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Personifikation

Die Personifikation, Personifizierung oder fictio personae ist je nach Kontext entweder eine rhetorische Figur, die Tieren, Pflanzen, Gegenständen, …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Abgrenzung
  2. 2. Personifikation als Stilmittel
  3. 3. Personifikationen in der bildenden Kunst
  4. 4. Personifikation in Religion und Mythos

Begriff und Abgrenzung

Personifikation, Personifizierung oder fictio personae bezeichnet je nach Zusammenhang unterschiedliche, aber verwandte Vorgänge: Tieren, Pflanzen, Gegenständen, toten Personen oder abstrakten Wesenheiten werden eine Stimme oder menschliche Züge gegeben. In der Kunst erscheint etwas Abstraktes in Gestalt einer Person; in Religion und Mythos werden Naturgewalten als personale Wesen vorgestellt. Im weiteren Sinn spricht man auch von Anthropomorphismus, also der Vermenschlichung von Nichtmenschlichem.

Je nach Auffassung kann Personifikation oder Anthropomorphismus als Sonderfall der Metapher gelten. Eine ausgeweitete Personifikation kann ebenso wie eine ausgeweitete Metapher als Allegorie verstanden werden. Eine Nationalallegorie personifiziert beispielsweise ein Volk, ein Land oder einen Staat. In einer Buchmalerei aus dem Evangeliar Ottos III. von 990 n. Chr. huldigen Sclavinia, Germania, Gallia und Roma Kaiser Otto III. durch Geschenke. Von der Personifikation zu unterscheiden ist die Personalisierung als Prinzip der Geschichtsdidaktik.

Personifikation als Stilmittel

In der Rhetorik ist die Personifikation eine häufige Stilfigur, besonders in Lyrik und Epik. Sie macht abstrakte Begriffe, Naturerscheinungen, Tiere oder Gegenstände so anschaulich, als könnten sie wie Menschen handeln, sprechen oder fühlen. Beispiele sind: „Jetzt lacht das Glück uns an / bald donnern die Beschwerden“ (Andreas Gryphius), „Der Garten trauert“, „Der Dollarkurs liegt am Boden“, „Der Tag verabschiedet sich“, „Die Sonne lacht“, „Der Himmel weint“ und „Der schlaue Fuchs“. Auch „Natur schläft“ sowie die Beschreibung ihres „Herzschlag[s]“ in einem Gedicht von Annette von Droste-Hülshoff personifizieren die Natur.

Ausdrücke wie „Vater Staat“, „Mutter Natur“ und „Väterchen Frost“ gelten als abgesunkene Personifikationen. Das sind ursprünglich bildhafte Personifikationen, die im alltäglichen Sprachgebrauch weitgehend fest geworden sind.

Personifikationen sind meist leicht zu erkennen. Besonders einfach wird die Bildung in einer Sprache, wenn Personen und die bezeichneten Gegenstände, Tiere oder Symbole dieselbe syntaktische beziehungsweise grammatische Struktur haben. Im Deutschen kann „der Regen“ wie eine Person handeln: „Der Regen griff nach mir“ besitzt dieselbe Struktur wie „Der Anton griff nach mir“. Gäbe es „regnen“ nur als Verb, wäre eine solche Personifikation weniger leicht möglich.

Personifikationen in der bildenden Kunst

In der bildenden Kunst kommen Personifikationen in allen Epochen vor. Sie verkörpern allegorisch abstrakte Inhalte oder Sachverhalte, zum Beispiel den Frühling, Christentum und Judentum, den Fluss Tiber, die Stadt Rom, den Gevatter Tod, eine gute Regierung sowie Tugenden oder Laster. In Dichtung und bildender Kunst treten Personifikationen daher häufig als Allegorien auf.

Ob eine Personifikation als Frau oder Mann dargestellt wird, hängt oft vom grammatischen Geschlecht des zugrunde liegenden Wortes ab. Am Haus zum Roten Ochsen in Erfurt ist die Sonne als bärtiger Mann dargestellt, weil der Künstler das lateinische maskuline Wort sol verwendete. Der Mond erscheint dagegen als Frau, da das lateinische Wort luna feminin ist. Personifikationen tragen häufig bestimmte Attribute, damit die Betrachter sie leichter erkennen können.

Ein Beispiel ist der Wahrheitstaler aus einer Serie emblematischer Taler Heinrich Julius’ zu Braunschweig und Lüneburg. Die Wahrheit ist nackt dargestellt und steht auf der Verleumdung und der Lüge. Die Inschrift lautet „VERITAS / VIN – CIT / OM – NIA / CALVMNIA / MENDACIUM“ und bedeutet: „Die Wahrheit besiegt alle Verleumdung und Lüge.“ Die symbolischen Darstellungen dienten dem Herzog in Auseinandersetzungen mit adligen Familien seines Landes ebenso wie die Mückentaler zur Propaganda. Auch Thomas Hobbes’ „Leviathan“ von 1651 zeigt eine anthropomorphe Darstellung des Staates.

Personifikation in Religion und Mythos

In Religion und Mythos werden Naturgewalten häufig als personale Wesen vorgestellt. Diese Form der Personifikation, die mit Animismus verbunden ist, hatte in der Religionsgeschichte eine bedeutende Rolle. Für die Personifikation im Christentum wird der Begriff Hypostase verwendet. Beispiele in der Kunst sind ein Turm, dessen heftige Stürme durch Köpfe dargestellt werden, oder ein personifizierter Tod und eine personifizierte Sonne auf einem Pesttaler zur Beendigung der Erfurter Pestepidemie von 1683. Eine Sedisvakanzmünze des Kirchenstaats, ein Mezzo Skudo von 1829, stellt die Kirche auf Wolken sitzend dar; sie hält ein Kreuz und weist auf die Tiara sowie ein Modell des Petersdoms.

Personifikationen können auch mit grundlegenden Denkweisen zusammenhängen. Sinneseindrücke werden im Gehirn durch bekannte Erfahrungen gedeutet. Kinder erleben zunächst sich selbst und andere Personen als Ursachen von Veränderungen. Deshalb erklären sie Veränderungen intuitiv manchmal durch Personen oder geisterhafte Wesen, etwa knarrende Dachbalken. Personifizierende Deutungsmuster stehen früher zur Verfügung als abstraktes Denken. Für jüngere Kinder kann die Vorstellung einer Sonne, die als Person über den Himmel wandert, leichter verständlich sein als ein heliozentrisches Weltbild mit abstrakten Begriffen wie Schwerkraft.

Auf diese Weise können Vorstellungen personifizierter Naturkräfte entstehen. Im griechischen Mythos ist Poseidon der Gott des Meeres; Zeus steht unter anderem für Wettergewalten, Aiolos für den Wind, Astraios für die Abenddämmerung und Eos für die Morgenröte. Wettererscheinungen werden außerdem mit Wetterheiligen, Chaac bei den Maya und Regentänzen in Verbindung gebracht. Die Sonne wurde in vielen Kulturen als Gottheit verehrt. Weitere Beispiele sind Yuki-onna als Schneegestalt, die Eisheiligen, Tezcatlipoca als Gott der Kälte sowie die Feuerbringer verschiedener Mythologien. Auch zahlreiche Bibelstellen können als Erinnerungen an ältere Personifikationen von Naturgewalten verstanden werden, etwa: „Und der Herr antwortete Hiob aus dem Wettersturm und sprach.“ (Ijob 38,1).

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