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Prinzipal-Agent-Theorie
Handeln unter Informationsasymmetrie ... Vortrag beim Colloquium der Forschungsgruppe Ethik und Wirtschaft im Dialog (EWD) 2005 „Glaubwürdigkeit und Gerechtigkeit …
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Kernidee
Die Prinzipal-Agent-Theorie, auch Principal-Agenten-Theorie, Agenturtheorie oder Prinzipal-Agenten-Modell genannt, untersucht Beziehungen zwischen mindestens zwei Vertragsparteien: einem Prinzipal und einem Agenten. Sie gehört zur Neuen Institutionenökonomik und betrachtet vor allem Fälle, in denen asymmetrische Informationen vorliegen. Das bedeutet: Eine Seite weiß mehr als die andere, zum Beispiel über Fähigkeiten, Risiken, Absichten oder tatsächliches Verhalten.
Der Prinzipal ist der Auftraggeber, etwa ein Unternehmen, eine Privatperson oder der Staat. Der Agent ist der Auftragnehmer, der im Interesse des Prinzipals bestimmte Aufgaben übernehmen soll. Eine Prinzipal-Agent-Beziehung entsteht, wenn zwischen beiden ein Vertrag geschlossen wird und der Agent einen Wissensvorsprung besitzt, der für den Prinzipal unerwünscht ist. Auch der Prinzipal kann gegenüber dem Agenten einen Wissensvorsprung haben. Wichtig ist außerdem, dass beide unterschiedliche Ziele verfolgen können, zum Beispiel ein Unternehmensziel, ein persönliches Ziel oder ein Staatsziel.
Die Theorie fragt, wie solche Beziehungen funktionieren, wenn Unsicherheit, verschiedene Risikoneigungen und mögliche Interessenkonflikte bestehen. Sie ist nicht nur in der Wirtschaftswissenschaft wichtig, sondern auch in Soziologie und Politikwissenschaft etabliert.
Grundannahmen
Die Theorie geht von Wirtschaftssubjekten aus, deren Entscheidungen eingeschränkt sind, weil sie nur unvollständige Informationen haben. Das betrifft besonders die Beurteilung der Fähigkeiten und des Handelns anderer Personen.
Eine zentrale Annahme ist Opportunismus. Damit ist gemeint, dass Beteiligte Informationsvorteile zu ihrem eigenen Nutzen einsetzen können. In einer weiten Definition liegt eine Prinzipal-Agent-Beziehung schon dann vor, wenn das Wohlergehen einer Partei, des Prinzipals, von den Handlungen einer anderen Partei, des Agenten, abhängt. In einer engeren Definition beauftragt ein Prinzipal einen Agenten im gegenseitigen Einvernehmen gegen Entlohnung mit einer Aufgabe.
Die Theorie berücksichtigt außerdem Risikoneigungen. Prinzipal und Agent können jeweils risikoneutral, risikoavers oder risikofreudig sein. Risikoneutral bedeutet, dass jemand Risiken weder besonders meidet noch sucht. Risikoaversion bedeutet, dass jemand Risiken eher vermeiden will. Risikofreude bedeutet, dass jemand Risiken eher eingeht. Welche Haltung vorliegt, hängt von Eigenschaften und Situation der Beteiligten ab.
Der Prinzipal erwartet, dass der Agent seine Aufgabe in seinem Sinne erfüllt. Er kann aber das Engagement und die Qualitäten des Agenten nur eingeschränkt beurteilen und sieht oft nur das Ergebnis. Der Agent kennt dagegen seine eigene Qualität besser und entscheidet selbst über sein Verhalten. Wenn es seinen eigenen Zwecken dient, kann er diese Informationsasymmetrie zulasten des Prinzipals ausnutzen. Im Artikel werden dafür besonders moralisches Risiko und Drückebergerei genannt.
Typische Probleme
Probleme in der Beziehung zwischen Prinzipal und Agent verursachen Agenturkosten. Diese bestehen aus Kosten für Signaling, Screening und dem verbleibenden Wohlfahrtsverlust zwischen der bestmöglichen und der tatsächlich bestehenden Lösung. Agenturkosten dürfen den bestehenden Wohlfahrtsverlust nicht übersteigen, sonst wäre das Handeln der Parteien ineffizient.
Die wichtigsten Problemtypen sind adverse Selektion, moralisches Risiko und Hold-up. Adverse Selektion entsteht, wenn vor Vertragsabschluss wichtige Eigenschaften verborgen bleiben. Moralisches Risiko entsteht, wenn der Agent nach Vertragsabschluss anders handeln kann, als es dem Prinzipal nützt, und der Prinzipal dies nicht sicher erkennen kann. Hold-up bezeichnet ein Problem, das aus verborgenen Absichten entstehen kann.
Bei verborgenen Eigenschaften, englisch hidden characteristics, kennt der Prinzipal vor Vertragsabschluss die Eigenschaften des Agenten nicht ausreichend. Dadurch kann er den falschen Agenten auswählen. Ein Mittel dagegen ist Signaling: Der Agent sendet eindeutige Signale, die schlechtere Mitbewerber nicht glaubwürdig imitieren können. Solche Signale können etwa Zertifikate sein. Sie sollen Vertrauenswürdigkeit, Leistungsfähigkeit, Zugehörigkeit zu einem Marktsegment, zu einer Subkultur mit gemeinsamen Werten oder zu einer bestimmten Statusgruppe zeigen. Der Prinzipal kann außerdem Screening betreiben, zum Beispiel durch Auswahlverfahren in einem Assessment-Center. Auch Selbstselektion ist möglich: Der Prinzipal bietet mehrere Verträge an, und aus der Wahl des Agenten kann er Rückschlüsse ziehen.
Bei verborgenem Handeln, hidden action, kann der Prinzipal die Handlungen des Agenten nicht vollständig beobachten. Bei verborgener Information, hidden information, kann er die Handlungen zwar beobachten, aber ihre Qualität nicht einschätzen, etwa wegen fehlender Fachkenntnis. Beide Fälle treten nach Vertragsabschluss während der Vertragserfüllung auf und führen zu moralischem Risiko. Der Prinzipal kann dann nicht sicher beurteilen, ob ein Ergebnis durch qualifizierte Anstrengung des Agenten oder durch äußere Umstände entstanden ist.
Bei verborgener Absicht, hidden intention, kann der Prinzipal das Handeln des Agenten zwar beobachten, kennt aber vorab dessen Absichten nicht. Daraus kann ein Hold-up-Problem entstehen. Der Artikel unterscheidet außerdem: Bei Austauschgütern sind nur verborgene Eigenschaften ein Problem, bei Kontraktgütern können auch verborgene Information und verborgenes Handeln gefährlich sein.
Beispiele aus der Wirtschaft
In der Wirtschaft gibt es viele Prinzipal-Agent-Beziehungen. Aktionäre können Prinzipale sein, der Vorstand ist dann Agent. Das Problem besteht darin, ob die Geschäftsführung im Sinne der Aktionäre oder der Aktiengesellschaft handelt. Arbeitgeber sind Prinzipale gegenüber Arbeitnehmern als Agenten; hier geht es um eine faire Gegenleistung für den Arbeitslohn. Käufer und Verkäufer stehen ebenfalls in einer solchen Beziehung, wenn es um eine faire Gegenleistung für den Kaufpreis geht.
Weitere Beispiele sind Kreditgeber und Kreditnehmer, Vermieter und Mieter sowie Versicherungsunternehmen und Versicherungsnehmer. Bei Kreditgebern besteht das Problem in der Offenlegung von Kreditrisiken. Kreditinstitute können mit einem Wissensvorsprung ihrer Kreditnehmer konfrontiert sein, wenn diese negative Informationen zurückhalten, die für Kreditwürdigkeit und Rating wichtig wären. Kreditnehmer könnten solche Informationen verschweigen, um eine Ablehnung des Kreditantrags oder eine Kreditkündigung zu verhindern.
Im Versicherungswesen können Versicherungsunternehmen die Gefahren, denen ein Versicherungsnehmer ausgesetzt ist, nicht immer vollständig einschätzen. Versicherungsnehmer könnten bestimmte Gefahren verschweigen, um niedrigere Versicherungsprämien zu erreichen.
Ein weiteres Beispiel ist das Arbeitsverhältnis. Der Arbeitnehmer weiß besser als der Arbeitgeber, mit welchem Arbeitseinsatz er tatsächlich arbeitet. Der Arbeitgeber kann darauf reagieren, indem er die Arbeit überwacht, erfolgsabhängig entlohnt oder bei Vertragsverletzung mit dem Verlust der Arbeit droht. Solche Maßnahmen sollen den Interessenkonflikt entschärfen und die Ziele der Vertragspartner stärker angleichen.
Lösungen und Optimierung
Da die Prinzipal-Agent-Theorie von asymmetrischen Informationen ausgeht, ist die beste Lösung, die bei symmetrischen Informationen theoretisch denkbar wäre, nicht erreichbar. Symmetrische Informationen würden bedeuten, dass beide Seiten gleich gut informiert sind. Wenn Informationsmängel bestehen und nicht korrigiert werden, kann nur eine drittbeste Lösung erreicht werden. Ziel ist deshalb, trotz Informationsmängeln wenigstens eine zweitbeste Lösung zu erzielen. Dafür müssen Agenturkosten aufgewendet werden.
Zur Abschwächung oder Lösung des Prinzipal-Agenten-Problems nennt der Artikel mehrere Mechanismen: bürokratische Kontrolle durch Hierarchie, Informationssysteme wie Controlling, Zeiterfassung und Meilensteine, Anreize wie Incentives und Prämien, Unternehmenskultur, Reputation und Vertrauen.
Besonders wirksam sind Systeme, die dem Agenten einen Anreiz zu korrektem Verhalten geben. Erfolgsabhängige Entlohnung kann die Ziele des Agenten an die Ziele des Prinzipals angleichen. Der Artikel unterscheidet mehrere Anreizsysteme: Beim Alles-oder-nichts-Prinzip wird der Agent nur für ein spezielles Ergebnis entlohnt. Bei Pacht gibt der Agent einen Fixbetrag an den Prinzipal ab und darf gegebenenfalls einen Überschuss behalten. Beim Fixlohn wird der Agent unabhängig vom Ergebnis bezahlt, wodurch kein besonderer Anreiz entsteht. Beim Share Cropping wird der Gewinn proportional zwischen Prinzipal und Agent geteilt. Jedes dieser Systeme hat Stärken und Schwächen bei Risiko-Verteilung, Anreizintensität und Steuerungswirkung.
Auch Unternehmenskultur kann Agenturkosten verringern, wenn gemeinsame Präferenzen, Werte, Ziele und Kompetenzen die Koordination erleichtern. Der Artikel weist aber darauf hin, dass homogene Kultur auch problematische Abhängigkeiten fördern kann: Längere Beziehungen können transaktionsspezifische Investitionen hervorrufen, die Schwächere ausnutzbar machen. Reputation wirkt wie spezifisches Kapital, das verteidigt werden muss. Je mehr Möglichkeiten zum Opportunismus bestehen, desto wichtiger kann gute Reputation sein, weil sie opportunistisches Verhalten weniger attraktiv macht und Informations- sowie Verhandlungskosten ex ante senkt.
Bedeutung
Die Prinzipal-Agent-Theorie zählt heute neben der Transaktionskostentheorie, der Theorie der Verfügungsrechte und der Ressourcentheorie zu den führenden Erklärungsansätzen, die in der Wirtschaftswissenschaft diskutiert und angewendet werden.
Ihre Bedeutung liegt darin, dass sie erklärt, warum Verträge und Organisationen oft nicht nur technische oder rechtliche Regeln brauchen, sondern auch Informationsbeschaffung, Kontrolle, Anreize, Vertrauen und Reputation. Sie hilft zu verstehen, weshalb Probleme entstehen können, wenn eine Person oder Organisation Aufgaben an eine andere überträgt und dabei nicht vollständig beobachten oder beurteilen kann, was die andere Seite weiß, will oder tut.