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Pronominale Anredeform

Als pronominale Anrede bezeichnet man die Anrede von Personen mit einem Pronomen, z. B. du, ihr, Sie. Die Wahl des jeweils angemessenen Pronomens wird durch …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundprinzip
  2. 2. Entwicklung im deutschen Sprachraum
  3. 3. Duzen heute und regionale Unterschiede
  4. 4. Sie, Ihr, Er und Wir
  5. 5. Besondere Anredeformen und Schreibweise
  6. 6. Anredeformen in anderen Sprachen

Begriff und Grundprinzip

Pronominale Anrede bedeutet, Personen direkt mit einem Pronomen anzusprechen, etwa mit „du“, „ihr“ oder „Sie“. Welche Form angemessen ist, hängt von gesellschaftlichen Normen ab; diese verändern sich mit Gesellschaft und Sprache. Entscheidend sind unter anderem Land, Sprache, soziale Gruppe, Verhältnis der Gesprächspartner und Situation.

Sprachen nutzen dafür unterschiedliche grammatische Formen: die zweite oder dritte Person im Singular oder Plural, gelegentlich Possessivpronomen oder auch Konstruktionen ganz ohne Pronomen. In der Soziolinguistik heißt der Gegensatz zwischen einem aus lateinisch tu abgeleiteten Solidaritätspronomen und einem aus vos abgeleiteten Machtpronomen T-V distinction.

Entwicklung im deutschen Sprachraum

Für die Zeit vor dem 9. Jahrhundert fehlen geeignete deutschsprachige Schriftzeugnisse. Ein frühes Zeugnis für „Ihr“ statt „du“ stammt von 865: Otfrid von Weißenburg verwendete es gegenüber dem Bischof von Konstanz. Die Anrede hoher Würdenträger mit der 2. Person Plural entwickelte sich wohl in der Spätantike; als möglicher Einfluss gelten spätrömische Kaiser und ihr Pluralis Majestatis. Im germanischen Sprachraum setzte die Unterscheidung ungefähr im 11. Jahrhundert ein.

Im Mittelalter wurden Ritter und Adelige zunehmend mit „Ihr“ angeredet, während Adel und Klerus das gemeine Volk duzten. Innerhalb der einfachen Land- und Stadtbevölkerung war das Duzen bis zum Ende des Mittelalters wohl die Regel, sofern jemand keine besondere Stellung hatte. Wolfram von Eschenbachs um 1200 entstandener „Parzival“ zeigt beispielhaft: Ein König duzt den Knappen Gâwân, der Knappe antwortet dem König mit „Ihr“ und „Herr“.

Ab der frühen Neuzeit verbreitete sich das Ihrzen im Stadtbürgertum und gegenüber Respektpersonen. Niederrangige Personen wie Kinder, Knechte und Untergebene wurden meist geduzt. Im frühen 17. Jahrhundert entstand aus indirekten Formulierungen wie „Der Herr hat“ durch Wegfall von „der Herr“ das Erzen, also die Anrede mit „Er“. Seit Ende des 17. Jahrhunderts entwickelte sich aus Formen wie „Euer Majestät haben“ und der Ellipse von „Euer Gnaden“ das Siezen, zunächst für Herrscher. Ab etwa 1730 setzte sich das Siezen allgemein durch; Ende des 18. Jahrhunderts verdrängte es „Ihr“ und „Er“ fast vollständig.

Um 1800 wurden Siezen sowie „Herr“, „Frau“ und „Fräulein“ unter Bürgern üblich, während auf dem Land Ihrzen oder Duzen teilweise erhalten blieb. Im 20. Jahrhundert galt überwiegend: Familie, Verwandte und enge Freunde werden geduzt, fremde Erwachsene ab etwa 16–17 Jahren gesiezt. Seit den 1968er-Bewegungen wurde das Duzen zur Verringerung sozialer Hierarchien stark propagiert. Nach einer Phase des Stillstands in den 1980er Jahren breitete es sich seit ungefähr der Jahrtausendwende erneut aus, etwa an Hochschulen, in Betrieben, Werbung und Institutionen. Mehrere Angaben zur historischen Entwicklung sind im Artikel jedoch als nicht hinreichend belegt gekennzeichnet.

Duzen heute und regionale Unterschiede

„Du“, „dich“ und „dein“ sind die direkte Anrede in der 2. Person Singular. Duzen kann Nähe und Vertrautheit ausdrücken und ist unter Freunden und Familien sowie gegenüber Kindern und Jugendlichen üblich. Asymmetrische Anreden sind möglich: Eine rang- oder altersmäßig höherstehende Person duzt, während die andere siezt. Dies kann einvernehmlich sein, etwa zwischen Lehrkräften und Schülern oder Studierenden.

Duzen und Vornamengebrauch sind in der Schweiz und in Österreich weiter verbreitet als in Deutschland; in den alten Bundesländern stärker als in den neuen. In Freizeit, Sport, Chats und Kommentarforen wird oft früh oder sofort geduzt. In der Schweiz duzt man sich auch in Vereinen, unter Nachbarn, in vielen Unternehmen und im Militär häufig. Im Schweizer Alpenraum soll ab 3000 Metern, in Österreich teils ab 1000 oder 2000 Metern, zum Du übergegangen werden. In Ferienregionen kann ein „Tourismus-Du“ bewusst Zusammengehörigkeit vermitteln.

Der Wechsel vom Sie zum Du wurde früher teils beim ritualisierten Brüderschafttrinken vollzogen. Heute genügen oft Formulierungen wie „Wir sagen du zueinander“ oder die Nennung des Vornamens. Ein „Tages-Du“ kann auf eine Veranstaltung begrenzt sein. Die Rückkehr zum Sie kann dagegen gewünschte Distanz anzeigen; dann ist es ein Distanz- oder Aversions-Sie, nicht unbedingt ein Höflichkeits-Sie. Ein vom jüngeren oder rangniederen Gegenüber angebotetes Du kann als unpassend empfunden werden, ist aber für sich genommen keine rechtliche Beleidigung.

In oberdeutschen Dialekträumen wird „du“ außerdem regional im Sinn von „man“ gebraucht, etwa: „Sobald du auf der Bühne stehst, ist dein Lampenfieber verschwunden.“ Personen, die diese Verwendung nicht kennen, können dies als persönliches Duzen missverstehen.

Sie, Ihr, Er und Wir

Das Siezen verwendet die aus der 3. Person Plural entlehnte Form „Sie“ und ist in der deutschen Standardsprache weiterhin die übliche Anrede Fremder, besonders im formalen Geschäftsbereich. Grammatisch wird sie wie „sie“ der 3. Person Plural dekliniert, aber als Höflichkeits- oder Distanzform einschließlich abgeleiteter Formen großgeschrieben. „Wohin gehen Sie?“ kann sich allerdings auf eine oder mehrere Personen beziehen. Gesprochen kann „Ist heute ihr Geburtstag?“ missverständlich sein: Gemeint sein kann der Geburtstag der Tochter, verstanden wird eher der der angesprochenen Mutter. Siezen wird traditionell mit dem Nachnamen verbunden; „Sie“ plus Vorname heißt Hamburger Sie.

„Ihr“ ist die normale Anrede einer Gruppe, deren Mitglieder man einzeln duzen würde: „Ihr seid zu spät.“ Spricht man eine Gruppe formell an, wird im Standarddeutschen auch dann gesiezt, wenn man viele Einzelne duzt; in Teilen des Oberdeutschen, etwa der Schweiz, ist dann auch „ihr“ verbreitet. Gegenüber einer Einzelperson ist großgeschriebenes „Ihr“ als Höflichkeitsform veraltet, lebt aber dialektal fort, etwa in Teilen der Deutschschweiz, im Eifeler und moselfränkischen Raum sowie in Varianten des Niederdeutschen. Regional kann „Ihr“ auch eine einzelne Person meinen, die eine Gruppe oder Institution vertritt, beispielsweise eine Kellnerin für das ganze Gasthaus.

Erzen bezeichnet die frühere Anrede eines Mannes mit „Er“, bei Frauen „Sie“ in der 3. Person Singular, zum Beispiel „Ich erlasse Ihm seine Schuld.“ Nach der allgemeinen Verbreitung des Siezens wurde sie oft gegenüber Untergebenen oder Handwerksmeistern verwendet und konnte herablassend wirken. Das Berliner Er kommt in Berlin, Brandenburg, der Lausitz und Mecklenburg umgangssprachlich noch vor.

Das Anrede-Wir meint grammatisch scheinbar die 1. Person Plural, schließt den Sprecher aber nicht wirklich ein: „Wie geht es uns denn heute?“ Es soll Nähe zwischen Betreuenden und Betreuten herstellen, etwa bei Arzt und Patient, und wird auch „Krankenschwestern-Wir“ genannt. Es kann ironisch oder vorwurfsvoll wirken: „Was haben wir uns denn dabei gedacht?“ Davon zu unterscheiden ist das Autoren-Wir, das entweder Autor und Publikum oder nur den Autor meint.

Besondere Anredeformen und Schreibweise

Eine Anrede ist auch ohne Pronomen möglich. Dann stehen Honorifica, also Anredebezeichnungen wie „der Herr“, „die Dame“ oder ein Titel: „Was trinkt der Herr?“ und „Möchte die Dame bezahlen?“ Diese Form kommt etwa im Restaurant vor.

In Gottesdienst, Gebet und Predigt werden Gott, Jesus, der Heilige Geist und Heilige im Deutschen mit der 2. Person Singular angesprochen. Bibelausgaben folgen damit der grammatischen Form der hebräischen, aramäischen und griechischen Urtexte. Pfarrer duzen etwa bei Trauungen häufig mit „Willst du …?“ oder traditionell in der Ohrenbeichte. Gegenseitiges Duzen zwischen Geistlichen und Gemeindemitgliedern bleibt eher selten.

Ein nicht einvernehmliches Du gegenüber Erwachsenen kann als Unhöflichkeit oder Affront empfunden werden und unter Umständen als Beleidigung gelten. Der Artikel nennt Fälle aus Nürnberg 1976 und dem Bodenseegebiet 1987, in denen Personen wegen der Du-Anrede von Polizisten erhebliche Strafen erhielten. 2006 wertete das Hamburger Landgericht das Duzen eines Polizeibeamten durch Dieter Bohlen dagegen als Unhöflichkeit ohne ehrverletzenden Inhalt.

Bei persönlicher Ansprache in Briefen oder direkten Mitteilungen dürfen „Du“, „Dir“, „Dich“ und „Dein“ nach der letzten Rechtschreibreform groß- oder kleingeschrieben werden. In anderen Textsorten, etwa Werbeplakaten oder Erzählungen, ist nur Kleinschreibung erlaubt.

Anredeformen in anderen Sprachen

Im Frühneuenglischen um 1500 standen thou für die vertrautere Einzahl und ye beziehungsweise you für Plural und förmlichere Anrede. Shakespeare unterschied noch zwischen thou und dem höflicheren you. Seit dem 17. Jahrhundert wurde thou oft abschätzig verwendet und verschwand fast ganz aus der Standardsprache; you dient heute für Einzahl und Mehrzahl sowie als Objektform. Nähe oder Distanz werden im Englischen vor allem über Vor- oder Nachnamen, Titel und Funktionen ausgedrückt. In den USA ist die Vornamensanrede in Unternehmen des 21. Jahrhunderts häufig unabhängig von der Hierarchie; im Militär markieren sir und ma’am dagegen die Hierarchie.

Im Französischen ist vous, die 2. Person Plural, gegenüber Nichtfreunden und Nichtbekannten in aller Regel die Höflichkeitsform. Tu wird vor allem in Familien, unter Angehörigen der Unterschicht, in der Arbeitswelt und zunehmend unter Jüngeren verwendet, setzt aber beiderseitiges Einverständnis voraus. Ein unbekannter 30-Jähriger, der eine 50-Jährige mit tu statt vous anspricht, gilt laut Artikel in Frankreich als rüpelhaft.

Im Niederländischen verschwand das ursprüngliche Du. Jij und je, ursprünglich Formen der 2. Person Plural, erfüllen die Funktion von „du“; u ist eine neuere Höflichkeitsform aus uwer („Euer“). In den Niederlanden ist das als „Duzen“ bezeichnete jij/je seit den 1970er Jahren weit verbreitet, auch asymmetrisch unter Erwachsenen. Gott wird im Gebet mit großgeschriebenem U angeredet. In Finnisch, Schwedisch, Dänisch, Norwegisch und Isländisch setzte sich seit Ende der 1960er beziehungsweise ab den 1970er Jahren im Rahmen der Du-Reform das Du durch; beim dänischen Königshaus gilt dies nicht.

Im Arabischen gibt es grammatisch meist nur die 2. Person Singular: anta für Männer und anti für Frauen. Höflichkeit entsteht durch Titel wie sayyid („Herr“), sayyida („Frau“), ustāḏ („Professor“) oder ḥāǧǧ („Pilger“) sowie Vornamen; für besonders hohen Rang können ḥaḍāra oder siyāda mit Personalsuffix verwendet werden. Im Hochchinesischen stehen 你 (nǐ, „du“) und 您 (nín, „Sie“) zur Verfügung; 您 wird vor allem für ältere oder höhergestellte Einzelpersonen gebraucht, während Namen und Titel Pronomina oft ersetzen. Zum Japanischen weist der Artikel auf fehlende Informationen hin; er beschreibt, dass Nomen bei erneutem Bezug meist wiederholt und möglichst verkürzt werden, statt ein eigentliches Personalpronomen zu verwenden.

In Hebräisch, Altgriechisch, Latein und Gotisch erfolgte die Anrede einzelner Personen gewöhnlich direkt in der 2. Person Singular des Verbs, die mehrerer Personen in der 2. Person Plural. Pronomina waren nur bei Betonung nötig. Die Anrede spätrömischer Kaiser mit der Ihr-Form wurde zur Vorlage für das Ihrzen von Adel und Klerus im Mittelalter sowie des Bürgertums in der Neuzeit.

Lernvideos zu Pronominale Anredeform

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