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Höflichkeitsform
Anrede in der 2. Person Plural (Ihr) · „Habt Ihr den Wechsel erhalten, gnädiger Herr?“ (Anrede an einen gehobenen Bürgerlichen oder niederen Adel: 2. Person …
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Begriff und Funktion
Höflichkeitsform bezeichnet im weiteren Sinn eine besondere Kommunikationsform, mit der Sprechende oder Schreibende gegenüber den Adressaten – manchmal auch gegenüber einer erwähnten dritten Person – Ehrung und Respekt ausdrücken. Im engeren Sinn wird damit häufig nur das Siezen gemeint; ein Honorificum ist dann ein spezielles ehrendes Attribut.
Höflichkeit zeigt sich nicht nur in Pronomen, sondern auch in Kleidung, Tischmanieren, Gestik, Wortwahl, Grußformeln, Anreden, Titeln und anderen Namenszusätzen. Welche Formen als höflich gelten, hängt von Sprache, Dialekt, Region, sozialer Schicht, Alter, Verwandtschaft und Situation ab und verändert sich mit der Zeit. Das heute übliche Siezen unter Erwachsenen hat seine ursprüngliche ehrerbietende Bedeutung teilweise verloren: Es ist seit etwa 200 bis 300 Jahren vor allem die gesellschaftlich erwartete Anrede gegenüber fremden oder unvertrauten Erwachsenen. Es kann allerdings auch bewusst Distanz oder persönliche Abkehr ausdrücken. Das Du kann dagegen neben Vertrautheit und Verwandtschaft auch Achtung ausdrücken, etwa im religiös-kirchlichen Zusammenhang.
Anredepronomen im Deutschen
In der deutschen Standardsprache wird die formelle Anrede heute mit dem großgeschriebenen „Sie“ gebildet. Grammatisch handelt es sich um die 3. Person Plural; auch das Verb steht im Plural. Die Anrede mit „Sie“ heißt Siezen, die mit „Du“ Duzen. Unter unbekannten und nicht verwandten Erwachsenen wird das Sie traditionell gegenseitig verwendet. Ein Wechsel zum Du erfolgt normalerweise im gegenseitigen Einverständnis und wird meist von der älteren oder ranghöheren Person angeboten.
Die Schreibweise der Anredepronomen hat sich verändert. Bis zur Rechtschreibreform 1996 konnten in Briefen auch „Du“ und abgeleitete Formen verbindlich großgeschrieben werden. Nach 1996 sollte „du“ zunächst ausschließlich kleingeschrieben werden. Seit der vierten Revision der Rechtschreibreform 2006 dürfen „Du“ und seine abgeleiteten Pronomen in Briefen wieder großgeschrieben werden. Die Regeln sind nicht vollständig symmetrisch: In „Haben Sie sich verletzt?“ bleibt „sich“ klein, während in Briefen „Hast Du Dich verletzt?“ zulässig ist.
Die frühere Ihr-Anrede, das sogenannte Ihrzen, gilt heute meist als veraltet oder dialektal. Sie ist besonders in Schweizer und anderen oberdeutschen Dialekten erhalten, etwa mit „dir“, „üüch“, „ös“ oder „enk“. Auch im Niederdeutschen und Friesischen kommen neben dem Ihrzen Formen des Duzens vor. Historisch war „Ihr“ bis ins 18. Jahrhundert im gesamten deutschen Sprachraum üblich. Formen wie „Habt Ihr den Wechsel erhalten, gnädiger Herr?“ verbanden das Pronomen teilweise mit zusätzlichen Ehrentiteln. In Ausdrücken wie „Eure Eminenz“ steht das Possessivpronomen zwar in der 2. Person Plural, die Verben folgen heute jedoch normalerweise der Sie-Form der 3. Person Plural.
Die Anrede mit „Er“ beziehungsweise bei Frauen „Sie“ in der 3. Person Singular wird als Erzen bezeichnet. Sie war im 17. Jahrhundert eine besonders hohe und im Briefverkehr verbreitete Höflichkeitsform, wurde aber im frühen 18. Jahrhundert vom pluralischen „Sie“ verdrängt. Heute kommt sie vor allem dialektal oder humoristisch vor und kann auch Geringschätzung oder einen höflich verpackten Vorwurf ausdrücken. Selten wird „man“ als Anrede verwendet, etwa in der Frage: „Hat man denn nichts gesehen?“
Das Autoren-Wir bezieht die sprechende oder schreibende Person rhetorisch in die angesprochene Gruppe ein: „Nehmen wir mal an, …“ Es wirkt oft weniger schroff als eine direkte Aufforderung mit „Sie“ oder „Ihr“. Umgangssprachlich kann das Wir auch scherzhaft, als Übergang zwischen Siezen und Duzen oder in der Babysprache gegenüber Kleinkindern auftreten. Eine nicht-pronominale Form ist beispielsweise „Möchte der Herr die Speisekarte sehen?“; sie ähnelt einer Variante der Er-/Sie-Anrede.
Duzen, Siezen und besondere Anreden
Seit etwa den 1970er Jahren wurde das spontane Duzen unter jüngeren Erwachsenen außerhalb geschäftlicher und amtlicher Situationen häufiger. Vor etwa 1970 duzten sich junge Menschen, die einander nicht kannten, in städtischen Gebieten meist nur bis ungefähr zum Alter von 16, höchstens 18 Jahren; Studienanfänger im Alter von 19 bis 20 Jahren siezten sich zunächst gewöhnlich. Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts hat sich das Duzen auch in vielen Betrieben zwischen Mitarbeitenden und teilweise zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitenden verbreitet. Nach § 87 Abs. 1 Nr. 1 BetrVG besitzen Betriebsräte bei der betrieblichen Regelung von Du oder Sie ein Mitbestimmungsrecht; gewöhnlich besteht keine Pflicht zum Duzen.
Im Internet wird meist geduzt, auch zwischen völlig unbekannten Personen. Gegenüber Fremden auf der Straße, in Geschäften, Behörden und bei förmlichen Anlässen bleibt „Herr“ oder „Frau“ mit Nachnamen die gewohnheitsmäßige und dominierende Anrede. Einseitiges Duzen kommt unter anderem in Ausbildungsbetrieben zwischen Vorgesetzten und Lernenden vor. Kinder werden im deutschen Sprachraum grundsätzlich nicht gesiezt; sie duzen Familienangehörige und zunächst auch fremde Personen. Erwachsene bringen Kindern traditionell bei, fremde Erwachsene zu siezen. Gegenüber Großeltern, Schwiegereltern und anderen geehrten Verwandten gab es früher teilweise das Ihrzen, heute ist dies selten.
Das „Hamburger Sie“ oder „Hanseatische Sie“ verbindet den Vornamen mit „Sie“, etwa: „Lena, kommen Sie an die Tafel.“ Es gilt als Mittelweg zwischen Duzen und Siezen und kann respektvoll wirken. Umgekehrt verbindet das sogenannte „Kassiererinnen-Du“ „Du“ mit „Frau/Herr“ und Nachnamen: „Frau Meier, kannst Du mal zur Kasse kommen?“ In manchen Regionen, besonders in Süddeutschland, Österreich und Luxemburg, kommt außerdem das Du mit bloßer Nachnamensnennung vor. Gegenüber Fremden gilt dies als unhöflich. In Österreich kann im amtlichen Umfeld der Titel wichtiger sein als die Kombination von Pronomen und Namen, etwa „Du, Herr Sektionschef“.
Die Anrede „Fräulein“ für unverheiratete Frauen wurde ab den 1970er Jahren selten, ist amtlich aufgehoben und praktisch kaum noch üblich. Als Ersatz wird zunehmend der Vorname mit „Sie“ verwendet. „Fräulein“ wurde früher außerdem unabhängig von Alter und Familienstand für weibliches Servicepersonal verwendet. Für männliches Bedienungspersonal war beziehungsweise ist „(Herr) Ober!“ gebräuchlich, allerdings stark abnehmend. Einheitliche Ersatzanreden für Servicepersonal haben sich nicht herausgebildet; ein vorhandenes Namensschild kann Hinweise geben, ist aber meist betrieblich vorgegeben und entspricht nicht zwingend dem persönlichen Wunsch.
Titel, öffentliche Anrede und Schriftverkehr
Im Deutschen werden „Herr“, „Frau“, akademische Grade, Berufstitel und Amtsbezeichnungen als Namenszusätze verwendet. Viele ältere Formen wie „Gnädiger Herr“, „Gnädige Frau“, „Herr Lehrer“ oder „Frau Meisterin“ sind seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stark zurückgegangen und um etwa 1980 weitgehend verschwunden. Bei öffentlichen Anreden bleiben Funktionsbezeichnungen jedoch üblich, etwa „Frau Landrätin“, „Herr Regierungsrat“ oder „Herr Pfarrer“.
„Dr.“, „Prof.“ und „Prof. Dr.“ stehen im Adressfeld und in Namenslisten vor dem Namen. In der direkten Anrede wird normalerweise nur der höchste akademische Grad oder Titel genannt, etwa „Herr Professor“. Im persönlichen Umgang werden akademische Titel heute meist weggelassen; im Ärzte-Patienten-Verhältnis werden sie häufiger beachtet. 2016 gab es rund 30.000 neue Promotionen pro Jahr im deutschsprachigen Raum. Deshalb verzichten viele Promovierte inzwischen auf den Doktorgrad, ohne dass dies seit den späten 1970er Jahren meist als unhöflich gilt. Bei feierlichen Anlässen können besondere Bezeichnungen wie „Magnifizenz“ für Hochschulrektoren oder „Spektabilität“ beziehungsweise „Spectabilis“ für Dekane vorkommen. Ein Ehrendoktor (h. c.) wird im direkten Gespräch gewöhnlich nicht genannt, bei Feierlichkeiten aber häufiger.
Ausländische Botschafter werden in offizieller Runde häufig mit „Exzellenz“ angeredet, eigene Botschafter mit „Herr“ oder „Frau Botschafter(in)“. Für Adelige gelten besondere Konventionen; meist wird der höchste Titel ohne „Herr“ oder „Frau“ verwendet, etwa „Prinzessin“, „Graf“, „Freiherr“ oder „Freifrau“. Trotz altertümlicher Zusätze wie „Eure“ und „Euer“ wird grammatisch normalerweise die Sie-Form gebraucht. Für regierende Häuser gelten besondere Formen wie „Durchlaucht“ für den Fürsten von Liechtenstein, „Königliche Hoheit“ für den Großherzog von Luxemburg und „Eure Majestät“ für den schwedischen König und die Königin. Als briefliche Schlussformel wird in diesen Fällen „Hochachtungsvoll“ nahegelegt.
Im Geschäfts- und Behördenverkehr ist „Sehr geehrte Frau Lehmann“ beziehungsweise „Sehr geehrter Herr …“ weiterhin Standard. „Sehr verehrte …“ gilt dagegen oft als übertrieben oder veraltet, bleibt bei Ehrungen und Festveranstaltungen möglich. Seit etwa Beginn des 21. Jahrhunderts sind „Guten Tag“, „Liebe(r) …“ und in E-Mails auch „Hallo Herr/Frau …“ verbreitet; bei Jüngeren kommt teilweise „Hi“ vor. Schlussformeln entfallen innerhalb von Behörden und im elektronischen Verkehr zunehmend. In privaten SMS und Chats fehlen Anrede und Gruß meist; im dienstlichen Verkehr bleiben Kurzanrede und Kurzgruß üblich. Schlussformeln werden beispielsweise zu „VG“ oder „hdl“ verkürzt.
Höflichkeit durch Satzform und Sprachvergleich
Bitten, Wünsche und Fragen werden im modernen Standarddeutschen häufig durch den Konjunktiv mit Modal- oder Hilfsverben abgeschwächt. „Könnten Sie mir bitte sagen, wie spät es ist?“ entspricht inhaltlich der Frage „Wie viel Uhr ist es?“, und „Würden Sie bitte das Fenster schließen?“ ist eine höflichere Form von „Schließen Sie bitte das Fenster.“ Auch „Ich hätte gern ein Weißbrot“ ist eine indirekte Bitte. Stimmführung und Sprechgeschwindigkeit beeinflussen zusätzlich, ob eine Äußerung bittend oder befehlend wirkt. Regional gelten unterschiedliche Maßstäbe: „Noch ein Bier, bitte!“ ist in Deutschland verbreitet, in der Schweiz aber nahe an der Grenze des Zumutbaren; dort ist „Chönt i no nes Bierli ha?“ üblich. Die Aussage „Ich kriege/bekomme zehn Brötchen“ kann in der Schweiz als unhöflich empfunden werden.
Höflichkeitssysteme anderer Sprachen unterscheiden sich stark. Eine Übersicht nennt 136 Sprachen ohne unterschiedliche Höflichkeitspronomen, 49 mit zwei, 15 mit mehreren und 7, in denen Pronomen vermieden werden. Beispiele sind:
- Französisch verwendet „vous“ als Höflichkeitsform und bleibt bei Bekanntschaften häufig länger formell als das Deutsche. „Vous“ kann mit dem Vornamen verbunden werden.
- Italienisch nutzt gegenüber Einzelpersonen vor allem „Lei“, regional auch „Voi“; Spanisch verwendet „usted/ustedes“, Portugiesisch unter anderem „você“ sowie „o senhor/a senhora“.
- Englisch verwendet „you“ seit etwa dem 17. Jahrhundert allgemein für Einzahl und Mehrzahl; regionale Mehrzahlformen wie „y’all“ sind sekundäre Neubildungen. Titel wie „doctor“, „Sir“ und „Ma’am“ können zusätzlich wichtig sein.
- Niederländisch verwendet „jij“ als normale Anrede und „U“ als formelle Form. Eine Verbindung von „U“ mit dem Vornamen wirkt dort befremdlich.
- Viele slawische Sprachen benutzen die 2. Person Plural; Polnisch und Kaschubisch verwenden auch „Pan“, „Pani“ oder „Państwo“. Schwedisch kennt neben weitgehendem Duzen eine indirekte Anrede ohne Pronomen.
- Ungarisch unterscheidet „te“ für Nähe, „maga“ für Distanz und „Ön“ für Förmlichkeit und Respekt. Türkische Sprachen achten besonders gegenüber Älteren, Lehrern und Hochschullehrern auf Höflichkeitsformen.
- Arabisch verbindet die 2. Person Singular häufig mit „Herr“ oder „Frau“ und dem Vornamen; im Neuhebräischen wird stets die 2. Person Singular verwendet. Hindi unterscheidet „tū“, „tum“ und „āp“ nach Höflichkeitsstufe. Chinesisch verwendet unter anderem „您“ statt „你“ und kann Namen oder Titel anstelle des Pronomens einsetzen. Japanisch und Koreanisch besitzen komplexe Systeme aus Pronomen, Präfixen, Suffixen und Verbformen.
In vielen austronesischen, australischen sowie einigen afrikanischen und amerikanischen Sprachen gibt es Vermeidungssprachen. Diese besonderen Sprachformen werden ausschließlich gegenüber bestimmten Verwandten verwendet; gegenüber anderen Personen wären sie nicht nur unhöflich, sondern tabuisiert.