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Kardinaltugend
Kardinaltugend ; Aufklärung · Tapferkeit, ; Moderne · Klugheit, ; China · Menschlichkeit ( 仁, rén) ; Yoga und Hinduismus · Ahimsa (Gewaltlosigkeit) ; Siehe auch.
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Begriff und Grundform
Kardinaltugenden oder Primärtugenden sind grundlegende Tugenden, an denen sich das sittliche Handeln orientiert. Seit der Antike bezeichnet der Ausdruck gewöhnlich vier Haupttugenden: Klugheit beziehungsweise Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung beziehungsweise Besonnenheit. Die Zusammenstellung war anfangs jedoch nicht bei allen Autoren gleich. Eine Vierergruppe ist im Griechenland des 5. Jahrhunderts v. Chr. belegt und war vermutlich schon früher bekannt.
Der Ausdruck „Kardinaltugenden“ wurde erstmals im 4. Jahrhundert vom Kirchenvater Ambrosius von Mailand verwendet. Thomas von Aquin erklärt das Bild dahinter: Die Kardinaltugenden sind wie eine Türangel, an der die übrigen Tugenden befestigt sind. Sie gelten damit als tragende Grundlagen weiterer guter Eigenschaften und Handlungen.
Die vier Tugenden in der Antike
Die früheste belegte Vierergruppe findet sich in Aischylos’ 467 v. Chr. entstandenem Stück „Sieben gegen Theben“. Darin wird der Seher Amphiaraos als verständig (sóphron), gerecht (díkaios), tapfer (agathós) und fromm (eusebés) beschrieben. „Agathós“, wörtlich „gut“, ist hier im Sinne von „tapfer“ zu verstehen.
Platon übernahm die Vierergruppe in seinen Dialogen „Politeia“ und „Nomoi“. Er behielt Tapferkeit (andreia), Gerechtigkeit (dikaiosýne) und Besonnenheit (sophrosýne) bei, ersetzte aber die Frömmigkeit durch Klugheit (phrónesis) oder Weisheit (sophía). In Platons Modell der Seele und des idealen Staates gehört die Weisheit zum obersten Seelenteil beziehungsweise zum höchsten Stand, die Tapferkeit zum zweitrangigen und die Fähigkeit zum Maßhalten zum niedrigsten. Die Gerechtigkeit betrifft alle drei: Sie sorgt dafür, dass die Teile richtig zusammenwirken.
Platons Zeitgenosse Xenophon schrieb Sokrates vor allem Frömmigkeit und Gerechtigkeit zu: Frömmigkeit ordnet das Verhältnis zwischen Menschen und Göttern, Gerechtigkeit das Verhältnis der Menschen untereinander. In den „Memorabilien“ behandelt er daneben auch Tapferkeit, Weisheit beziehungsweise Besonnenheit und weitere Tugenden.
Die Akademie Platons und die Stoiker übernahmen den Kanon der vier Tugenden. Über stoische Schriften gelangte er wahrscheinlich in rhetorische Handbücher und wurde in der hellenistischen und römischen Welt weithin bekannt. Auch im Judentum erscheinen dieselben vier Haupttugenden, unter anderem im Buch der Weisheit (8,7) und im 4. Buch der Makkabäer (1,18) der Septuaginta. Philon von Alexandria deutete die vier Flüsse des Paradieses als Sinnbilder der vier Tugenden.
Marcus Tullius Cicero verbreitete die Lehre in der römischen Welt. In „De officiis“ nennt er Gerechtigkeit (iustitia), Mäßigung (temperantia), Tapferkeit und Hochsinn (fortitudo, magnitudo animi beziehungsweise virtus) sowie Weisheit oder Klugheit (sapientia beziehungsweise prudentia). Dabei stützte er sich auf ein nicht erhaltenes Werk des Stoikers Panaitios.
Christentum, Aufklärung und Moderne
Christliche Theologen wie Ambrosius, Hieronymus, Augustinus, Beda und Hrabanus Maurus nahmen die antiken Tugendlehren in ihre Bibelauslegung auf. Ambrosius setzte sich im 4. Jahrhundert in „De officiis ministrorum“ mit Ciceros Lehre auseinander. Er sprach erstmals von „Kardinaltugenden“ (virtutes cardinales), verwendete aber häufiger die Bezeichnung „Haupttugenden“ (virtutes principales). Außerdem übernahm er Philons Deutung der vier Paradiesflüsse.
Thomas von Aquin ordnete die Kardinaltugenden systematisch in seine Morallehre ein. Nach seiner Erklärung heißt eine Tugend Kardinal- oder Haupttugend, weil andere Tugenden an ihr befestigt sind wie eine Tür in der Angel.
In der Aufklärung wich Immanuel Kant von der Vierergruppe ab. Für ihn gibt es im Verhältnis zu den Sekundärtugenden nur eine Primärtugend: den guten Willen. Nur dieser könne ohne Einschränkung für gut gehalten werden. Fehle er, könnten andere Tugenden sogar „äußerst böse und schädlich“ werden. Johann Friedrich Herbart bestimmte dagegen Tapferkeit, Freiheit, Güte und Gerechtigkeit als Kardinaltugenden.
Der moderne Philosoph Josef Pieper folgte der Tradition des Thomas von Aquin und nannte Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung als christliche Kardinaltugenden. Der Klugheit gab er den ersten Rang: Sie sei die „Gebärerin“ und der Formgrund der übrigen drei Tugenden und bestimme deren Maß. Nach dieser Auffassung kann nur ein kluger Mensch auch gerecht, tapfer und maßvoll sein.
Andere Tugendsysteme
Im Konfuzianismus werden fünf Kardinaltugenden (wŭcháng) unterschieden:
- Menschlichkeit (rén)
- Gerechtigkeit oder rechtes Handeln (yì)
- Sitte (lǐ)
- Wissen (zhì)
- Wahrhaftigkeit (xìn)
Nach Mengzi werden fünf sittlich geordnete Beziehungen genannt: Innigkeit zwischen Vater und Sohn, rechtes Handeln zwischen Fürst und Untertan, Trennung zwischen Gatte und Gemahlin, Reihenfolge zwischen Alt und Jung sowie Wahrhaftigkeit zwischen Freund und Freund.
Im Yoga und Hinduismus bilden fünf Yamas und fünf Niyamas grundlegende Verhaltensregeln. Die Yamas sind Gewaltlosigkeit (Ahimsa), Wahrhaftigkeit (Satya), Nicht-Stehlen (Asteya), Enthaltsamkeit (Brahmacharya) und Nicht-Zugreifen (Aparigraha). Die Niyamas sind Reinheit (Shauca), Genügsamkeit (Santosha), Opfer und Buße (Tapas), Studium und Reflexion (Svadhyaya) sowie Hingabe an Gott (Ishvara Pranidhana).
Kardinal- und theologische Tugenden
Der Kanon der vier Kardinaltugenden kommt im Neuen Testament nicht vor. Der Apostel Paulus nennt in 1 Kor 13,13 drei theologische Tugenden, also Tugenden, die sich unmittelbar auf Gott beziehen: Glaube (fides), Hoffnung (spes) und Liebe (caritas). Giotto stellte diese drei Tugenden in der Cappella degli Scrovegni in Padua dar.
Zusammen mit den vier Kardinaltugenden ergibt sich eine Siebenzahl:
- Weisheit oder Klugheit
- Gerechtigkeit
- Tapferkeit
- Mäßigung
- Glaube
- Hoffnung
- Liebe
Im Katechismus der Katholischen Kirche werden diese sieben Tugenden den sieben Todsünden beziehungsweise Hauptlastern gegenübergestellt.
Allegorische Darstellungen und Attribute
Allegorische Darstellungen verkörpern Tugenden als menschliche Figuren. Sie sind besonders häufig in repräsentativen Grabanlagen der Renaissance und des Barock zu finden, etwa an Grabmonumenten für Päpste, Bischöfe und weltliche Herrscher wie die Dogen von Venedig. Beispiele sind das Grab Papst Clemens’ II. im Bamberger Dom und die 1737 geschaffene barocke Fassade der Gesuati-Kirche in Venedig. Dort dienen Darstellungen von Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung dem Ruhm der Dominikaner als Auftraggeber.
Die Tugenden werden stets weiblich dargestellt, entsprechend dem grammatischen Geschlecht des lateinischen Wortes. Inschriften und typische Gegenstände, sogenannte Attribute, machen erkennbar, welche Tugend gemeint ist. Zu den wichtigsten Attributen der weltlichen Tugenden gehören:
- Klugheit (Prudentia): Schlange, Spiegel, Schriftrolle oder Buch sowie ein Januskopf mit zwei Gesichtern
- Gerechtigkeit (Justitia): Waage, Schwert, Krone und Augenbinde
- Tapferkeit (Fortitudo): Fahne, Rüstung, Schwert, Schild, Löwe oder eine Säule, die auf Simson verweist
- Mäßigung (Temperantia): Sanduhr, zwei Gefäße zum Mischen von Wasser und Wein, eine brennende Fackel mit einem Krug zum Löschen, Kamel oder Elefant, ein Schwert in der Scheide oder Zügel
Auch die theologischen Tugenden besitzen feste Attribute:
- Glaube (Fides): Kreuz, Kelch mit Hostie, Gesetzestafel oder Kerze
- Liebe (Caritas): Mutter mit Kindern, Fackel, brennendes Herz, Bettler oder Pelikan
- Hoffnung (Spes): Taube, Anker, Krone, Schiff, Fahne, zum Himmel gerichtete Augen oder Flügel
Raffael zeigt beispielsweise die Klugheit mit zwei Gesichtern und einem Spiegel sowie die Gerechtigkeit mit Waage, Schwert und Krone. In einem modernen Kirchenfenster erscheinen Glaube mit Kreuz, Hoffnung mit Anker und Liebe mit Herz.