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Mennoniten
Als Mennoniten werden Menschen der ältesten evangelischen Freikirche mit unterschiedlich ausgerichteten Gemeinschaften bezeichnet, die als Gemeinsamkeit die …
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Grundidee und Selbstverständnis
Mennoniten sind Angehörige der ältesten evangelischen Freikirche. Ihre Gemeinden gehen auf die Täuferbewegungen der Reformationszeit zurück. Gemeinsame Kennzeichen sind die Gläubigentaufe, also die Taufe von Menschen, die sich bewusst zum Glauben bekennen, sowie ein starker Schwerpunkt auf Friedensethik und Gewaltfreiheit. Der Name leitet sich von Menno Simons (1496–1561) ab, einem Theologen aus Friesland. Er war nicht der Gründer der Täuferbewegung, prägte aber einen wichtigen Teil ihrer Theologie und Geschichte.
Die Mennoniten gehören zusammen mit Amischen und Hutterern zur täuferischen Konfessionsfamilie. Innerhalb der Mennoniten gibt es ein breites Spektrum: liberale, pietistische, evangelikale, traditionalistische und sehr konservative Gemeinden. Gruppen wie die Mennoniten alter Ordnung oder Altkolonier-Mennoniten prüfen technische Neuerungen besonders streng und leben teilweise deutlich abgegrenzt von der Mehrheitsgesellschaft. Sie machen aber nur einen kleinen Teil des weltweiten Mennonitentums aus. Viele andere mennonitische Gemeinden unterscheiden sich äußerlich nur wenig von anderen protestantischen Freikirchen.
Entstehung und Verfolgung
Die Geschichte der Mennoniten beginnt mit der Täuferbewegung, die um 1525 in Zürich im Umfeld der Schweizer Reformation entstand. Die Täufer sahen wie Luther und Zwingli die Bibel als entscheidende Quelle des christlichen Glaubens. Anders als die großen Kirchen lehnten sie aber die Kindertaufe ab und forderten die Taufe erst nach einer bewussten Glaubensentscheidung.
Staatliche und kirchliche Autoritäten sahen in den Täufern eine Gefahr. 1527 beschlossen schweizerische und südwestdeutsche Täufer die Schleitheimer Artikel, in denen zentrale Prinzipien wie Gewaltfreiheit und eine Freikirche außerhalb staatlicher Strukturen formuliert wurden. 1529 legte das Wiedertäufermandat im Römisch-Deutschen Reich die Todesstrafe für Täufer fest.
In Norddeutschland und den Niederlanden verbreiteten sich täuferische Ideen durch Melchior Hofmann. Nach radikalen Entwicklungen und den Ereignissen in Münster sammelte Menno Simons ab 1536 große Teile der niederländisch-norddeutschen Täuferbewegung und betonte eine pazifistische Theologie, die sich besonders auf die Bergpredigt stützte. Der Name „Mennoniten“ wurde zuerst von außen gebraucht, bot später aber auch Schutz, weil auf diesen Namen formal nicht die Todesstrafe stand.
Auswanderung und neuere Geschichte
Verfolgung, Ausweisung und rechtliche Beschränkungen führten dazu, dass viele Mennoniten Europa verließen. Vor allem zwischen etwa 1715 und 1815 wanderten Mennoniten und andere Täufer nach Osteuropa und Nordamerika aus. Schon 1683 gründeten Mennoniten aus dem Krefelder Raum mit anderen deutschen Auswanderern Germantown in Pennsylvania. Im 18. Jahrhundert folgten viele Pfälzer Mennoniten nach Pennsylvania.
Mennoniten siedelten auch im Weichsel-Nogat-Delta im Königlichen Preußen, wo sie Deiche und Kanäle bauten und Landwirtschaft ermöglichten. Nach der Ersten Teilung Polens 1772 kamen sie unter preußische Herrschaft; wegen des Militärdienstes wanderten ab 1789 viele nach Neurussland aus. Dort entstand die Gruppe der Russlandmennoniten. Nach Einführung der russischen Wehrpflicht 1874 wanderte etwa ein Drittel, besonders konservative Gruppen, nach Nordamerika aus.
Im 20. Jahrhundert entstanden mennonitische Siedlungen in Lateinamerika, etwa ab 1922 in Nordmexiko und ab 1927 in Paraguay, später unter anderem in Bolivien, Belize, Argentinien, Peru und Kolumbien. Viele Russlandmennoniten in Lateinamerika sprechen bis heute Plautdietsch. Unter Stalin wurden viele russlanddeutsche Mennoniten verhaftet, misshandelt, ermordet oder in Arbeitslager deportiert. Für die Jahre unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg wird geschätzt, dass von etwa 125.000 Mennoniten in der Sowjetunion ungefähr 35.000 ums Leben kamen. Nach 1990 kamen viele Russlandmennoniten nach Deutschland; heute leben dort mehr als 200.000 Menschen mit russlandmennonitischer Herkunft, aber nur ein Teil gehört mennonitischen Gemeinden an.
Glaubensprinzipien und Gemeindepraxis
Mennoniten teilen mit anderen reformatorischen Kirchen die vier Soli: allein durch die Schrift, allein durch den Glauben, allein durch die Gnade und allein Christus. Entscheidend für Glauben und Leben ist die Bibel; besonders wichtig ist die Bergpredigt. Zentrale Prinzipien sind Gläubigentaufe, Ablehnung von Eid und Militärdienst, Gemeindeautonomie, Priestertum aller Gläubigen und Trennung von Staat und Kirche.
Die Taufe gilt als öffentliches Bekenntnis einer bewussten Bekehrung und kann durch Untertauchen, Begießen oder Besprengen geschehen. Kindertaufen werden abgelehnt; stattdessen ist eine Kindersegnung möglich. Das Abendmahl wird als Erinnerungsmahl unter getauften Gläubigen gefeiert. Brot und Wein werden als Symbole verstanden; die Vorstellung einer Transsubstantiation wird abgelehnt.
Mennonitische Gemeinden sind meist demokratisch und kongregationalistisch aufgebaut. Das bedeutet: Die einzelne Gemeinde ist autonom und trifft wichtige Entscheidungen in der Gemeindeversammlung. Älteste, Prediger oder Pastoren und Diakone werden aus der Gemeinde gewählt. Gottesdienste haben keine feste Liturgie; im Mittelpunkt steht die Predigt. Laienprediger können ebenso predigen wie ausgebildete Theologen. Wichtig sind gemeinsames Singen, freiwillige Spenden und häufig auch soziales und friedenspolitisches Engagement.
Verbreitung und Organisation
Mennoniten sind weltweit verbreitet. Nach Angaben der Mennonitischen Weltkonferenz gab es 2015 weltweit etwa 2,1 Millionen Täufer in 80 Ländern. Regionale Schwerpunkte liegen unter anderem in Afrika, Nordamerika, Lateinamerika und Asien. 2015 lebten etwa 37 % in Afrika, 32 % in den USA und Kanada, 16 % in Asien und Australien, etwa 10 % in Lateinamerika und der Karibik und nur etwa 4 % in Europa, obwohl die Bewegung dort entstanden ist.
In Deutschland gab es nach Angaben von 2005 etwa 40.000 Mennoniten in rund 200 Gemeinden. Es existieren mehrere Gemeindeverbände, aber kein zentrales nationales Leitungsgremium, weil die Eigenständigkeit der Gemeinden betont wird. Wichtige Zusammenschlüsse sind die Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland, die Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Brüdergemeinden und weitere, oft russlanddeutsch geprägte Verbände. In Österreich sind die Gemeinden in der Mennonitischen Freikirche Österreichs zusammengeschlossen; 2026 leben dort etwa 400 getaufte Mennoniten. In der Schweiz umfasst die Konferenz der Mennoniten der Schweiz dreizehn Gemeinden mit 1800 Mitgliedern.
Ökumene und historische Verantwortung
Viele Mennoniten arbeiten mit anderen christlichen Kirchen zusammen, etwa in evangelischen Freikirchenbünden, der Evangelischen Allianz, Arbeitsgemeinschaften Christlicher Kirchen und teilweise im Ökumenischen Rat der Kirchen. International gibt es außerdem Dialoge mit anderen Konfessionen, darunter lutherische, katholische, baptistische und adventistische Gesprächspartner.
Wichtig sind auch die Beziehungen zu Kirchen, die Täufer früher verfolgt haben. Zwischen 1998 und 2003 fanden offizielle Treffen zwischen der Mennonitischen Weltkonferenz und dem Vatikan unter dem Stichwort „Unterwegs zu einer Heilung der Erinnerungen“ statt. Der Lutherische Weltbund erklärte 2009 tiefes Bedauern über das begangene Unrecht und bat die Mennoniten um Vergebung; 2010 entschuldigte sich seine Vollversammlung in Stuttgart für die Verfolgungen im 16. und 17. Jahrhundert.
Zur Zeit des Nationalsozialismus verhielten sich deutsche Mennoniten unterschiedlich: Viele blieben passiv, einzelne halfen Verfolgten oder kritisierten das Regime, andere unterstützten den Nationalsozialismus. Nach 1945 wurde das pazifistische Erbe wieder stärker betont. 1956 gründeten Mennoniten in Deutschland das Deutsche Mennonitische Friedenskomitee. Eine systematische Aufarbeitung der eigenen Schuld begann in Deutschland erst in den 1970er Jahren; 1995 veröffentlichte die Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden ein Schuldbekenntnis gegenüber Kriegsopfern und Juden.