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Positiv (kirchliche Richtung)
Positiv (kirchliche Richtung). Sammelbegriff für Liberalismus im deutschen landeskirchlichen Protestantismus. Artikel · Diskussion. Sprache; PDF herunterladen …
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Begriff und Bedeutung
„Positiv“, „die Positiven“ und „kirchlich-positive Richtung“ bezeichneten in der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts Sammelbezeichnungen für Kräfte im deutschen landeskirchlichen Protestantismus, die sich gegen den theologischen Liberalismus stellten. Die Positiven wollten die überlieferten Glaubensaussagen und die kirchlichen Grundlagen des Protestantismus bewahren. Sie waren überwiegend konservativ, bildeten aber keine einheitliche Gruppe. Neben klar positiven Positionen gab es zahlreiche Übergangs- und Vermittlungspositionen zum theologischen Liberalismus.
Theologischer und kirchenpolitischer Hintergrund
Der zentrale Hintergrund war die historisch-kritische Methode der Bibelexegese. Sie untersuchte die biblischen Texte kritisch und stellte damit Fragen an ihre traditionelle Auslegung. Bereits in der Aufklärung löste Hermann Samuel Reimarus den Fragmentenstreit aus. Im 19. Jahrhundert versuchte David Friedrich Strauß in seinem Werk Das Leben Jesu zunächst erfolglos, die Tatsächlichkeit biblischer Wundererzählungen infrage zu stellen. Dazu gehörten besonders die Jungfrauengeburt, die Höllenfahrt, die Auferstehung und die Himmelfahrt Jesu Christi.
Durch diese Kritik wurden zugleich das Schriftprinzip und die altkirchlichen Bekenntnisse als Grundlagen der kirchlichen Einheit und der Organisation des Protestantismus infrage gestellt. Einige Theologen gaben deshalb teilweise offen Teile der überlieferten Glaubensaussagen auf. Dies wurde besonders im Apostolikumsstreit öffentlich wahrgenommen; das Spektrum reichte bis zu neuen Formen des Deismus und Pantheismus.
Für die Positiven war bereits die Reflexion über den Objektgehalt biblisch-dogmatischer Aussagen ein zerstörerisches Zugeständnis an den Unglauben. Die theologischen Auseinandersetzungen überschnitten sich mit kirchenpolitischen Fragen: Es ging um die gesellschaftliche Stellung und Organisation der evangelischen Kirchen im Kaiserreich, um das landesherrliche Kirchenregiment und um die soziale Frage. In der römisch-katholischen Kirche entsprach der positiv-kirchlichen Richtung der Antimodernismus.
Presse und kirchliche Organisationen
Ein wichtiges publizistisches Forum der Positiven war die Kreuzzeitung. Weitere einflussreiche Zeitungen und Zeitschriften waren die Evangelische Kirchenzeitung und die Neue evangelische Kirchenzeitung.
Zu den wichtigsten Organisationen gehörte die Positive Union. Sie entstand 1876 in der Evangelischen Landeskirche in Preußen und war dort weitgehend vorherrschend. Die Union gab eine gleichnamige Monatsschrift heraus, die von 1904 bis 1935 erschien.
Weitere Zusammenschlüsse waren die Kirchlich-Positive Vereinigung in Baden, die 1850 für die Evangelische Landeskirche in Baden gegründet wurde, die Kirchlich-Positive Vereinigung im Großherzogtum Hessen beziehungsweise Kirchlich-Positive Vereinigung für Hessen für die Evangelische Landeskirche in Hessen sowie die Positive Vereinigung der Pfalz für die Evangelische Kirche der Pfalz, gegründet 1909.
Wandel im Verhältnis zur Wissenschaft
August Wilhelm Hunzinger beschrieb 1914 eine neue Entwicklung innerhalb der positiv-kirchlichen Theologie. Seiner Darstellung zufolge wandten sich einflussreiche und besonders fruchtbare Richtungen und Vertreter zunehmend entschlossener und freier der universal-wissenschaftlichen Entwicklung zu. Zugleich gaben sie die religiösen Werte und Realitäten der Altgläubigkeit nicht auf.
Hunzinger sah darin eine neue Verbindung von „modern-wissenschaftlich“ und „positiv-kirchlich“. Er stellte jedoch offen die Frage, ob diese Verbindung dauerhaft und zukunftsfähig sei oder nur ein innerlich haltbares beziehungsweise haltloses Übergangsstadium zum Radikalismus darstelle. Diese Frage gehörte für ihn zu den entscheidenden Gegenwarts- und Zukunftsfragen der evangelischen Kirche.
Darstellung in der Literatur
Ina Seidel porträtierte in ihrem Pastorenroman Lennacker von 1938 im Kapitel Die elfte Nacht und von zwölfen der elfte Mann die Figur Johann Friedrich Lennacker (1836–1911). Lennacker erscheint als herausragender theologischer und gesellschaftlicher Vertreter der Positiven. Sein Konflikt mit seinem Sohn, der zum religiösen Sozialismus tendiert, gehört zu den Ursachen dafür, dass die familiäre Reihe von Pastoren abreißt.