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Kurfürstentum Sachsen

In der Frühen Neuzeit war das Kurfürstentum bis gegen Ende des 17. Jahrhunderts für etwa 200 Jahre das zweitbedeutendste Territorium und Schutzmacht der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Entstehung, Bedeutung und Raum
  2. 2. Politische Entwicklung bis zum Dreißigjährigen Krieg
  3. 3. Augusteisches Zeitalter, Kriege und Ende
  4. 4. Bevölkerung, Gesellschaft und Bildung
  5. 5. Wirtschaft, Handel und Kultur
  6. 6. Staat, Recht und Verwaltung

Entstehung, Bedeutung und Raum

Das Kurfürstentum Sachsen, kurz Kursachsen, war von 1356 bis 1806 ein Territorium des Heiligen Römischen Reiches. Ein Kurfürst war ein Reichsfürst mit dem Recht, den römisch-deutschen König zu wählen. Dieses Wahlrecht, die Kurwürde, wurde 1356 durch die Goldene Bulle Kaiser Karls IV. dauerhaft mit dem Herzogtum Sachsen-Wittenberg verbunden. Der sächsische Kurfürst bekleidete außerdem das Reichsamt des Erzmarschalls.

Nach dem Aussterben der askanischen Linie Sachsen-Wittenberg im Mannesstamm belehnte König Sigismund 1423 den wettinischen Markgrafen Friedrich den Streitbaren mit dem Herzogtum und der Kurwürde. Dadurch ging der Name Sachsen allmählich auf die meißnischen und thüringischen Besitzungen der Wettiner über. Rechtlich blieb die Kurwürde jedoch an den Kurkreis um Wittenberg gebunden.

Kursachsen war kein dauerhaft geschlossenes Gebiet. Käufe, Erbschaften, Teilungen und Kriege veränderten seine Grenzen fortwährend. Es erstreckte sich zeitweise über Teile der heutigen Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Brandenburg sowie über Gebiete im heutigen Polen und Tschechien. 1635 kamen Ober- und Niederlausitz hinzu; 1547 waren dagegen größere thüringische Gebiete verloren gegangen. Residenz war zunächst Wittenberg, seit 1547 Dresden; zeitweise dienten auch Altenburg, Meißen und Torgau als Herrschaftssitze.

Die Landschaft reichte vom nordsächsischen Flachland über die fruchtbaren Lössgebiete Mittelsachsens bis zum Erzgebirge und anderen Mittelgebirgen. Wichtigster Fluss war die Elbe, ihr längster Nebenfluss die Saale. Mittelsachsen mit Leipzig und Dresden war landwirtschaftlich ertragreich und ein bedeutender Verkehrsraum. Im dichter besiedelten Erzgebirge erschwerten wenig ergiebige Böden die Landwirtschaft, während Bergbau und Gewerbe dominierten. Silber, Zinn, Kupfer, Eisen, Kobalt und Wolfram machten das südliche Sachsen zu einem wichtigen europäischen Montanrevier. Bergbau, Steinbrüche, Kunstgräben und Holzeinschlag veränderten die Landschaft erheblich.

Politische Entwicklung bis zum Dreißigjährigen Krieg

Nach der Entmachtung Heinrichs des Löwen 1180 erhielten die Askanier den östlichen Teil des alten Herzogtums Sachsen. Aus dessen Teilung entstanden Sachsen-Lauenburg und Sachsen-Wittenberg. Letzteres setzte seinen Anspruch auf die Kurwürde durch und wurde 1356 eines der sieben Kurfürstentümer. Das kleine, strategisch an der mittleren Elbe gelegene Gebiet umfasste etwa 4500 bis 5000 km².

Unter den Wettinern entstand seit 1423 ein größerer mitteldeutscher Territorialkomplex. Der erste sächsische Landtag von 1438 gab Adel, Geistlichkeit und Städten ein Mitspracherecht, besonders bei neuen Steuern. Die Leipziger Teilung von 1485 trennte die wettinischen Länder in eine ernestinische und eine albertinische Linie. Die Ernestiner erhielten Kurkreis und Kurwürde, die Albertiner unter anderem Dresden und Leipzig. Diese Teilung schwächte die gemeinsame Machtstellung.

Wittenberg wurde zum Ausgangspunkt der Reformation. Kurfürst Friedrich der Weise schützte Martin Luther; die 1502 gegründete Universität Wittenberg verbreitete die neuen Lehren. Das ernestinische Kursachsen wurde 1525 evangelisch, 1527 entstand eine selbständige evangelisch-lutherische Landeskirche. Im albertinischen Landesteil wurde die Reformation 1539 eingeführt. Der Landesherr wurde als summus episcopus, also oberster Bischof, zugleich Oberhaupt der Landeskirche.

Im Schmalkaldischen Krieg besiegte der albertinische Herzog Moritz als Verbündeter Kaiser Karls V. seinen ernestinischen Vetter Johann Friedrich. Durch die Wittenberger Kapitulation vom 19. Mai 1547 verloren die Ernestiner Kurwürde und große Gebiete. Moritz wurde am 4. Juni 1547 mit der Kurwürde belehnt; die Albertiner behielten sie bis 1806. Kursachsen wurde zur wichtigsten Schutzmacht des evangelischen Glaubens im konfessionell gespaltenen Reich. Unter Moritz und August entstanden fünf Verwaltungskreise, ein dreistufiger Behördenaufbau sowie reformierte Gerichte und Finanzbehörden. Die Kursächsischen Konstitutionen von 1572 ordneten Zivil-, Straf-, Staats-, Lehn-, Erb- und Vertragsrecht.

Im Dreißigjährigen Krieg unterstützte Johann Georg I. zunächst den Kaiser und besetzte 1620 Ober- und Niederlausitz. Wegen kaiserlicher Truppendurchzüge und der Rekatholisierung wechselte Sachsen 1631 auf die schwedische Seite. Nach Kämpfen unter anderem bei Breitenfeld und Lützen schloss es 1635 den Prager Frieden und erhielt die Lausitzen endgültig. Direkte Kampfhandlungen endeten für Sachsen 1646; die letzten schwedischen Truppen zogen erst 1650 ab. Krieg, Hunger, Gewalt und Seuchen verursachten schwere Verluste; die Schätzung von etwa 400.000 Menschen umfasst auch ausgefallene Geburten.

Augusteisches Zeitalter, Kriege und Ende

Das Augusteische Zeitalter von 1694 bis 1763 war die kulturelle und wirtschaftliche Blütezeit Kursachsens. Friedrich August I., August der Starke, stärkte zentrale Behörden, förderte Dresden, Kunst, Architektur und höfische Repräsentation. Ein vollständiger Absolutismus entstand dennoch nicht, weil Adel, Landstände und Bürgertum ihren Einfluss behaupteten.

1697 wurde August nach seinem Übertritt zum Katholizismus König von Polen. Die Personalunion verband Sachsen und Polen-Litauen unter einem Herrscher, beide Staaten wurden aber getrennt regiert. Augusts Politik führte in den Großen Nordischen Krieg. 1706 musste er auf die polnische Krone verzichten, gewann sie 1709 jedoch zurück. Sein Sohn August III. wurde 1733 ebenfalls polnischer König. Die Union band große Geldmittel, führte aber nicht zu gemeinsamen dauerhaften Institutionen und endete faktisch 1764; 1765 verzichteten die Wettiner offiziell auf die polnische Krone.

Im Machtkampf um Schlesien unterlag Sachsen dem aufsteigenden Preußen. Im Siebenjährigen Krieg marschierten 1756 etwa 70.000 preußische Soldaten ein. Die sächsische Armee kapitulierte bei Pirna, und das Land blieb bis 1763 besetzt. Krieg, Plünderungen und Beschießungen richteten schwere Schäden an; etwa 90.000 Sachsen starben kriegsbedingt. Mit dem Hubertusburger Frieden 1763 verlor Sachsen seine Stellung als europäische Macht.

Nach dem Krieg stand der Staat mit 49 Millionen Talern Schulden, ungefähr dem Zehnfachen der damaligen Jahreseinnahmen, fast vor dem Bankrott. Das Reformprogramm des Rétablissement sanierte die Finanzen, beschränkte Hof und Militär, förderte Landwirtschaft, Gewerbe, Bildung und Verkehrswege und erreichte 1774 wieder einen Haushaltsüberschuss. Es folgte mindestens zwanzig Jahre lang starkes Wirtschaftswachstum.

1806 kämpfte Sachsen an der Seite Preußens gegen Napoleon und wurde nach der Niederlage besetzt. Im Frieden von Posen vom 11. Dezember 1806 trat es dem Rheinbund bei und geriet in französische Abhängigkeit. Kurfürst Friedrich August III. erhielt als Friedrich August I. den Königstitel; damit wurde aus dem Kurfürstentum das Königreich Sachsen. Auf dem Wiener Kongress 1815 verlor dieses später mehr als die Hälfte seines Territoriums und fast die Hälfte seiner Bevölkerung.

Bevölkerung, Gesellschaft und Bildung

Um 1600 lebten etwa 750.000 Menschen in Kursachsen. Trotz Kriegen und Epidemien stieg die Bevölkerung bis um 1805 auf ungefähr zwei Millionen. Für einzelne Jahre und den Vorkriegsstand nennen die überlieferten Reihen abweichende Zahlen. Die letzte und opferreichste Pest dauerte vom Frühjahr 1680 bis Januar 1681. Migration glich Verluste teilweise aus: Zwischen 1620 und dem Toleranzpatent von 1781 ließen sich schätzungsweise 50.000 bis 80.000 aus Böhmen vertriebene Protestanten in Sachsen nieder. Um 1805 galten 1.849.400 Einwohner als deutschsprachig; etwa 160.000 Sorben bewahrten Sprache und Kultur. Die Zahl der Juden wurde mit 600 angegeben. Mit etwa 50 Einwohnern je km² war Sachsen um 1800 eines der am dichtesten besiedelten deutschen Länder.

Die vormoderne Gesellschaft war in Stände gegliedert. 1805 umfasste der Stand aus Adel und Staatsbeamten 7600 Menschen, der geistliche Stand 16.706. Zum Dritten Stand gehörten Bürger und freie Bauern; angegeben werden etwa 592.000 Bürger und Stadtbewohner sowie 1.342.703 Bauern und Landleute. Ein wirtschaftlich aktives und vergleichsweise gebildetes Bürgertum entwickelte sich, blieb aber in die feudale Ordnung eingebunden. Auf dem Land bestanden Grundherrschaft, Frondienste und Patrimonialgerichtsbarkeit, also die Gerichtsherrschaft von Grundbesitzern.

Um 1500 gab es ungefähr 150 Orte mit Stadtrecht, in denen etwa ein Drittel der Bevölkerung lebte. Noch zur Reformationszeit hatte keine sächsische Stadt mehr als 10.000 Einwohner. Bis 1805 wuchs die Zahl der Städte mit über 5000 Einwohnern auf 20; Dresden hatte 55.181, Leipzig 30.796 und Chemnitz 10.835 Einwohner. Leipzig war überregionaler Handels- und Messeplatz, während viele kleinere Ackerbürgerstädte zugleich Amtssitze und Versorgungszentren ihres Umlands waren.

Nach der Reformation übernahm der Staat Bildungsaufgaben der Kirche. Die Kirchen- und Schulordnung von 1580 regelte städtische Lateinschulen und ländliche Küsterschulen; Jungen und Mädchen sollten Lesen, Schreiben und Kirchengesang lernen. Bedeutend waren die Fürstenschulen Pforta, Grimma und Meißen sowie die Universitäten Leipzig von 1409 und Wittenberg von 1502. Dennoch fehlten flächendeckende weiterführende Schulen für den Dritten Stand. Ein zentral organisiertes Gesundheits- und Sozialwesen bestand ebenfalls nicht. Familien, Zünfte, Kirchen, Kommunen und einzelne Spitäler versorgten Arme und Kranke. Das 1748 gegründete Collegium medico-chirurgicum in Dresden war die erste ärztliche Ausbildungsstätte Sachsens.

Wirtschaft, Handel und Kultur

Kursachsen war ein Agrarstaat mit starkem Bergbau, Gewerbe und Handel. Zwei Drittel der Bevölkerung lebten zunächst in dörflichen Verhältnissen. Im 18. Jahrhundert verbesserten Kleeanbau, Stallfütterung, künstliche Düngung sowie der Anbau von Kartoffeln, Futterrüben, Raps und anderen Pflanzen die Landwirtschaft. Der Kartoffelanbau verzwölffachte sich von 1755 bis 1800. Die Zahl der Merinoschafe stieg nach ihrer Einführung 1763 bis 1800 auf 900.000 bei insgesamt 1,5 Millionen Schafen.

Neben Zunfthandwerk und Heimarbeit verbreiteten sich Manufakturen, also arbeitsteilig organisierte Großbetriebe ohne vollständig maschinelle Produktion. Von 1763 bis 1800 wurden 148 Manufakturen gegründet. Schwerpunkte waren Leinen in der Oberlausitz, Baumwollwaren um Chemnitz, Metallverarbeitung und Heimgewerbe im Erzgebirge sowie Textilien im Vogtland. Die Meißner Porzellanmanufaktur beschäftigte um 1800 ungefähr 700 Menschen. Sachsen wurde damit eine Pionierregion der deutschen Industrialisierung, auch wenn die wirtschaftliche Dynamik hinter den Niederlanden und Teilen Süddeutschlands zurückblieb.

Leipzig war durch seine Messen der wichtigste Handelsplatz. Für 1790 wurde der gesamte jährliche Messhandel auf rund 18 Millionen Reichstaler geschätzt. 1768 standen Importen von 5,6 Millionen Reichstalern Exporte von 6,35 Millionen gegenüber; der Handelsüberschuss betrug etwa 750.000 Reichstaler. Ausgeführt wurden vor allem Leinen, Woll- und Metallwaren sowie Porzellan, eingeführt unter anderem Baumwolle, Seide, Kolonialwaren, Kupfer und Salz.

Kulturell prägten Reformation, Renaissance, Barock und Aufklärung das Land. Dresden entwickelte sich im 18. Jahrhundert durch Bauten wie Zwinger, Frauenkirche, Schloss Pillnitz und Moritzburg zum höfischen Kunstzentrum. Leipzig wurde durch Johann Sebastian Bach und Georg Philipp Telemann zu einer Musikstadt. Die kurfürstlichen Kunstsammlungen bewahrten nicht nur Kunst, sondern auch Werkzeuge, Instrumente und technisches Wissen. Zu wichtigen Leistungen gehörten die Entwicklung des europäischen Hartporzellans durch Johann Friedrich Böttger, die ab 1650 in Leipzig erscheinenden Einkommenden Zeitungen, die Rechenbücher Adam Ries’, die Orgeln Gottfried Silbermanns und die 1765 gegründete Bergakademie Freiberg. Regionale Alltagskultur zeigten unter anderem erzgebirgische Schwibbögen und Nussknacker.

Staat, Recht und Verwaltung

Kursachsen entwickelte sich von einer spätmittelalterlichen Landesherrschaft zu einem zentral verwalteten, ständisch geprägten Staat. Eine moderne Gewaltenteilung bestand noch nicht: Der Kurfürst vereinte grundsätzlich Regierung, Gesetzgebung und Rechtsprechung, war bei neuen Steuern aber an die Zustimmung der Landstände gebunden. Im Landtag waren Adel, Geistlichkeit und amtsfreie Städte vertreten; große Teile des Dritten Standes blieben ausgeschlossen. Die Stände behielten trotz absolutistischer Bestrebungen erheblichen Einfluss.

Seit dem 16. Jahrhundert entstand ein dreistufiger Behördenaufbau. Oberste Behörden wie Landesregierung, Geheimer Rat und Fachkollegien leiteten den Staat. Sieben Kreise bildeten die mittlere Ebene, wurden aber erst ab 1764 zu wirklichen Mittelbehörden ausgebaut. Die unterste Ebene bestand aus 144 Ämtern. Amtmänner verbanden Verwaltungs-, Finanz-, Polizei-, Militär- und Gerichtsaufgaben; Amtserbbücher erfassten Besitz, Rechte und Einkünfte. Ober- und Niederlausitz sowie einige Stiftsgebiete behielten besondere Strukturen.

Die Gerichtsbarkeit war zwischen landesherrlichen Ämtern, Städten und Grundherren aufgeteilt. Das 1483 eingerichtete Oberhofgericht Leipzig war die erste selbständige, vom Fürstenhof getrennte Behörde Kursachsens. Die Kursächsischen Konstitutionen von 1572 regelten Recht und Verfahren. In Hexenprozessen sind 614 vor Ämtern verhandelte Fälle nachweisbar; 200 endeten mit Todesurteilen. Das letzte Todesurteil wegen angeblicher Hexerei wurde 1689 auf dem Rittergut Ostrau vollstreckt.

Eine Polizei im heutigen Sinn gab es nicht. Ämter, Städte und Grundherren sorgten für innere Sicherheit. Seit dem späten 17. Jahrhundert entstanden Zucht- und Arbeitshäuser, später trat neben körperliche Strafen stärker der Gedanke der Besserung. Für die äußere Sicherheit unterhielt Sachsen seit 1682 ein stehendes Heer. Es umfasste 1717 etwa 30.000 Mann, blieb aber kleiner als das preußische Heer; 1778 betrug seine Stärke noch 23.400 Mann.

Ein geordnetes Finanzwesen mit Zentralbehörden, Steuern, Regalien und staatlichen Kassen ermöglichte dauerhafte Verwaltung. Ebenso verbesserten Landesvermessungen, Postwesen, Brückenbau und Postmeilensäulen die Erfassung und Verbindung des Landes. Das Straßenbaumandat von 1781 regelte Organisation und technische Ausführung des Straßenbaus. Erhaltene Schlösser, Amtshäuser, Brücken, Wappen und Postmeilensäulen erinnern bis heute an Kursachsen.

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