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Passion Jesu
Unter dem Begriff der Passion Jesu (von griechisch πάσχειν páschein, deutsch ‚leiden', ‚durchstehen', ‚erleben' sowie von lateinisch pati ‚erdulden', …
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Grundbedeutung und biblischer Kern
Die Passion Jesu bezeichnet im Christentum den Leidensweg Jesu Christi: sein Leiden und Sterben, besonders die Kreuzigung durch die Römer in Jerusalem. Die Berichte darüber in den Evangelien heißen Passionsgeschichte oder Passionserzählung. Sie gipfeln im gewaltsamen Tod Jesu am Kreuz auf Golgatha und enden in den biblischen Berichten mit der Abnahme des Leichnams vom Kreuz und der Grablegung.
Viele Bibelausleger sehen die Passion nicht erst mit der Verhaftung beginnen, sondern schon mit Jesu Menschwerdung: Geburt im Stall, Flucht nach Ägypten und die Konflikte des erwachsenen Jesus mit den Schriftgelehrten zeigen nach dieser Deutung ein Leiden an der Welt und mit der Welt. Alle vier Evangelien geben der Passion großen Raum; besonders das Markusevangelium wurde im 19. Jahrhundert als „Passionsgeschichte mit ausführlicher Einleitung“ bezeichnet.
Der engere Kern der Passion beginnt in den Evangelien mit der Zuspitzung des Konflikts. Jesus wird der Gotteslästerung beschuldigt; nach Mk 14,63–64 wird er einstimmig für schuldig erklärt und soll sterben. Von vielen Anhängern verlassen, wird er den Hohepriestern Hannas und Kajaphas und dann den römischen Behörden übergeben. Das Todesurteil fällt der römische Prokurator Pontius Pilatus, der Jesus dem Volk mit den Worten „Ecce homo“ vorstellt, also „Sehet, welch ein Mensch!“ oder „Seht, (nur) ein Mensch!“.
Für die Jünger ist Jesu Leiden und Sterben ein Problem: Wenn Jesus der Messias, der Christus oder Sohn Gottes ist, stellt sich die Frage, warum er so ohnmächtig und schändlich sterben muss. Nach Mk 14,50 verlassen ihn alle und fliehen. Die Zusammenstellung der Passionsberichte aus allen vier Evangelien zu einem einheitlichen Erzählstrang heißt Passionsharmonie, auch „Historie vom Leiden und Sterben Jesu Christi“ oder lateinisch Summa Passionis.
Zeitliche Einordnung und außerbiblische Überlieferungen
Historiker setzen die Kreuzigung Jesu allgemein in den Zeitraum zwischen 30 und 36 n. Chr. Astronomische Kalenderberechnungen zum Pessachfest, unter anderem von Isaac Newton und Colin Humphreys, schließen nach dem Artikel die Jahre 31, 32, 35 und 36 aus. Als plausible Daten bleiben der 7. April 30 und der 3. April 33. Humphreys schlägt weiter vor, das letzte Abendmahl habe am Mittwoch, dem 1. April 33, stattgefunden.
Alle Evangelien stimmen darin überein, dass Jesus vor seinem Tod an einem Freitag um die Zeit des Pessachfestes ein letztes Abendmahl mit seinen Jüngern hielt und dass sein Leib am folgenden Sabbat im Grab lag. Ein Unterschied besteht zwischen den drei synoptischen Evangelien und dem Johannesevangelium: Matthäus, Markus und Lukas stellen das letzte Abendmahl als Pessachmahl dar, während Johannes es nicht ausdrücklich so nennt und den Beginn des Pessachfestes nach Jesu Tod ansetzt. Nach Johannes wäre der Karfreitag bis Sonnenuntergang der Vorbereitungstag für Pessach, also der 14. Nisan, nicht das Fest selbst, der 15. Nisan.
Zur Erklärung dieses Unterschieds gibt es verschiedene Ansätze. Annie Jaubert nahm in den 1950er Jahren zwei Pessachtermine an: einen nach dem offiziellen jüdischen Mondkalender und einen nach einem Sonnenkalender, wie ihn etwa die Essener der Qumrangemeinde verwendet haben sollen. Humphreys hielt Jauberts konkrete These für nicht stimmig, griff aber die Möglichkeit verschiedener Kalender auf. Er unterscheidet einen jüdisch-ägyptischen Mondkalender von einem jüdisch-babylonischen Mondkalender. Nach seiner Berechnung könnte Jesus am Mittwochabend, dem 1. April 33, das letzte Abendmahl gefeiert haben, während der offizielle Pessachtermin später lag.
Außerhalb der kanonischen Evangelien behandeln auch apokryphe Evangelien und pseudepigraphe Schriften die Passion. Das Petrusevangelium berichtet etwa, dass Juden, Älteste und Priester ihre Schuld am Tod Jesu erkannt und die Kreuzigung bereut hätten. Das Nikodemusevangelium nennt den im Markusevangelium namenlosen Centurio Longinus; er soll Jesus nach dessen Tod mit der Heiligen Lanze in die Seite gestochen haben. Solche Überlieferungen prägten besonders die spätere Passionsdarstellung in der christlichen Kunst.
Passion in Kirche und Frömmigkeit
In den Kirchen wird während der Passionszeit besonders an das Leiden Christi erinnert. Dazu gehören Fasten und Beten, Bibellesungen, Lectio divina, Meditation, Kontemplation sowie Riten und Bräuche. Ziel ist die Vergegenwärtigung des Passionsgeschehens: Das Leiden Jesu soll nicht nur als vergangenes Ereignis, sondern als geistlich gegenwärtig verstanden werden. Gemeinsam ist den Kirchen, dass die Passionszeit mit dem Karsamstag endet und in das Osterfest mündet. Der Name „Passion“ ist seit dem 9. Jahrhundert in der westlichen Kirche als Bezeichnung der vorösterlichen Fastenzeit üblich.
In der römisch-katholischen Kirche gehört die Fastenzeit zum österlichen Festkreis. Die Passion wird am Palmsonntag und am Karfreitag von drei Vorlesern im Wechsel vorgetragen. Am Palmsonntag stammt die Lesung je nach Lesejahr aus einem synoptischen Evangelium: Matthäus im Lesejahr A, Markus im Lesejahr B, Lukas im Lesejahr C. Am Karfreitag wird immer die Passion nach Johannes gelesen. Ein wichtiger katholischer Brauch ist die Kreuzwegandacht, die in der Fastenzeit und auch sonst im Kirchenjahr, besonders freitags, gebetet werden kann.
In der evangelischen Theologie hat die Passion Jesu eine besondere Bedeutung. Martin Luther formulierte eine Theologia crucis, eine „Theologie des Kreuzes“, in der das Kreuz Christi im Mittelpunkt steht. Er knüpfte dabei an Paulus an, besonders an Aussagen wie 1 Kor 1,18.23: Das „Wort vom Kreuz“ erscheint den einen als Torheit, den Glaubenden aber als Gotteskraft. Im Luthertum wurde das Kreuz stark zur Mitte der Verkündigung; zugleich betont der Artikel mit Horst Georg Pöhlmann, dass Kreuz und Auferstehung untrennbar zusammengehören.
Evangelische Liturgie und Spiritualität verschoben den Akzent von verpflichtendem Fasten hin zur Betrachtung der Passion Jesu. Die vierzig Tage vor Ostern heißen im evangelischen Bereich Passionszeit und beginnen am Aschermittwoch. In vielen Gemeinden finden Passionsgottesdienste oder Wochenandachten statt, in denen die Passionstexte fortlaufend gelesen und meditiert werden. Die Aktion „7 Wochen Ohne“ greift seit dem Ende des 20. Jahrhunderts die ältere Fastenpraxis als freiwilligen Verzicht auf. Die liturgische Farbe ist violett; Halleluja und „Ehre sei Gott in der Höhe“ entfallen.
Darstellungen in Kunst, Musik und Film
Die Passion Jesu wurde in der bildenden Kunst, Musik und im Film vielfach dargestellt. In der bildenden Kunst gibt es einzelne Szenen und ganze Passionszyklen, die die Ereignisse chronologisch zeigen. Typische Stationen sind der Einzug in Jerusalem, die Fußwaschung, das letzte Abendmahl, Jesus am Ölberg in Getsemani, der Judaskuss, die Gefangennahme, Jesus vor Kajaphas und Pontius Pilatus, Ecce homo, Verspottung, Geißelung, Dornenkrönung, Kreuztragung, Kreuzigung, die sieben letzten Worte, Kreuzabnahme, Beweinung, Pietà, Totenruhe und Grablegung. Streng genommen endet die Passion mit der Totenruhe Jesu; in Kunstzyklen werden aber oft österliche Szenen wie Auferstehung, Höllenfahrt Christi, Noli me tangere und die Frauen am Grab ergänzt.
Ein wichtiges Beispiel eines Passionszyklus ist Albrecht Dürers Große Passion. Sie wurde 1511 gedruckt und erzählt die Passionsgeschichte Christi mit lateinischem Text und zwölf Holzschnitten.
In der Musik bildet die Passion eine eigene kirchenmusikalische Gattung. Bedeutend sind die drei Passionen von Heinrich Schütz nach Matthäus, Lukas und Johannes sowie Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion und Johannes-Passion. Bach verbindet biblische Texte, barocke Dichtung und Liedtexte zu einer ausführlichen musikalischen Darstellung der Leidensgeschichte Jesu. Daneben gibt es Passionskantaten wie Dieterich Buxtehudes Membra Jesu nostri, einen Zyklus von sieben Passions-Kantaten. Zum engeren Themenkreis gehört auch das Stabat mater, ein lateinisches Passionsgedicht über die Situation unter dem Kreuz, das unter anderem Giovanni Battista Pergolesi vertonte. Die sieben letzten Worte Jesu am Kreuz wurden ebenfalls oft vertont; besonders bekannt ist Joseph Haydns Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze.
Auch moderne Musik greift die Passion auf, etwa die Musicals Jesus Christ Superstar und Godspell von Stephen Schwartz sowie Peter Gabriels Album Passion, das als Soundtrack zu Martin Scorseses Film The Last Temptation of Christ entstand. Im Film war Jesus von Nazareth über 150 Mal Protagonist; viele Filme legen den Schwerpunkt auf die Passion. Bereits 1895 drehten die Brüder Lumiere einen Film über das Leben Jesu in 13 Szenen. Weitere Beispiele sind Ben Hur, Das erste Evangelium – Matthäus, Die letzte Versuchung Christi und Die Passion Christi von Mel Gibson.
Weitere Formen des Gedenkens
Neben Liturgie, Kunst und Musik entstanden weitere Formen des Passionsgedenkens. Passionswerkzeuge, lateinisch Arma Christi, sind Gegenstände, die mit Leiden und Sterben Jesu verbunden werden. Seit dem späten Mittelalter wurden sie in der christlichen Ikonographie dargestellt und ab dem ausgehenden 14. Jahrhundert auch in Andachtsliteratur und Frömmigkeit wichtig. Dazu zählen das Kreuz mit dem Titulus crucis, meist INRI, die Dornenkrone, die Geißelsäule, der mit Essig oder Galle getränkte Schwamm an einem Rohr und das Schweißtuch der Veronika. Eng damit verbunden sind Passionsreliquien und Christusreliquien.
Zwischen den Konfessionen wurden solche Formen unterschiedlich bewertet. Die Reformatoren betonten sola scriptura, also die Konzentration auf das biblisch Überlieferte. Deshalb lehnten sie Reliquienverehrung sowie legendarische und außerbiblische Überlieferungen als unbiblisch ab. Im Protestantismus wurden daher auch Figuren und Nebenszenen wie Dismas und Gestas, Longinus, Stephaton oder Veronika skeptisch betrachtet. In der katholischen Frömmigkeit lebten diese Überlieferungen dagegen weiter.
Weitere Formen sind Passionskirchen, also Kirchen mit einem besonderen Bezug zur Passion Christi, und Kreuzigungskirchen als wichtige Untergruppe. Passionsspiele sind geistliche Dramen über Leiden und Sterben Jesu von Nazaret; sie waren im Mittelalter und in der frühen Neuzeit in Europa verbreitet. Genannt werden die Waaler Passionsspiele, die Oberammergauer Passionsspiele und die Erler Passionsspiele. Zur Passionsspiritualität gehören außerdem Passionsgedichte und Passionslieder. Wichtige Beispiele sind Van den wapen Kristi, Paul Gerhardts O Haupt voll Blut und Wunden sowie Lieder wie Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen, O Lamm Gottes, unschuldig und O Mensch, bewein dein Sünde groß. Weitere Formen sind Kreuzprozessionen und Schriften, die die Passionsüberlieferung ergänzen, etwa die „Geheimen Leiden“ Christi.