und christlicher Tugenden in der menschlichen Seele und den anschließenden Bau eines Weisheitstempels.

Eine Christus-Anrufung leitet den Seelenkampf ein. Die Rechtgläubigkeit tritt unbewaffnet und im Vertrauen auf ihre Stärke gegen die Götzenverehrung an. Sie wächst, besiegt das Laster und wird von einer Legion von 1.000 Märtyrern im Triumph begleitet. Die Wollust greift die Keuschheit mit einer Schwefelfackel an, doch die Keuschheit durchstößt ihr die Kehle mit dem Schwert. Sie erinnert dabei an Judiths Tötung des Holofernes; das Geschehen wird zugleich als Vorausbild der unbefleckten Empfängnis und der Fleischwerdung Gottes gedeutet. Die Wollust fällt in einen Schwefelpfuhl, während die Keuschheit ihr beflecktes Schwert im Jordan reinigt und in einem Taufbecken weiht.

Die Geduld bleibt ungerührt, als die Waffen des Jähzorns an ihrer Rüstung zersplittern. Der Jähzorn erschlägt sich schließlich selbst. Hiob begleitet die Geduld; seine Leiden wurden vielfach vergolten. Die Geduld ist die einzige Tugend, die alle anderen im Kampf unterstützt.

Die Überheblichkeit erscheint hoch zu Ross und verspottet Demut und Hoffnung sowie Tugenden wie Keuschheit, Frömmigkeit, Gerechtigkeit, Ehre, Mäßigung, Enthaltsamkeit, Reinheit und Einfalt. Sie beruft sich auf die militärische Überlegenheit ihres Volkes seit dem Sündenfall. Eine von der List gegrabene Grube wird ihr zum Verhängnis: Sie fällt hinein und wird von ihrem Pferd zerquetscht. Demut enthauptet sie auf Veranlassung der Hoffnung, wobei an Davids Tötung des Goliath erinnert wird.

Die Ausschweifung zieht aus dem Westen auf einem kostbaren Wagen ein und verführt die Tugenden. Enthaltsamkeit bleibt nüchtern, richtet die Kreuzesstandarte auf und blockiert damit die Wagenspeichen. Die Zufälligkeit gibt ihr einen Felsblock, mit dem sie das Gesicht der Ausschweifung zerschmettert. Weitere Laster wie Lästerung, Frechheit, Liebe, Schminke, Anmut, Zwietracht und Lust fliehen.

Die Habgier sammelt Kostbarkeiten und wird von Sorge, Esssucht, Furcht, Angst, Falschaussage, Blässe, Verderbnis, List, Lüge, Schlaflosigkeit und Schande begleitet. Sie blendet und verdammt die Menschheit und verwundet sogar Priester Gottes, die von der Vernunft geschützt werden. Als sie sich als Sparsamkeit verkleidet, wird sie von der Barmherzigkeit erwürgt. Diese hat ihr Vermögen den Armen gegeben und verteilt die Beute an sie.

Am Ende fliehen weitere Laster, und die Friedfertigkeit beendet den Krieg. Christus öffnet über dem Schlachtfeld den Himmel. Die Zwietracht dringt als Häresie in das Lager ein, bezeichnet Belial als ihren Lehrer und erklärt Gott für veränderlich. Die Rechtgläubigkeit stößt ihr eine Lanze in den Rachen; anschließend wird sie zerstückelt, ihre Teile werden vom Wind verweht, Tieren gegeben oder in Kloaken geworfen.

Der Tempel in der Seele

Nach Vers 725 folgt eine deutliche inhaltliche Zäsur. Die Eintracht mahnt von einer Rednertribüne aus, Zwietracht zu vermeiden, Friedfertigkeit zu bewahren und den „Wolf im Schafsfell“ zu erkennen, der mit Photinus und Arius verbunden wird. Die Rechtgläubigkeit lässt die Trauernden verstummen, weil die Eintracht zwar verwundet, aber von ihr verteidigt worden ist.

In Erinnerung an Salomos Tempel in Jerusalem gibt die Rechtgläubigkeit den Bau eines Tempels als Palast Christi in Auftrag. Gemeinsam mit der Eintracht legt sie seine vollkommenen Maße fest. Ein hohler Edelstein bildet den Grundstein und zugleich das Eingangstor. Die Eingangshalle ist aus einem einzigen Block gemeißelt. An den oberen Enden der Säulen stehen die zwölf Namen des apostolischen Senats; sie sollen die Seele vor der Sünde schützen.

Zwölf besondere Edelsteine lassen das Himmelslicht in bunten Farben durch die Mauern scheinen. Der innere Bezirk ruht auf sieben Kristallsäulen. Die Rechtgläubigkeit konnte sie erwerben, nachdem sie ihre Kriegsausrüstung versteigert hatte. Im Inneren thront Sapientia, die Weisheit, die Gesetze erlässt und regiert. Als Szepter hält sie einen immergrünen Zweig, der durch den Gesetzesstab Aarons vorgebildet ist.

Eine zweite Christus-Anrufung beendet das Epos. Gebetet wird darum, dass die Menschen die verborgenen Laster ihres Herzens erkennen. Dieses bleibt in einem beständigen Kampf zwischen Licht und Dunkel, bis Christus in der Seele einen Tempel der Tugenden errichtet, in dem die Weisheit ewig herrscht.

Deutung und Gewalt

Die Psychomachia ist sprachlich anspruchsvoll und symbolisch vielschichtig. Ihre Sprache neigt zum spätantiken Manierismus. Sätze können außerordentlich lang sein: Im Vorwort erscheint das erste Prädikat erst in Vers 10, und der erste Satz reicht bis nach Vers 14. Häufig sind Enjambements, also Zeilensprünge, bei denen ein Satz über das Versende hinaus weiterläuft. Im Schlussteil fällt außerdem die Alliteration auf. Das Partizip Perfekt wird häufig resultativ, also zur Bezeichnung eines erreichten Zustands, verwendet.

In Reden der Tugenden und anderen Passagen werden christologische, ekklesiologische und eschatologische Fragen behandelt: das Wesen Christi, die Kirche und die letzten Dinge. Prudentius vertritt das nizänisch-orthodoxe Christentum. Besonders der Arianismus wird zurückgewiesen; Arius wird in Vers 794 genannt. Die Psychomachia könnte außerdem eine autobiografische Komponente besitzen, weil Prudentius von seiner Bekehrung von einem angeblich lasterhaften früheren Leben zur Askese berichtet. Wegen der Aufnahme nichtchristlicher Vorstellungen wurde auch eine synkretistische Auffassung des Christentums vermutet.

Die ausführlichen Sterbeszenen der Laster folgen häufig dem Prinzip der Talion, der Wiedervergeltung. Bestrafungsart und Vergehen stehen in einer sachlichen Gleichheit oder Analogie zueinander. Der Hochmut fällt in eine Grube, die die List für die Gegnerin gegraben hatte. Die Habgier wird durch Zuschnüren der Kehle getötet, weil sie nach klassischer und biblischer Vorstellung unersättlich Reichtümer verschlingt. Die Wollust fällt in einen Schwefelpfuhl, und die Ausschweifung erbricht eigene Körperteile. Die Zerstückelung der Zwietracht deutet auf die Auflösung häretischer Gruppen hin. Das Motiv der Zerstückelung findet sich auch in orientalischen Mysterienreligionen.

Die Kriegsszenen spiegeln möglicherweise die Erfahrung der Barbareninvasionen. Die Kreuzesstandarte verweist auf das Zeichen, das Konstantin der Große bei der Schlacht an der Milvischen Brücke führen ließ. Wie Augustinus im Gottesstaat überträgt Prudentius weltliche Invasion in einen geistlichen Zusammenhang. Die Überheblichkeit kann dabei den römischen Imperialismus verkörpern. Umstritten ist, ob das Epos vor allem klassische Dichtung nachahmt oder als „christliches Supergedicht“ die heidnische Literatur ersetzen will.

Vorbilder, Überlieferung und Rezeption

Sprachlich und stilistisch lehnt sich die Psychomachia besonders an Vergils Aeneis an. Der erste Hexameter „Christe, graves semper hominum miserate labores“ erinnert an Aeneas’ Gebet an Apollo: „Phoebe, grauis Troiae semper miserate labores“. Die heidnische Vorlage wird in eine christliche Botschaft umgeformt. Neben der Epik verarbeitet Prudentius Elemente des antiken Lehrgedichts. Die durchgehende Personifikation als Strukturprinzip eines Epos besitzt jedoch kein Vorbild in der klassischen heidnischen Tradition. Ein wichtiger zeitgenössischer Bezugspunkt ist Claudian; wegen der unklaren Datierung ist aber nicht sicher, wer von beiden den jeweils anderen rezipierte.

Die christlichen Vorbilder beruhen auf alttestamentlicher Präfiguration und patristischer Bibelauslegung. Hiob steht für die Geduld, Judas Iskariot für die Habgier, Judith für die Keuschheit und David für den Kampf gegen heidnische Könige. Judith wird typologisch mit Maria verbunden. Die Tempelbeschreibung erinnert an Kirchenbauten, an die Edelsteine der Himmelsstadt in der Offenbarung des Johannes und an die paulinische Vorstellung von Leib oder Seele als Tempel Gottes. Die sieben Laster Prudentius’ entsprechen noch nicht dem späteren festen Kanon der sieben Todsünden. Evagrius Ponticus hatte zuvor einen Katalog von acht Lastern als „bösen Gedanken“ entwickelt; Johannes Cassianus übermittelte dieses Schema dem lateinischen Westen.

Die Datierung ist unsicher. Hieronymus erwähnt die Psychomachia und Prudentius in seinem Werk De viris illustribus, das die christliche Literatur bis 392 behandelt, nicht. In der vom Autor selbst verfassten Vorrede zu seinem Gesamtwerk von 404/5 fehlt das Werk ebenfalls. Deshalb könnte es später entstanden sein. Die Handschriften ordnen es regelmäßig als vierten Titel vor Contra Symmachum ein. Eine Entstehung um 408/9 wurde vermutet, weil Schlachten auf eine unmittelbare Bedrohung Roms anspielen könnten; diese Datierung ist nicht gesichert. Prudentius stammte aus Hispanien und hatte vor seiner dichterischen Tätigkeit ein unbekanntes Amt am Hof Theodosius’ I. inne. Die Zerstörung Roms 410 findet im Gesamtwerk keinen sicheren Widerhall.

Im Mittelalter war die Psychomachia eines der am häufigsten rezipierten Gedichte der Antike. Mehr als 300 Prudentius-Handschriften sind erhalten; die älteste nicht illustrierte Handschrift aus dem 6. Jahrhundert enthält den vollständigen Text der Psychomachia. Zwanzig Handschriften bis zum Ende des 13. Jahrhunderts sind illustriert. Zahlreiche lateinische, althochdeutsche und altenglische Glossen erklären vor allem einzelne Wörter. Die Handschriften waren oft reich glossiert und illuminiert.

Die Motive der Tugenden und Laster beeinflussten mittelalterliche Malerei, Skulptur und Bauplastik, unter anderem in Notre-Dame de Cunault und Saint-Nicolas de Tavant. Auch der Rosenroman, Dantes Göttliche Komödie, die Barockliteratur und die religiöse Malerei Hans Memlings griffen allegorische Vorstellungen auf. Seit Reformation und Aufklärung sank das Interesse; seit dem 19. Jahrhundert wird das Werk vor allem von der Klassischen Philologie untersucht, im deutschen Sprachraum besonders durch Christian Gnilka. Eine moderne wissenschaftliche Ausgabe mit Übersetzung und Kommentar legte Magnus Frisch 2020 vor.

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