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Liberale Theologie
Wesentliche Forschungsgebiete der liberalen Theologie sind Exegese (Literarkritik, historisch-kritische Exegese) und Kirchengeschichte, insbesondere die …
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Gegenstand und Einordnung
Liberale Theologie, auch theologischer Liberalismus, bezeichnet eine seit Mitte des 19. Jahrhunderts von protestantischen Theologen entwickelte wissenschaftlich-theologische und religionsphilosophische Richtung des mitteleuropäischen Christentums. Sie war keine einheitliche Lehre, sondern eine inhomogene Sammlung unterschiedlicher Positionen. Ihren Höhepunkt erreichte sie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts; innerhalb der evangelischen Theologie wurde sie besonders durch Albrecht Ritschl zu einer eigenen theologischen Schule entwickelt.
Im Katholizismus wird eine ähnlich inhomogene Sammlung von Autoren aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts als Reformkatholizismus bezeichnet. Katholische Institutionen widersetzten sich liberalen Tendenzen bis in die 1950er Jahre deutlich. In abgeschwächter Form deutete später auch eine katholische Strömung die Ergebnisse des II. Vatikanums liberal-theologisch; im Papsttum fand diese Richtung jedoch keinen Rückhalt, wie unter anderem das Credo des Gottesvolkes von 1968 zeigt. Im Protestantismus sind Anhänger der liberalen Theologie vor allem in westeuropäischen Landeskirchen und in Mainline Churches zu finden.
Grundgedanken und Arbeitsweise
Nach Albrecht Ritschl ist liberale Theologie zunächst der Versuch, die menschliche Geisteskraft angesichts einer bedrängenden Natur zu bewahren. Allgemeiner untersucht sie mit humanistischen und geisteswissenschaftlichen Theorien und Methoden moderne Probleme der Theologie. Eine zentrale Frage ist das Verhältnis der Theologie zu den Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften. Ernst Troeltsch bestimmte dieses Verhältnis insbesondere im Zusammenhang mit der Säkularisierung neu, also mit dem Prozess, in dem religiöse Deutungen und Ordnungen an gesellschaftlicher Bedeutung verlieren.
Liberale Theologen betonen die innere Dimension des Christentums. Dadurch soll der Glaube weniger von Dogmen, kirchlichen Traditionen und formal festgelegten Glaubensinhalten abhängig sein. Viele von ihnen begrüßen die Säkularisierung religiöser Inhalte und die Auflösung der Kirche in die Kultur der Welt hinein als mit Jesus vereinbar. Wilhelm Gräb definiert liberale Theologie als eine Glaubensform, in der jeder Mensch die Freiheit hat, auszudrücken, wie er glaubt, und selbst zu bestimmen, welche Folgen dieser Glaube für die eigene Lebenspraxis hat.
Die Bezeichnung geht auf Johann Salomo Semlers Institutio ad doctrinam Christianam liberaliter discendam zurück und wurde bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts gebräuchlich. Liberaltheologische Geschichtsschreiber berufen sich außerdem auf Friedrich Schleiermacher und Johann Gottlieb Fichte als Vordenker. Zu den prägenden theologischen Bezugspunkten gehören unter anderem Albrecht Ritschl, Adolf von Harnack, Ernst Troeltsch, Albert Schweitzer und in späterer Zeit Paul Tillich, Hans Küng und Wilhelm Gräb.
Bibelwissenschaft und das Bild Jesu
Wesentliche Forschungsgebiete sind die Exegese, also die wissenschaftliche Auslegung biblischer Texte, insbesondere Literarkritik und historisch-kritische Exegese, sowie die Kirchengeschichte. Ein Schwerpunkt ist die historische Erforschung des Lebens Jesu.
Liberale Theologen betrachten Jesus dabei weniger im Sinn der traditionellen kirchlichen Christologie als den Gottmenschen Christus und Weltenrichter, der durch seinen Kreuzestod die Sünden der Welt gesühnt hat. Eher erscheint er als „Lehrer des Reiches Gottes, der Moral und Religiosität“. Im 19. Jahrhundert versuchten verschiedene liberale Theologen, mithilfe philologisch-textkritischer und historischer Methoden den wirklichen „historischen Jesus“ aus den Evangelien zu rekonstruieren. Diese Versuche führten jedoch zu sehr uneinheitlichen Ergebnissen. Albert Schweitzer stellte dies in seiner berühmt gewordenen Habilitationsschrift über die Leben-Jesu-Forschung fest.
Eine gemeinsame Grundlage heutiger liberaler Theologie bleibt die Auffassung, dass Jesus selbstverständlich keine Kirche gegründet habe.
Kritik und Gegenpositionen
Eine zusammenfassende Kritik an der liberalen Theologie ist schwierig, weil sie selbst stark differenziert und inhomogen ist. Für eine synthetische Kritik müsste zunächst eine gemeinsame Synthese ihrer Positionen vorliegen; nach dem Artikel existiert eine solche Synthese in der Literatur nicht. Zugleich weist der Artikel darauf hin, dass seine Angaben teilweise nicht ausreichend mit Einzelnachweisen belegt sind.
Kritiker wenden sich besonders gegen die starke Berufung liberaler Theologen auf die Aufklärung, etwa auf Immanuel Kants Satz: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Ihrer Ansicht nach formulieren die Evangelien ein anderes Verständnis von Schuld und Erlösung. Im liberalen Verständnis werde Glaube teilweise nur noch als Mittel der Selbstvervollkommnung gedeutet. Theistische Religionskonzepte beruhen dagegen nach dieser Kritik darauf, dass Gott Gehorsam verlangen darf.
Der Begriff des Gehorsams ist allerdings auch innerhalb traditioneller christlicher Konfessionen umstritten. Im traditionellen Luthertum gelten gute Werke als Früchte des rechten Glaubens, die sich bei echtem Glauben ohne bewusst zielgerichteten Gehorsam von selbst einstellen. Bewusst-reflektierter Gehorsam im Sinn einer zielgerichteten Gesetzeserfüllung wird eher mit calvinistischen und freikirchlichen Gruppen verbunden, die vom Pietismus des 17. und 18. Jahrhunderts beeinflusst sind. Auch die Mehrheit der liberalen Theologen bestreitet nicht, dass guter Glaube solche „Früchte“ hervorbringt.
Der bedeutendste protestantische Kritiker des theologischen Liberalismus im 20. Jahrhundert war Karl Barth. Im 19. Jahrhundert traten außerdem John Henry Newman und Wilhelm Löhe als Gegner auf. Sie vertraten die Auffassung, es gebe kein Christentum ohne sichtbar sakramentale Kirche und keine Kirche ohne verbindliche Bekenntnisgrundlage; ein Verzicht darauf sei lediglich Schwärmerei. Dieser Vorwurf ist jedoch polemisch, weil er voraussetzt, die Mehrheit der liberalen Theologen wolle auf das christliche Credo, insbesondere das Nicäno-Konstantinopolitanum, sowie auf Taufe und Abendmahl ganz oder teilweise verzichten. Nach dem Artikel trifft das auf die meisten liberalen Theologen des 19. und 20. Jahrhunderts keineswegs zu.