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Religionsgeschichtliche Schule
Der Name Religionsgeschichtliche Schule steht für eine Gruppe von deutschen evangelischen Theologen, die sich um 1890 vorwiegend in Göttingen habilitierten.
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Kern und Entstehung
Die Religionsgeschichtliche Schule war eine Gruppe deutscher evangelischer Theologen, die sich um 1890 vorwiegend in Göttingen habilitierten. Sie ist wichtig, weil sie die Erforschung der Bibel und des frühen Christentums stark historisch ausrichtete und damit Begriffe und Methoden prägte, die in der Theologie weiterwirkten.
Zum Kreis gehörten unter anderem Bernhard Duhm, Albert Eichhorn, Hermann Gunkel, Johannes Weiß, Wilhelm Bousset, Alfred Rahlfs, Ernst Troeltsch, William Wrede, Heinrich Hackmann sowie später Rudolf Otto, Hugo Greßmann und Wilhelm Heitmüller. Gedanklich verwandt waren ihnen Carl Mirbt, Carl Clemen, Heinrich Weinel und zumindest in jungen Jahren Paul Wernle.
Forschungsansatz
Anfangs standen die Vertreter der Schule unter dem Einfluss von Albrecht Ritschl. Bald wandten sie sich aber bewusst von seiner historisch-kritischen Bibelexegese ab, die auf dogmatischen Überlegungen beruhte. Bibelexegese bedeutet die Auslegung biblischer Texte; historisch-kritisch heißt, dass Texte nach ihrer Entstehung, Überlieferung und geschichtlichen Umgebung untersucht werden.
Die Religionsgeschichtliche Schule verband theologische Forschung mit philologischen und altertumswissenschaftlichen Ansätzen. Philologie ist die genaue Untersuchung von Sprache und Texten; Altertumswissenschaft befasst sich mit Kulturen und Quellen der Antike. Ihr Grundprinzip war ein radikaler Historismus: Die Bibel und frühchristliche Zeugnisse sollten nicht isoliert, sondern in einem umfassenden geistes- und kulturgeschichtlichen Zusammenhang verstanden werden.
Christentum im Umfeld antiker Religionen
Die Vertreter der Schule versuchten, äußere Einflüsse auf das entstehende Christentum nachzuweisen. Besonders beachteten sie jüdische, babylonische, persische und hellenistische Einflüsse. „Hellenistisch“ bezieht sich auf die griechisch geprägte Kulturwelt nach Alexander dem Großen.
Dieser Ansatz führte zu einer stärkeren Beschäftigung mit fremden Religionen. Ziel war jedoch kein allgemeiner Vergleich der Religionen miteinander. Die Untersuchung anderer Religionen diente vor allem dazu, die Entstehung des Christentums besser zu verstehen und die darin nachweisbaren äußeren Einflüsse zu erklären.
Öffentliche Wirkung
Die Bedeutung der Religionsgeschichtlichen Schule ging über die innerkirchliche und innertheologische Forschung hinaus. Ihre Vertreter wollten die teilweise revolutionären Ergebnisse ihrer Arbeit einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Dahinter stand die Überzeugung, dass populäre Vermittlung theologischer Forschung das religiöse Bewusstsein breiter Bevölkerungsschichten erweitern könne.
Darum entwickelten sie eine rege Vortragstätigkeit und veröffentlichten populärwissenschaftliche Werke. Dazu gehörten Buchreihen wie die „Religionsgeschichtlichen Volksbücher“, die „Lebensfragen“, die „Forschungen zur Religion und Literatur des Alten und Neuen Testaments“ (FRLANT) und das „Göttinger Bibelwerk“. Auch das große Lexikonwerk „Die Religion in Geschichte und Gegenwart“ (RGG) fand nach der Jahrhundertwende regen Absatz.
Niedergang und Nachwirkung
Nach dem Ersten Weltkrieg verlor die Religionsgeschichtliche Schule an Bedeutung. Ein Grund war die Abkehr vom Historismus in der evangelischen Theologie; außerdem waren mehrere führende Vertreter früh verstorben.
Trotzdem blieb ihre Wirkung erhalten. Von ihr entwickelte und in der Theologie etablierte Begriffe wie „Traditionsgeschichte“, „Formgeschichte“, „Sitz im Leben“, „Spätjudentum“ und „Hellenistische Gemeinde“ zeigen ihre anhaltende Bedeutung. In der heutigen „postdialektischen“ Phase der deutschen Theologie gibt es wieder stärkeres Interesse an ihren Forschungsansätzen, weil sich die Theologie vorsichtig erneut Fragestellungen des theologischen Historismus zuwendet.