Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Prädikativum
Ein Prädikativum (oder Prädikativ) ist in der Grammatik ein Satzteil, der eine Eigenschaft angibt und diese auf das Subjekt oder das Objekt des Satzes …
Inhalt6 Abschnitte
Grundidee und Definition
Ein Prädikativum oder Prädikativ ist ein Satzteil, der eine Eigenschaft ausdrückt und diese Eigenschaft auf das Subjekt oder auf das Objekt des Satzes bezieht. Wichtig ist dabei die doppelte Bestimmung: Grammatisch hängt das Prädikativum von einem Verb ab, inhaltlich schreibt es aber nicht dem Verb, sondern dem Subjekt oder Objekt eine Eigenschaft zu.
Beispiele zeigen den Unterschied: In „Die Karotten sind roh“ bezieht sich „roh“ auf das Subjekt „Karotten“. In „Ich esse die Karotten roh“ bezieht sich „roh“ auf das Objekt „Karotten“. In beiden Fällen nennt „roh“ eine Eigenschaft der Karotten, aber die grammatische Konstruktion ist verschieden.
In einem weiten Sinn unterscheidet der Artikel drei Typen: obligatorische Prädikativa, freie Prädikativa und resultative Prädikativa. Diese weite Verwendung folgt zum Beispiel der Dudengrammatik und einem großen Teil der linguistischen Lehrbuchliteratur. Es gibt aber auch engere Traditionen: Manche ältere Grammatiken nennen nur obligatorische Prädikativa so und bezeichnen freie Prädikativa als „prädikative Attribute“. In Lateingrammatiken kann dagegen gerade der freie Typ als „Prädikativum“ gelten, während Konstruktionen mit Kopulaverben als Prädikatsnomen bezeichnet werden. Ob Resultativa ebenfalls Prädikativa heißen sollen, ist zusätzlich umstritten.
Abgrenzung zu Attribut und Adverbial
Ein Attribut ist ein Ausdruck, der grammatisch direkt zu einem Substantiv gehört und von diesem abhängt. Es kann ebenfalls eine Eigenschaft nennen, ist aber Teil der Substantivgruppe. Ein Prädikativum ist dagegen ein eigener Satzteil, der vom Verb abhängt und nur in seiner Bedeutung auf Subjekt oder Objekt bezogen ist.
Ein Adverbial ist ebenfalls ein Satzglied, das von einem Verb abhängt. Es verändert aber die Verb- oder Satzbedeutung, etwa die Art und Weise, den Grund oder andere Umstände eines Ereignisses. Ein Prädikativum beschreibt dagegen eine Eigenschaft eines beteiligten Gegenstands oder einer Person.
Die Unterscheidung ist besonders wichtig bei freien Prädikativa. In „Max hat die Hemden vorhin sauber aus dem Schrank geholt“ bedeutet „sauber“, dass die Hemden beim Herausholen sauber waren; es ist ein Prädikativ. In „Max hat die sauberen Hemden vorhin aus dem Schrank geholt“ ist „sauberen“ Teil der Substantivgruppe „die sauberen Hemden“ und damit ein Attribut. Schwieriger ist die Grenze zum Adverbial, zum Beispiel bei Sätzen wie „Mona Lisa lächelt still“, weil „still“ als Eigenschaft oder als Art und Weise verstanden werden kann.
Obligatorische Prädikativa
Obligatorische oder primäre Prädikativa sind Ausdrücke, die bestimmte Verben brauchen, damit ein vollständiges Prädikat entsteht. Sie kommen besonders bei Kopulaverben vor, also Verben wie „sein“, „werden“, „bleiben“, „heißen“, „gelten als“ und „sich erweisen als“. Typisch sind Adjektive, Partizipien und Nominalphrasen im Nominativ oder Akkusativ; vor allem mit „sein“ können auch Adverbien, Präpositionalphrasen, Nebensätze und Infinitivgruppen auftreten.
Bei Subjektbezug charakterisiert das Prädikativum das Subjekt: „Sie ist Lehrerin“, „Du bleibst gesund“, „Es ist niemand mehr hinter mir“, „Dieser Fall ist anders“. In Lateingrammatiken heißt das Verb in solchen Fällen Kopula, das Prädikativ Prädikatsnomen. Einige Wörter kommen fast nur prädikativ vor, zum Beispiel „egal“ in „Der Rest ist egal“, aber nicht attributiv als „ein egaler Rest“.
Bei Objektbezug bestimmt das Prädikativum das Akkusativobjekt näher und bildet zusammen mit Verben wie „nennen“, „finden“, „halten für“, „bezeichnen als“ oder „ansehen als“ das Prädikat. Beispiele sind „Er nannte den Bundeskanzler einen Esel“ und „Er sah den Fall als erledigt an“. Verbindungselemente wie „für“ oder „als“ werden dabei eigentlich als Teil des Prädikativs betrachtet.
Im Deutschen werden Adjektive und Partizipien als Prädikativa nicht dekliniert, anders als bei attributiver Verwendung. In lateinischen, romanischen und slawischen Sprachen besteht dagegen auch in prädikativen Konstruktionen KNG-Kongruenz, also Übereinstimmung in Kasus, Numerus und Genus.
Kasus bei substantivischen Prädikativa
Wenn Nominalphrasen als primäre Prädikativa auftreten, steht bei Subjektbezug der Nominativ und bei Objektbezug der Akkusativ. Diese Formen unterscheiden sich von gewöhnlichen Objekten des Verbs: Ihr Kasus wird nicht direkt vom Verb regiert, sondern richtet sich nach der Bezugsphrase. Man spricht deshalb von Gleichsetzungsnominativ oder prädikativem Nominativ beziehungsweise prädikativem Akkusativ.
Das zeigt sich, wenn sich der Kasus der Bezugsphrase in einer anderen Konstruktion ändert. Bei „Der Torwart nannte den Schiedsrichter einen Trottel“ stehen Bezugsphrase und Prädikativ im Akkusativ. In der Passivform heißt es aber: „Der Schiedsrichter wurde ein Trottel genannt“, nicht „einen Trottel“. Ebenso steht in „Ihr Urlaub wird ein Erfolg“ der Nominativ; in „Lassen Sie Ihren Urlaub einen Erfolg werden“ wechseln Bezugsphrase und Prädikativ in den Akkusativ, obwohl das Verb „werden“ dasselbe bleibt.
Freie Prädikativa
Freie oder fakultative Prädikativa sind zusätzliche Satzglieder, die einem Subjekt oder Objekt eine Eigenschaft zusprechen, ohne für ein vollständiges Prädikat nötig zu sein. Sie heißen auch Depiktive oder Nebenprädikate. Zusammen mit Resultativa werden sie manchmal als sekundäre Prädikate oder sekundäre Prädikativa bezeichnet.
Ein freies Prädikativ beschreibt einen Zustand, der während der Verbalhandlung gilt. In „Ich esse die Karotten roh“ bedeutet „roh“, dass die Karotten beim Essen roh sind. Im Deutschen kommen vor allem Adjektive, Adjektivgruppen, Partizipien, Partizipgruppen und Präpositionalphrasen als freie Prädikativa vor. Adverbien können zwar zusätzlich eine prädikative Bedeutung haben, werden aber nicht als freie Prädikativa eingestuft, sondern als Adverbiale.
Weil prädikative Adjektive und Partizipien im Deutschen undekliniert bleiben, ist der Bezug nicht immer eindeutig. Der Satz „Hans verließ Maria wütend“ kann drei Lesarten haben: Hans war wütend, als er Maria zurückließ; Maria war wütend, als Hans sie verließ; oder Hans verließ Maria aus Wut, dann wäre „wütend“ eher ein kausales Adverbial. Die Betonung kann helfen, solche Lesarten zu unterscheiden.
In anderen Sprachen sind manche Grenzen klarer. Im Englischen unterscheidet die Endung „-ly“ oft Adverbien von Adjektiven: „John left Mary sad“ enthält ein Prädikativ, „John left Mary sadly“ ein Adverbial. Im Spanischen kongruiert das Nebenprädikat mit seinem Bezugswort in Numerus und Genus, etwa „María hablaba excitada de sus impresiones“. Das Adverb „excitadamente“ beschreibt dagegen die Art des Sprechens. Im Lateinischen kongruiert das Prädikativum ebenfalls mit dem Bezugswort; dadurch ist der Bezug oft erkennbar, die Abgrenzung zum Attribut aber nicht anhand der Wortform.
Resultative Prädikativa
Resultative Prädikativa sind eine weitere Konstruktion mit Adjektiven und bilden einen Grenzfall. Während ein Depiktiv einen Zustand beschreibt, der gleichzeitig zur Handlung besteht, nennt ein Resultativ einen Zustand, der durch die Handlung entsteht. In „Er geht traurig nach Hause“ ist „traurig“ ein Depiktiv mit Subjektbezug. In „Sie trinkt den Kaffee schwarz“ ist „schwarz“ ein Depiktiv mit Objektbezug. In „Der Bulldozer walzt das Gras platt“ beschreibt „platt“ dagegen den Resultatszustand des Grases.
Resultative Adjektive passen teilweise zur Definition des Prädikativums, weil sie eine Eigenschaft des Objekts ausdrücken. Diese Eigenschaft entsteht aber erst am Ende des Ereignisses. Außerdem sind Resultative im Unterschied zu freien Prädikativa keine eigenständigen Satzglieder, sondern Teile eines zusammengesetzten Prädikats.
Das zeigt sich auch in der Betonung und Schreibung. Resultative ziehen die Prädikatsbetonung auf sich und können im Deutschen mit dem Verb zusammengeschrieben werden, etwa in „Er hat sich SCHWARZgeärgert“. Depiktive haben eine eigene Betonung neben der Verbbetonung, wie in „Er hat den Kaffee SCHWARZ geTRUNKen“, und werden nicht mit dem Verb zusammengeschrieben.