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Hermann Gunkel

Johann Friedrich Hermann Gunkel (* 23. Mai 1862 in Springe, Königreich Hannover; † 11. März 1932 in Halle) war ein deutscher evangelischer Alttestamentler.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Ansatz
  2. 2. Studium und akademischer Weg
  3. 3. Schöpfung, Mythos und Überlieferung
  4. 4. Genesis und Psalmen
  5. 5. Herausgeberschaften und Wirkung

Bedeutung und Ansatz

Hermann Gunkel (Johann Friedrich Hermann Gunkel; * 23. Mai 1862 in Springe, Königreich Hannover; † 11. März 1932 in Halle) war ein deutscher evangelischer Alttestamentler. Er gehört zur Religionsgeschichtlichen Schule und verfasste besonders einflussreiche Kommentare zum Buch Genesis und zum Buch der Psalmen.

Seine wichtigste wissenschaftliche Leistung war die Entwicklung der Form- und Gattungskritik für die Bibelauslegung (Exegese). Sie ergänzt die Literarkritik der Wellhausen-Schule. Literarkritik untersucht vor allem schriftliche Quellen und ihre Zusammensetzung; Gunkel fragte zusätzlich nach den mündlichen Überlieferungen, den literarischen Gattungen und ihrem „Sitz im Leben“, also der typischen Lebenssituation, in der ein Text gebraucht wurde. Er untersuchte die Bibel außerdem im Zusammenhang mit Religionen und Literaturen des Alten Orients.

Für Gunkel war entscheidend, dass ein biblischer Text nicht nur als Werk eines einzelnen Autors verstanden wird. Seine Vorgeschichte und die überlieferten Stoffe helfen zu erklären, wie der Autor diese Traditionen theologisch gestaltet hat.

Studium und akademischer Weg

Gunkel wuchs in einem Pfarrhaus auf und besuchte das Johanneum Lüneburg. Dort lernte er Latein, Altgriechisch und Hebräisch. Ab dem Sommersemester 1881 studierte er Theologie in Göttingen, 1882/83 auch in Gießen und danach wieder in Göttingen. In Gießen lernte er durch Bernhard Stade Julius Wellhausens Prolegomena zur Geschichte Israels kennen. Die Neuere Urkundenhypothese und Wellhausens Rekonstruktion der Geschichte Israels übernahm er als Grundlage seiner Exegese.

Am 27. Juni 1888 bestand er sein Promotionskolloquium magna cum laude. Nach schwierigen Anfängen wechselte er 1888 als Dozent für Altes Testament nach Halle. Dort erschien 1894 sein programmatisches Frühwerk Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit. Von 1895 bis 1907 war er Extraordinarius für Altes Testament in Berlin, von 1907 bis 1920 Ordinarius in Gießen und ab 1920 Ordinarius für alttestamentliche Theologie und Exegese in Halle.

1927 wurde Gunkel wegen Magen- und Darmbeschwerden sowie Arteriosklerose vorzeitig emeritiert, lehrte aber weiter alttestamentliche Literaturgeschichte. Er starb am 11. März 1932. Am Ende seines Lebens war er eine anerkannte Autorität; sechs Lehrstühle in Deutschland und der Schweiz waren mit seinen akademischen Schülern besetzt.

Schöpfung, Mythos und Überlieferung

In Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit widersprach Gunkel Julius Wellhausens Deutung von Gen 1 als vor allem reflektierter, systematisch konstruierter Schrift eines nachexilischen Priesters. Gunkel sah in Gen 1 „nachklingende mythologische Züge“. Daraus folgerte er: „Gen 1 [ist] nicht die Composition eines Schriftstellers, sondern die Niederschrift einer Tradition“; diese Tradition reiche in hohes Altertum zurück.

Er verband biblische Schöpfungsvorstellungen mit einem babylonischen Chaosdrachenkampf-Mythos. Nach seiner Darstellung entwickelte sich daraus ein israelitischer Mythos vom Chaosdrachenkampf JHWHs; Gen 1 stehe am Ende dieser Entwicklung. Neu war vor allem seine Annahme einer mündlichen Vorgeschichte biblischer Texte, statt nur nach direkter literarischer Abhängigkeit zu fragen.

Auch hinter Offb 12,1–17 nahm Gunkel eine jüdisch-apokalyptische Tradition an, die letztlich mit Legenden um Marduk und das Meerungeheuer Tiamat verbunden sei. Wellhausen wies diesen Ansatz 1899 scharf zurück: Für die Auslegung sei wichtig, dass traditioneller Stoff im Text vorhanden sei; seine ursprüngliche Herkunft sei methodisch aber „ganz gleichgiltig“. Gunkel verteidigte seinen Ansatz, wonach gerade die Geschichte eines Stoffes das Verständnis des vorliegenden Textes vertieft.

Genesis und Psalmen

Im Genesis-Kommentar von 1901 formulierte Gunkel: „Die Genesis ist eine Sammlung von Sagen.“ Er ging hinter die rekonstruierten schriftlichen Quellen auf alte mündliche Überlieferungen zurück. Dabei unterschied er Prosa und Poesie: Prosa sei wegen ihrer Schriftlichkeit eher auf Eliten beschränkt, Poesie werde mündlich tradiert, sei im „Volk“ verbreitet und älter.

Zu seinen grundlegenden poetischen Gattungen zählen Sage, Mythos, Märchen und Legende. Mythen definierte er als „Göttergeschichten“, während in Sagen Menschen handeln. Wegen der Tendenz der JHWH-Religion zum Monotheismus sah er im Alten Testament keine „eigentliche[n] unverfälschte[n] Mythen“. Schöpfung, Sintflut und Turmbau zu Babel ordnete er daher als „Ursagen“ ein. In der dritten Auflage des Genesis-Kommentars von 1910 verstand er die Sagen der Genesis stärker als „reine Gebilde der Phantasie“ und damit als märchenhaft.

Der Psalmenkommentar erschien 1924 bis 1926 in sieben Lieferungen. Jeder Psalm wird zunächst übersetzt und dann allgemeinverständlich als Ganzes erklärt. Gunkel bestimmt die Gattung und den Sitz im Leben, erläutert Strophen, Metaphern und Motivparallelen zur altorientalischen und altägyptischen Dichtung und erörtert anschließend Verfasser und Datierung. Danach behandelt er philologische Probleme. Seine zahlreichen Konjekturen, also vermuteten Textverbesserungen, und Textumstellungen sollten Psalmen in eine seiner Gattung entsprechende Form bringen; diese Methode wurde schon damals kritisiert und gilt heute als methodisch schwer mangelhaft. Ein Beispiel ist Psalm 4, den Gunkel durch Textänderungen zum Muster eines Vertrauensliedes formte.

Herausgeberschaften und Wirkung

Gunkel machte bibelwissenschaftliche Fragen auch einem breiteren Publikum zugänglich. Für die ab 1904 erscheinende „Bibel für die Gegenwart erklärt“ kommentierte er den 1. Petrusbrief (1907) und Genesis (1911). Die Reihe ordnete biblische Texte nicht nur in ihrer herkömmlichen Reihenfolge, sondern literaturgeschichtlich an.

Seit 1903 gab er mit Wilhelm Bousset die Reihe Forschungen zur Religion und Literatur des Alten und Neuen Testaments (FRLANT) heraus. In seinem ersten programmatischen Beitrag erklärte er das Christentum als synkretistische Religion, also als Religion, in der verschiedene religiöse Motive zusammenkommen: „Starke religiöse Motive, die aus der Fremde gekommen waren, sind in ihm enthalten und zur Verklärung gediehen, orientalische und hellenistische.“ Nach Boussets Tod 1920 wurde Rudolf Bultmann Mitherausgeber.

Für die erste Auflage von Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG¹, 1908–1914) war Gunkel als Redakteur für Altes Testament besonders prägend. Er schrieb 342 Artikel selbst, vergab weitere Beiträge an Forschende seines Ansatzes und redigierte sprachlich für bessere Allgemeinverständlichkeit. Dadurch erhielt das Lexikon eine klar religionsgeschichtliche Ausrichtung.

Gunkel vertrat 1907 und 1913 antijüdische Positionen. In den 1920er Jahren veränderte sich sein Verhältnis zum Judentum: Er hielt Vorträge in jüdischen Vereinen und bezog ab 1923 öffentlich Stellung gegen Antisemitismus. Er betonte unter anderem, Jesus von Nazareth sei Jude gewesen und in jüdischer Kultur verwurzelt.

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